RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Kapitel 4

Veröffentlicht 30. März 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Und weiter geht’s:

„Fehlt dir wirklich nichts?“, fragt Michelle, die neben ihm in die Hocke gegangen ist.
„Alles bestens, Honey. Mach dir keine Sorgen. Ich habe nicht mal einen Kratzer.“ Tottenham streicht ihr mit einer Hand über das im Nacken zu einem Knoten gebundene Haar. Später im Schlafzimmer wird er den Knoten öffnen und beobachten wie es lang und seiden über ihren nackten jungen Körper fällt, bis hinab zu ihrem Hintern. Dann kann sie ihm beweisen, wie groß ihre Sorge tatsächlich ist.
Gerhard steht vor Tottenhams massivem Schreibtisch und blickt auf den kunstvoll verzierten Revolvergurt. „Sie haben ihn erschossen? Einfach so?“
Tottenham lächelt. „Ich habe ihm keine Chance gelassen.“
Gerhard schüttelt verständnislos den Kopf. „Aber warum? Ich denke, er hat Ihnen geholfen?“
Tottenham lehnt sich seinem Ledersessel zurück. „Das hat er. Und dafür bin ich ihm dankbar. Aber als er mir seinen Namen nannte, da wusste ich, dass ich ihn schon einmal gesehen habe. Vor ein paar Jahren. In Matamoros. Er hat zwei Männer abgeknallt. Wie räudige Straßenköter. Und warum?“ Er sieht zu Michelle und lächelt. „Nur weil sie eine Hure verprügelt haben.“ Gerhard, der mit durchgedrücktem Rücken dasteht, steif wie der Ladestock einer Muskete, als wäre er immer noch der Soldat, der er einmal war, scheint nicht zu verstehen, worauf er hinaus will.
„Ein Mann, der eine Hure beschützt, ist ein Mann mit einem Gewissen“, sagt Tottenham. „Mit gewissen Moralvorstellungen. Killer hin oder her. Ich kann es Ihnen nicht besser erklären, Gerhard. Aber ich hatte die Befürchtung, er könnte mir in Zukunft Ärger machen. Und so wie er da vor mir stand, sein Colt im Halfter, der Derringer in meinem Jackenärmel … die Entscheidung ist in einem Sekundenbruchteil gefallen.“
Michelle hat sich aufgerichtet und ihre Rechte krault Tottenhams Nacken. Ihr Signal, dass sie, im Gegensatz zu Gerhard, keine moralischen Bedenken darüber verspürt, was Tottenham mit dem Mann namens Rondo gemacht hat.
Sie ist nicht nur jung und schön, sondern auch eiskalt. Dass hat Tottenham vom ersten Moment an gewusst, als er sie vor zwei Jahren bei seinem letzten Besuch in London kennengelernt hat. Sie stammt aus einer angesehen Adelsfamilie, und die war nicht sehr erbaut darüber gewesen, dass das Mädchen einem Mann, der ihr Vater sein konnte, nach Amerika gefolgt ist. Sie wird ihm ein paar prächtige Söhne gebären, daran arbeitet Tottenham jede Nacht. Denn jedes Imperium braucht einen Thronfolger.
Es ist nur noch eine Frage der Zeit.
Gerhard greift zu Rondos Revolvergurt. Hebt ihn hoch und fährt mit einem Finger die ins Leder geschnittenen Verzierungen nach. „Eine Schande, dass er so sterben musste.“
Tottenhams Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Was wollen Sie sagen, Gerhard?“
Gerhard zieht die Pistole aus dem Halfter. Im Gegensatz zu Gurt und Halfter ist die Waffe schlicht, ein 45er Colt ohne Verzierungen im Metall oder besondere Griffschalen. Aber sehr gut gepflegt. „Ein Mann wie Rondo hat es nicht verdient feige abgeknallt zu werden.“
Tottenhams Hand knallt auf die Tischplatte.
Michelle zuckt zusammen.
„Nennen Sie mich feige?“
Gerhards Augen weichen Tottenhams wütendem Blick nicht aus. „Wie würden Sie es nennen?“
Tottenham lässt sich wieder zurück in den Ledersessel sinken. Schlägt die Beine übereinander. Seine Wut ist so schnell wieder verraucht, wie sie gekommen ist. Gerhard ist kein Typ, der kneift. Nicht mal vor ihm. Das respektiert er. „Sie hätten es lieber selbst getan, stimmt’s, Gerhard? Sie wollten der Mann sein, der den berüchtigten Rondo tötet. Im Duell. Mann gegen Mann. Auge in Auge. Berufsehre, richtig?“ Er gibt sich keine Mühe seinen Spott zu verbergen. “Aber ich sage Ihnen etwas. Es gibt keinen ehrenvollen Tod. Wir sterben schmutzig und wir sterben allein. Alles andere ist eine Illusion.“
Gerhard legt Revolvergurt und Waffe zurück auf den Schreibtisch. „Glauben Sie, er war zufällig hier?“
„Rondo? Duval und die anderen feigen Schweine haben ihn jedenfalls nicht angeheuert, das steht fest. Und wer sonst hier hätte Bedarf oder Geld für einen Killer?“ Tottenham lächelt. „Ich meine, ich habe ja schon die Besten, oder nicht?“
Gerhard erwidert nichts.
Tottenham amüsiert es, dass es dem Deutschen so schwer fällt, sich selbst als Killer zu verstehen. Er schleppt immer noch das alberne Prinzip von Ehre mit sich herum, dass sie ihm in der Königlich Bayerischen Division beigebracht haben.
„Ich glaube, Rondo war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt Tottenham und gibt sich keine Mühe sein triumphales Lächeln zu unterdrücken. Vor seinem geistigen Auge sieht er wieder das überraschte Gesicht des berüchtigten Revolvermannes, als er in die Mündung des Derringers blickt. Die Erinnerung beschleunigt Tottenhams Herzschlag. Er verspürt ein Ziehen im Schritt. Er leckt sich über die Lippen und sieht zu Michelle. Verspürt den Drang ihr die Kleider vom Leib zu reißen und es ihr zu besorgen.
Gerhard reißt ihn aus seinen Gedanken. „Was wollen Sie jetzt unternehmen?“
Tottenham beugt sich vor. „Die verdammte Stadt wollte mich aus dem Weg räumen. Die stecken alle unter einer Decke. Die beiden Cowboys von McCall waren dabei. Und Bigsby aus dem Hotel. Aber Duval war der Rädelsführer. Er war der einzige, der den Mumm zu so etwas hatte.“
„McCall war sein Freund“, sagt Gerhard. „Sie kannten sich von früher.“
„Ja. Und jetzt sind sie beide tot. Damit hat sich die Angelegenheit erledigt. Ohne Duval und McCall hat die Schlange keinen Kopf mehr. Mach uns einen Whiskey, Schatz.“
Michelle geht zur Anrichte und gießt schottischen Whisky in in drei Gläser. Reicht eins davon Gerhard, das andere Tottenham. Stellt sich mit ihrem eigenen Glas wieder neben Tottenhams Sessel.
Er betrachtet die bernsteinfarbene Flüssigkeit im warmen Licht der untergehenden Sonne, deren goldene Strahlen durch das Fenster in sein Arbeitszimmer fallen. „Trinken wir auf das Wohl von Rondo. Das bin ich ihm schuldig.“
„Auf Rondo“, sagt Michelle.
Tottenham sieht abwartend zu Gerhard.
Der Deutsche schnauft. Es fällt ihm nicht leicht, aber er sagt es trotzdem: „Auf Rondo.“
Tottenham lächelt.
Dann trinken sie.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Kapitel 3

Veröffentlicht 27. März 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Und weiter geht’s mit Rondo:

Rondo hatte gewusst, dass von dem Milchgesicht die größte Gefahr ausgehen würde. Und er hätte besser abgedrückt, ohne vorher die Klappe aufzureißen. Das hätte Rondos Chancen verringert. Aber so hält Rondo seinen eigenen Colt bereits in der Hand, noch während der Finger des Cowboys den Stecher seiner Pistole durchzieht,
Die Schüsse krachen gleichzeitig.
„Nein!“, schreit Duval in das Donnern der Waffen und Rondo realisiert, dass der Alte es nie auf eine Schießerei ankommen lassen wollte.
Jetzt ist es zu spät.
Noch während der junge Cowboy mit durchschossener Kehle zu Boden geht, schwenkt Duval den Walker Colt auf Rondo.
Der schießt ihm in die Brust.
Duval taumelt auf seinen O-Beinen nach hinten.
Die Schrotflinte wummert.
Rondo wirft sich zu Boden, spürt aber wie ein Teil der Ladung sein Hemd zerfetzt und seine linke Seite perforiert. Doch noch hat er keine Zeit Schmerzen zu fühlen. Er feuert auf dem festgetretenen Lehmboden liegend und sieht den Mann mit der Schrotflinte in sich zusammensacken.
Der zweite Cowboy kommt mit einem wütenden Schrei und langen Schritten auf Rondo zu, schießt so schnell wie ungezielt. Geschosse schlagen neben Rondos Gesicht ein und spritzen Drecklumpen in sein Gesicht.
Rondos Kugel trifft den Cowboy in die linke Brust. Er kippt vornüber wie gefällter Baum.
Plötzlich herrscht Stille.
Der dunkle Raum ist vom Pulverdampf vernebelt.
Rondos Ohren klingeln. Er sieht Tottenham zwei Armlängen entfernt flach auf dem Boden liegen. Ihre Blicke treffen sich.
Rondo richtet sich grunzend auf, eine Hand auf seine blutende Seite gepresst – als er Duval durch die Pulverschwaden auf sich zutaumeln sieht.
Das Donnern des Walker Colts ist ohrenbetäubend. Rondo spürt das Geschoss an seinem Kopf vorbeirasen, während er selbst abdrückt. Ein Loch erscheint in Duval Stirn, sein Hut fliegt nach oben und sein Hinterkopf explodiert in einem Regen aus Blut, Gehirnmasse und Knochenstücken.
Rondo schwenkt den Colt nach links, aber der Mexikaner ist nicht zu sehen. Er bewegt sich vorsichtig um den Tresen herum. Die angsterfüllten Augen des Mexikaners starren ihn an. Er hält Rondo mit ausgestreckten Armen die offenen Handflächen entgegen. „Nicht schießen, Senor … Bitte nicht …“
„Steh auf.“
Der Mexikaner gehorcht.
Rondo deutet mit dem Colt auf einen der schiefen Stühle. „Setz dich hin, wo ich dich sehen kann.“
Der Mexikaner beeilt sich der Aufforderung nachzukommen.
Tottenham ist inzwischen ebenfalls wieder auf den Beinen. Er bückt sich nach seiner Pfeife und dem Derbyhut. Er sieht blass aus.
„Sind Sie okay?“, fragt Rondo.
Tottenham nickt. Lehnt sich gegen den Tresen und setzt mit zitternden Fingern den Hut auf. Klopft die Pfeife auf dem Tresen auf und schiebt sie zurück in die Jackentasche.
Den Colt mit der letzten Kugel schussbereit in der Hand, überprüft Rondo die Körper der am Boden liegenden Männer. Nur der junge Cowboy ist noch am Leben. Er starrt Rondo aus weitaufgerissenen Augen an, während das Blut aus seiner durchschossenen Kohle läuft und sich in einer Lache unter ihm ausbreitet. Dann legt sich ein Schleier über seine Pupillen und der Blutfluss versiegt.
Rondo lädt den Colt mit Patronen aus seinem Gürtel nach und schiebt ihn zurück ins Holster. Seine linke Seite brennt wie Feuer. Das von mindestens einem Dutzend Schrotkugeln zerrupfte Denimhemd hat sich mit Blut vollgesaugt.
„Sie haben mir das Leben gerettet. Die wollten mich umbringen.“
Rondo sieht zu Tottenham. „Warum?“
Der Brite setzt zu einer Antwort an, dann hält er inne. Irgendetwas an seinem Blick wirkt, als würde er Rondo in diesem Moment zum ersten Mal wirklich sehen. Dann geht ein Ruck durch seinen Körper. „Das erzähle ich Ihnen bei dem Drink, den ich Ihnen ausgeben wollte.“ Er streckt seinen rechten Arm aus. „Danke Mister …“
„Rondo.“
Tottenham hält inne. „Den Namen habe ich schon einmal gehört …“
Das haben viele, weiß Rondo. Und es ist nicht immer von Vorteil. Er will Tottenhams Hand schütteln, doch der zieht sie wieder zurück. Da ist etwas in seinem Blick, das Rondo nicht gefällt. Sein Instinkt sendet ein Alarmsignal.
Zu spät.
Tottenhams Arm schnellt wieder nach vorn und einen halben Meter vor Rondos Gesicht springt etwas aus dem Ärmel der Tweetjacke in seine Handfläche.
Ein Derringer.
Remington 95.
Das Modell mit dem President Lincoln von John Wilkes Booth erschossen wurde.
Rondo blickt in die Mündung.
Und Tottenham drückt ab.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Kapitel 2

Veröffentlicht 25. März 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Weiter geht’s mit Kapitel 2 von Rondo – Sechs Kugeln für den Bastard:

Namenlose Bodega, 8 Meilen südlich von Brinkwater.

Eine Stunde vorher.

Der Fraß schmeckt so beschissen wie er aussieht.
Der Hunger treibt es rein.
Er spült den Bohneneintopf mit Selbstgebrannten herunter. Brennt wie Feuer. Vernichtet hoffentlich alles in der braunen Pampe auf seinem Teller, was da eigentlich nicht reingehört.
„Schmeckt’s?“ Der spindeldürre Mexikaner hinter dem Tresen lächelt. Sein Gebiss hat mehr Lücken als die Verteidigungslinien der Rebellen in der letzten Schlacht des Bürgerkriegs. Und so wie die restlichen Zähne aussehen, werden sie auch bald ihren Abschied nehmen.
Rondo sieht den Mexikaner an.
Sein Blick scheint dem als Antwort zu genügen. „Freut mich. Muy bien.“
Rondo vertreibt eine große grüne Scheißhhausfliege, die sich auf seinem Teller niedergelassen hat. Für den Geschmack macht es bestimmt keinen Unterschied, wenn er das Vieh mitgegessen hätte.
Er kratzt die letzten Reste mit einem Stück verbrannter Tortilla vom Teller, als draußen Hufgetrappel erklingt. Kurz darauf betritt ein Mann den dunklen, von den Adobewänden kühl gehaltenen Raum.
Anfang Sechzig, Nase wie ein Falkenschnabel, darunter ein an den Enden gezwirbelter, grauer Schnurrbart. Tweet-Anzug, Reithosen, kniehohe Stiefel, von einer dünnen Staubschicht bedeckt.
Er sieht zu Rondo. Tippt mit einem behandschuhten Finger an die schmale Krempe seines Derby-Huts. Tritt, ohne auf eine Erwiderung seines Grußes zu warten, an den grob gezimmerten Tresen.
„Señor Tottenham.“ Der Mexikaner lächelt servil und füllt unaufgefordert ein Glas mit Selbstgebranntem.
Der Mann dreht sich herum. Deutet auf Rondos leeren Teller. „Sie sind mutig.“ Ein britischer Akzent.
„Vor allem hungrig“, sagt Rondo.
Der Mann lächelt hebt das schmutzige Glas mit dem Selbstgebrannten und prostet ihm zu.
Rondo bringt sein eigenes Glas an die Lippen und beide trinken in einem Zug.
Der Mann zieht den Derby-Hut von seinem dichten grauen Haar und platziert ihn auf dem Tresen. Streift die Handschuhe von den Fingern und legt sie neben den Hut. Greift in die Tasche seines Jackets. Holt eine Pfeife heraus. Stopft sie und zündete sie mit einem Streichholz an. Pafft und bläst ein paar kleine Wölkchen in den Raum.
Der Geruch des Pfeifentabaks steigt Rondo in die Nase, während an seinem Glas nippt.
„Nicht aus der Gegend, oder?“, fragt der Mann mit der Falkennase.
„Nein.“
„Auf der Durchreise?“
Rondo antwortet nicht.
Der Mann lächelt. „Entschuldigen Sie. Zuviele Fragen. Ich wollte nicht unhöflich sein. Mein Name ist Tottenham. Milton Tottenham.“
Rondo erwidert nichts. Zeit zu gehen. Er leert sein Glas. Schiebt den Stuhl zurück und richtet sich auf. Greift nach dem flachkronigen Hut, der auf dem Tisch liegt, und setzt ihn auf.
Tottenham mustert ihn.
Rondo merkt, wie die grauen Augen auf seinem aufwendig verzierten Revolvergurt haften bleiben.
Tottenham deutet mit seiner Pfeife auf die Waffe. „Können Sie damit umgehen?“
Rondo wittert ein Jobangebot. Und sein Geld neigt sich dem Ende zu. Ein bisschen Zeit kann er sich vielleicht ja doch noch nehmen.
„Kommt drauf an“, sagt er.
Tottenham Wangen ziehen sich kurz zusammen, als er wieder an der Pfeife pafft. „Auf die Bezahlung?“
Rondo nickt. „Unter anderem.“
Tottenham lächelt. „Darf ich eine Runde spendieren?“
Rondo nickt. Tottenham lässt sich von dem Mexikaner die Flasche mit dem Selbstgebrannten geben. Er will zu Rondos Tisch gehen, als draußen wieder Hufgetrappel erklingt.
Mehrere Pferde, denkt Rondo. Mindestens drei oder vier.
„Er ist hier“, hören sie eine Stimme.
Tottenham hält auf halbem Weg zu Rondo inne.
Schritte vor der Bodega, das Rasseln von Sporen, dann fällt ein Schatten durch die Tür in der Raum.
Tottenham erstarrt.
Rondo dreht den Kopf.
Ein Mann in Tottenham Alter betritt die Bodega. Vielleicht sogar älter. Er hat den krummbeinigen Gang von jemandem, der sein Leben im Sattel verbracht hat und einen grauen Schnurrbart wie Tottenham. Nur das seiner nicht mit Wachs gezwirbelt ist, sondern sichelartig nach unten hängt.
Aber Rondo interessiert sich nicht für seinen Schnurrbart, sondern für den monströsen alten Walker Colt, den er in der rechten Hand hält. Drei weitere Männer drängen sich hinter ihm in die Bodega. Alle sind bewaffnet, einer mit einer doppelläufigen Schrotflinte.
„Tottenham“, sagt der Mann mit dem Sichelschnurrbart.
Tottenham nickt ihm mit einem freundlichen Lächeln zu, so als wäre der Colt in der Hand des anderen gar nicht da. „Mister Duval.“
Einen Moment herrscht Schweigen. Das Surren der großen grünen Scheißhausfliege, die von den Resten auf Rondos Teller abhebt, ist das einzige Geräusch im Schankraum.
Der Mann namens Duval wedelt mit dem Colt. „Gehen wir.“
„Wohin?“, fragt Tottenham. Sein Versuch gelassen zu klingen misslingt. Die Angst, die mitschwingt, ist nicht zu überhören.
„Sie lassen uns keine Wahl“, sagt Duval. „Los jetzt.“
„Ich wollte den Herrn dort gerade auf einen Drink einladen“, erwidert Tottenham.
Rondo weiß, dass Duval ihn längst bemerkt hat, auch wenn er ihn bis jetzt nicht eines Blickes gewürdigt hat. Der Alte ist kein Amateur. Dem entgeht nichts. Und er weiß garantiert mit der Kanone in seiner Hand umzugehen.
Jetzt dreht Duval langsam den Kopf. Blickt Rondo aus einem faltenzerfurchten, wettergegerbten Gesicht an. Die wässrigen Augen haben eine Menge gesehen, das spürt Rondo. Genau wie Tottenham fällt Duvals Aufmerksamkeit als erstes auf Rondos Revolvergurt. „Aus der Einladung wird leider nichts, Fremder“, sagt er, bevor er sich wieder Tottenham zuwendet. „Und jetzt raus!“
Tottenham rührt sich nicht.
„Sonst knallen wir Sie gleich hier drin ab!“, sagt der Mann mit der Schrotflinte. Er trägt einen zerschlissenen Anzug und wirkt nervös. Seine Stimme zittert. Definitiv kein Profi wie Duval. Aber nervöse Typen mit einer Schrotflinte sind nicht minder gefährlich. Die beiden anderen Männer sehen aus wie Cowboys. Sie tragen Chaps und Revolvergurte. Wirken weniger nervös als der Mann mit der Schrotflinte. Ihre Mienen sind grimmig und Rondo vermutet, dass sie durchaus in der Lage sind zu treffen, auf was sie schießen.
Okay, diese Typen wollen Tottenham töten, soviel scheint klar.
Wobei sie bis auf Duval nicht den Eindruck machen, als wären sie Killer. Rondo fragt sich, worum es hier geht. Was immer es ist, er weiß jetzt, was Tottenham bei einem Drink mit ihm besprechen wollte. Scheinbar braucht er Schutz. Schutz vor Duval und seinen Begleitern. Rondo könnte sich wieder setzen und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen. Er hat hier nur gestoppt, um seinen Hunger zu stillen und eine Verschnaufpause zu machen. Nicht, um sich in Angelegenheiten ziehen zu lassen, die ihn nichts angehen.
Tottenham sieht zu Rondo. „Mister, Sie müssen wir helfen“, sagt er und jetzt ist die Angst in seiner Stimme unüberhörbar. „Ich bezahle Sie–„
Duval spannt den Hahn des Walker Colts. „Halten Sie den Mund, Tottenham!“ Sein Kopf ruckt zu Rondo herum. “Und Sie setzen Sie sich hin! Langsam. Legen Sie die Hände auf den Tisch, so dass ich Sie sehen kann.“
Rondo rührt sich nicht. Eigentlich sagt dieser Duval ihm nur, was er sowieso vorhatte. Aber kann er einfach zulassen, dass diese Kerle einen Mann töten, der ihm einen Drink spendieren wollte? Einen unbewaffneten Mann?
Einer der beiden Cowboys, ein hochgewachsener junger Kerl, der noch nicht mal Barthaare hat, funkelt Rondo an. „Hast du was an den Ohren?“
Junge Hitzköpfe.
Mindestens genauso gefährlich wie nervöse Typen.
Rondo spürt, wie sich sein Herzschlag beschleunigt. Vier Mann. Drei mit Revolvern. Eine Schrotflinte. Nicht unbedingt das, was er als eine ausgeglichene Situation bezeichnen würde. Dann ist da noch die Frage, auf welcher Seite der Mexikaner hinter dem Tresen steht.
Es scheint, als könnte Duval seine Gedanken lesen. „Das hier geht Sie nichts an. Tun Sie nichts, was Sie hinterher bereuen.“
Zu spät, denkt Rondo.
Und sagt: „Ich werde jetzt mit Mister Tottenham den Drink nehmen, zu dem er mich eingeladen hat.“
Eine simple Aussage.
Eine klare Ansage.
Duval starrt ihn an.
Rondo weiß, was hinter der Stirn des Alten vorgeht: Er fragt sich, ob Rondo so gut ist, wie er tut, ob er lebensmüde ist oder ob er einfach nur blufft.
Rondo weiß, dass er nicht blufft.
Und das er nicht lebensmüde ist.
Ob man allerdings gut genug ist, dass weiß man in solchen Situationen immer erst hinterher. Was in gewisser Weise ihren Reiz ausmacht.
Duval scheint noch nicht bereit, die Angelegenheit eskalieren zu lassen. „Überlegen Sie sich gut, was Sie tun, Mister.“
Rondo sieht ihm in die Augen. „Das habe ich bereits.“
Duval atmet durch.
Zögert. Hinter seiner Stirn arbeitet es.
Und dann bemerkt Rondo, wie sich der Lauf des Walker Colts langsam zu senken beginnt. Vielleicht kommen sie ja heute doch alle mit dem Leben davon–
„Das hast du dir selbst zuzuschreiben!“, stößt der junge Cowboy in diesem Moment hervor und reißt seine Waffe hoch.
Das Sterben beginnt.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard

Veröffentlicht 19. März 2020 in Rondo, Schreiben

Nicht, dass wir durch die Corona-Pandemie unbedingt mehr Zeit hätten (wer Kinder hat, weiß wie leicht das Wörtchen Homeoffice so dahin gesagt ist), aber ich versuche trotzdem mal die momentane Situation zu einem kleinen kreativen Abenteuer zu nutzen, das mir schon länger im Kopf herumschwirrt.

Kurze, harte Western-Geschichten in Heftroman-Länge (schätze 20-25000 Wörter) um Rondo, einen einsamen Revolverhelden. Italo-Western, ick hör dir trapsen.

Namen und Idee zur Hauptfigur hatte ich schon während meiner Schulzeit. Sehr viel mehr allerdings nicht.

In den nächsten Tagen und Wochen will ich versuchen, Sechs Kugeln für den Bastard, das erste von möglicherweise mehreren Abenteuern meines Revolverhelden runterzuschreiben und hier während der Entstehung Stückweise zu veröffentlichen. Auch wenn ich die Story nur sehr grob im Kopf habe.

Aber das ist ja auch Teil der Herausforderung.

Selbstmotivation ist alles.

Also verzeiht mir eventuelle inhaltliche Patzer und entgangene Rechtschreibfehler, die werde ich vor Veröffentlichung der finalen Version (denke, zunächst nur als E-Book) selbstverständlich so gnadenlos ausmerzen wie Rondo seine Gegner.

Also, los geht’s:

 

Palo Duro Canyon, 6 Meilen südlich von Brinkwater, Texas

Dunkelheit. Hitze. Fliegen surren.
Das Atmen fällt schwer.
So schwer.
Etwas liegt auf ihm.
Er kann die Arme nicht bewegen.
Beine auch nicht.
Eingeklemmt.
Das Knarren von Rädern. Der harte Boden unter ihm vibriert.
Eine Kutsche.
Feuchtigkeit läuft über sein Gesicht.
In seinen Mund. Der Geschmack von Eisen.
Blut. Sein Blut?
Schmerzen. Ein erbarmungsloses Trommeln, das seinen Schädel von innen zu sprengen versucht.
Was ist passiert?
Ein plötzlicher Ruck. Die Kutsche hat gestoppt. Schritte. Angestrengtes Stöhnen.
Das Gewicht auf seiner Brust nimmt ab.
Aber nicht viel.
„Shit. Guck dir das an. Genau zwischen die Augen.“
„Quatsch nicht, ich will fertig werden.“
Zwei Männer. Ihre Schritte entfernen sich.
„Auf drei. Eins, zwei–„
„Drei.“
Das dumpfe Geräusch eines Körpers, der irgendwo aufschlägt. Immer und immer wieder. Prasselndes Geröll.
Die Schritte kehren zurück.
Die Männer stöhnen.
Angestrengtes Schnaufen.
Schritte, die sich entfernen.
Körper, die dumpf aufprallen, wieder und wieder.
Weil sie … einen Abhang hinunterrollen?
Er versteht. Die Körper. Sie liegen auf ihm. Und werden einer nach dem anderen von der Kutsche gezogen.
Wie oft kommen und gehen die Männer?
Zweimal … dreimal … viermal …?
Dann endlich kein Gewicht mehr auf seiner Brust.
Atmen. Auch wenn es schwerfällt. Endlich atmen.
Aber …
Er kann nichts sehen.
Obwohl seine Augen geöffnet sind.
Blind, denkt er mit einem Anflug von Panik.
Ich bin blind. 
Hände packen seine Knöchel. Zerren seinen Körper über das Holz der Kutsche. Ein weiteres Paar Hände. Finger, die sich in seine Schultern krallen.
Wissen Sie, dass er lebt? Er versucht etwas zu sagen. Aber kein Laut kommt über seine Lippen. Stattdessen krabbelt eine Fliege in seinen Mund.
Hey! Ich lebe! 
„Shit?“
„Was?“
„Guck mal. Der atmet. Er lebt.“
Ja! Ich lebe!
„Nicht mehr lange.“
Die Hände tragen ihn. Die Männer schnaufen. Stoppen. Das war nicht weit. Sein Körper beginnt zu schwingen.
Vor.
Und zurück.
Vor und zurück.
Und dann …
Fliegt er.
Ist für einen Moment schwerelos.
Bis er aufprallt. Eine Felskante.
Ein Blitzschlag durchfährt seinen Körper. Er hört seine Rippen brechen.
Er überschlägt sich.
In einer Lawine aus Gestein und Sand.
Einmal, zweimal, dreimal.
Bevor er wieder schwerelos ist.
Und schließlich …
Nichts mehr.

 

Fortsetzung folgt …