Kurzgeschichte „Frohe Weihnachten“

Veröffentlicht 20. Dezember 2016 in Kurzgeschichten

Als sich die Panzer vor ihnen aus dem Zwielicht der Abenddämmerung materialisieren, werfen sie sich herum und rennen um ihr Leben.

Sekunden später zerreißen die ersten Granaten die gefrorene Erde.

Und Bernd Küppers aus Hattingen, der nur wenige Meter neben Heinz läuft.

Ein Regen aus Dreck und Blut und Eingeweiden prasselt auf Heinz nieder, während ihn die Druckwelle der Explosion beinahe von den Füßen schleudert. Er taumelt, fängt sich, läuft weiter.

Hinter ihm beginnen die Bord-MG’s der T-34 Panzer Erde und deutsche Soldaten zu durchpflügen wie Traktoren ein Feld.

Aus den Augenwinkeln sieht Heinz Kameraden stürzen und nicht wieder aufstehen. Sein keuchender Atem tanzt vor ihm in der Luft und die eisige Kälte schneidet wie ein Messer durch seine Lungen; in seinen Ohren ein Orchester aus dröhnenden Dieselmotoren, dumpf wummernden Kanonen und ratternden Maschinengewehren.

Niemand schreit.

Niemand hat Zeit oder Atem zum Schreien.

Alles was zählt, ist es den Wald zu erreichen, dessen Rand sie vor einer Viertelstunde aus Osten kommend passiert haben. Der ist zu dicht für die Panzer. Ihre einzige Chance den eisernen Ungetümen zu entkommen.

Ein Mann stürzt direkt vor Heinz vom Himmel und bleibt verkrümmt am Boden liegen. Beide Beine fehlen und das aus den Stümpfen sprudelnde Blut hebt sich grell vom Weiß des Schnees ab. Das Gesicht des Soldaten ist mit einem zerlumpten Schal umwickelt, die Augen in dem Schlitz dazwischen weit aufgerissen, doch Heinz kann nicht erkennen, wer es ist, und selbst wenn er es könnte, würde er nicht stehenbleiben.

Er springt über den verstümmelten Körper hinweg.

Da ist der Wald.

Fünfzig Meter.

Die Druckwelle einer Explosion wirft ihn nach vorn und auf die Knie. Sein Gewehr schlittert über den gefrorenen Schnee.

Eine Hand packt ihn, zerrt ihn wieder hoch. Der Leutnant. Keine Zeit sich zu bedanken. Keine Zeit das Gewehr aufzuheben.

Weiter.

Vor ihnen explodiert eine Panzergranate im Wald und ein Baum verschwindet in einer Wolke aus Schnee und Holzsplittern. Die Panzer mögen nicht in den Wald hineinfahren können, aber das heißt nicht, dass Heinz und seine Kameraden dort sicher sind. Nicht bevor sie außer Reichweite der Geschütze gelangen.

Heinz tut, was er nicht tun sollte.

Er wirft einen Blick zurück.

Sieht einen Soldaten stürzen und unter den Ketten eines Panzers verschwinden.

Sieht den mit Dutzenden dunklen Formen übersäten Boden. Die Körper seiner Kameraden: zerfetzt und durchlöchert von MG’s und Kanonen, ihre Überreste ein abstraktes Gemälde auf einer Leinwand aus Schnee.

Er sieht wieder nach vorn. Nur noch wenige Meter bis zum Waldrand. Der Leutnant ist bereits da. Zwei, drei weitere Soldaten ebenfalls.

Dann stürmt Heinz durch eine Lücke zwischen zwei Bäumen, ein Ast peitscht über seine Wange und reißt die Haut auf, aber das spürt er kaum, die eisige Kälte hat sein Gesicht betäubt.

„Nicht stehenbleiben!“, schreit der Leutnant, der genau das getan hat und sich mit einer Hand keuchend an einem Baum abstützt, während er mit der anderen die Männer an sich vorbei winkt.

Ein paar Meter entfernt explodiert wieder eine Panzergranate zwischen den Bäumen. Eine Ladung Schnee stürzt durch die Erschütterung von oben auf Heinz hinab und ein Teil davon verschwindet wie die eisige Knochenhand des Todes in seinem Nacken.

Er rennt, er stolpert, er wankt, er taumelt, er fällt, er zieht sich an einem Baum wieder hoch, rennt weiter.

Er weiß nicht wie lange.

Er weiß nicht in welche Himmelsrichtung.

Er hat jede Orientierung verloren.

Es ist bereits dunkel, als sie stoppen und auf einer kleinen Lichtung zusammenbrechen. Nichts ist zu hören, außer ihrem eigenen, keuchenden Atem und dem bellenden Husten von Franz Hirschberg aus dem dritten Zug.

Erst jetzt versucht Heinz die Gesichter der anderen Männer, die es mit ihm bis hierher geschafft haben, in der Finsternis des Waldes auszumachen. Es sind Fünf: der Leutnant, Franz Hirschberg, Gerd Wattcke, ebenfalls aus dem dritten Zug, Arkadi Schreiber, ein Halb-Ukrainer, der der Kompanie als Dolmetscher zugeteilt ist und einer, dessen Namen er nicht kennt.

„W-was, w-wenn sie uns ver-verfolgen?“, fragt Franz, als sein Hustenanfall vorüber ist.

„Dann kriegen sie uns.“, sagt Wattcke. „Ich bin durch. Ich kann nicht mehr. Sollen sie mich erschießen.“

„Du kannst von Glück reden, wenn sie dich gleich erschießen.“, sagt Arkadi, während er die löchrigen Lappen, die in Ermangelung von Handschuhen seine Finger schützen sollen, von den Händen wickelt. Er stöhnt vor Schmerz.

Heinz sieht, dass der Ukrainer an mindestens vier von zehn Fingern Erfrierungen hat. Der wird kein Gewehr mehr halten, geschweige denn abfeuern.

„Sechs Mann.“, flüstert der Leutnant mit heiserer Stimme und lässt den Kopf nach unten hängen. „Sechs Mann…“

Bevor die Panzer kamen waren es zweiundfünfzig Mann gewesen. Der Rest ihrer Kompanie mit dem sie wieder zum Bataillon stoßen wollten.

Sechs von zweiundfünfzig.

Möglich, dass irgendwo im Wald noch andere Überlende hocken, aber Heinz hat so ein Gefühl, dass das nicht der Fall ist.

„Was tun wir jetzt?“, fragt der Mann, dessen Namen Heinz nicht kennt. Er hat die Frage an den Leutnant gerichtet, aber es ist Wattcke, der antwortet: „Wir sehen zu, dass wir die Nacht rumkriegen ohne zu erfrieren.“

„Sollten wir nicht besser weitergehen?“

Wattcke sieht den Mann ohne Namen an. „Im Dunkeln? Ohne zu wissen, wo wir sind?“

„Hat jemand einen funktionierenden Kompass?“, fragt der Leutnant.

Niemand antwortet.

Heinz versucht zwischen den Baumspitzen den Nachthimmel auszumachen. Am Nachmittag hatte eine dunkle Wolkendecke, schwanger mit dem nächsten Schneefall, über dem Land gelegen, und auch jetzt hat sich das nicht geändert. Keine Sterne zu sehen, an denen sie sich orientieren könnten.

„Wir warten bis Tagesanbruch, dann sehen wir weiter.“, sagt der Leutnant.

„K-k-können w-w-ir ein F-f-feuer m-m-achen?“, fragt Franz, dessen Körper so sehr zittert, als würde unter ihm die Erde beben.

Sie müssen ein Feuer machen, wenn sie überleben wollen, das weiß Heinz. Er spürt seine Füße in den ausgelatschten, löchrigen Stiefeln nicht mehr und hofft, dass noch keine Zehen erfroren sind, so wie die Finger des Dolmetschers.

Der Leutnant steht auf und beginnt wortlos Holz zu sammeln. Alle außer Franz helfen. Das arme Schwein ist zu sehr mit Zittern beschäftigt. Es dauert eine Weile, bis sie das feuchte Holz zum Brennen bekommen, aber schließlich lodern Flammen hell und warm auf der Lichtung, und die Männer drängen sich dicht um das Feuer zusammen.

Der Major hatte sie die Dorfbewohner auf der Straße zusammentreiben lassen und jetzt wühlten sich die Soldaten auf der Suche nach Proviant wie Maulwürfe durch die bunten Holzhäuser. Die Menschen hier hatten nicht viel, aber das, was sie hatten, wanderte in die Taschen der Wehrmacht.

Heinz war mit ein paar anderen zur Bewachung der Russen abgestellt worden und rauchte, das Gewehr in der rechten Armbeuge ruhend, eine Zigarette, die er mit Bernd Küppers gegen sein letztes Stück Schokolade getauscht hatte.

Es waren ausnahmslos Frauen und Kinder, die ihn verängstigt oder mit unverhohlenem Hass anstarrten. Die Frauen mit bunten Kopftüchern und Kleidern, die sie gegen die Kälte in mehreren Schichten übereinander trugen. Heinz sah faltenzerfurchte Gesichter, von einem harten Leben in einem harten Land gezeichnet, aber auch erstaunlich schöne junge Frauen, die in diesem kalten Klima besonders zu gedeihen schienen. Das war ihm schon so oft aufgefallen.

Eine der Frauen, vielleicht Anfang Zwanzig, also nicht viel jünger als Heinz, war besonders hübsch, und als sie zu ihm rüber blickte schenkte er ihr ein warmes Lächeln. Er wollte nicht, dass sie Angst hatte. Zu seiner Überraschung erwiderte sie sein Lächeln. Ein scheues, liebliches Lächeln, ganz kurz nur, weil sie sicher nicht wollte, dass ihre Landsleute bemerkten, wie sie den Feind anlächelte.

Heinz’ Herzschlag beschleunigte sich, und wie so oft zuvor wünschte er sich, der verdammte Krieg wäre endlich zu Ende.

Der Mann ohne Namen hat zwei Fleischkonserven aus den Taschen seines Wintermantels gezaubert und sie tauen die Büchsen an Stöcken hängend über dem Feuer auf, bevor sie den Inhalt glühend heiß aus dem Blech pulen und sich in den Mund schieben. Heinz füttert Arkadi, weil die erfrorenen Finger des Dolmetschers das Fleisch alleine nicht halten können. Die Männer bringen Schnee in ihren Näpfen zum Schmelzen, kochen das Wasser und trinken es so heiß, wie nur möglich. Das alles schweigend, ohne ein unnötiges Wort.

Bis der Leutnant plötzlich sagt: „Es ist Weihnachten.“

Heinz weiß das, aber er hat es verdrängt.

Weihnachten, das ist für ihn Wärme und Liebe und gutes Essen im Kreis der Familie. Zwar gepaart mit dem ein oder anderen Streit, den das Zusammentreffen aller Familienmitglieder unweigerlich mit sich bringt, aber dennoch die schönste Zeit im Jahr. Weihnachten, das ist das Fällen einer Tanne im Wald hinter dem Haus, das Schmücken des Baumes mit Christbaum-Kugeln, Lametta und Kerzen. Das Trinken von warmem Grog mit seinem Vater und seinen Brüdern, wenn die Frauen und Kinder längst im Bett liegen.

Heinz’ Brüder haben ihr letztes Weinachten bereits gefeiert, beide sind im Sommer gestorben, der eine hier in Russland, der andere irgendwo in Italien. Laut dem letzten Brief seiner Mutter im November geht es dem Rest der Familie gut. Den Witwen seiner Brüder, seinen drei Neffen und zwei Nichten und seinen Eltern. Aber die Bombenangriffe der Alliierten werden häufiger und heftiger, hat sie geschrieben, und sie denken darüber nach die Kinder aufs Land zu schicken, so wie es viele andere bereits getan haben. Der Gedanke an seine Familie treibt Heinz die Tränen in die Augen und er verflucht den Leutnant, weil der Idiot unbedingt Weihnachten erwähnen musste.

Die Ausbeute im Dorf war gering und der Major wütend. Unglaublich wütend. Der überraschende Vorstoß der Bolschewiken hatte sie vom Rest des Bataillons abgeschnitten. An Verpflegung und Munition besaßen sie nur, was sie am Mann trugen, und das war nicht viel. Um nicht zu sagen gar nichts. Die ohnehin miese Stimmung der Männer sank so tief wie die eisigen Temperaturen. Niemand wollte es zugeben, am allerwenigsten der Major, aber alle hatten eine Scheißangst, dass die Russen sie erwischen würden, bevor sie es zurück zum Rest der Truppe schafften. Was das bedeutete war ihnen klar. Die Russen machten keine Gefangenen. Und ob Gefangenschaft ein besseres Schicksal als Tod war, die Frage würden die meisten Männer sowieso mit „Nein“ beantworten.

Heinz versuchte noch einen letzten Zug vom bis auf seine Finger heruntergebrannten Stummel der Zigarette zu nehmen, als der Major plötzlich vor die Dorfbewohner trat, seine Walther aus dem rissigen Lederholster zog und einer alten Frau ohne Vorwarnung in die Stirn schoss.

Heinz fiel vor Schreck die Kippe aus dem Mund. Die Dorfbewohner begannen panisch zu schreien. Ein Junge wollte weglaufen und wurde von Bernd Küppers mit dem Gewehrkolben in den Schnee geprügelt. Die kleineren Kinder klammerten sich weinend an die Frauen.

Der Major schrie mit sich überschlagender Stimme. Er wollte wissen, wo die Dorfbewohner „das Fressen“ versteckt hatten, raus mit der Sprache, oder er würde sie alle abknallen. Arkadi übersetzte, aber die tränenüberströmten, zu Tode verängstigten Frauen bestanden darauf, dass sie nichts hatten, wirklich nicht.

Heinz glaubte ihnen. Der Major wahrscheinlich auch, aber er wollte es nicht wahrhaben. Er stand einen Moment mit gesenktem Kopf da, dann befahl er Heinz und den anderen „das Pack“ in die Kirche zu treiben.

Der Leutnant fängt leise an zu singen: „Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft, einsam wacht nur das traute hoch heilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.“ Er hat eine erstaunlich schöne Stimme, der Leutnant. Hell und klar.

Wattcke schnauft genervt, aber Heinz spürt wieder, wie ihm die Tränen in die Augen steigen.

„Stille Nacht. Heilige Nacht. Gottes Sohn, o wie lacht.“, singt der Leutnant weiter.

Franz Hirschberg fällt mit ein. „L-lieb aus d-d-einem göttlichen M-m-mund, d-d-da uns schlägt die re-re-rettende S-stu-und.“ Seine zitternde Stimme tut der Schönheit des Moments keinen Abbruch.

Heinz hört eine dritte Stimme und erst nach ein paar Worten wird ihm klar, dass es seine eigene ist: „Jesus in deiner Geburt. Jesus in deiner Geburt.“

Und bei der nächsten Strophe singen dann auch der Mann ohne Namen und Wattcke. „Stille Nacht. Heilige Nacht. Die der Welt Heil gebracht, aus des Himmels goldenen Höh’n uns der Gnade Fülle lässt sehn: Jesum in Menschengestalt. Jesum in Menschengestalt.“

Dann wird Franz Hirschberg wieder von einem Hustenanfall durchgeschüttelt und ihr Gesang verstummt.

Arkadi klopft Franz in einer hilflosen Geste auf den Rücken, als wäre ihm bloß etwas im Hals stecken geblieben. Das Husten klingt grässlich, feucht und rasselnd, und Heinz erwartet fast, zu sehen, wie Franz seine gepeinigten Lungen in den Schnee spuckt. Irgendwann, es erscheint Heinz wie eine Ewigkeit, hört er endlich auf zu husten und bleibt so weit vornüber gebeugt sitzen, dass sein Stahlhelm beinahe die lodernden Flammen berührt. Jetzt rasselt nur noch sein Atem, ungefähr so laut wie die Ketten der russischen Panzer.

„Frohe Weihnachten, Männer.“, sagt der Leutnant mit brüchiger Stimme.

„Frohe Weihnachten.“, sagt Heinz, während Tränen warm sein Gesicht hinab rinnen.

Bilder flackern durch seinen Kopf wie ein Film im Kino: Der Krieg ist vorüber und er ist mit der schönen jungen Russin aus dem Dorf verheiratet. Sie haben Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, und sie leben idyllisch in einem alten Fachwerkhaus am Fluss. Es ist Weihnachten, Wald und Wiesen sind mit Schnee bedeckt und Heinz hat mit seinen Kindern eine Tanne im Wald gehackt, die sie am Heiligen Abend gemeinsam schmücken, während im Dorf die Glocken zur Christmesse läuten.

Dann hört er die Äste knacken.

Die anderen hören es auch.

Der Leutnant springt auf und fummelt mit steifen Fingern die Pistole aus seinem Holster. Wattcke und der Mann ohne Namen haben ihre Sturmgewehre hochgerissen. Arkadi hat es auch versucht, aber die Waffe ist seinen erfrorenen Fingern sofort wieder entglitten. Franz hat nur den Kopf gehoben und starrt mit von dunklen Ringen umgebenen Augen in die Dunkelheit.

Heinz steht da, seine behandschuhten Hände leer, weil sein Gewehr irgendwo draußen vor dem Wald im Schnee liegt, zusammen mit den Leichen der von den Panzern massakrierten Kameraden.

Die Männer blinzeln angestrengt, weil sie so lange ins Feuer gestarrt haben und versuchen in der Schwärze der Nacht irgendetwas zu erkennen, während ihr Atem vor ihnen in der Luft verdampft.

Heinz erwartet jeden Moment zu spüren, wie die Geschosse der Russen, die sie zweifelsohne eingeholt und umzingelt haben, seinen Körper treffen und zerfetzen.

„Ho-Ho-Ho.“, sagt eine tiefe Stimme irgendwo aus der Dunkelheit, ohne das man ausmachen könnte, aus welcher Richtung sie erklingt.

Was Wattcke aber nicht davon abhält eine Salve aus seinem Sturmgewehr in die Nacht zu jagen.

Heinz hört, wie Geschosse in Baumstämme schlagen und Rinde zerfetzen. Aber es kommt kein Gegenfeuer. Stattdessen wieder die tiefe Stimme: „Nicht doch, liebe Leute. Ich komme in Frieden.“

Heinz und die anderen tauschen Blicke.

Ein Deutscher.

Oder ein Russe, der ihre Sprache spricht und sie in Sicherheit wiegen will?

Nein, warum sollten sie das tun? Die Bolschewiken würden sie einfach abknallen wie räudige Hunde.

„Zeig dich.“, sagt der Leutnant, die Pistole in der Hand seines ausgestreckten Arms.

Sie hören stapfende Schritte, mehr knackende Äste und dann schält sich eine massige Gestalt aus der Nacht. Ihr Atem löst sich bauschig weiß in der Luft auf wie der Dampf einer alten Lokomotive.

Heinz starrt sie an, die Gestalt.

Mittelgroß, untersetzt, mit einem enormen Wanst über einem breiten, schwarzen Ledergürtel mit gold glänzender Schnalle. Das alles in einem leuchtend roten, von dichtem weißen Fell gesäumten Mantel. Rote Hosen in klobigen schwarzen Stiefeln. Ein buschiger weißer Bart, der weit bis auf die breite Brust hinab fällt. Von der Kälte gerötete Wangen, eine dicke von roten Adern durchzogene Nase. Auf dem Kopf eine rote Mütze, Rand und Bommel aus demselben weißen Fell wie der Bund des Mantels. Keine Handschuhe an den klobigen Händen mit den dicken Fingern.

Ein Lächeln verzieht den weißen Bart. „Guten Abend, die Herren. Schönes Feuer habt ihr da. “ Sauberes Hochdeutsch, ohne irgendeinen Akzent. Der Mann streckt seine Arme aus und hält die Hände ans wärmende Feuer.

Der Leutnant lässt den Arm mit der Pistole sinken.

Der Mann ohne Namen sein Sturmgewehr auch.

Nur Wattcke hält seine Waffe weiter auf den Fremden gerichtet.

„Sie… Sie sind vom Bataillon, richtig?“, fragt der Leutnant mit einem erleichterten Lächeln. „Ihr seid in der Nähe, ja?“

Der Mann schüttelt den Kopf. „Nein. Sehe ich etwa aus wie ein Soldat?“ Er lacht ein tiefes Lachen. „Den Bart würden sie mir nicht mal an der Fronst durchgehen lassen.“

„Verarsch uns nicht.“, sagt Wattcke. „Wir sind nicht in der Stimmung für schlechte Scherze.“

„Wer sind Sie dann?“, fragt Heinz, obwohl er die Antwort entgegen jeder Vernunft längst kennt.

Augen von undefinierbarer Farbe richten sich belustigt funkelnd auf Heinz. „Was glaubt ihr denn, wer ich bin?“

„Der Weihnachtsmann.“, sagt Heinz.

Wattckes Augen schwenken zu Heinz. „Halt die Schnauze, du Idiot.“

Heinz ignoriert Wattcke. Sein Blick bleibt auf den Mann in Rot gerichtet.

Den Weihnachtsmann.

Der hat die großen Daumen hinter seinen breiten Gürtel gehakt und lässt seinen Blick mitleidig über die sechs Soldaten gleiten. „Tut mir leid, dass ihr so das heilige Fest verbringen müsst. Hungernd. Frierend.“ Er macht einen tiefen Seufzer. „Aber da seid ihr ja leider nicht die einzigen. Ich bin heute Nacht schon viel rumgekommen auf der Welt, und ganz ehrlich, in Zeiten wie diesen macht mir die Arbeit nicht wirklich Freude. Und das obwohl ich sie bringen muss. Gute Miene zum bösen Spiel muss ich machen, so ist das. Nicht schön, gar nicht schön, sag ich euch.“

Franz Hirschberg bäumt sich auf, als der Husten sich wieder einmal seinen Weg aus den Lungen nach oben bahnt. Diesmal ist der Anfall nur kurz, und als er endet kippt Franz’ Körper vornüber ins Feuer. Funken stieben in die Höhe und verglühen in der eisigen Luft.

Heinz und der Leutnant packen hektisch Franz’ Beine und zerren seinen Körper aus den Flammen. Seine Uniform dampft, hat aber zum Glück kein Feuer gefangen. Der Leutnant beugt sich über Franz und zerrt den Schal beiseite, um seinen Puls zu fühlen.

„Ist er tot?“, fragt Heinz.

Der Leutnant schüttelt den Kopf. „Noch nicht.“

„Eine Schande.“, sagt der Weihnachtsmann und seufzt wieder laut. „Eine Schande.“

„Halt die Fresse, Mann!“ Wattcke macht einen Schritt nach vorn und rammt die Mündung seines Sturmgewehrs gegen den kugelrunden Wanst.

„Nehmen Sie das Gewehr weg.“, befiehlt der Leutnant mit müder Stimme.

Wattckes wild flackernde Pupillen suchen die des Leutnants. „Ich hör mir diesen Scheiß nicht länger an. Mit dem Kerl hier stimmt was nicht. Das ist ein Trick der Bolschewiken. Die spielen irgendein perfides Spiel mit uns.“

„Paul Johannes Wattcke. Dir hab ich mal eine Holz-Eisenbahn gebracht. Neunzehnhunderteinundzwanzig war das, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Tut sie eigentlich selten. Mich täuschen meine ich. Meine Erinnerung.“

Heinz sieht wie Wattckes Munds aufklappt und seine Augen sich weiten.

Dann krümmt sich Wattckes Finger um den Abzug des Sturmgewehrs.

Die Waffe wummert dumpf, weil er den Lauf so tief in den roten Mantel seines Gegenübers gedrückt hat.

Der Weihnachtsmann zuckt nicht mal zusammen.

Sein Mantel bleibt unversehrt.

Das Sturmgewehr entgleitet Wattckes Händen. Fällt in den Schnee. Wattcke weicht zurück. Seine Augen sind so weit aus den Höhlen gequollen wie die eines Froschs. Sie starren den Weihnachtsmann ungläubig an. Wattcke schüttelt hektisch den Kopf. „Weck mich einer auf, bitte weck mich einer auf.“, flüstert er.

„Wenn Sie der Weihnachtsmann sind.“, sagt der Soldat ohne Namen und klingt dabei vollkommen unaufgeregt, „Warum sind Sie dann hier? Um uns Geschenke zu bringen?“

Der Weihnachtsmann lässt zum dritten Mal einen tiefen Seufzer über die Lippen. Schüttelt langsam den Kopf. Dann sieht er vom Soldat ohne Namen zum Leutnant, zu Wattcke, der den Kopf gesenkt hält, zu Arkadi, aus dessen offenem Mund stoßweise Atemwolken kommen, zu Franz, der regungslos und mit geschlossenen Augen im Schnee liegt und dann zu Heinz. „Keine Geschenke meine Herren, befürchte ich.“ Das belustigte Funkeln in seinen Augen ist erloschen, der Mund zwischen dem schlohweißen, von Eispartikeln gesprenkelten Bart ein grimmiger, harter Strich.

Heinz hat das Gefühl, als würden die Minusgrade jetzt durch die Nase in seinen Körper kriechen, ihn ausfüllen wie Luft, die in einen Ballon strömt, und alles in ihm vereisen, seine Adern, seine Organe, einfach alles.

„Ihr wart böse Jungs.“, sagt der Weihnachtsmann. Er hebt eine Hand und wedelt tadelnd mit einem schwieligen Wurstfinger. „Sehr, sehr böse Jungs.“

Die orthodoxe Kirche war aus Holz, wie der Rest der Ortschaft und wunderschön verziert. Sie war klein, aber groß genug, um alle Frauen und Kinder des Dorfes hineinzuzwängen. Durch die jeweils drei großen, bunten, mit russischen Heiligen bemalten Fenster der Seitenflügel konnte man schemenhaft sehen, wie sie sich drinnen zusammendrängten. Durch die Wände hörte man ihr Schluchzen und Weinen und lautes Beten. Die Tür war bereits verriegelt und die Soldaten schleppten alles Brennbare, was sie in den Häuser finden konnten heran und türmten es entlang der Wände auf. Wo es nicht reichte, wurde Holz aus einem nahegelegenen Wäldchen herbeigeschafft und aufgeschichtet.

Keiner der Männer protestierte gegen den Befehl des Majors. Auch Heinz nicht, obwohl die schöne junge Russin ihn noch flehend angeblickt hatte, bevor Heinz und Bernd Küppers die Flügeltüren vor ihrer Nase schlossen und sie dann mit Holzlatten vernagelten. Heinz und seine Kameraden hatten ihr Mitgefühl für andere, ganz besonders für die Russen, längst abgelegt. Gefühle empfanden sie nur noch füreinander, und jeder Tod eines Kameraden (so viele, es waren so unglaublich viele) war für sie, als sei jemand aus ihrer eigenen Familie gestorben.

Denn das waren sie. Eine Familie. Waffenbrüder. Sie litten zusammen und sie starben zusammen, letzteres jeden Tag mehr und mehr, seit die Sowjets die Gegenoffensive eröffnet hatten.

Das Leben von ein paar Bolschewiken, seien es auch Frauen und Kinder, war ihnen nichts wert. Und irgend woran mussten sie ihre Wut, ihre Frustration, ihre eigene Angst schließlich abreagieren. Einige der Männer johlten, als der Major den „Scheiterhaufen“ persönlich entzündete.

Die Flammen schlugen vor den Fenstern in die Höhe und die Menschen in der Kirche schrien noch lauter, ein grauenhafter Chor aus blanker Todesangst, der in Heinz’ Ohren schmerzte, als würde jemand ein Messer hineinbohren. Dennoch sah er zu, wie das Gebäude Feuer fing, ohne sich abzuwenden.

Dann barsten die Fenster, als die Frauen sie von innen mit Kirchenbänken oder ihren bloßen Händen zertrümmerten. Ihre verzerrten Gesichter erschienen wie dämonische Fratzen zwischen den flackernden Flammen.

Der Major brauchte nicht den Befehl zum Schießen zu geben. Das taten die Männer von ganz alleine. Sie jagten Schuss um Schuss in die Gesichter und Körper, die versuchten aus den zerstörten Fenstern zu klettern.

Heinz sah eine Gestalt, der es irgendwie gelang sich über die gezackten Ränder des geborstenen Glases zu wälzen. Sie stürzte in das brennende Holz vor dem Fenster und war für einen kurzen Augenblick verschwunden. Dann war sie wieder da, ihr buntes Kleid brannte an mehreren Stellen, als sie direkt vor Heinz aus der Feuerwand taumelte. Rauch stieg von ihrem brennenden Haar in den an diesem Tag klaren, blauen Himmel.

Die schöne junge Russin sah Heinz direkt in die Augen, ihre Hände nach ihm ausgestreckt. Sie war nur noch zwei Armlängen von ihm entfernt, als er den Karabiner an die Schulter riss und ihr ins linke Auge schoss. Ihr Hinterkopf explodierte und sie kippte vornüber. Ihr brennender Schädel landete nur eine Handbreit von Heinz’ Stiefeln entfernt auf dem Boden, dessen gefrorene Oberfläche unter der Hitze des Feuers zu schmelzen begann.

„Deswegen gibt es heute leider keine Geschenke.“, sagt der Weihnachtsmann und es liegt echtes Bedauern in seiner Stimme.

Heinz hört ein seltsames Geräusch, und es dauert einen Moment, bevor ihm klar wird, dass es Wattcke ist, der begonnen hat zu lachen. Ein hysterisches Heulen, das immer lauter wird und ankündigt, dass Wattcke gerade im Begriff ist, den Verstand zu verlieren, oder ihn bereits verloren hat.

Wattcke wirft sich mit einem Ruck herum und läuft davon. Er stolpert über eine Schneeverwehung, richtet sich wieder auf, taumelt weiter und Sekunden später hat der dunkle Wald ihn einfach verschluckt.

Heinz hat wieder angefangen zu weinen. Seine Stimme zittert so sehr wie die von Franz Hirschberg vorhin, nur nicht vor Kälte, sondern vor Angst. Seine Zähne klappern bei jedem Wort aufeinander: „Be-be-bestrafst d-d-du uns j-j-jetzt?“

Der Weihnachtsmann sieht ihn an. Macht zwei Schritte auf ihn zu und legt Heinz seine große Hand auf die Schulter. Drückt sie. „Nein, mein Junge. Ich bestrafe nicht. Ich beschenke nur.“

Heinz kann nicht anders. Er muss lächeln, denn in den wenigen Minuten, die der Weihnachtsmann hier ist, hat Heinz gelernt, dass er nicht lügt. Er wird sie nicht bestrafen—

Im selben Moment erklingt ein Schrei.

Ein grausiger, markerschütternder Todesschrei.

Wattcke.

Heinz zuckt zusammen und will den Kopf in die Richtung reißen, in die Wattcke verschwunden ist, aber die vielfarbigen Pupillen des Weihnachtsmannes halten seine Augen gefangen. „Das Bestrafen überlasse ich anderen.“, sagt er. Die schwielige Pranke gleitet von Heinz’ Schulter. „Frohe Weihnacht, wünsche ich, meine Herren.“

Damit dreht er sich um und stapft schnaufend zurück in die Richtung, aus der er gekommen ist.

Vorbei an dürren, schwarzen Gestalten, die sich plötzlich überall um die Lichtung herum zwischen den Bäumen zeigen.

Heinz blinzelt, was —?

Es sind Körper.

Dutzende, bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Körper, von der Hitze des Feuers deformiert, einige kleiner als andere.

Und die Nacht ist erfüllt von ihren grässlichen Schreien, als das Feuer sie bei lebendigem Leibe frisst und die Geschosse von Heinz und seinen Kameraden diejenigen treffen, die aus der brennenden Kirche fliehen wollen.

Der Leutnant steckt sich die Walther in den Mund und drückt ab. Seine Schädeldecke explodiert und sein Körper sackt in sich zusammen.

Arkadi, der Ukrainer, rennt los. Versucht den Ring aus Toten zu durchbrechen. Aber die schwarzen Finger kriegen ihn zu fassen und reißen ihn zu Boden. Verbrannte Gebisse graben sich in seinen Körper. Arkadi schreit, so wie Wattcke geschrien hat.

Der Mann ohne Namen reißt das Sturmgewehr an die Hüfte und beginnt zu feuern. Heinz sieht, wie die Geschosse verbranntes Fleisch zerfetzen und verbrannte Knochen zertrümmern.

Aber das hält sie nicht auf.

Der Mann ohne Namen will sich den Lauf des Sturmgewehrs in den Mund schieben wie der Leutnant die Pistole, doch die Waffe ist zu groß. Eine kleine schwarze Gestalt umklammert sein Bein und reißt ihn zu Boden. Andere lassen sich mit ungelenken Bewegungen auf ihn fallen. Seine Hand ragt weiß aus der verkohlten Masse von Leibern und seine Schreie verstummen schnell.

Die Frauen und Kinder ignorieren Franz’ Körper am Boden.

Da weiß Heinz, dass er tot ist. Wenigstens das ist dem Franz erspart geblieben.

Eine Hand krallt sich von hinten in Heinz’ Schulter.

Er dreht sich um.

Sie hat keine Haare mehr, weil sie bis auf den Schädel hinunter gebrannt sind. Nur ein paar dunkel verkrümmte Fusseln stehen grotesk ab. Ihr buntes Kleid ist an einigen Stellen angekokelt, aber die Flammen müssen erloschen sein, bevor sie es ganz in Brand stecken konnten. Ihr linkes Auge, dort wo Heinz’ Gewehrkugel sie getroffen und ihren Schädel durchschlagen hat, ist ein blutverkrustetes, schwarzes Loch.

Ihre vom Feuer unversehrten Hände krallen sich in Heinz’ Kehle.

Er spürt seine Haut reißen.

Spürt, wie sich sein Mund mit Blut füllt.

Dann liegt er auf dem Rücken im Schnee.

Das letzte, was er sieht, bevor der weit aufgerissene Mund der schönen jungen Russin über ihm erscheint, ist ein großer Schlitten, gezogen von sechs Rentieren, der über ihm den auf einmal sternenklaren Nachthimmel entlang schießt wie eine Sternschnuppe, und das letzte was er hört ist die dunkle Stimme des Weihnachtsmanns.

„Ho-Ho-Ho.“