TEASER für den nächsten Roman: DEAD MOUNTAIN

Veröffentlicht 16. März 2018 in Dead Mountain, Roman, Schreiben

Neues Jahr, neuer Roman.

Nach dem Hardboiled Crime vom Drecksnest und dem zweiten Weltkrieg von Es war einmal in Deutschland wieder ein Sprung im Genre – diesmal: Horror.

DEAD MOUNTAIN handelt von zwei Geschwistern, der sechzehnjährigen Henni und ihrem zehnjährigen Bruder Fabio, die den ersten Winter nach einem Zombie-Outbreak einigermaßen sicher in ihrem Elternhaus in den Alpen verbracht haben. Aber jetzt kommt der Frühling, der Schnee schmilzt, die Untoten werden mobiler, die Vorräte gehen aus – und dann taucht endlich wieder ein Erwachsener im Leben der Kinder auf …

Der Roman ist zwar fertig, aber bis zur Veröffentlichung müssen noch ein paar Schritte durchlaufen werden. Überarbeiten, korrigieren, noch mal überarbeiten, Korrektorat, Cover und so weiter und so fort. Dauert also noch ein Weilchen.

Bis dahin mal ein kleiner Appetithappen. Viel Spaß.

DEAD MOUNTAIN – KAPITEL 1:

Sie hören ihn bevor sie ihn sehen.

Oder riechen.

Henni bleibt stehen und sieht zu Fabio.

Die Hand des Jungen umklammert den mattschwarzen Sportbogen so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten. Seine braunen Augen sind weit aufgerissen.

Sie lauschen.

Der Wind rauscht in den Bäumen, an deren Ästen die Blätter erst vor wenigen Tagen in voller Pracht zu sprießen begonnen haben.

Da ist es wieder.

Das Klingeln.

Ein Glöckchen.

Fabio runzelt die Stirn und Henni sieht, dass er etwas sagen will. Sie hebt eine Hand und schüttelt den Kopf.

Er schluckt die unausgesprochenen Worte wieder runter.

Das Klingeln wird lauter.

Für einen kurzen Moment schlägt ihr Herz nicht nur aus Angst, sondern auch aus Hoffnung schneller.

Doch dann hört sie die schweren, schlurfenden Schritte, die das klingelnde Glöckchen begleiten.

Das Fünkchen Hoffnung verglüht.

Sie überlegt, ob sie nicht einfach abhauen sollen, aber sie verwirft den Gedanken gleich wieder. Wenn sich einer von denen hier oben rumtreibt, nützt es nichts dem Problem einfach aus dem Weg zu gehen.

Henni zeigt nach rechts.

Zwischen den Bäumen, etwa zwanzig Meter weiter, ist der Wanderpfad zu erkennen.

Fabio nickt. Er zieht einen der zwölf Fieberglas-Pfeile aus dem Köcher auf seinem Rücken und legt ihn auf den Bogen. Er hat täglich mit dem Ding geübt, seit sie den Bogen, mitsamt Pfeilen, Köcher und einer Strohzielscheibe vor einem halben Jahr in der Graudinger-Hütte gefunden haben.

Sieht aus, als wird sich gleich zeigen, ob sich das Üben gelohnt hat.

Henni umklammert den Griff der langstieligen Axt fester und sieht noch einmal zu Fabio.

Er nickt.

Henni setzt sich in Bewegung. Pirscht sich Schritt für Schritt durchs Unterholz, darauf bedacht, so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Aus den Augenwinkeln sieht sie Fabio, der sich ein Stück versetzt, neben ihr bewegt.

Ein Ast bricht unter den Sohlen ihrer ausgelatschten Converse und das Geräusch kommt ihr vor wie eine Explosion. Sie bleibt abrupt stehen. Dreht den Kopf, sieht zu Fabio.

Er beißt sich auf die Lippen.

Weiter.

Das, was Henni durch die Bäume hindurch vom Wanderpfad erkennen kann ist leer. Bis auf die Gräser und blühenden Wildblumen, die sich ihren Weg durch das Erdreich bahnen. So muss es jetzt überall sein. Die Natur holt sich zurück, was der Mensch ihr genommen hat. Noch ein oder zwei Jahre, dann wird der Pfad nicht mehr zu erkennen sein.

Das Klingeln des Glöckchens wird lauter.

Die schlurfenden Schritte auch.

Die Kinder bleiben wieder abrupt stehen.

Denn jetzt sehen sie den Wanderer.

Er kommt um eine Biegung, seine Schritte abgehackt und ungelenk, die Arme baumeln wie leblos hin und her. Er schlurft und wankt wie ein Betrunkener, aber das vollkommen geräuschlos, kein Atmen oder Schnaufen ist zu hören. Die Lederschuhe sind ausgelatscht und schmutzig, genau wie die fast schwarzen Socken und die verwesende, faulige Haut der Waden und Oberschenkel. Das wettergegerbte Leder der Trachtenhose, an deren Brusttasche das kleine Glöckchen hängt, ist von hellen Rissen durchzogen. Das Hemd darunter war wohl mal weiß, jetzt ist es schmutzig grau. Vorne und oben am Kragen ist der Stoff noch dunkler: getrocknetes, schwarz verkrustetes Blut, das aus einem grässlichen Loch im Hals gelaufen ist.

Aber Blut läuft schon lange nicht mehr aus der Wunde des Wanderers, stattdessen scheint das faulige Fleisch des Loches in seiner Kehle in ständiger Bewegung. Doch das sind nur Fliegen und Maden, die sich darin tummeln. Leblose weiße Augen starren aus einem eingefallen Gesicht, dessen Mund halb offen steht, drinnen die verrotteten Reste eines Gebisses.

Henni und Fabio starren den Wanderer an. Er ist nicht der erste seiner Art, den sie sehen, aber der letzte ist lange her und der Anblick fast genauso schockierend wie beim allerersten Mal.

Henni spürt ein kaltes Kribbeln, das in ihrem Nacken startet und sich dann über ihren ganzen Körper ausbreitet.

Sie tauscht einen Blick mit Fabio und in diesem Moment verstummt das Glöckchen.

Der Wanderer ist stehen geblieben.

Seine Arme hängen nach wie vor leblos herab, nur sein Kopf bewegt sich langsam und kreisförmig, die Nase in den Wind gerichtet, wie ein Tier das Witterung aufnimmt. Sein Mund öffnet sich weiter und ein leises, kehliges Stöhnen verlässt seine Lippen, die aussehen wie die aufgesprungene Oberfläche eines lange ausgetrockneten Sees. Dieses Stöhnen, das langsam lauter wird und sich in eine Art Heulen verwandelt, ist für Henni fast furcht erregender als der grässliche Anblick des Wanderers und ihr Körper verkrampft sich, ihr Schließmuskel beginnt zu zucken.

Sie sieht wieder zu Fabio, aber der Junge hat den Bogen bereits gespannt und seine Augen sind zusammen gekniffen, als er den Wanderer ins Visier nimmt.

Die leblosen, weißen Pupillen haben sich in ihre Richtung gedreht und die zuvor ebenso leblosen Arme heben sich. Dreckverkrustete Finger mit langen, gelbschwarzen Nägeln strecken sich zu Klauen gekrümmt nach ihnen aus.

Fabio lässt den Pfeil von der Sehne.

TSCHAK!

Das Heulen verstummt schlagartig, als der Pfeil die Stirn des Wanderers durchschlägt und am Hinterkopf wieder austritt, mit einer klebrig schwarzen Masse an der Spitze.

Der Körper des Wanderers sackt in sich zusammen, wie eine Marionette deren Fäden man durchtrennt hat.

Henni und Fabio bleiben einen Moment regungslos stehen. Das Summen von Insekten erfüllt die Luft und obwohl es das die ganze Zeit getan hat, erscheint es Henni jetzt unglaublich laut. Genauso wie der wummernde Schlag ihres Herzens.

„Wow. Volltreffer.“ Fabio lächelt ungläubig.

Henni erwidert nichts, berührt ihn nur kurz an der Schulter. Dann setzt sie sich in Bewegung. Nähert sich mit vorsichtigen Schritten dem regungslosen Körper des Wanderers.

Fabio folgt.

Henni bleibt vor dem Wanderer stehen. Sie muss ein Würgen unterdrücken, als ihr sein fauliger Verwesungsgeruch in die Nase steigt. Sie wedelt mit einer Hand, um die Fliegen zu vertreiben, die den Körper umschwirren. Sie wendet den Kopf ab und saugt die frische Bergluft ein paar Mal tief in ihre Lungen.

Fabio scheint der Geruch nicht zu stören, jedenfalls verzieht er keine Miene.

Aber was will man von einem Typen erwarten, der seinen Kopf unter die Bettdecke steckt, nachdem er darunter gefurzt hat und das wahnsinnig komisch findet.

„Der wusste, dass wir hier sind.“

Henni nickt. Bläst sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Fabio stößt den leblosen Körper mit dem Fuß an.

Nichts geschieht.

„Der beißt jedenfalls keinen mehr.“ Er bückt sich und seine Finger schließen sich um den Schaft des Pfeils. Er stellt einen Fuß auf den Kopf des Toten und zieht den Pfeil mit einem Ruck heraus. Die brüchigen Schädelknochen geben nach und fallen auseinander. Mehr zähe schwarze Masse und mehr Maden, die sich in den Resten des Schädels tummeln. Fabio verzieht angewidert das Gesicht und wischt den Pfeil im Gras am Wegesrand sauber, dann schiebt er ihn zurück in den Köcher auf seinem Rücken.

„So hoch ist noch nie einer gekommen.“ , sagt Henni.

Fabio nickt. „Guck mal, die Lederhosen. Der war bestimmt auf dem Oktoberfest. Kennst du ihn?“

Sie schnauft und zuckt mit den Schultern. „Was gibt’s an dem Brikettgesicht noch zu erkennen?“

Fabio geht in die Knie. Er zieht ein Portemonnaie aus der Vordertasche der Lederhose. Er klappt es auf. Die Geldscheine darin sind erstaunlich unversehrt und er nimmt sie heraus und steckt sie kommentarlos in die Hosentasche.

Henni schüttelt den Kopf, sagt aber nichts.

Dann zieht Fabio einen Ausweis aus dem Portemonnaie. „Ach du Scheiße.“

„Was?“

„Das ist Herr Sittner. Der von der Sparkasse. Bei dem hab ich mein Knax-Konto eröffnet.“

Henni erinnert sich an Sittner. „Mir hat er immer auf die Möpse geglotzt, der notgeile Sack.“

Fabio sieht sie angewidert an. „Kannst du bitte nicht Möpse sagen. Das ist irgendwie, uh, eklig.“

„Oh, Entschuldigung. Soll ich ich lieber Titten sagen? Oder Brüste?“

„Uh, nein, auch nicht. Du sollst überhaupt nicht von so was reden.“

Henni kann nicht anders, sie muss lachen.

„Irgendwann kommt der Tag, da kannst du von dem Thema Titten nicht genug kriegen, glaub mir, Fabio.“ Sie hat den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da bereut sie ihn bereits wieder.

Nichts ist mehr wie es war.

Gar nichts.

Die einzigen Titten, die Fabio je sehen wird sind meine, denkt sie.

Im nächsten Moment knacken Äste und da ist es wieder, diese grausige Heulen.

Henni wirbelt herum.

Gerade rechtzeitig, um das verweste Gesicht mit dem weit aufgerissenem Mund von rechts aus dem Unterholz auf sich zu stürzen zu sehen. Sie schreit vor Schreck und gleichzeitig krallen sich knochige Hände in ihr Hemd und dann verliert sie das Gleichgewicht und stürzt, die Axt entgleitet ihren Fingern.

Die dürre Frau in dem zerschlissenen Kleid, mit dem halbkahlen Schädel und den dünnen Haarresten, landet direkt auf ihr und versucht ihre schwarzen Zähne in Hennis Gesicht zu schlagen.