Kurzgeschichte: „Perfekte Wellen“

Veröffentlicht 11. Oktober 2016 in Kurzgeschichten

Das Alter des Fischers war schwer zu schätzen. Alles zwischen vierzig und sechzig war drin. Klein, drahtig, braungebrannte, lederige Haut, ein Bärtchen aus fusseligen schwarzen Haaren; das alles in Flip-Flops, schmutzigen Shorts und einem ärmellosen Bart-Simpson-T-Shirt. Zwischen den Lippen eine Kippe.

Der kleine Kahn preschte durchs Meer. Gischt sprühte übers Deck. Der Geruch von Diesel und Fischeingeweiden in der Luft. Die Sonne heiß und hoch am blauen Himmel.

Marky lag auf seinem Surfbrett, das an der Heckreling lehnte, und genoss den Anblick von Karens knackigem Arsch. Sie stand am Bug, Rücken durchgedrückt, Oberweite nach vorn gereckt, eine Hand zum Schutz gegen die vom Wasser reflektierende Sonne über der Stirn, wie eine Galionsfigur. Ihr langes, blondes Haar flatterte im Wind.

Er hörte das PLOP! einer Bierflasche, die geöffnet wurde. Drehte den Kopf und sah zu Andres. Der Argentinier nahm einen Schluck von seinem Heineken und seine grünen Augen verließen dabei nicht eine Sekunde Karens Hintern. Der Scheißkerl. Versuchte nicht mal zu verbergen, dass er sie vögeln wollte.

Marky wischte die Eifersucht beiseite. Karen gehörte ihm. Sie liebte ihn. Sollte Andres sie doch angaffen, wie er wollte. Sich nachts einen auf sie runterholen. Aber dabei würde es bleiben.

Der Argentinier schien seinen Blick gespürt zu haben, denn jetzt drehte er die sommersprossige Visage und prostete Marky lächelnd zu.

Marky lächelte zurück und dachte: Wichser.

„Hey. Wie lang noch?“, rief Chicken, der neben Marky auf seinem Surfbrett döste. Aber der Fischer schien ihn nicht zu hören. Chicken drehte den Kopf zu Marky. „Was glaubst du?“

„Keine Ahnung.“

„Ich seh was.“, rief Karen von vorne.

Marky rutschte vom Surfbrett und drückte sich an der Steuerkabine, von die Farbe schon lange abgeblättert war, vorbei zum Bug. Karens weiße Zähne strahlten ihn an. Sie deutete mit dem ausgestreckten rechten Arm auf etwas am Horizont und Marky sah es auch.

Land.

Die Insel.

Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern.

Weil er wusste, das Andres sie beobachtete, legte Marky eine Hand auf Karens Hintern und küsste sie. Mal kurz das Revier für den Penner markieren.

Chicken erschien neben Karen. „Na endlich.“ Er klang erleichtert.

Marky grinste und fragte sich wieder einmal, ob Chicken der einzige Surfer war, der Bootsfahrten hasste. Der Typ ritt gelassen die krassesten Wellen, aber das gemächliche Schippern in einer hölzernen Nuckelpinne bei ruhigem Seegang brachte sein Nervenkostüm zum Flattern. Steckste nicht drin, dachte Marky.

Zwanzig Minuten später drosselte der Fischer das Tempo. Der Dieselmotor hustete wie ein Kettenraucher nach dem Aufstehen.

„Yeah.“, rief Andres beim Anblick der Wellen, die sich am Riff vor der Insel brachen. „Die sehen saugeil aus.“

Er hatte recht. Marky, Karen und Chicken tauschten zufriedene Blicke. Schien, als wäre der Trip hierher nicht umsonst gewesen. Das wusste man bei vermeintlichen Geheimtipps unter Surfern vorher nie so genau. Da hatten sie alle schon herbe Enttäuschungen erlebt.

Aber das hier war anders.

Das üppige Grün des Dschungels. Der weiße Strand. Das kristallklare, blaue Wasser. Alles echt, ohne digitalen Touch-up.

Und das die Wellen erstklassig waren, dass sah man schon von hier.

Sie würden auf ihre Kosten kommen.

Der Fischer wedelte mit seiner schrumpeligen Kippe und schnatterte in seiner Landessprache. Die mussten sie nicht verstehen, um zu wissen, was er wollte. Sie hatten alles vorher mit Hilfe eines Typen aus dem Hostel abgesprochen. Der Fischer wollte, dass sie ihr Zeug zusammenpackten. Hier war die Fahrt zu Ende. Kein Service bis an den Strand. Angeblich wegen des Riffs. Marky wusste es besser. Diese auf keiner Karte verzeichnete Insel war ein Naturschutzgebiet. Von hohen Geldstrafen war im Hostel die Rede gewesen. Sie hatten den Fischer im Voraus bezahlt und der wollte seine frisch verdiente Kohle nicht gleich wieder an die Wachhunde von der Küstenwache verlieren, die hier angeblich hin und wieder patrouillierten. Verständlich.

Außerdem, was gab’s besseres, als auf einer perfekten Welle ins Paradies zu reiten?

Sie schwangen sich ihre wasserdichten Säcke auf den Rücken und griffen nach den Surfbrettern. Andres war als erster im Wasser. Lag bäuchlings auf seinem Brett und paddelte los.

Der Fischer griff nach Markys Arm und sagte etwas in seiner Landessprache.

„Was? Noch mal auf Englisch bitte.“

„Hai.“, sagte der kleine Mann.

Marky kniff die Augen zusammen. „Wo?“

Der Fischer gestikulierte mit den sehnigen Armen. „Überall.“ Er grinste und offenbarte ein lückenhaftes Gebiss aus braunen Zähnen. „Aufpassen.“

Haie an Riffen waren nichts ungewöhnliches. Das machte Marky keine großen Sorgen. Er hatte an vielen Riffen gesurft und noch nie Probleme gehabt. Mehr Angst hatte er vor den Giftschlangen, die den Dschungel auf der Insel angeblich zahlreich bevölkerten, mehr sogar, als auf dem Festland. Aber er hatte sowieso nicht vor den Dschungel zu betreten. Er war zum Surfen hier, sonst nichts.

„Wir passen auf.“, sagte er zum Fischer. „Und du kommst Samstag und holst uns wieder ab. Richtig?“

Der Mann nickte „Samstag. Ja. Samstag.“ Er schnippte seinen Kippenrest ins Wasser und warf dann Andres’ leere Heineken-Flasche hinterher.

„Hey, Arschloch. Das ist Umweltverschmutzung.“, rief Chicken.

Der Fischer nickte und zeigte grinsend seine schlechten Zähne.

Chicken schüttelte den Kopf. „Die machen mich fertig, die Typen.“

Sie hörten Andres johlen. Er hatte eine Welle erwischt und rammte eine Faust in die Luft. Der Argentinier ritt die Ausläufer der Welle bis ins schäumende, flachere Wasser, dann sprang er ab und watete an den Strand.

Karen ging als nächste über Bord. Sie legte sich flach aufs Brett und wartete bis Marky und Chicken das Boot ebenfalls verlassen hatten.

Der Dieselmotor röhrte wieder auf, der Kahn spuckte schwarzen Rauch in die Luft und Marky sah, wie der Bootsführer wendete. Das Wasser am Heck schäumte und der Bug stieg in die Höhe, als das Fischerboot mit, was für Marky aussah wie Vollgas, zurück Richtung Festland preschte. Der hatte es eilig wieder wegzukommen.

Aus den Augenwinkeln nahm Marky wahr, dass Karen und Chicken bereits losgepaddelt waren und er begann selbst seine Arme ins Wasser zu tauchen. Er holte die beiden schnell wieder ein und sie paddelten nebeneinander auf das Riff zu. Dahinter brachen sich die Wellen mit lauten Getöse und hochwirbelnder Gischt.

Als Marky das Riff erreichte, sah er die Korallen unter sich im Wasser; rundherum Schwärme von bunten Fischen. Aber die Schönheit des Riffs war nur halb so interessant wie die Wellen, die seine Existenz hervorrief.

Und hier kamen sie, die Wellen.

Marky sah über die Schulter. Eine blaue Wasserwand baute sich hinter ihm auf. Er paddelte schneller. Dann wurden Brett und Welle eins. Er richtete sich auf. Zu seiner Linken Karen. Zur Rechten Chicken. Sie ritten die Welle bis zu ihrem Ende nebeneinander.

In perfekter Harmonie.

Wie choreographiert.

Sein Mädchen und sein bester Freund.

Als sie an den Strand stapften glaubte Marky Eifersucht in Andres’ Blick zu erkennen und er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Sie schlugen ihr Lager in der Mitte des Strands auf, so dass ihnen bei Nacht, wenn der Wasserspiegel stieg, die Schlafsäcke nicht unterm Hintern weggespült wurden.

Sie surften, bis die Schatten länger wurden. Eine perfekte Welle nach der anderen. Diese Insel war zweifelsohne der beste Surfspot, den Marky je gesehen hatte. Da gab es keine Diskussion.

Marky ging mit Chicken und Andres Feuerholz sammeln. Dort wo der Strand endete und die Vegetation begann. Der Dschungel. Nach ein paar Metern schien er alles Licht zu verschlucken. Ein fauler, modriger Geruch schlug ihnen entgegen. Marky dachte an die Giftschlangen. Sieben verschiedene Arten gab es angeblich hier, hatten sie auf dem Festland erzählt. Er schüttelte sich. Er hasste Schlangen. Hasste sie. Der bloße Gedanke an die Drecksviecher ließ ihm einen Schauer den Rücken hinablaufen. Umso erleichterter war er, als sie endlich genug Holz auf den Armen hatten.

Chicken entzündete das Feuer mit Hilfe eines Ferrocium-Feueranzünders aus dem Online-Shop eines berühmten TV-Survival-Experten. Sie erwärmten sich ein paar Konserven über den Flammen. Lecker war was anderes, aber lecker spielte keine Rolle. Außerdem hatten sie noch das Bier, dass sie extra für die Abende mitgeschleppt hatten.

Die Sonne versank am Horizont. Eine Orgie aus Orange und Rot. Marky konnte sich an Sonnenuntergängen nicht sattsehen. Keiner war wie der andere. Er saß mit Karen am Strand und legte einen Arm und ihre Schultern. Sie kuschelte sich an ihn.

Plötzlich rannte Andres an ihnen vorbei und ließ sich mit Bierflasche in der Hand ins flache Wasser fallen. Er prostete ihnen grinsend zu. Karen prostete mit ihrer Flasche zurück.

Arschloch, dachte Marky. Musste ihnen unbedingt den intimen Moment versauen. Das war das einzig gute dran, wenn sie am Samstag zurück aufs Festland fuhren. Die Trennung von Andres. Sein Flieger zurück nach Buenos Aires ging am Sonntag aus der Hauptstadt. Damit wäre der Penner endlich wieder aus ihrem Leben verschwunden. Er klebte ihnen auf der Pelle, seit sie ihn im Hostel auf dem Festland kennengelernt hatten. Chicken und Karen mochten ihn, aber Marky fiel auf die Nerven, dass der Argentinier ständig um Karen herumscharwenzelte und ihr unverhohlen schöne Augen machte.

„Kommt rein.“, rief Andres und winkte ihnen zu.

Karen sah Marky an. „Willst du?“

„Ne, lass mal.“

Sie küsste ihn auf die Wange, dann stand sie auf. Schüttelte die Shorts von den langen Beinen und zog das Tanktop über den Kopf. Sie trug kein Bikinioberteil und ihre großen festen Brüste hüpften auf und ab, als sie ins Wasser rannte. Andres trank grinsend von seinem Bier. Marky stand auf und ging zurück zum Feuer. Hinter sich hörte er Karen und Andres lachen, als sie sich mit Wasser bespritzten.

Mit Einbruch der Nacht sanken die Temperaturen. Sie zogen Sweatshirts und Hoodies über, legten sich Decken über die Schultern oder rollten sich in ihre Schlafsäcke. Das Feuer knackte und prasselte und warf flackernde Schatten auf ihre Gesichter. Gutes Leben konnte so simpel sein, dachte Marky und ließ sich von der angenehmen Müdigkeit eines an der frischen Luft verbrachten Tages überrollen.

Als er am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel und Andres war bereits draußen. Er surfte einen Tunnel. Eins musste man diesem dürren Arschloch lassen. Er war gut. Verdammt gut. Marky sah auf die schlafende Karen hinab, deren dickes blondes Haar aus der Kapuze ihres Hoodies ragte wie ein Wischmob, dann zog er sein T-Shirt aus, wechselte von den Kargoshorts in Badehosen, packte sein Brett und rannte ins Wasser.

Es war wirklich unglaublich. Die Wellen waren der feuchte Traum jeden Surfers. Keine wie die andere, jede einzigartig, perfekt. Ein Set nach dem anderen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Am Abend lagen sie erschöpft um das Feuer (diesmal hatte Marky sich vor dem Holz holen gedrückt) und rauchten einen Joint, den Andres gebaut hatte. War ein hartes Kraut und der Schlaf überkam Marky von einem Moment zum anderen wie das Fallbeil einer Guillotine.

Als er die Augen wieder öffnete war es stockfinster.

Irgendetwas hatte in geweckt.

Ein Geräusch.

Marky stützte sich auf den Ellenbogen ab. Karen lag nicht am Feuer.

Andres auch nicht.

Marky schälte sich aus dem Schlafsack und richtete sich auf.

Ein paar Meter weiter bewegte sich etwas am Strand.

Marky machte einen Schritt.

Einen zweiten und einen dritten.

Dann sah er es.

Andres’ weißer Arsch, der sich auf und ab bewegte. Karens lange Beine, die Andres’ Hüften umklammerten. Andres’ Mund, der an Karens Titten saugte. Die gespannten Sehnen an Karens Hals, ihr Kopf im Nacken, das unterdrückte Stöhnen, dass über ihre vollen Lippen kam.

Er wusste nicht, wie lange er dagestanden hatte, wahrscheinlich nicht länger als zwei Sekunden, aber in seinem Kopf war es ein zweistündiger, grässlicher Amateurporno.

Der plötzlich stoppte.

Karens Stöhnen verstummte. Sie hatte ihn bemerkt. Hielt inne, ihre Beine noch um Andres’ Hüften geklammert. Ihre großen blauen Augen starrten Marky an, gelähmt wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

Andres vögelte sie noch ein paar Sekunden weiter, bis er spürte, dass sie nicht mehr mitmachte. Als er den Kopf drehte, grub sich Markys Hand bereits in seine roten Locken. Marky riss den Argentinier nach hinten und rammte ihm gleichzeitig die rechte Faust ins Gesicht. Andres landete stöhnend auf dem Rücken.

„Marky—„

Er sah zu Karen. Sie richtete sich auf und versuchte absurderweise ihre nackten Titten und ihre Muschi mit Armen und Händen zu bedecken. Marky starrte sie schnaufend an. Das Blut rauschte wie ein Taifun in seinen Ohren. Sein Herz wummerte in einer Frequenz, dass es sich anfühlte, als würde es jeden Moment aus seiner Brust platzen.

„Komm schon, Alter. Take it easy.“, hörte er Andres sagen.

Marky wirbelte wieder herum. Der Argentinier stand jetzt auf wackeligen Beinen und hielt eine Hand unter seine blutende Nase. Beim Anblick von Andres’ feuchtem Pimmel, der halbsteif zwischen seinen Beinen baumelte, brannten Marky die letzten Sicherungen durch. Die Welt wurde abwechselnd schwarz und rot. Er hörte Schreie.

Schwarz und Rot.

Schreie.

Schwarz und Rot.

Schreie.

„Es reicht, Alter. Es reicht.“

Marky bekam keine Luft mehr, weil Chickens Unterarm ihm die Kehle zuschnürte. Sie lagen auf dem Rücken. Chicken im Sand, Marky auf Chicken. Dessen Atem an seinem Ohr. „Hörst du jetzt auf?“

Marky nickte.

„Sag es.“ Chicken nahm nur soviel Druck von Markys Hals, dass er sprechen konnte.

„Ich hör auf.“

Chickens Unterarm gab Markys Kehle wieder frei.

Marky rollte sich keuchend von seinem Freund und richtete sich auf. Aus den Augenwinkeln bemerkte er Karen zu seiner Rechten, aber er brachte es nicht über sich sie anzusehen. Er wusste nicht, was er tun würde. Das Blut kochte noch immer in seinen Adern wie Pech in einem Kessel.

„Alter, was hast du gemacht?“ Chicken stand kopfschüttelnd neben Andres, der stöhnend im Sand lag. Die Sommersprossen waren unter einer Schicht aus Blut verschwunden und das Gesicht des Argentiniers begann bereits anzuschwellen. Bei jedem Atemzug blähte sich eine blutige Blase an seinem rechten Nasenloch auf.

„Der Wichser hat Karen gefickt.“

„Ja. Und sie hat ihn gefickt. Stimmt’s nicht, Karen?“

Karen, die wieder in ihren Shorts steckte und gerade ihre Kapuzenjacke überzog, wich Chickens eisigem Blick aus.

Chicken ging neben Andres in die Knie. „Kannst du atmen, Arschloch?“

Andres nickte stöhnend. Eine Blutblase platze an seinem Nasenloch.

Chicken richtete sich wieder auf. Er legte Marky einen Arm um die Schultern und führte ihn zurück Richtung Lagerfeuer. Marky spürte Karens Blicke in seinem Rücken.

„Du hättest ihn töten können, Alter.“, sagte Chicken leise.

Das war Marky auch bewusst. Ein Teil von ihm, der vernünftige Teil, war natürlich froh, dass er der Argentinier lebte, ein anderer Teil jedoch, der gefühlsgesteuerte Teil, wünschte sich, er hätte die Drecksau kalt gemacht.

Er jetzt begann er den Schmerz in seinen Händen zu spüren. Sie fühlten sich an, als würde jemand Luft in sie hinein pumpen. Die Haut über den Knöcheln war aufgeplatzt und blutig.

Als sie das Lager erreichten ging Marky auf wackeligen Beinen in die Brandung. Er sackte auf die Knie und schob seine geballten Fäuste unter die Wasseroberfläche. Das Salzwasser brannte in den offenen Wunden. Der Schmerz war grell und gemein. Aber alles was ihn den Anblick von Andres zwischen Karens gespreizten Beinen vergessen ließ, wenn auch nur für Sekunden, war es wert.

Er wusste nicht, wie lange er im Wasser gehockt hatte, aber als er sich wieder an den Strand schleppte, schlief Chicken bereits. Andres lag auf seinem Schlafsack, das Blut in seinem grotesk geschwollenem Gesicht getrocknet. Karen saß mit angezogenen Beinen dicht am knisternden Feuer. Ihr Gesicht tief im Schatten der Kapuze, die sie sich über den Kopf gezogen hatte. Sie bewegte sich nicht, als Marky in den Flammenschein trat. Er sah auf sie hinab. Plötzlich war ihm zum Heulen zumute.

Warum hatte sie das getan?

Warum hatte sie es mit Andres getrieben?

Warum?

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, hob sie den Kopf. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.

Für einen Moment war Marky versucht, sich neben sie zu setzen, einen Arm um ihre Schultern zu legen und sie an sich zu drücken. Für einen Moment glaubte Marky tatsächlich er könnte ihr verzeihen. Sie waren jung und das zwischen Karen und Andres, das war nur Sex gewesen. Was Marky und Karen hatten, das war doch so viel mehr.

Aber dann kehrten die Bilder zurück. Karen, die blauen Augen vor Geilheit glasig, Andres kleiner weißer Arsch, der sich auf und ab bewegte wie ein Tennisball, sein Mund, der gierig an ihren Titten lutschte.

Marky unterdrückte den Wutschrei, der in ihm aufstieg und wandte sich ruckartig ab. Er stapfte den Strand hinab, bis er das Lagerfeuer nur noch schwach in der Ferne schimmern sehen konnte. Er war allein. Allein mit dem Wind und der dem Rauschen der Brandung. Er legte sich rücklings in den Sand und starrte hinauf in den Sternenhimmel. Versuchte Karen aus seinen Gedanken zu verbannen.

Keine Chance.

Bilder flackerten durch seinen Kopf, wie der Trailer für einen Kinofilm.

Marky und Karen: Eine Liebesgeschichte.

Der Surfwettbewerb in Dänemark. Die Siegerehrung. Sie hatten beide in ihrer Kategorie den ersten Platz belegt. Der Moment, in dem der Sponsor ihnen die Medaillen um die Hälse legte, war der Moment, in dem er Karen das erste Mal richtig wahrnahm. Der Blick in ihre blauen Augen. Ihr sonnengebräuntes Gesicht, auf dessen einer Hälfte noch nasser Sand klebte. Ihre vollen Lippen und die perfekten weißen Zähne; ein Lächeln, das ihm den Atem nahm. Abends in der Strandkneipe, Gespräche, Alkohol und dann – Bam! – lagen sie zusammen im Bett seines Hotelzimmers. Kein Schlaf. Viel besser. Um am nächsten Morgen war nichts mehr wie zuvor. Alles war besser. So viel besser. Seitdem hatten sie keinen Tag mehr ohne einander verbracht. Drei Jahre lang. Nicht einen einzigen. Aber jetzt—

Etwas stolperte durch den Dschungel auf Marky zu und er riss die Augen auf.

Morgenrot am Himmel.

Markys Herz raste. Eine kalte Schicht Schweiß ließ ihn frösteln. Angstschweiß.

Er richtete sich auf.

Sah zum Dschungel.

Eine grüne Wand.

Erst jetzt fiel ihm auf, was er eigentlich schon gestern hätte bemerken müssen, und vielleicht hatte er das ja auch, nur unterbewusst. Der Dschungel war still. Totenstill. Keine Vogel- oder Tiergeräusche. Als hätte jemand den Ton abgestellt. Ungewöhnlich. Vor allem für eine Insel, die unter Naturschutz stand und zu der Menschen keinen Zutritt hatten.

Die Erinnerung an den Traum kam zurück. An das, was im Dschungel auf ihn zugekommen war. Nicht besonders schnell, aber zielstrebig. Und Marky wusste, dass dieses etwas, was immer es auch war, ihn hatte fressen wollen.

Ja. Fressen.

Er schüttelte sich. Wahrscheinlich war der Traum eine Reaktion auf die Sache mit Karen und Andres. Wahrscheinlich war die Angst vor diesem unbekannten Etwas im Dschungel seine Angst davor Karen zu verlieren.

Sie hatte mit Andres gefickt.

Gefickt. Gefickt. Gefickt.

Das Wort wie ein hämisches Echo in seinem Kopf.

Er ging zurück zum Lager. Chicken hatte das in der Nacht erloschene Feuer wieder angefacht und kochte Kaffee. Andres schlief noch. Er sah furchtbar aus. Entstellt. Wie ein Monster. Für einen kurzen Moment hatte Marky Angst, der Argentinier könnte tot sein, weil er vollkommen bewegungslos da lag, aber Chicken, der seine Gedanken geahnt haben musste, sagte: „Er lebt. Hab seinen Puls gecheckt. Kaffee?“

Marky nahm die Tasse mit dem dampfenden Instant-Kaffee, die Chicken ihm über ihm das Feuer hinweg reichte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Karen nicht da war. Wieder bemerkte Chicken, was in ihm vorging: „Sie ist draußen.“

Marky drehte sich um und sah zum Riff hinaus, wo Karen gerade eine Welle ritt, ihr langgliedriger, muskulöser Körper perfekt ausbalanciert. Er trank vorsichtig von dem heißen Kaffee. Beobachtete Karen. Niemand surfte wie sie. Das Mädchen steckte sie alle in die Tasche: Marky, Chicken und Andres sowieso. Karen, ihr Board und das Meer bildeten eine Einheit, als wären sie alle Teile desselben Organismus.

Dann sah Marky den Hai.

Seine Finne brach durch die Wasseroberfläche und sein massiger gut drei oder vier Meter langer Körper schimmerte dunkel darunter. Das er es auf Karen abgesehen hatte, daran bestand kein Zweifel. Er pflügte direkt auf sie zu.

Chicken hatte ihn auch bemerkt. „Fuck!“

Marky wedelte mit den Armen und schrie aus voller Kehle. „Hai! Hai! Hai!“

Chicken sprang neben ihm auf und ab und brüllte ebenfalls aus voller Kehle.

Karen bemerkte die beiden und für einen Moment sah es so aus, als verliere sie deswegen die Balance. Tat sie aber nicht. Stattdessen blickte sie über die Schulter. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die Schnauze des Hais sich aus dem Wasser hob und sein weit aufgerissenes Maul mit den messerscharfen Zahnreihen sich ins Heck ihres Boards grub.

Karens Körper spannte sich und sie schoss in einem hohen Bogen durch die Luft. Die Arme ausgestreckt tauchte sie vor ihrem Board ins Wasser und verschwand. Wasser schäumte, wo der Hai noch immer in ihrem Brett verbissen war und es hin und her schleuderte. Dann versank die Finne unter der Wasseroberfläche.

Der Hai war verschwunden.

Genau wie Karen.

„Wo ist sie?“, schrie Marky.

Chicken schüttelte den Kopf. „Ich kann sie nicht sehen!“

Marky rannte ins Wasser. Er wusste nicht, was er tat oder was er tun würde, er wusste nur er konnte Karen da draußen nicht alleine lassen. Er warf sich gegen die Brandung, bis das Wasser tief genug war, um zu schwimmen. Tauchte kopfüber hinein und hielt auf die Stelle zu, an der er Karen zuletzt gesehen hatte. Er schwamm mit kraftvollen Zügen und so schnell er konnte.

Was, wenn der Hai sie erwischt hatte?

Was, wenn der Hai ihn erwischte?

Was, wenn—?

Etwas berührte sein Bein und er schrie seine Angst in die Morgendämmerung.

Dann tauchte Karen neben ihm auf. „Schwimm!“, rief sie außer Atem und wartete nicht auf eine Erwiderung, sondern kraulte Richtung Ufer. Marky hatte keine Zeit erleichtert zu sein, er warf sich herum und folgte ihr. Holte sie ein und schwamm neben ihr. Rechnete jeden Moment damit, die Zähne des Hais zu spüren.

Statt des Hais erfasste eine Welle ihre Körper und trug sie mit Schwung nach vorn. Hob sie an und ließ sie wieder hinab. Boden unter den Füßen. Trotzdem war das Wasser immer noch tief genug für den Hai, um sie zu erwischen. Marky rutschte weg, versank kurz, schluckte eine Ladung Salzwasser. Kam hustend wieder hoch. Da war Chicken, packte seinen Arm und zog ihn zum Strand, wo Karen bereits keuchend auf allen Vieren hockte.

Marky stolperte zu ihr, fiel neben ihr auf die Knie, in seiner Brust hämmerte das Herz wie ein Presslufthammer. „Bist du verletzt?“

„Nein…“

„LeckmichamArschdaswarsobeschissenknapp.“, hörte er Chicken atemlos schnaufen.

Karen ließ sich auf den Hintern fallen. „Wem sagst du das?“ Sie starrte zum Riff, wo nichts mehr darauf hindeutete, was gerade eben passiert war. Ihr Surfbrett war verschwunden. Erst jetzt wurde Marky bewusst, dass Karen die Surfleine nicht am Knöchel befestigt hatte. Nur deswegen war sie so schnell aus der unmittelbaren Nähe des Hais gelangt, während der mit ihrem Brett beschäftigt war.

„Alles okay?“, fragte Marky.

„Ja.“ Sie richtete sie sich auf und ging zum Lager.

Einfach so, ohne ein weiteres Wort.

Die Tatsache, das Marky zu ihr rausgeschwommen war, dass er sein Leben für sie riskiert hatte, ließ sie vollkommen umkommentiert. Stattdessen ging sie neben Andres, der der erwacht war, auf die Knie.

„Wie geht es dir?“, hörte Marky sie mit sanfter Stimme fragen.

Und wusste, dass er sie verloren hatte.

Niemand war an diesem Tag noch in der Stimmung zu surfen, auch wenn allen klar war, dass Karen eine Dummheit begangen hatte, als sie in den frühen Morgenstunden rausgeschwommen war. Jeder Surfer wusste, dass das der Morgen und Abend die bevorzugte Jagdzeit von Haien sind. Aber Wissen und Statistiken sind eine Sache, einen Haiangriff zu erleben und zu überleben eine andere.

Marky konnte nicht ertragen, wie Karen Krankenschwester für Andres spielte und wanderte mit Chicken den Strand entlang. Alles sah gleich aus. Feiner weißer Sand, der in undurchdringlichen Dschungel überging.

Dschungel, der wie tot war.

Marky war sich nicht sicher, ob ihn das ernsthaft beunruhigte, oder ob er sich damit nur von den wirklichen Problemen ablenken wollte: Karen, Andres und den Haien. Trotzdem fragte er Chicken: „Hörst du das?“

„Hast du gefurzt?“

„Nein, du Idiot. Ich mein den Dschungel.“

„Ich hör nichts.“

„Eben. Man hört nichts. Keine Vögel. Gar nichts.“

Chicken hielt kurz inne. Lauschte. Nickte. „Ja.“ Dann zuckte er mit den Schultern. „Na und?“

„Komisch oder?“

„Was weiß ich.“ Chicken beschäftigte etwas anderes. „Was machen wir jetzt bis Samstag?“

„Willst du nicht mehr ins Wasser?“

„Ganz ehrlich? Momentan lässt mich der bloße Gedanke in die Hosen pissen.“

„Aber wenn der Typ uns wieder abholt müssen wir rein. Er kann das Boot nicht übers Riff fahren.“

Chicken zuckte mit den Schultern. „Über die Brücke geh ich, wenn’s soweit ist.“

Der Sonnenuntergang präsentierte sich in einem Gangbang aus Farben, als sie zum Lager zurückkehrten. Andres saß aufrecht und im Schneidersitz. Karen hockte daneben und flößte ihm mit einem Löffel heiße Suppe aus einer Konserve ein, denn Andres konnte allein kaum seine von Markys Schlägen geschwollenen und aufgeplatzten Lippen öffnen.

Die Eifersucht war wie ein Brandeisen, das jemand in Markys Magen rammte. Zum Glück sagte Chicken mit Blick aufs niedergebrannte Feuer: „Wir brauchen neues Holz.“ Um weg von Karen und Andres zu kommen, überwand Marky sogar seine Angst vor den verdammten Schlangen.

Trotzdem hielt er sich nur am Rand des Dschungels auf, bückte sich hier und da nach abgebrochenen Ästen. Immer wenn es irgendwo im Gestrüpp raschelte zuckte er zusammen. Aber er sah keine Schlangen. Genau das war ja das Problem: Man sah die Viecher erst, wenn es bereits zu spät war. Einmal, auf einem Surf-Trip in Costa Rica vor zwei Jahren, wäre Marky beinahe auf eine hochgiftige Lanzenotter getreten. Das Vieh hatte ihn glücklicherweise nicht angegriffen, aber der Schreck hatte seine Hände am Abend noch so sehr zittern lassen, dass er nicht aus einem Glas trinken konnte, ohne die Hälfte zu verschütten.

Marky bemerkte, dass Chicken weiter in das dichte Grün hinein wanderte. „Pass auf die Schlangen auf.“, sagte er.

Chicken, den Markys Schlangen-Paranoia amüsierte, sah über die Schulter. „Wenn eine kommt, mach ich’n Knoten rein.“

„Mach dich ruhig lustig. Aber wenn du gebissen wirst, bettelst du mich um mein Schlangenbiss-Kit an.“

„Hast ja genug dabei.“

Marky zeigte ihm den Mittelfinger. Chicken grinste und Marky grinste zurück. Er liebte seinen Kumpel. Das war das Gute an Freunden: man musste sich keine Sorgen machen, dass sie mit jemand anderem vögelten.

Er bückte sich nach einem morschen Ast und zuckte zusammen, als zwei fette, schwarzglänzende Käfer darunter hervor krabbelten. Die Dinger schienen das einzige zu sein, was hier lebte. Sie gaben einen üblen Gestank von sich und fauchten. Kein Scheiß, sie fauchten. Marky machte einen Schritt nach hinten und sah wie die Käfer unter einem großen Blatt verschwanden. Ekelhaft.

Dann hörte er Chicken schreien.

Das gesammelte Holz glitt aus seinen Händen.

Sein Kopf ruckte herum.

Er konnte seinen Freund nicht mehr sehen.

Aber genau hören von wo der Schrei kam.

Aus dem Dschungel direkt vor ihm.

Schlangenbiss, schoss es ihm durch den Kopf. Natürlich, was sonst. Verdammte Scheiße, und er hatte ihn noch gewarnt.

Chicken schrie immer noch. Ein grässlicher Schmerzensschrei, bei dem sich Markys Nackenhaare aufstellten und ein eisiger Schauer seinen Rücken hinablief.

Was stehst du rum? Du musst ihm helfen, Mann.

Aber Marky war wie gelähmt. Was, wenn er auch gebissen wurde? Vielleicht war es ein ganzes Nest, in das Chicken getreten war. Die gab es. Schlangennester. Dutzende, glitschige, sich windende Leiber mit weit aufgerissenen Mäulern und spitzen Giftzähnen.

Du feige Sau! Hilf ihm!

Marky sah zurück zum Lager. Karen und Andres hatten ihm den Rücken zugewandt. Sie schienen Chicken nicht zu hören.

„Marky—!“ Als Chicken seinen Namen rief, fiel die Starre endlich von Marky ab und er rannte los. Schon nach wenigen Schritten umgab ihn die dichte Vegetation wie ein Mantel. Die feuchtwarme Luft war zum Schneiden dick. Sein Fuß verfing sich in einer Wurzel und er strauchelte. Fing sich, prallte schmerzhaft gegen einen Baum, rannte weiter, die Arme ausgestreckt, um die Äste und Blätter vor sich zu teilen.

Und dann stieß er mit etwas zusammen.

Finger krallten sich in sein T-Shirt.

Chickens weit aufgerissene Augen waren direkt vor ihm.

„Weg—!“, stammelte Chicken und Speichel sprühte von seinen Lippen in Markys Gesicht.

„Was ist passiert?“

„Weg!“ Chicken rannte weiter und zerrte Marky mit sich. Wenige Augenblicke später stolperten sie aus dem Unterholz zurück an den Strand. Chicken fiel auf die Knie. „Oh Gott, scheiße, guck dir das an, guck dir das an—„

„War’s ne Schlange—?“ Die Frage blieb Marky im Hals stecken, als Chicken ihm die blutige Wunde in seinem Unterarm zeigte. Ein klaffendes Loch, aus dem das Rot nur so sprudelte und in den Sand tropfte. Der eiserne Geruch des Blutes stieg Marky in die Nase. Ihm wurde schlecht und er atmete tief durch.

Reiß dich zusammen, dein Freund braucht dich.

„Gebissen—„, keuchte Chicken. Dann wurde er ohnmächtig, von einem Moment zum anderen, und kippte rücklings in den Sand.

Marky sah zum Lager. Karen hatte das Gesicht in ihre Richtung gewandt. Sie winkte. Der Wind trug ihre Stimme an sein Ohr: „Alles okay?“

Fuck, nein, nichts ist okay!

Marky bückte sich und wuchtete Chickens neunzig Kilogramm Muskeln und Sehnen (und Samenstränge hätte Chicken gesagt, wenn er gekonnt hätte) auf seine Arme. Er stapfte so schnell er konnte zum Lager und Karen kam ihm auf halbem Weg entgegen.

„Was ist passiert?“

„Irgendwas hat ihn gebissen.“

Karen schnappte beim Anblick von Chickens grässlicher Wunde entsetzt nach Luft. Ihre Augen folgten der Blutspur, die Marky und Chicken auf ihrem Weg vom Dschungelrand im Sand hinterlassen hatten. Dann reagierte sie. Warf sich herum und rannte zurück zum Lager.

Als Marky mit Chicken ankam und den schlaffen Körper vorsichtig auf seinen Schlafsack gleiten ließ, hatte Karen bereits den Erste-Hiilfe-Koffer aus ihrem Rucksack geholt. Sie riss eine Kompresse aus dem Plastik und presste sie auf das blutige Loch. Andres hockte auf den Knien neben ihr und reichte ihr einen Wundschnellverband, den Karen mit geschickten Fingern straff um die Wunde wickelte. Marky spürte einen Stich, als er sah, wie der Argentinier Karen zur Hand ging. Dann schämte er sich, weil er seine verletzten Gefühle nicht vergessen konnte, obwohl sein bester Freund schwer verletzt war.

Andres hob sein verunstaltetes Gesicht und sah zu Marky. „Was ist passiert?“ Wegen seiner geschwollenen Lippen klang es, als würde er mit einem Taschentuch im Mund sprechen.

„Er war im Dschungel. Irgendwas hat ihn gebissen, sagt er.“

„Was denn?“

„Ich war nicht dabei.“ Marky schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich hab ihm gesagt, er soll nicht in den Scheißdschungel gehen. Warum hört das Arschloch nicht?“

„Ich glaub nicht, dass es eine Schlange war.“, sagte Karen. „Dafür ist die Wunde viel zu groß.“

„Vielleicht eine Wildkatze.“, sagte Andres. „Ein Jaguar oder so was.“

Karen schüttelte den Kopf. „Müsste so eine Wunde nicht größer sein?“

Vielleicht, dachte Marky. Vielleicht auch nicht. Er wusste nur eins mit Sicherheit: „Egal was es war, er muss zu einem Arzt!“

Andres und Karen sahen ihn an. Sie brauchten nicht auszusprechen, was Marky selber wusste. Bis sie am Samstag abgeholt wurden, gab es keine Möglichkeit Chicken zu einem Arzt beziehungsweise in ein Krankenhaus zu transportieren. Sie waren hier draußen, auf der Insel, komplett von der Zivilisation abgeschnitten.

Sie checkten wider besseres Wissens ihre Handys, aber natürlich hatten sie keinen Empfang. Sie könnten genauso gut auf dem Mond sein. Als sie herkamen, hatten sie gewusst, worauf sie sich einließen, nämlich, dass sie im Falle einer Verletzung keine Hilfe erwarten konnten. Aber das hatten sie verdrängt. Verletzen tun ja sich immer nur die anderen, richtig?

Marky, Karen und Andres blickten auf Chicken hinab, der regungslos auf seinem Schlafsack lag. Nur sein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Aber sein Gesicht sah furchtbar bleich aus, trotz der tiefen Sonnenbräune.

Die Sonne tauchte hinter dem Horizont ab und es wurde schnell dunkel. Sie hatten kein Holz um Feuer zu machen und niemand wollte noch einmal zum Dschungel gehen. Nicht einmal an den Rand. Als sie bemerkten, dass Chickens Körper zu zittern begann, deckten Marky und Karen ihn mit ihren Schlafsäcken zu.

Andres legte eine Hand auf Chickens Stirn. „Er hat Fieber.“

Fieber? Bedeutete das, die Wunde hatte sich bereits entzündet? Marky wollte gar nicht daran denken, was das bedeutete.

Was hatte Chicken gebissen?

Marky dachte an den Dschungel, der keine Geräusche von sich gab und an seinen Traum. Er war versucht mit Karen und Andres darüber zu sprechen, aber er ließ es bleiben. Karen war auch so schon besorgt genug. Außerdem, was außer einem Tier sollte Chicken denn sonst gebissen haben?

Später, Andres schlief bereits, sahen Marky und Karen sich über Chickens Körper hinweg in die Augen. Sie hatten sich zu beiden Seiten ihres Freundes in den Sand gelegt und hielten seine Hände. Seine Haut glühte. Heiß. So unglaublich heiß. Sein Körper wehrte sich gegen die Infektion, die zweifelsohne in seinen Blutbahnen tobte wie ein Amokläufer.

„Warum hast du’s getan?“, fragte Marky.

„Keine Ahnung.“

„Keine Ahnung?“ Marky spürte, wie die Wut wieder ihm zu brodeln begann.

„Das spielt doch jetzt keine Rolle.“

„Und ob es eine Rolle spielt.“

„Chicken kann sterben, Marky. Ist dir das klar?“

Die blöde Kuh. Natürlich war ihm das klar. Und es war so beschissen unfair von ihr, dass jetzt als Ausrede zu gebrauchen.

„Ich wollte dich heiraten.“

„Marky—„

Chicken fuhr in die Höhe und stieß einen Schrei aus.

Marky blieb beinahe das Herz stehen. Karen stand vor Schreck der Mund offen. Chicken saß aufrecht und starrte aufs nächtliche Meer hinaus. Seine Augen waren so weit aufgerissen, dass es aussah, als würden seine Augäpfel jeden Moment aus ihren Höhlen springen. Sein Gesicht war schweißüberströmt und sein Atem kam stoßartig.

Andres war erwacht und rieb sich die Augen.

Marky berührte Chickens Arm. „Wie geht es dir?“ Was für eine furchtbar saublöde Frage, dachte er im selben Moment, als er sie stellte.

Chicken drehte langsam den Kopf. Sein Gesicht wirkte eingefallen, als hätte er in den letzten Stunden an Gewicht verloren. Er öffnete den Mund, aber kein Wort kam über seine aufgesprungenen Lippen. Nur sein keuchender, heißer Atem. Fauliger Atem, der Marky beinahe würgen ließ.

Karen hatte eine Wasserflasche geöffnet und hielt sie Chicken hin. „Hast du Durst?“

Chicken reagierte nicht. Sein stumpfer Blick blieb auf Marky gerichtet. Eine glühend heiße Hand klammerte sich um Markys Unterarm und er zuckte zusammen.

Er verbrennt, dachte Marky. Chicken verbrennt von innen.

„Es wird alles gut, keine Sorge.“, sagte Marky und wusste, dass sein bester Freund diese Insel nicht mehr lebend verlassen würde. „Es wird alles wieder gut.“ Er strich mit einer Hand über Chickens schweißnasses Haar. „Leg dich wieder hin. Ruh dich aus.“ Marky fasste ihn an der Schulter und schob ihn behutsam nach hinten, bis sein Rücken wieder auf dem Schlafsack lag. Chicken schloss die Augen.

Marky sah zu Karen und Andres. Sie wussten es genau wie er. Chicken würde sterben.

Und das tat er auch.

Die Sonne war noch nicht über den Dschungel gestiegen, als sich Chickens Brustkorb zum letzten Mal hob und wieder senkte. Dann lag er still. Die Hitze verließ seinen Körper, so schnell, wie sie gekommen war, und wich der Kälte des Todes.

Karen schluchzte und vergrub ihr tränenüberströmtes Gesicht an Andres’ Brust. Er legte einen seiner mit Sommersprossen übersäten Arme um ihre Schultern.

Marky starrte die beiden an. Sein bester Freund war tot und alles, was er denken konnte war, dass Karen, diese Schlampe, diese Hure, diese Betrügerin, dass sie Trost bei Andres, diesem Wichser, diesem Hurensohn, diesem Scheißkerl, suchte. Er lenkte sich ab, indem er auf Chickens durchgebluteten Verband starrte.

Was hat ihn gebissen?

Was?

Logik sagte ihm, dass es ein Tier gewesen sein musste. Aber Marky glaubte nicht, dass Logik hier noch eine Rolle spielte. Er sah zum Dschungel, der grün und still unter der aufgehenden Sonne lag. Kein Vogelgezwitscher. Nichts. Nur eine massive Wand aus Vegetation.

„Wir müssen ihn zur Seite schaffen.“, sagte Andres.

Markys Augen richteten sich auf den Argentinier.

Der sah die blanke Mordlust darin blitzen und schluckte. „Oder wir versetzen unser Lager ein paar Meter. Aber in dieser Hitze. Er wird bald stinken. Und die Fliegen, die—„

„Halt die Fresse!“, sagte Marky mit zu Fäusten geballten Händen.

Karen weinte wieder. „Er hat recht, Marky.“

Marky starrte sie an. Er hasste sie, das wurde ihm jetzt bewusst. Er hasste sie.

Er wandte sich ab und ging davon. Nach ein paar Metern stoppte er und ließ sich in den Sand sinken. Die Sonne stand inzwischen über dem Dschungel und brannte heiß in seinem Nacken. Er starrte aufs Riff hinaus und dachte daran, dass das Boot erst in drei Tagen kommen würde, um sie abzuholen.

Drei Tage.

Dann hörte er Karen schreien.

Er drehte den Kopf.

Karen zerrte an jemandem.

Dieser jemand hockte auf allen vieren über Andres, der panisch mit den Beinen strampelte.

Dieser jemand war Chicken.

Marky sprang auf und rannte los.

Als er das Lager erreichte rissen Chickens Zähne gerade ein großes Stück Fleisch aus der Stelle, wo Andres Hals endete und seine Schulter begann. Blut spritzte.

„Chicken—!“

Markys bester Freund drehte den Kopf. Seine Pupillen waren milchig-weiß. Seine Zähne kauten knirschend auf Andres’ Fleisch herum und das Blut des Argentiniers tropfte von seinem Kinn. Andres zuckte vor Schmerz brüllend unter ihm, während das Blut unablässig aus der Bisswunde pumpte und im Sand versickerte. Chicken richtete sich auf. Seine Bewegungen waren unbeholfen und abgehackt, wie die eines Betrunkenen.

Karen, die die ganze Zeit wie erstarrt dagestanden hatte, schrie wieder, laut und kreischend, vollkommen hysterisch, dann warf sie sich herum und flüchtete den Strand hinab.

Marky blieb stehen.

Chickens lebloser Blick folgte erst Karen, dann richtete er sich auf Marky. Sah wieder zu Andres, der sich wimmernd und stöhnend mit den Füßen nach hinten schob, um Abstand zwischen sich und Chicken zu bringen.

Chicken, oder das, was einmal Chicken war, schien verwirrt. Hin- und hergerissen zwischen Marky, Andres und Karen, die jetzt stehen gegenlieben war und aus zwanzig Metern Entfernung zu ihnen rüber starrte. Er entschied sich – warum auch immer – für Marky. Streckte die Arme nach ihm aus. Seine Finger gekrümmt wie Klauen. Er riss den blutverschmierten Mund weit auf und ein grässliches, heiseres Stöhnen stiegt aus seinem toten Leib empor, wie Rauch aus einem Schornstein. Er machte zwei unbeholfene Schritte auf Marky zu.

Marky wich Chickens ausgestreckten Armen mit Leichtigkeit aus und versetzte seinem Freund dann von hinten einen Stoß. Chicken stürzte der Länge nach und mit dem Gesicht zuerst auf den Strand. Chickens Stöhnen verstummte, als Sand seinen Mund füllte.

Marky beugte sich über Chickens Rucksack. Das Survival-Messer in der Seitentasche war aus demselben Online-Shop des TV-Survival-Experten wie der Feueranzünder. Marky klappte die schwarz beschichtete, zehn Zentimeter lange Drop-Point-Klinge aus, während Chicken sich stöhnend auf alle Viere kämpfte. Dann trat er Chicken in den Hintern und sein Freund landete wieder mit dem Gesicht im Sand. Marky stellte sich breitbeinig über ihn und ließ sich unten sacken. Presste Chickens Körper mit seinem Gewicht zu Boden. Griff mit der Linken in Chickens Haar.

Und rammte das Messer mit der Rechten in sein Ohr. Bis zum Griff.

Chicken erstarrte.

Marky drehte die Klinge einmal herum, bevor er sie wieder herauszog. Stach noch einmal zu. Und noch mal. Aber der erste Stich hatte sein Werk getan. Chicken rührte sich nicht mehr.

Er war tot.

Zum zweiten Mal an diesem Morgen.

Das Messer entglitt Markys Fingern und landete im Sand.

Andres stammelte etwas auf Spanisch. Marky sah über die Schulter zu ihm. Der Argentinier hockte auf den Knien. Blut strömte aus der grässlichen Bisswunde in seiner Schulter über seinen Brustkorb.

Hinter ihm kehrte Karen mit zögernden Schritten zurück. „Andres…“

Der Argentinier drehte sich zu ihr um.

„Wir müssen die Wunde verbinden…“ Karens Stimme war ein Wimmern.

Andres schüttelte den Kopf. „Ich werde sterben. Wie Chicken.“ Er sah zu Marky, der sich aufgerichtet hatte. Deutete mit einem Nicken auf das Messer in Markys Hand. „Jetzt kannst du dich rächen.“

Marky hatte einen Moment lang keine Ahnung, was Andres meinte, aber dann: „Bist du bescheuert—?“

„Du musst es tun. Sonst passiert dasselbe mit mir, wie mit ihm.“

„Woher willst du das wissen—?“

„Du bist blond, aber nicht blöd.“, sagte Andres und rang sich dabei sogar ein Lächeln ab.

Marky starrte den Argentinier an und konnte nicht anders. Er bewunderte ihn.

Alle Drei sahen auf Chicken hinab.

Marky wusste, was Andres von ihm wollte, aber er schüttelte den Kopf. „Ich kann dich nicht töten.“

Der Argentinier nickte, als würde er das verstehen.

Und setzte sich dann in Bewegung. Stolperte ins Wasser, watete durch die Brandung und begann dann zu schwimmen. Auf die Seite gedreht, mit dem gesunden Arm, während sein Blut das Meer um ihn herum rot färbte.

„Andres…“, rief Karen ihm fassungslos nach.

Der Argentinier schwamm einfach weiter.

Marky und Karen sahen, wie er das Riff erreichte. Es dauerte nicht lange, bevor die erste Finne erschien. Vielleicht war es derselbe Hai, der gestern früh versucht hatte Karen zu erwischen. Wenn ja, dann kam er diesmal nicht allein. Es waren ein halbes Dutzend Haie, die auf Andres zuschossen. Sein Blut hatte sie zu Tisch gerufen.

Marky wandte sich ab.

Andres schrie nicht, aber als Marky wieder zum Riff blickte, war der Argentinier verschwunden. Die Haie auch.

Karen lag zusammengekrümmt wie ein Embryo im Sand und ihr Körper bebte, während sie lauthals schluchzte. Marky ignorierte sie. Er packte Chicken bei den Schultern und zerrte ihn in die Brandung hinaus. Versetzte ihm einen Stoß und sah dem Körper nach, wie er von der Strömung zum Riff gezogen wurde.

Marky stapfte zurück an den Strand.

Jetzt brauchten sie nur noch zu warten, bis das Boot sie am Samstag abholte. Vorausgesetzt, das, was Chicken im Dschungel gebissen hatte, kam nicht dort heraus und an den Strand. Aber aus irgendeinem Grund glaubte Marky nicht, dass das Fall sein würde.

Und wenn doch…

Bei Sonnenaufgang des dritten Tages, nach dem Chicken und Andres gestorben waren, erwachte Marky und blickte, wie an den Morgen zuvor, als erstes zum Dschungel.

Grün und dicht und still.

Tot.

Karen schlief noch. Er hatte kein Wort mit ihr geredet, seid er Chickens Körper ins Wasser geschoben hatte. Sie hatte auch nicht versucht ein Gespräch anzufangen. Zwei Tage Schweigen lagen hinter ihnen.

Als sie erwachte hatte er den letzten Kaffee gebrüht und reichte ihr eine dampfende Tasse. Sie nahm sie ohne sich zu bedanken und trank.

Dann sahen sie das Fischerboot.

Marky warf den Kaffeebecher in den Sand und griff nach seinem Surfbrett. Er packte seinen Sachen nicht zusammen. Karen auch nicht. Sie standen auf ihre Boards gestützt in der Brandung und warteten, bis der Fischer seinen Kahn vor dem Riff zum Stoppen brachte. Er hatte sie gesehen und wedelte mit einem dünnen braunen Arm.

Marky tauschte einen Blick mit Karen. Ihren strahlend blauen Augen reflektieren das Sonnenlicht und ihre weißen Zähne blitzten. Sie war wunderschön.

„Ich liebe dich, Marky.“, sagte sie.

Er starrte sie an. Und bekam es nicht über die Lippen. Er hasste sie nicht mehr. Er hatte ihr verziehen. Aber trotzdem: Alles war anders und nichts würde je wieder sein wie zuvor. Sie schien seine Gedanken lesen zu können, denn jetzt rollten Tränen ihre Wangen hinab. Dann wandte sie sich ruckartig ab und ging ins Wasser. Nach ein paar Schritten ließ sie sich aufs Board gleiten und fing an zu paddeln.

Marky sah noch einmal zurück zum Dschungel und hatte das Gefühl, als würde der ihn verhöhnen.

Dann folgte er Karen. Glitt mit kräftigen Zügen hinter ihr her durchs Wasser.

Das Riff kam näher.

Er dachte an die Haie. Aber ihre Fresszeit war vorbei und weder er noch Karen bluteten. Selbst wenn Haie da waren hieß das nicht automatisch, dass sie angreifen würden. Es waren Tiere, keine Monster. Und nachdem, was auf der Insel geschehen war, fürchte Marky sich ganz bestimmt nicht vor Haien. Nicht mal mehr vor Schlangen, wenn er darüber nachdachte.

Da waren sie wieder.

Die perfekten Wellen.

Aber statt sie zu reiten, schwammen Marky und Karen dagegen an und überwanden ihre Kämme, bis sie das Riff hinter sich gebracht hatten. Sie glitten durch das ruhigere Wasser auf das wartende Fischerboot zu.

Marky bemerkte, dass der Fischer dasselbe Bart-Simpson-T-Shirt trug wie an dem Tag, als er sie hergebracht hatte. Die Flecken darauf waren auch dieselben. Sah aus, als hätte er es seit einer Woche nicht gewechselt. Eine Kippe hing in seinem Mundwinkel und er hatte die Augen gegen den Rauch zusammengekniffen. Als Karen und Marky näher kämen legte sich seine Stirn in Falten. Wahrscheinlich war ihm erst jetzt aufgefallen, dass nur zwei von den vier Surfern, die er hier abgeliefert hatte, zurückkamen.

Plötzlich entgleisten die Gesichtszüge des Fischers.

Die Kippe fiel aus seinem Mundwinkel.

Hai!, dachte Marky und drehte den Kopf.

Doch er sah keinen Hai, sondern den stahlgrauen, schnittigen Rumpf eines Schnellboots der Küstenwache.

Marky war erleichtert. Sie würden den Tod von Chicken und Andres sowieso den offiziellen Stellen melden müssen. Und dabei würde herauskommen, dass sie sich unerlaubt im Naturschutzgebiet aufgehalten hatten. Was bedeutete schon eine Geldstrafe, egal wie hoch, im Vergleich zum Tod seines besten Freundes?

Der Fischer rief etwas zu dem Schnellboot herüber. Seine Stimme überschlug sich und es klang ein bisschen so, als bettelte er um sein Leben. Wer weiß, dachte Marky, vielleicht war die Geldstrafe so hoch, dass sie de facto die Existenz des Mannes zerstörte.

Marky und Karen hörten auf zu paddeln. Sie befanden genau zwischen dem Schnellboot und dem Kahn des Fischers. Marky sah einen blauuniformierten Offizier der Küstenwache auf Deck treten und zum Bug gehen. Erst jetzt fiel Marky das Maschinengewehr auf, dass dort auf ein Gestell montiert war.

Der Fischer hatte den Offizier auch gesehen und schrie jetzt noch lauter, gestikulierte dabei hektisch mit beiden Armen.

Der Offizier erreichte das Maschinengewehr und Marky sah ungläubig, wie er einen seitlichen Spannbolzen nach hinten zog. Das metallische Geräusch, dass die Waffe dabei machte, schallte bis zu ihnen übers Wasser.

„Marky—„

Er sah zu Karen.

„Was macht der—?“, fragte sie ungläubig.

Bevor Marky etwas erwidern konnte, begann das Maschinengewehr zu rattern.

Der Fischer tanzte wie unter Stromstößen, als die großkalibrigen Geschosse seinen Körper in Stücke rissen. Blut, innere Organe und Holzsplitter der Reling fegten über das Deck seines Kahns.

Der Lärm des MGs war dumpf und irgendwie unwirklich.

Von wegen Geldstrafe, dachte Marky. Wer die Insel betrat und geglaubte hatte, sie lebend wieder verlassen zu können, den erwartete nur eins:

Die Todesstrafe.

Die Insel war kein Naturschutzgebiet. Sie war ein dunkles Geheimnis, von deren Existenz niemand etwas erfahren durfte.

„Zurück!“, schrie Marky und wendete sein Board. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Karen dasselbe tat.

Die Muskeln in seinen Schultern schienen kurz vorm Zerreißen, als Marky paddelte, so schnell wie nie zuvor in seinem Leben.

Er hörte das Maschinengewehr wieder rattern.

Rechnete jeden Moment damit getroffen zu werden.

Aber er spürte keinen Einschlag, keine Schmerzen.

Stattdessen den Sog des Wassers, als sich eine Welle hinter ihm aufbaute.

Ein Blick über die Schulter.

Karen paddelte nicht mehr. Sie lag bewegungslos auf ihrem blutbesudelten Brett.

Die obere Hälfte ihres Kopfes fehlte. Es sah absurd aus. Wie ein Topf ohne Deckel.

Dann rutschte ihr schlaffer Körper ins Wasser und versank.

Im selben Moment wurden Markys Brett und die Welle eins.

Take-Off.

Marky drückte die Spitze des Bretts mit den Händen nach unten und richtete sich auf.

Was für eine Welle.

Perfekt.

Wie jede, die sich hier am Riff brach.

Marky ritt sie und schlug mehrere schnelle Haken.

Er hörte das MG.

Sah dicht neben sich Wasserfontänen in die Höhe spritzen.

Spürte den Luftzug, als etwas an seinem Oberkörper und seinem Kopf vorbeisauste.

Dann warf er sich kopfüber ins schäumende Wasser.

Schoß wie eine Pfeil unter der Oberfläche entlang Richtung Strand.

Blieb unten so lange es ging.

Aber irgendwann brauchten seine Lungen Luft.

Auftauchen oder ertrinken.

Auftauchen.

Das Salzwasser brannte in seinen Augen.

Nur noch wenige Meter bis zum Strand. Eine große weite Fläche, wo es für die Küstenwache ein leichtes sein würde ihn abzuknallen wie die Vogelattrappe bei einem Schützenfest.

Das MG hinter ihm wummerte und wummerte und wummerte; der eintönige Rhythmus des Todes.

Trotzdem erreichte Marky unverletzt das flache Wasser und richtete sich auf.

Wandte sich dem Meer zu, um dem Tod ins Gesicht zu blicken.

Er sah, wie der Offizier mit dem schweren MG das Fischerboot in Stücke schoß. Rauch stieg bereits aus der Steuerkabine, während hunderte, tausende von Geschossen, das Holz durchlöcherten, es regelrecht pulverisierten und zu Sägespänen verarbeiteten. Dann schlugen Flammen in den blauen Himmel. Kurz darauf explodierte etwas im Inneren des alten Kahns. Der Rumpf wurde ein Stück aus dem Wasser gehoben und zerbrach dabei in zwei Teile. Das was zurück ins Wasser fiel versank erstaunlich schnell.

Stille.

Der Offizier im Bug des Schnellboots sah zum Strand.

Marky hatte das Gefühl, als würde der Mann ihm direkt in die Augen blicken. Er wartete darauf, dass er das MG in seine Richtung schwenkte.

Sekunden vergingen.

Minuten.

Die Wellen warfen etwas an den Strand. Einen Teil von Markys Brett. Genauso in Stücke geschossen wie der Fischer. Wie sein Boot.

Wie Karen.

Für einen Sekundenbruchteil flimmerte wieder das Bild vor Markys Augen: Wie die Liebe seines Lebens mit fehlender Schädeldecke im Wasser verschwand. Die Haie würden sich ihrer Überreste annehmen. So wie der von Chicken und Andres.

Auf dem Schnellboot wand der Offizier den Blick plötzlich von Marky ab. Er machte ruckartig kehrt und verschwand durch eine Stahltür nach drinnen.

Kurz darauf röhrte der starke Motor, im Heck brodelte das Wasser und Marky sah, wie der glatte Rumpf des Schnellboots geschmeidig wendete.

Natürlich, dachte er. Sie müssen mich nicht erschießen.

Hier, auf der Insel, bin ich so gut wie tot.

Als das Boot am Horizont verschwunden war, schleppte Marky sich aus dem Wasser. Er kehrte zurück zu dem, was von ihrem Lager übrig geblieben war. Die Sonne stand hoch am Himmel und der Sand brannte glühend heiß unter seinen Füßen.

Er starrte zum Dschungel, der grün und dicht und stumm und heiß und feucht und herausfordernd zurückstarrte.

Marky bückte sich nach Chickens Survivalmesser, das aufgeklappt dort im Sand lag, wo Marky es fallen gelassen hatte.

Er blickte noch einmal über die Schulter, wo die Wellen sich am Strand brachen.

Dachte an Karen und Chicken und daran, wie sehr er die beiden geliebt hatte.

Dann setzte er sich in Bewegung.

Chickens Messer fest umklammert betrat er den Dschungel.