RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Kapitel 2

Veröffentlicht 25. März 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Namenlose Bodega, 8 Meilen südlich von Brinkwater.

Eine Stunde vorher.

Der Fraß schmeckt so beschissen wie er aussieht.
Der Hunger treibt es rein.
Er spült den Bohneneintopf mit Selbstgebrannten herunter. Brennt wie Feuer. Vernichtet hoffentlich alles in der braunen Pampe auf seinem Teller, was da eigentlich nicht reingehört.
„Schmeckt’s?“ Der spindeldürre Mexikaner hinter dem Tresen lächelt. Sein Gebiss hat mehr Lücken als die Verteidigungslinien der Rebellen in der letzten Schlacht des Bürgerkriegs. Und so wie die restlichen Zähne aussehen, werden sie auch bald ihren Abschied nehmen.
Rondo sieht den Mexikaner an.
Sein Blick scheint dem als Antwort zu genügen. „Freut mich. Muy bien.“
Rondo vertreibt eine große grüne Scheißhhausfliege, die sich auf seinem Teller niedergelassen hat. Für den Geschmack macht es bestimmt keinen Unterschied, wenn er das Vieh mitgegessen hätte.
Er kratzt die letzten Reste mit einem Stück verbrannter Tortilla vom Teller, als draußen Hufgetrappel erklingt. Kurz darauf betritt ein Mann den dunklen, von den Adobewänden kühl gehaltenen Raum.
Anfang Sechzig, Nase wie ein Falkenschnabel, darunter ein an den Enden gezwirbelter, grauer Schnurrbart. Tweet-Anzug, Reithosen, kniehohe Stiefel, von einer dünnen Staubschicht bedeckt.
Er sieht zu Rondo. Tippt mit einem behandschuhten Finger an die schmale Krempe seines Derby-Huts. Tritt, ohne auf eine Erwiderung seines Grußes zu warten, an den grob gezimmerten Tresen.
„Señor Tottenham.“ Der Mexikaner lächelt servil und füllt unaufgefordert ein Glas mit Selbstgebranntem.
Der Mann dreht sich herum. Deutet auf Rondos leeren Teller. „Sie sind mutig.“ Ein britischer Akzent.
„Vor allem hungrig“, sagt Rondo.
Der Mann lächelt hebt das schmutzige Glas mit dem Selbstgebrannten und prostet ihm zu.
Rondo bringt sein eigenes Glas an die Lippen und beide trinken in einem Zug.
Der Mann zieht den Derby-Hut von seinem dichten grauen Haar und platziert ihn auf dem Tresen. Streift die Handschuhe von den Fingern und legt sie neben den Hut. Greift in die Tasche seines Jackets. Holt eine Pfeife heraus. Stopft sie und zündete sie mit einem Streichholz an. Pafft und bläst ein paar kleine Wölkchen in den Raum.
Der Geruch des Pfeifentabaks steigt Rondo in die Nase, während an seinem Glas nippt.
„Nicht aus der Gegend, oder?“, fragt der Mann mit der Falkennase.
„Nein.“
„Auf der Durchreise?“
Rondo antwortet nicht.
Der Mann lächelt. „Entschuldigen Sie. Zuviele Fragen. Ich wollte nicht unhöflich sein. Mein Name ist Tottenham. Milton Tottenham.“
Rondo erwidert nichts. Zeit zu gehen. Er leert sein Glas. Schiebt den Stuhl zurück und richtet sich auf. Greift nach dem flachkronigen Hut, der auf dem Tisch liegt, und setzt ihn auf.
Tottenham mustert ihn.
Rondo merkt, wie die grauen Augen auf seinem aufwendig verzierten Revolvergurt haften bleiben.
Tottenham deutet mit seiner Pfeife auf die Waffe. „Können Sie damit umgehen?“
Rondo wittert ein Jobangebot. Und sein Geld neigt sich dem Ende zu. Ein bisschen Zeit kann er sich vielleicht ja doch noch nehmen.
„Kommt drauf an“, sagt er.
Tottenham Wangen ziehen sich kurz zusammen, als er wieder an der Pfeife pafft. „Auf die Bezahlung?“
Rondo nickt. „Unter anderem.“
Tottenham lächelt. „Darf ich eine Runde spendieren?“
Rondo nickt. Tottenham lässt sich von dem Mexikaner die Flasche mit dem Selbstgebrannten geben. Er will zu Rondos Tisch gehen, als draußen wieder Hufgetrappel erklingt.
Mehrere Pferde, denkt Rondo. Mindestens drei oder vier.
„Er ist hier“, hören sie eine Stimme.
Tottenham hält auf halbem Weg zu Rondo inne.
Schritte vor der Bodega, das Rasseln von Sporen, dann fällt ein Schatten durch die Tür in der Raum.
Tottenham erstarrt.
Rondo dreht den Kopf.
Ein Mann in Tottenham Alter betritt die Bodega. Vielleicht sogar älter. Er hat den krummbeinigen Gang von jemandem, der sein Leben im Sattel verbracht hat und einen grauen Schnurrbart wie Tottenham. Nur das seiner nicht mit Wachs gezwirbelt ist, sondern sichelartig nach unten hängt.
Aber Rondo interessiert sich nicht für seinen Schnurrbart, sondern für den monströsen alten Walker Colt, den er in der rechten Hand hält. Drei weitere Männer drängen sich hinter ihm in die Bodega. Alle sind bewaffnet, einer mit einer doppelläufigen Schrotflinte.
„Tottenham“, sagt der Mann mit dem Sichelschnurrbart.
Tottenham nickt ihm mit einem freundlichen Lächeln zu, so als wäre der Colt in der Hand des anderen gar nicht da. „Mister Duval.“
Einen Moment herrscht Schweigen. Das Surren der großen grünen Scheißhausfliege, die von den Resten auf Rondos Teller abhebt, ist das einzige Geräusch im Schankraum.
Der Mann namens Duval wedelt mit dem Colt. „Gehen wir.“
„Wohin?“, fragt Tottenham. Sein Versuch gelassen zu klingen misslingt. Die Angst, die mitschwingt, ist nicht zu überhören.
„Sie lassen uns keine Wahl“, sagt Duval. „Los jetzt.“
„Ich wollte den Herrn dort gerade auf einen Drink einladen“, erwidert Tottenham.
Rondo weiß, dass Duval ihn längst bemerkt hat, auch wenn er ihn bis jetzt nicht eines Blickes gewürdigt hat. Der Alte ist kein Amateur. Dem entgeht nichts. Und er weiß garantiert mit der Kanone in seiner Hand umzugehen.
Jetzt dreht Duval langsam den Kopf. Blickt Rondo aus einem faltenzerfurchten, wettergegerbten Gesicht an. Die wässrigen Augen haben eine Menge gesehen, das spürt Rondo. Genau wie Tottenham fällt Duvals Aufmerksamkeit als erstes auf Rondos Revolvergurt. „Aus der Einladung wird leider nichts, Fremder“, sagt er, bevor er sich wieder Tottenham zuwendet. „Und jetzt raus!“
Tottenham rührt sich nicht.
„Sonst knallen wir Sie gleich hier drin ab!“, sagt der Mann mit der Schrotflinte. Er trägt einen zerschlissenen Anzug und wirkt nervös. Seine Stimme zittert. Definitiv kein Profi wie Duval. Aber nervöse Typen mit einer Schrotflinte sind nicht minder gefährlich. Die beiden anderen Männer sehen aus wie Cowboys. Sie tragen Chaps und Revolvergurte. Wirken weniger nervös als der Mann mit der Schrotflinte. Ihre Mienen sind grimmig und Rondo vermutet, dass sie durchaus in der Lage sind zu treffen, auf was sie schießen.
Okay, diese Typen wollen Tottenham töten, soviel scheint klar.
Wobei sie bis auf Duval nicht den Eindruck machen, als wären sie Killer. Rondo fragt sich, worum es hier geht. Was immer es ist, er weiß jetzt, was Tottenham bei einem Drink mit ihm besprechen wollte. Scheinbar braucht er Schutz. Schutz vor Duval und seinen Begleitern. Rondo könnte sich wieder setzen und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen. Er hat hier nur gestoppt, um seinen Hunger zu stillen und eine Verschnaufpause zu machen. Nicht, um sich in Angelegenheiten ziehen zu lassen, die ihn nichts angehen.
Tottenham sieht zu Rondo. „Mister, Sie müssen wir helfen“, sagt er und jetzt ist die Angst in seiner Stimme unüberhörbar. „Ich bezahle Sie–„
Duval spannt den Hahn des Walker Colts. „Halten Sie den Mund, Tottenham!“ Sein Kopf ruckt zu Rondo herum. “Und Sie setzen Sie sich hin! Langsam. Legen Sie die Hände auf den Tisch, so dass ich Sie sehen kann.“
Rondo rührt sich nicht. Eigentlich sagt dieser Duval ihm nur, was er sowieso vorhatte. Aber kann er einfach zulassen, dass diese Kerle einen Mann töten, der ihm einen Drink spendieren wollte? Einen unbewaffneten Mann?
Einer der beiden Cowboys, ein hochgewachsener junger Kerl, der noch nicht mal Barthaare hat, funkelt Rondo an. „Hast du was an den Ohren?“
Junge Hitzköpfe.
Mindestens genauso gefährlich wie nervöse Typen.
Rondo spürt, wie sich sein Herzschlag beschleunigt. Vier Mann. Drei mit Revolvern. Eine Schrotflinte. Nicht unbedingt das, was er als eine ausgeglichene Situation bezeichnen würde. Dann ist da noch die Frage, auf welcher Seite der Mexikaner hinter dem Tresen steht.
Es scheint, als könnte Duval seine Gedanken lesen. „Das hier geht Sie nichts an. Tun Sie nichts, was Sie hinterher bereuen.“
Zu spät, denkt Rondo.
Und sagt: „Ich werde jetzt mit Mister Tottenham den Drink nehmen, zu dem er mich eingeladen hat.“
Eine simple Aussage.
Eine klare Ansage.
Duval starrt ihn an.
Rondo weiß, was hinter der Stirn des Alten vorgeht: Er fragt sich, ob Rondo so gut ist, wie er tut, ob er lebensmüde ist oder ob er einfach nur blufft.
Rondo weiß, dass er nicht blufft.
Und das er nicht lebensmüde ist.
Ob man allerdings gut genug ist, dass weiß man in solchen Situationen immer erst hinterher. Was in gewisser Weise ihren Reiz ausmacht.
Duval scheint noch nicht bereit, die Angelegenheit eskalieren zu lassen. „Überlegen Sie sich gut, was Sie tun, Mister.“
Rondo sieht ihm in die Augen. „Das habe ich bereits.“
Duval atmet durch.
Zögert. Hinter seiner Stirn arbeitet es.
Und dann bemerkt Rondo, wie sich der Lauf des Walker Colts langsam zu senken beginnt. Vielleicht kommen sie ja heute doch alle mit dem Leben davon–
„Das hast du dir selbst zuzuschreiben!“, stößt der junge Cowboy in diesem Moment hervor und reißt seine Waffe hoch.
Das Sterben beginnt.

Fortsetzung folgt …