HAPPY HALLOWEEN! Kurzgeschichte „Süßes oder Saures“

Veröffentlicht 31. Oktober 2016 in Kurzgeschichten

Die Liebe zu Halloween hatte Ninna von ihrem Papa geerbt.

Der erzählte immer wieder gern, wie er im Alter von zwölf Jahren seine Oma dazu überredete für ihn und seinen Cousin Markus die ersten beiden Halloween-Filme aus der Videothek auszuleihen. Ninnas Uroma hatte keinen blassen Schimmer, was ihre Enkel da schauten, während sie im Flur nähte und aus dem Wohnzimmer die Schreie der von Michael Myers niedergemetzelten Teenager erklangen. Seitdem war Ninnas Papa unsterblich in Halloween verliebt. Zu seinem Leidwesen wurde Halloween damals noch nicht in Deutschland gefeiert, dass geschah erst sehr viel später, als er längst erwachsen war. Aber Papa hatte Ninna mit seiner Liebe zum Unheimlichen infiziert. Seit sie drei Jahre alt war zog sie zu Halloween mit den Nachbarskindern um den Block und schrie den Anwohnern, die den kleinen Vampiren, Hexen, Zauberern, Zombies und anderen Monstern die Türen öffneten, „Süßes oder Saures“ ins Gesicht.

Dieses Jahr war es nicht anders. Anders war nur das Wetter. Erstaunlich warm für Ende Oktober. Zwanzig Grad. Ninna war heute früh ohne Jacke in die Schule gegangen und hatte den ganzen Nachmittag mit den anderen Kindern auf dem Spielplatz im Hof verbracht. Da lungerten sie jetzt immer noch rum und warteten ungeduldig darauf, dass es endlich dunkel wurde. Zwischendurch waren alle nur schnell hoch in ihre Wohnungen gegangen und hatten ihre Kostüme angezogen.

Tatsächlich war dieses Halloween noch etwas anders, als in den vorangegangenen Jahren. Etwas, dass Ninna versuchte zu verdrängen, aber ausgerechnet jetzt musste eine der beiden Zwillinge wieder damit anfangen.

„Die Meret ist bestimmt tot.“, sagte Jenny.

„Meinst du?“, fragte Melina, mit dreizehn die Älteste der Mädchen im Hof. Sie hatte sich schwarze Ringe um die Augen geschminkt und dazu blutrote Fäden, die von den Mundwinkeln bis zum Kinn liefen.

Jennys Schwester Jackie nickte heftig und das blutige Gummi-Alien auf ihrem T-Shirt wackelte auf und ab. „Papa sagt, dass sie ganz bestimmt tot ist.“

Der Vater der Zwillinge war Polizist und Ninna fragte sich, warum er seinen Kindern so etwas erzählte. Dann wiederum: Jenny und Jackie erzählten eine Menge fragwürdige Sachen, die sie angeblich von ihrem Vater wussten: das Obdachlose bloß zu faul zum Arbeiten sind und Flüchtlinge seltene Krankheiten übertragen.

„Vielleicht ist sie ja nur abgehauen.“, sagte Jorina. Genau wie Ninna hatte sie ihr Gesicht weißgeschminkt und trug ein Hexenkostüm, im Internet bestellt, garantiert hundert Prozent synthetisch und hochentzündlich, inklusive dem dazu passenden Spitzhut.

„Meret ist erst acht, wo sollte die denn hin abhauen?“, fragte Melina. „Außerdem sind ihre Eltern super. Die hat keinen Grund wegzulaufen.“

„Die hat ein Perverser entführt und totgemacht.“, sagte Jenny mit Überzeugung.

„Könnt ihr mal damit aufhören.“ Ninna ärgerte sich, weil sie die Angst in ihrer Stimme hören konnte und die anderen bestimmt auch.

Monster und Horrorfilme waren eine Sache, aber entführte Kinder und Perverse eine andere. Beim Gedanken daran bekam Ninna eine Gänsehaut, ihre Nackenhaare richteten sich auf und im Bauch machte sich ein flaues Gefühl breit.

Aber Jackie blieb beim Thema. „Wisst ihr noch der Typ, der die Kinder aus’m Flüchtlingsheim gekillt hat? Bestimmt hat Meret auch so einen getroffen.“

Ninna sah zu Jorina und bemerkte, dass die auch die Nase voll von Jackies Geschwafel hatte. Ninna rutschte von der Netzschaukel, auf der sie mit den Zwillingen saß, und ging zur Rutsche. Kurz darauf stand Jorina neben ihr.

„Die versauen einem den ganzen Spaß mit ihrem Gequatsche.“, sagte Ninna.

Jorina nickte. Weder sie noch Ninna oder eins der anderen Kinder im Hof kannten das verschwundene Mädchen, Meret, persönlich. Meret wohnte nicht in ihrem Block, sondern zwei Straßen weiter. Aber Ninna hatte sie gesehen, seit sie denken konnte, beinahe täglich. Auf den diversen Spielplätzen der Gegend, beim Einkaufen, auf der Straße und seit letztem September auch auf dem Schulhof, weil Meret auf dieselbe Schule ging wie Ninna und Jorina.

Jetzt war Meret seit zwei Tagen verschwunden. Vorgestern Abend hatte es in der Nachbarschaft von Polizeiwagen gewimmelt, nachdem Meret von der Schule nicht nach Hause gekommen war. Gestern war Ninna mit Mama einkaufen gegangen und sie hatten Merets Mutter in der Schlange an der Supermarktkasse gesehen. Bleich, fahrig und mit verheulten Augen blickte sie beinahe sekündlich auf ihr Handy, bestimmt in der Hoffnung einen Anruf von der Polizei zu bekommen, der ihr mitteilte, dass ihre Tochter wohlbehalten wieder aufgetaucht war.

Aber bis jetzt hatte niemand angerufen.

Der Gedanke daran, wie sich Mama und Papa fühlen würden, wenn sie, Ninna, spurlos verschwinden würde, machte Ninna mehr zu schaffen, als die Vorstellung, was so ein Perverser mit ihr anstellen könnte. Sie spürte wieder einen kalten Schauer ihren Rücken hinab laufen und schüttelte sich.

„Ist dir kalt?“, fragte Jorina.

„Ja.“, log Ninna.

„Hoffentlich kommt Luka bald.“

Jorinas Stiefbruder Luka würde die Mädchen heute bei ihrer „Süßes oder Saures“ Tour begleiten. Normalerweise zog Ninnas Papa mit den Kindern los, aber ausgerechnet heute hatte er eine Deadline, die er unbedingt einhalten musste. Ninna wusste, dass ihren Papa das mehr grämte, als sie selbst.

Sie lächelte bei dem Gedanken und blickte hoch zu den Fenstern des Häuserblocks. Hier und da sah man Kürbisfratzen, manche aus Plastik, andere selbstgemacht. Ninna hatte zusammen mit Mama und Papa am Wochenende selbst einen Kürbis ausgehöhlt, der jetzt auf ihrem Balkon stand und in den Papa nachher, wenn es endlich dunkel wurde, brennende Teelichter stellen würde.

Aus Papas offenem Bürofenster im dritten Stock erklang der Soundtrack von „Nightmare before Christmas“. Den Film von Oktober bis Dezember wiederholt zu gucken hatte Tradition in Ninnas Familie. Jetzt konnte sie sich genau vorstellen, wie Papa oben vor seinem Laptop saß, und seine Finger zur Musik von Danny Elfman über die Tastatur flogen, während er irgendeinen öden Krimi fürs Fernsehen schrieb, dessen neue Fassung heute noch fertig werden musste, weil die verantwortliche Redakteurin „den Arsch offen hat“, wie Papa Mama erklärt hatte, als er glaubte, Ninna sei außer Hörweite.

„Wollen wir Kriegen spielen?“

Ninna fragte sich, ob sie dafür nicht ein bisschen zu alt waren, aber ihr fiel auch nichts Besseren ein. „Okay.“

Jorina rannte bereits los und Ninna nahm die Verfolgung auf. Schon nach dreißig Sekunden hatten sie einen Heidenspaß. Sie lachten und kreischten, während sie Haken schlagend über den Hof flitzten und stolperten.

Ninna berührte Jorinas Schulter, als diese versuchte durch die Lücke in der Hecke, die den kleinen Spielplatz umgab, zu flüchten und dabei an den Dornen hängenblieb. „Du bist.“, rief Ninna.

Jorina zog ihr Hexenkostüm vorsichtig von den spitzen Dornen, damit sie sich kein Loch rein riss, dann nahm sie Ninnas Verfolgung auf. Die flüchtete quer durch den Sandkasten, sprang über das untere Ende der Rutsche und schlug dann vor Jackies und Jennys Haustür einen scharfen Haken nach links. Sie hörte Jorinas keuchenden Atem dicht hinter sich und rannte schneller. „Gleich hab ich dich.“, rief Jorina und Ninna blickte über die Schulter.

Deswegen bemerkte sie nicht, wie das Eisentor, dass den Innenhof vom Bürgersteig trennte, nach innen aufschwang.

Sie stieß mit jemandem zusammen und die Wucht des Zusammenpralls beförderte sie auf den Hintern.

Während ihr der Schmerz bis in die Wirbelsäule hinauf schoss, bäumte sich eine haarige Bestie knurrend über ihr auf und strampelte hektisch mit den Vorderbeinen.

Paul Matthies, der den großen Schäferhund an einer kurzen Leine hielt, war rot vor Wut. „Verdammte Scheiße. Könnt ihr nicht aufpassen?“

Ninna krabbelte hektisch nach hinten, während dickflüssiger Sabber aus dem Maulkorb des Hundes auf ihr Kostüm spritzte. Jorina war vor Schreck wie erstarrt stehengeblieben und machte keine Anstalten ihr aufzuhelfen.

Paul Matthies zerrte brutal an der Leine seines Hundes und riss ihn auf die Hinterläufe. Wie immer steckte Paul in dicken Armeestiefeln, schwarzen Kargohosen und einem olivgrünen T-Shirt mit der Aufschrift: LÉGION ÉTRANGÉRE. „Wie oft muss ich euch bescheuerten Gören noch sagen, dass ihr Abstand halten sollt.“

„Ich hab Sie nicht gesehen.“, sagte Ninna mit zittriger Stimme, während sie sich wieder aufrichtete und den schmerzenden Hintern rieb. Das gab bestimmt einen blauen Fleck auf der Arschbacke.

„Dann sperr das nächste Mal die Augen besser auf. Sonst nehm ich dem Hund mal den Maulkorb ab.“

„Das dürfen Sie gar nicht.“ Jorina hatte ihren Mut wiedergefunden und war neben Ninna getreten.

„Woher willst du wissen, was ich darf oder nicht, he?“ Paul war immer noch rot vor Wut.

Ninna sah seine Muskeln, die sich unter dem engen T-Shirt spannten.

Seine großen, klobigen Hände, die die Leine des Schäferhundes hielten.

Das auf den Unterarm tätowierte Gesicht seiner Mutter.

Kein Scheiß. Paul Matthies hatte das Antlitz seiner Mutter auf den Unterarm tätowiert.

Ninna hatte Angst vor Paul. Genau wie vor seinem Bruder Gerd, der jetzt durch das Tor in den Hof trat. Er trug noch die blaue Uniform der Sicherheitsfirma, für die er arbeitete. Gerd war ein Jahr älter als Paul, aber die beiden sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Ninna hatte sie anfangs immer für Zwillinge gehalten.

Auch Gerds Augen funkelten wütend hinter den Gläsern seiner hässlichen Billigbrille. „Warum ist Gero so aufgeregt?“, fragte er seinen Bruder und streichelte dem immer noch knurrenden Schäferhund beruhigend über den Kopf.

Gero von Weitersdorf, dachte Ninna. Der blöde Köter hatte einen adligen Namen. Wie albern.

„Die blöden Bälger wieder.“, Paul zeigte auf die Mädchen.

Ninna sah Schmutz unter seinen vom Rauchen gelb gefärbten Fingernägeln. Ekelhaft.

Gerd beugte sich zu Ninna und Jorina vor. Sagte leise: „Irgendwann knallt’s, wenn ihr nicht aufpasst.“

Ninna spürte die kalte Faust der Angst im Magen. Der hatte ihnen gerade gedroht. Keine Ahnung mit was, aber er hatte ihnen gedroht. Das würde sie Papa erzählen, dachte sie. Aber was sollte Papa schon machen? Klar, er würde Gerd zur Rede stellen. Und dann? Nichts. Außer, dass die Matthies-Brüder sie noch mehr hassen würden, als sowieso schon. Das die beiden Typen Kinder hassten, das stand für Ninna außer Frage. Nein, sie würde Gerds Drohung wohl doch für sich behalten. Und wahrscheinlich Albträume haben, in denen Gerd sie mit dem zähnefletschenden Gero von Weitersdorf über den Innenhof jagte.

„Komm.“, sagte Gerd zu seinem Bruder und hielt eine weiße Plastiktüte hoch, durch die Styroporboxen schimmerten; dem Geruch nach irgendwas vom Asiaten. „Mama hat bestimmt schon Hunger.“

Die Brüder warfen Ninna und Jorina noch einen finsteren Blick zu, dann gingen sie davon. Die beiden Mädchen sahen ihnen nach. Paul und Gerd Matthies wohnten in der 103 C, die letzte Tür auf der rechten Seite. Im Parterre.

Zusammen mit ihrer Mutter.

Frau Matthies musste inzwischen über neunzig sein, vielleicht sogar fast hundert. Ninna konnte sich nicht erinnern, wann sie die alte Frau das letzte Mal draußen gesehen hatte. Es ging das Gerücht, dass die Brüder ihre Mutter manchmal nachts mit Hilfe ihres Rollators eine Runde über den Innenhof führten, aber Ninna hatte das noch nie mit eigenen Augen beobachtet. Wie denn auch. Sie musste ja um spätestens acht Uhr dreißig ins Bett, damit sie morgens nicht so nörgelig war. Papa sagte immer, Ninna würde sich nach dem Aufstehen benehmen wie das zum Leben erweckte Monster von Frankenstein.

Jenny, Jackie und Milena hatten den Vorfall mit den Matthies-Brüdern vom Spielplatz aus verfolgt. Jetzt kamen sie zu Ninna und Jorina.

„Was war denn los?“, fragte Milena.

„Hast du doch gesehen.“, sagte Ninna, deren Nerven noch immer blank lagen, eine Spur zu schroff.

„Paul Matthies wollte seinen Hund Ninna beißen lassen.“

Typisch Jorina. Immer ein bisschen übertreiben, dachte Ninna. „Wollte er nicht. Aber er hat gesagt, beim nächsten Mal nimmt er ihm den Maulkorb ab.“

„Das sind solche Freaks.“, sagte Jenny.

Ihre Schwester nickte. „Die sind schon voll alt und wohnen noch zuhause.“

„Die Mutter ist ne Hexe. Die kann zaubern. In echt.“

„Quatsch.“, sagte Ninna. „Es gibt keine Hexen.“

Jenny kicherte. „Und die Söhne treiben’s bestimmt mit dem Hund.“

„Ja. Die haben noch nie Frau oder Freundin gehabt, sagt Papa.“

„Solche Leute sind meistens Serienmörder. Die haben bestimmt den Kühlschrank voller abgehackter Köpfe.“

„Haben sie nicht.“, fuhr Ninna Jenny an. „Hör auf immer so’n Scheiß zu sagen.“

Der Zwilling grinste: „Hast du Schiss?“

„Nein—„

„Wohl. Du hast Schiiiiss.“

Jorina kam Ninna zur Hilfe. „Ich hab auch Angst vor denen.“

„Total.“ Milena nickte. Und dann sagte sie: „Vielleicht haben die ja Meret entführt.“

Für einen kurzen Moment war es totenstill im Hof. Die Musik aus Papas Büro war verstummt, fiel Ninna auf. Eine kühle Brise wehte von der Straße herein, ließ verschrumpeltes Laub über den Hof tanzen und die Haare der Kinder flattern.

Vielleicht haben die ja Meret entführt.

Natürlich, dachte Ninna.

Die Matthies-Brüder. Wer sonst. Erwachsene Männer, die noch bei ihrer Mutter lebten. Die keine Frauen hatten und keine Familie.

Die Kinder hassten.

Sie konnte dieselbe Erkenntnis in den Augen der anderen Mädchen lesen. Nicht mal Jenny und Jackie, denen kein morbider Gedanke fremd war, hatten diese Erleuchtung vor Milena gehabt.

Die Matthies-Brüder hatten Meret entführt.

Und was mit ihr gemacht?

Ninna wollte nicht drüber nachdenken, aber die Zwillinge ließen ihr keine Chance.

„Sie haben sie bestimmt eingesperrt und machen Sex mit ihr.“, flüsterte Jenny.

„Das heißt vergewaltigen.“, Jackie bohrte sich in der Nase. „Und dann murksen sie sie ab. Mit dem Messer oder so.“

Ninna hätte sich am Liebsten die Ohren zugehalten.

„Hör auf zu popeln, das ist eklig.“ sagte Jorina zu Jackie, die das, was sie in ihrer Nase gefunden hatte, jetzt auf ihrer Fingerspitze betrachtete, als wäre es ein wertvoller Schatz.

„Willst du was abhaben?“ Jackie schnippte den Popel gegen Jorinas Brust und die machte schreiend einen Sprung nach hinten. Jackie und Jenny lachten schrill. Die Zwillinge standen auf ekliges Zeugs. Rülpsen, furzen, popeln, das alles fanden sie wahnsinnig komisch.

„Hallo Luka.“ rief Milena plötzlich mit leuchtenden Augen und winkte linkisch.

Ninna und die anderen sahen zum Tor.

Luka kam lässig in den Hof geschlendert und warf sich mit einer Kopfbewegung die langen blonden Haare aus dem Gesicht. Seine blauen Augen funkelten. „Na ihr Süßen, alles fit?“

Jorina fiel ihrem Halbbruder um den Hals.

„Der sieht soooo gut aus.“, sagte Milena leise, aber es klang eher wie ein Stöhnen.

„Wirst du geil?“, fragte Jenny.

Milena schlug nach ihr. Die Zwillinge lachten.

Ninna hatte keine Ahnung was geil bedeutete, aber sie wurde auch immer ganz verlegen, wenn sie Luka traf. Melina hatte recht, er sah wirklich unglaublich gut aus. Wie der Junge aus dem letzten Bibi & Tina Film, nur in blond. Allein die Zwillinge schienen immun gegen Lukas Charme. Sie stellten ihm dieselben dämlichen Fragen wie allen anderen, die den Hof betraten.

„Warst du beim Friseur, Luka?“

„Ne.“

„Hast du neue Schuhe?“

„Ne.“

Um nicht noch mehr bescheuerte Fragen zu hören, ging Luka in die Offensive. „He, Milena. Hast du mehr Sommersprossen gekriegt? Sieht süß aus.“

Das Kompliment traf Milena wie ein Schlag mit dem Hammer. Sie lief knallrot an, lächelte debil, schwankte auf ihren Storchenbeinen und für einen Moment sah es so aus, als würde sie in Ohnmacht fallen.

„Jetzt ist sie feucht.“, sagte Jenny grinsend.

Milena grunzte wütend und holte zum Schlag aus. Jenny rannte lachend davon. Milena hinterher. Wenn sie rannte, sah das nicht sehr vorteilhaft aus.

Ninna fragte sich, was Jenny mit feucht werden meinte: Das Milena sich bei Lukas Anblick in die Hose pinkelte?

Luka schüttelte amüsiert den Kopf. „Und? Seid ihr bereit?“ Sein Blick fiel auf Ninna. „Schickes Kostüm, Ninna.“

Ninna wurde heiß im Gesicht. „Danke…“

„Ich hab doch dasselbe.“, sagte Jorina. Sie hasste es, dass alle Mädchen beim Anblick ihres älteren Halbbruders verrückt spielten.

„Ich geh kurz hoch, Papa hallo sagen, dann können wir loslegen.“

„Vergiss nicht den Schlüssel für’n Dachboden.“, sagte Jorina.

„Wozu? Wir können die Treppenhäuser nehmen.“

„Wir gehen aber immer über den Dachboden.“

Ja, dachte Ninna, das gehörte einfach dazu. Die einzelnen Häuser der Wohnanlage waren U-förmig angelegt und über den Dachboden durchgehend miteinander verbunden. Es war Teil der Halloween-Tradition über den dunklen und unheimlichen Dachboden von einem Haus zum anderen zu ziehen.

Luka erwiderte nichts. Die Mädchen sahen ihm nach, wie er zur 101 A ging, wo Jorina mit ihren Eltern wohnte. Jorinas und Lukas Papa machte irgendwas mit Computern. Er arbeitete zuhause, so wie Ninnas Papa, aber man bekam ihn kaum zu sehen. Er war noch nie mit den Kindern zu Halloween losgezogen. Ninna fand, dass er ein ziemlicher Griesgram war.

Milena und Jenny kamen zurück. Milena war immer noch ein bisschen rot und Jenny grinste immer noch dreckig. Jorina funkelte ihre Freundinnen an. „Müsst ihr euch immer so bescheuert benehmen, wenn mein Bruder kommt?“

„Warum wohnt Luka eigentlich nicht bei euch?“, fragte Jackie.

Jorina rollte mit den Augen. „Weil er bei seiner Mutter wohnt. Warum fragst du eigentlich immer dieselben Sachen?“

Genau das fragte sich Ninna auch, aber so waren die Zwillinge eben.

Ein paar Minuten später kehrte Luka zurück. Er trug jetzt einen Freddy-Krüger-Hut (keine Maske, dafür war er wohl zu eitel) und den dazugehörigen Handschuh mit den Plastikklingen. Die Mädchen holten ihre Tüten und Beutel, die sie neben der Schaukel abgestellt hatten und die in Kürze hoffentlich prallvoll mit Süßigkeiten sein würden.

Ninna freute sich. Es ging los. Endlich.

„Hast du den Schlüssel für den Dachboden?“, fragte Jorina ihren Bruder.

Luka schüttelt den Kopf. „Brauchen wir nicht.“

„Doch, brauchen wir wohl.“

Luka ignorierte seine Schwester und ging zurück zur Haustür, aus der er gerade gekommen war. Sie begannen ihre Tour immer im Haus von Jorina, weil es das erste auf der rechten Seite des U’s war. Im Parterre gab es erfahrungsgemäß nichts zu holen, aber im ersten Stock wohnte das nette polnische Ehepaar, deren Kinder bereits ausgezogen waren und die Frau füllte die Tüten der Mädchen großzügig mit kleinen Gummibärchen-Tüten und jeder Menge Schokoriegel. Auch bei den Nachbarn war die Ausbeute für den Anfang schon ganz gut.

Als die Kinder bei Jorina klingeln wollten, schüttelte Luka den Kopf: „Papa hat gesagt, wir sollen nicht stören.“

Aber es war bereits zu spät. Jackie hatte die Klingel gedrückt. Sekunden später öffnete Jorinas Vater die Tür.

Die Mädchen schrien: „Süßes oder Saures!“

„Ihr solltet doch nicht klingeln.“ Jorinas Vater schenkte Luka einen genervten Blick.

Luka zuckte mit den Achseln. „Hab ich ihnen gesagt.“

Jorinas Vater verzog das Gesicht, aber dann lächelte er doch und hielt den Kindern einen Korb mit diversem Süßkram unter die Nase. Während Ninna und die anderen zugriffen, drückte Jorina sich an ihrem Vater vorbei durch die Tür.

„Wo willst du hin?“

„Den Schlüssel für den Dachboden holen.“

Ninna sah, wie Lukas Miene sich verdunkelte. Was stellte der sich denn so an? Hatte er etwa Schiss auf den Dachboden zu gehen? Der Gedanke daran ließ Ninna grinsen.

Ein paar Minuten und mehrere Handvoll Süßigkeiten später schloss Jorina die Stahltür zum Dachboden auf und sie trotteten hintereinander in die muffige Dunkelheit.

„Zusammenbleiben.“, sagte Luka in Befehlston und leuchtete ihnen den Weg mit der Taschenlampenfunktion seines Handys. Abgesehen von den obligatorischen Spinnweben stand der Dachboden zum größten Teil leer. Früher hatten die Leute hier ihre Wäsche aufgehängt, aber im Zeitalter von Trocknern war das vorbei. Hier und da gab es hölzerne kleine Verschläge, die wohl als Lagerräume genutzt worden waren. Doch heutzutage betrat so gut wie niemand mehr den Dachboden. Außer so wie jetzt, zu Halloween.

Nach ein paar Metern erreichten die Kinder die Stahltür zum Obergeschoss des nächsten Hauses. Jorina fummelte mit dem Schlüssel am Schloss herum. Luka wollte ihr den Schlüssel abnehmen, aber sie schlug seine Hand beiseite und dann war die Tür offen. Die Mädchen polterten in den Hausflur.

Sie machten gute Beute bei den Nachbarn im Obergeschoss und dann standen sie vor Ninnas Wohnungstür. Die flog auf, bevor sie die Klingel drücken konnten und Ninnas Papa, hinter einer Freitag-der-13.-Hocky-Maske, stand im Türrahmen, in der erhobenen Hand eine Plastikmachete, und brüllte den Kindern „Süßes oder Saures!“ entgegen.

Alle kreischten vor Schreck, sogar Luka zuckte zusammen und stolperte zwei Schritte nach hinten. Ninnas Papa lachte. Er hielt den Kindern die Schale mit den Süßigkeiten hin, die Ninna mit Mama erst vorgestern eingekauft hatte.

Papa schob die Hockeymaske hoch und grinste Ninna an: „Hast du Spaß, Süße?“

Ninna bejahte, dann zogen sie auch schon weiter.

Unter Ninna wohnte ein pensioniertes Lehrer-Ehepaar, das immer sehr großzügig mit den Süßigkeiten war und auch dieses Jahr nicht enttäuschte. Dann arbeiteten die Mädchen sich mit Luka bis nach unten vor und es ging durch die Haustür wieder hinaus in den Hof.

Es war inzwischen stockfinster und am klaren Abendhimmel leuchteten die Sterne. Die Temperatur war schlagartig gefallen und Ninna fröstelte. Sie sah hoch zu ihrem Balkon. Papa hatte den ausgehöhlten Kürbis wie versprochen auf die Brüstung gestellt und die Kerzen darin angezündet. Die Fratze grinste leuchtend in den Hof hinab. Ninna lächelte zufrieden.

Dann marschierten sie zur nächsten Haustür.

Die 101 C.

Hier wohnten die Matthies-Brüder mit ihrer Mutter. Im Parterre links. Rechts war der Gemeinschaftsraum, dass hieß, es gab erst wieder im ersten Stock etwas zu holen.

Milena drückte ein paar Klingeln (aber natürlich nicht die der Matthies-Familie) und Sekunden später standen sie im Hausflur. Luka und Milena gingen voran, dann die Zwillinge. Ninna und Jorina bildeten den Schluss. Ninna tauschte gerade einen Schokoriegel gegen eine Weingummi-Rolle von Jorina, als Jenny im Vorbeigehen die Klingel der Matthies’ drückte. Dann rannte sie lachend hinter Luka, Milena und ihrer Schwester die Treppe hinauf.

„Bist du bescheuert?“, rief Jorina ihr nach.

Ninna hörte den Schäferhund dumpf kläffen, gefolgt von schweren Schritten im Flur.

„Geh!“, sagte sie panisch und schob Jorina vor sich her.

Aber bevor sie die Treppe erreichten, flog die Tür zur ihrer Linken auf. Ein ekelhafter Geruch wehte in den Flur. Eine Mischung aus asiatischem Essen, kaltem Zigarettenrauch, nassem Hund, altem Mensch und Pipi – ja, es roch nach Pipi. Ninna hatte gehört, dass ältere Leute manchmal wieder Windeln trugen und die Mutter der Matthies-Brüder war steinalt.

„Hey!“

Eine Hand schloss sich um Ninnas Arm und sie konnte nicht anders, sie stieß einen spitzen Schrei aus. Sie starrte in das grimmige Gesicht von Gerd Matthies.

„Ich war das nicht…“, hörte Ninna ihre zitternde Stimme. „Entschuldigung…“

Gerd erwiderte nichts. Die Augen hinter der kleinen Brille starrten Ninna so kalt an wie die eines Reptils. Aus der Wohnung erklang eine Stimme, die sich anhörte wie abgebrochene Kreide auf einer Tafel. „Sind das die Kinder? Halt sie fest, Gerd.“

Frau Matthies.

Die Hexe.

Ninnas Magen zog sich zusammen. Sie blickte zu Jorina, die wie gelähmt am Treppenabsatz stand und kein Wort herausbrachte. Trotz der weißen Schminke auf ihrer Haut glaubte Ninna zu sehen, dass alles Blut aus ihrem Gesicht gewichen war.

Aus dem ersten Stock hörte sie Lukas Stimme: „Wo sind Jorina und Ninna?“ Dem folgte das bescheuerte Kichern von Jenny. Beides klang so unglaublich weit entfernt. Nur insgesamt zwanzig Treppenstufen trennten Ninna und Jorina von den anderen, aber es hätte genauso gut ein ganzer Ozean sein können.

„Lassen Sie mich bitte los.“ Ninnas Stimme war leise und Tränen stiegen ihr in die Augen. Aber Gerds Finger blieben um ihren dünnen Arm geschlossen und es fühlte sich an, als würde ihr sein Griff die Blutzufuhr abschneiden.

Hinter Gerd tauchten zwei Gestalten im Flur auf.

Eine war Paul Matthies. Die andere war eine gebückte Figur, die sich mit langen, spinnenbeinartigen Fingern um Pauls muskulösen Unterarm krallte. Von ihrem Kopf stand nikotingelbes Haar in alle Richtungen ab. Ihr fragiler Körper war derart nach vorn gebeugt, das man auf ihrem Rücken ein Glas hätte abstellen können. Dürre Beine ragten aus einem zerschlissenen Nachthemd und die Füße in schmutzigen Filzpantoffeln schlurften ohne sich zu Heben über die Dielen.

Paul führte seine Mutter zur Tür. Ein langes, faltenzerfurchtes Gesicht, mit bleicher Haut, die sich über den Schädelknochen spannte wie Pergamentpapier. Gekrönt von einer enormen Nase. Wässrige, von roten Adern durchzogene graue Augen, die Ninna von oben bis unten musterten.

„Hast du geschellt?“, fragte die alte Frau und der Gestank, der dabei aus ihrem zahnlosen Mund kam, ließ Ninna beinahe würgen.

„Nein, ich—„

„Lüg nicht.“, sagte Paul.

„Ich—„

Ein Lächeln verzog die blutlosen Lippen von Frau Matthies. „Süßes oder Saures, stimmt’s?“

Ninna nickte bloß. Aus den Augenwinkeln schielte sie zur Treppe und sah, dass Jorina nicht mehr da war. Sie war abgehauen. Sie hatte sie im Stich gelassen.

Ninna war allein.

Die Alte nahm ihren Blick nicht von Ninna, als sie fragte: „Was meint ihr, Jungs? Was soll sie kriegen? Süßes oder Saures?“

„Saures.“, sagte Paul.

„Saures.“, wiederholte Gerd und ein dreckiges Grinsen verzog seine wulstigen Lippen.

Frau Matthies lachte ein schrilles Lachen.

Ninna spürte, wie ein paar Tropfen Pipi ihre Unterhose tränkten.

Und sie sah einen Film vor ihrem Auge ablaufen: Gerd riss sie in die Wohnung und schlug die Tür ins Schloss. Erstickte Ninnas Schrei mit einer schwieligen Hand über ihrem Mund. Stieß sie in die Küche, wo die alte Frau Matthies mit Latz und Messer und Gabel bereits am Tisch saß. Der Ofen war an, und hinter der Glasscheibe sah Ninna, dass etwas gebraten wurde. Ein Kind. Die verschwundene Meret, deren tote Augen Ninna aus dem Ofen heraus anstarrten, bevor sie unter der Hitze platzten und die Augäpfel gegen die Scheibe prallten. Frau Matthies lächelte Ninna an und sagte: „Setz dich, Kind. Du bist erst der Nachtisch.“

„Meine Mutter hat mit dir geredet.“ Gerd schüttelte Ninna und der Film in ihrem Kopf stoppte abrupt.

„Was?“

„Wie heißt du?“, fragte die Alte noch einmal.

„Ni-Ninna.“

„Dann greif mal zu, Ninna.“

Erst jetzt bemerkte Ninna die mit bunten Blumen verzierte Porzellanschale, die Frau Matthies in ihrer von Altersflecken übersäten Hand hielt. Drinnen lagen diverse Bonbons, dem verblichenen Papier nach zu urteilen wohl noch aus Frau Matthies’ eigener Kindheit.

„Na los.“, sagte die alte Frau.

Erst jetzt merkte Ninna, dass Gerd sie nicht länger festhielt. Sie griff mit zitternden Fingern in die Schale und nahm sich eine Handvoll Bonbons. Sie hörte Schritte und bemerkte aus den Augenwinkeln jemanden die Treppe hinab kommen.

„Ninna, alles okay?“

Sie drehte den Kopf zu Luka, der jetzt neben ihr stand und die Matthies-Familie anstarrte.

„Ja..“

„Auch ein Bonbon, mein Junge?“, fragte Frau Matthies und schüttelte die Schale. Ihr Blick bohrte sich in Lukas Augen wie die Strahlen eines Röntgengeräts.

Luka trat nervös von einem Bahn aufs andere, und Ninna hätte schwören können, dass er erfolglos versuchte seinen Blick von Matthies abzuwenden. „Nein danke.“

„Natürlich. Bist ja auch zu alt für so was.“

Als der Blick der alten Frau sich wieder von Luka löste, sah er so erleichtert aus wie jemand, dem es endlich gelungen war den Finger aus einer unter Strom stehenden Steckdose zu ziehen.

Die knorrigen Finger von Frau Matthies berührten Ninnas Wange. „Ich wünsch dir noch ganz viel Spaß, mein süßes Mädchen.“ Dann wandte sie sich ab und ließ sich von Paul zurück in die dunkle Wohnung führen. Gerd schenkte Ninna und Luka noch einen finsteren Blick, bevor er die Tür schloss. Ninna hört die schlurfenden Schritte der Alten leiser werden und schließlich ganz verstummen.

Ninna starrte auf die Bonbons in ihrer Hand.

„Schmeiß die bloß weg.“, sagte Luka angewidert und wischte sich den Schweiß, der ihm plötzlich ausgebrochen war, von der Stirn. „Komm, die anderen warten.“

Ninna folgte Luka auf weichen Knien in den zweiten Stock.

„Alles okay?“, fragte Jorina.

Jenny und Jackie grinsten dämlich.

„Haben die Freaks dir was gegeben?“, fragte Jenny.

„Ja.“ Ninna schleuderte die Bonbons der alten Frau Matthies mit Wucht auf Jenny.

Zwei prallten hart von ihrem Kopf ab und Jenny stieß einen Schmerzensschrei aus. „Spinnst du?“

„Du blöde Kuh! Warum hast du bei denen geklingelt?“ Ninna, deren Angst sich jetzt in Wut verwandelte, machte einen drohenden Schritt auf die größere Jenny zu.

Luka trat schnell dazwischen. „Kommt, Mädels. Lasst gut sein.“

„Das war echt voll scheiße von dir, Jenny.“, sagte Jorina.

Jenny zuckte nur mit den Achseln.

„Lasst uns einfach weitermachen.“, sagte Milena. „Aber es war echt total blöd, Jenny.“

„War doch nur’n Spaß.“

„Was du spaßig findest, ist voll behindert.“, sagte Ninna.

„Behindert sagt man gar nicht.“

„Stimmt, behindert ist man. So wie du, Jenny. Im Kopf.“

Luka grinste. „Okay, jetzt hört mal auf. Schließt Frieden.“

Jenny hielt Ninna blöd grinsend ihre Hand hin. „Frieden?“

Ninna war noch nie der Typ gewesen, der lange sauer sein konnte. Sie seufzte und schüttelte Jennys Hand. „Frieden.“

„Dann können wir ja endlich weitermachen.“ Jorina drückte die Klingel der Wohnung zu ihrer Linken. Die Tür flog auf und eine gruselige Ork-Maske schob sich durch den Spalt. Die Mädchen quiekten vor Schreck. Der Ork, er hieß eigentlich Torben und war Student, lachte.

„Süßes oder Saures.“, riefen die Mädchen.

Der Ork hielt eine Tüte mit Schokokeksen durch die Tür und die Kinder griffen zu.

So ging es weiter bis zum Dachgeschoss.

„Habt ihr nicht langsam genug?“, fragte Luka, mit Blick auf die vollen Beutel der Mädchen, als Jorina wieder den Schlüssel in die Stahltür zum Dachboden steckte.

„Noch wenigstens den nächsten Hausflur.“ sagte Jorina. Die anderen Mädchen nickten zustimmend. Bevor Luka protestieren konnte, hatte Jorina die Tür bereits geöffnet und verschwand in der Dunkelheit des Dachbodens.

Luka drängte sich hektisch an den anderen Kindern vorbei und hielt seine Schwester auf. „Stopp. Alle in einer Reihe. Ich leuchte den Weg. Niemand bleibt stehen oder treibt sich im Dunkeln rum, verstanden?“

Jorina lachte. „Sag mal, Luka, hast du Angst auf dem Dachboden?“

„Halt die Klappe, Jorina.“, schnauzte Luka seine Schwester mit überraschend scharfem Ton an. „Habt ihr mich verstanden?“

„Du meine Güte, mach dich locker. Ja, verstanden.“

Luka sah Ninna und die anderen grimmig an. „Ihr auch?“

Die Mädchen bejahten. Jenny und Jackie grinsten hämisch. Ninna tat Luka ein wenig leid. War doch okay, wenn man Angst auf einem dunklen Dachboden hatte. Auch wenn man schon achtzehn Jahre alt war.

Sie schoben sich durch die Tür auf den Dachboden und diesmal nahm Luka seiner Schwester den Schlüssel ab. Er verschloss die Eisentür wieder von innen. Dann setzte er sich an die Spitze der Gruppe und leuchtete wieder den Weg mit seinem Handy.

Ninna ging als letzte. Sie dachte an die alte Frau Matthies. An die Angst, die sie verspürt hatte. Daran, wie sie sich beinahe in die Hose gemacht hatte. An den grausigen Film, der sich in ihrem Kopf abspielte, als sie dachte, ihre letzte Stunde hätte geschlagen. Und dann hatte ihr die Alte die Bonbons hingehalten. Ein Trick? Um sie in Sicherheit zu wiegen? Was wäre passiert, wenn Luka nicht rechtzeitig wieder die Treppe hinab gekommen wäre?

Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken.

Sie zuckte zusammen.

Oh Gott, dachte sie, bitte keine Ratte.

Da war es wieder.

Nein. Das war keine Ratte. Das war ein… Grunzen?

Ninna blieb stehen.

Blinzelte nach rechts in die Dunkelheit. Da war einer dieser aus Holz und Pappe gezimmerten Verschläge. Ehe sie wusste, was sie tat, ging sie hinüber. Erst später realisierte sie, dass sie unterbewusst bereits eine Ahnung gehabt haben musste, sonst wäre sie nicht so zielstrebig losmarschiert.

Sie hörte, dass die anderen die Stahltür zum nächsten Hausflur erreicht hatten, aber sie ging weiter auf den Verschlag zu, bis sie direkt davor stand.

Das Grunzen erklang wieder und Ninna sah durch einen Spalt im Holz eine Bewegung.

Sie beugte sich vor.

Blickte in ein weit aufgerissenes Auge, dass sich von der anderen Seite gegen die Wand des Verschlags presste.

Ninna erstarrte.

Das Grunzen wurde lauter, hektischer. Ein Körper stieß von innen gegen das Holz.

Meret.

Obwohl sie nur ein Auge sah, wusste Ninna sofort, dass es die verschwundene Meret war, die in dem Verschlag hockte.

„Meret?“

Wieder nur Grunzen. Natürlich. Man hatte sie geknebelt.

„Ich bin’s, Ninna. Wir kennen uns vom Spielplatz. Keine Angst, ich hol Hilfe, okay?“

Ninna wirbelte herum.

Und stieß mit jemandem zusammen. Ihr Rücken prallte gegen den Verschlag und brachte ihn zum Beben.

Eine Gestalt stand vor ihr.

Einer der Matthies-Brüder. Die Kerle hatten die Kinder bis auf den Dachboden verfolgt. Um zu verhindern, dass sie Meret finden—

„Ich hab doch gesagt, ihr sollt euch nicht rumtreiben.“

Erleichterung durchflutete Ninnas Körper.

Es war Luka. Nicht die Matthies-Brüder.

„Luka, ich hab Meret gefunden. Das verschwundene Mädchen. Sie ist hier. Sie ist—„

„Sshht.“ Luka hielt ihr ein Messer an den Hals. Es war klein, aber Ninna spürte, wie scharf die Klinge war, als sich die Kante gegen ihren Kehlkopf presste.

Luka?

Sein hübsches Gesicht war jetzt dicht vor ihrem. Er blies sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Meine Scheißschwester musste ja unbedingt den Dachbodenschlüssel holen.“

„Luka…“

„Halt die Klappe, Ninna. Ein Wort, ein Schrei und ich stech dich ab wie’n Schwein.“

Während er mit der Rechten das Messer an Ninnas Hals gedrückt hielt, schob Luka mit der Linken einen Schlüssel in das Vorhängeschloss am Verschlag.

Ninna schielte aus den Augenwinkeln in die Dunkelheit des Dachbodens.

Wo waren die anderen?

Dann hörte Ninna ihre Stimmen. Dumpf. Weit entfernt. Sie waren bereits im Hausflur.

Ninna wurde klar, was passiert war. Luka hatte ihr Verschwinden bemerkt, hatte die anderen in den Hausflür geschickt und dann die Tür von innen hinter ihnen abgeschlossen.

Sie war allein. Niemand konnte ihr helfen.

Aber Jorina, Melina, Jackie und Jenny würden sich doch jeden Moment fragen, wo denn Luka und Ninna geblieben waren, oder? Das konnte nicht lange dauern, stimmt’s? Sie würden jemandem Bescheid sagen. Na klar. Ninnas Papas. Jorinas Papa. Die würden nach ihnen suchen. Und sie finden. Auf jeden Fall. Nur wie lange würden sie dafür brauchen? Zehn Minuten? Zwanzig?

Luka packte Ninna und stieß sie grob durch die offene Tür in den Verschlag. Sie verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Hintern. Direkt neben Meret. Deren Augen waren weit aufgerissen. Das Haar klebte ihr schweißnass auf der Stirn. Ihr Atem kam schnaufend durch die Nasenlöcher, der Mund war mit breitem Panzerband verklebt. Jetzt erst stieg Ninna der üble Geruch von Kot und Urin in die Nase. Meret hatte sich in die Hosen gemacht, weil Luka natürlich auch ihre Arme und Beine mit dem Klebeband gefesselt hatte.

Jorinas Bruder. Der schöne, lustige, liebenswerte Luka hatte Meret entführt.

Und sie hier auf dem Dachboden versteckt. Klar, an den Schlüssel zu gelangen war für ihn ja kein Problem.

Aber was hatte er mit Meret gemacht?

Oder wollte er mit ihr machen?

Dasselbe, was er jetzt auch mit Ninna tun würde?

Ninna wurde schwindelig und sie wäre gestürzt, wenn sie nicht bereits am Boden gesessen hätte.

Luka stand breitbeinig über den Mädchen, das Messer in der rechten Hand. „Mann, Ninna, du hast mir alles versaut. Das ist echt scheiße von dir.“ Er leckte sich über die Lippen. „Hast Glück, dass ich dich mag. Ich mag euch beide. Ihr müsst keine Angst vor mir haben. Ich werd nett zu euch sein. Wenn ihr nett zu mir seid. Ihr könnt doch nett zu mir sein, oder?“

Lukas Worte wurden immer undeutlicher, übertönt vom Rauschen ihres Blutes, dass wie ein gigantischer Wasserfall in Ninnas Ohren toste.

Sie dachte an Papa, der nur wenige Meter entfernt an seinem Computer saß und keine Ahnung hatte, was seiner Tochter widerfahren würde. Sie dachte an Mama, die beruflich in Karlsruhe war und gerade wahrscheinlich mit ihren Kollegen im Hotel Abendbrot essen würde.

„Ich sag’s nicht noch mal. Zieh dich aus.“ Luka hatte sich vorgebeugt. Er war nicht mehr schön. Er war hässlich. Eine widerliche Fratze.

Ein Monster, das aus dem Mund nach Tic-Tacs roch.

Ninna fing laut an zu schluchzen.

Sie sah, wie Luka seine Hand nach ihr ausstreckte.

Und dann explodierte etwas durch die Seitenwand des Verschlags. Ein klobiger Armeestiefel. Große Hände rissen das dünne Holz und die Pappe auseinander, so wie der Hulk ein Gebäude in den Comics von Papa.

Luka wirbelte herum.

Gerd Matthies’ dicke Finger bekamen Lukas Messerhand zu fassen und brachen sein Gelenk mit einer ruckartigen Bewegung. Luka schrie vor Schmerz. Das Messer fiel zu Boden. Gerd pflanzte seine Faust in Lukas Gesicht und zertrümmerte ihm die Nase. Blut sprudelte über Lukas Gesicht.

Paul Matthies war auch da. Er kniete neben Ninna und Meret nieder. Er nahm Lukas Messer und durchschnitt das Klebeband, das Merets Handgelenke und Knöchel fesselte. „Achtung, das tut jetzt weh.“, sagte er und riss das Panzerband von Merets Mund. Sie schnappte wimmernd nach Luft.

„Alles gut.“, sagte Paul leise. „Alles gut.“ Er half Ninna auf die Beine, dann hob er die kraftlose Meret auf seine starken Arme. Er trug sie aus dem Verschlag und über den Dachboden zur offenen Tür, die in den Hausflur der 101 C führte.

Gerd zerrte den vor Schmerzen winselnden Luka hinterher. Sah dabei über die Schulter zu Ninna. „Kannst du gehen?“

Sie nickte und folgte wie in Trance.

Das Licht im Hausflur erschien ihr unglaublich grell.

Sie gingen runter ins Erdgeschoss.

Die dürre, gekrümmte Gestalt der alten Frau Matthies stand in der offenen Wohnungstür. Neben ihr saß der Schäferhund. „Ich hatte also recht.“, sagte sie, als ihre Söhne mit Ninna, Meret und Luka die Treppe hinab kamen.

Ninna dachte daran, wie Frau Matthies’ Blick Luka durchbohrt hatte, als er zurückkam, um nach ihr zu sehen. Sie hatte ihn gescannt. Geröntgt. Durchschaut. Hatte in ihm gelesen, wie in einem Buch.

Paul nickte. „Du hattest recht, Mama.“ Er stellte Meret am Boden ab. Sie schwankte auf wackeligen Beinen. Gerd sah zu Ninna. „Kannst du sie stützen?“

Ninna nickte. Sie legte einen Arm um Merets Hüften. Das Mädchen schenkte ihr den Anflug eines dankbaren Lächelns und lehnte sich Nähe suchend an Ninnas Körper.

„Bitte…“, wimmerte Luka, dem Rotz, Blut und Tränen übers Gesicht liefen. „Ich will zu meinem Vater.“

Gerd und Paul sahen zu ihrer Mutter.

„Bringt ihn rein.“

„Was? Nein! Ich will nicht—„

Gerd stieß Luka an seiner Mutter vorbei in die Wohnung. Luka schlug der Länge nach hin. Der Schäferhund schnappte knurrend nach seinen Knöcheln und Luka zog weinend die Beine an.

Frau Matthies blickte Ninna und Meret in die Augen. „Hat er euch was angetan?“

„Er wollte…“, sagte Ninna und sah dann zu Meret, in der Hoffnung, dass Luka ihr in den vergangenen zwei Tagen nicht bereits etwas angetan hatte.

Zu ihrer Erleichterung nickte Meret. „Er wollte.“

„Jetzt nicht mehr.“, sagte Frau Matthies und drehte sich um.

Erst jetzt bemerkte Ninna, dass Gerd Luka die Jeans und seine Boxershorts nach unten gezerrt hatte. Luka wagte es nicht, sich zu rühren, weil die spitzen gelben Zähne des knurrenden Schäferhunds dicht an seinem Hals waren.

Der Anblick von Lukas nacktem Pimmel ließ Ninna die Kotze im Hals hochsteigen.

Gerd half seiner Mutter neben Luka in die Knie zu gehen. Die Alte stöhnte leise und ihre morschen Knochen knackten.

„Geht nach Hause, Mädchen.“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Genießt euer Leben.“

Ninna und Meret sahen noch, wie die alte Frau nach Lukas Pimmel griff und ihr Gerd eine Schere reichte.

Eine große Schere.

Dann schloss Paul den beiden Kindern die Tür vor der Nase und sie hörten Frau Matthies’ schrille Lache, als sie fragte: „Süßes oder Saures, Luka? Süßes oder Saures?“