DIE HEILAND – Staffel 2 – ab jetzt

Veröffentlicht 29. April 2020 in Drehbuch, Serien, TV

Seit gestern, dem 28.04.2020, läuft in der ARD (20:15 Uhr) die zweite Staffel von DIE HEILAND – Wir sind Anwalt, für die ich zusammen mit Agleff Püschel, Tamara Sanio, Catrin Lüth, Oke Stielow und Anne Rabe die Drehbücher geschrieben habe. Headautoren waren Andreas Fuhrmann und Oliver Phillip.

 

© Reiner Bajo/ Olgafilm/ ARD

 

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 12

Veröffentlicht in Roman, Rondo, Schreiben

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Es ist eine im Westen nicht ungewöhnliche Geschichte.
Ein mächtiger Mann wie Milton Tottenham, der sich etwas aufgebaut hat, als es noch kein Gesetz gab. Ein Mann, der seine eigenen Gesetze macht. Ein Mann, der die Geschäftsleute in Brinkwater zwingt dreißig Prozent ihrer Einnahmen an ihn zu zahlen, weil es ohne ihn die Stadt nicht geben würde.
Ein Mann, der keine Konkurrenz duldet. Konkurrenz wie den ehemaligen Texas Ranger Thomas McCall, der eines Tages in der Gegend auftauchte, mit den rechtmäßigen Besitzpapieren für ein Stück Land im Gepäck, die Tottenham versäumt hatte sich zu besorgen, weil er der Meinung war, dass ihm sowie alles gehört. Ein Besitzpapier, das McCall auch die Wasserrechte einräumt, die Tottenham bislang ganz selbstverständlich für sich beansprucht hat. Rechtmäßig hätte Tottenham McCall für die Wassernutzung zahlen müssen. Natürlich weigerte sich Tottenham. McCall gab ihm Bedenkzeit.
Ein paar Monate später kam McCalls alter Partner Augustus Duval ebenfalls nach Brinkwater und eröffnete dort den Tin Star Saloon. Als Tottenham, wie von allen anderen, dreißig Prozent der Einnahmen verlangte, erklärte Duval ihm, er würde ihn liebend gern bezahlen, allerdings nur in Blei.
Das Beispiel der beiden ehemaligen Texas Ranger machte der Stadt Mut und Tottenham wütend. Sehr wütend. Vor einem Jahr hat er begonnen Männer einzustellen, die seine Forderungen mit Gewalt durchsetzen. Männer wie einen Deutschen namens Gerhard, Männer wie Walsh und Ford. Die einzigen, die sich nicht einschüchtern ließen, waren McCall und Duval gewesen. Bis McCall letzte Woche von Gerhard erschossen wurde.
Der Town Marshal, Lou Kelton, ein Mann mit zweifelhafter Vergangenheit und in Tottenhams Tasche, erklärte, es sei Notwehr gewesen. McCall habe den Deutschen provoziert und zuerst zur Waffe gegriffen. Da er der einzige Zeuge gewesen ist, wird nie jemand das Gegenteil beweisen können. Der Mord an Mcall war der Grund gewesen, warum Duval, der Hotelbesitzer Bigsby und zwei von McCalls Cowboys Tottenham in der Bodega konfrontiert hatten.
Das alles hat Tomas Rondo erzählt.
Fühlt Rondo sich schuldig, weil er Duval und die anderen erschossen hat? Nein. Der hitzköpfige junge Cowboy hat den tödlichen Tanz eröffnet.
Bereut Rondo, dass er sich eingemischt hat? Natürlich. Es hätte ihn beinahe sein Leben gekostet. Von der Kugel in seinen Kopf, die ihn in einen lebenden Toten verwandelt hat, ganz zu Schweigen. Aber der Gedanke jeden Moment tot umzufallen, wie der Doc es ausgedrückt hat, macht Rondo keine Angst. Denn irgendwie, denkt er, sind wir doch sowieso alle lebende Tote.
Er lenkt den Appaloosa nach Süden, zurück zum Canyon. Er braucht eine Basis, ein Lager, und was bietet sich besser an, als der Palo Duro.
Er kann die ersten Ausläufer des Canyons bereits sehen, als er aus den Augenwinkeln eine Lichtreflektion bemerkt. Als würden Sonnenstrahlen auf einen Spiegel treffen.
Oder den Lauf einer Waffe.
Er lässt sich bereits seitlich aus dem Sattel rutschen, als der Schuss kracht. Spürt noch den Luftzug des Geschosses. Er landet hart am Boden und bleibt liegen. Der Appaloosa trabt ein Stück weiter, bevor er stoppt.
Nach ein paar Minuten hört Rondo Hufgetrappel, dann stoppt die Mexikanerin ihr Pferd und gleitet aus dem Sattel. Sie hat mit einem Gewehr auf ihn geschossen, aber jetzt hält sie den Walker Colt in der Hand.
Er wartet, bis sie neben ihm steht, dann holt er sie mit einem schwungvollen Tritt seines rechtes Beins von den Füßen. Sie landet mit einem dumpfen Laut auf ihrem prallen Hintern.
Er springt auf. Sofern man seine steifen Bewegungen aufspringen nennen kann. Sie hat den Walker Colt nicht losgelassen, tut es aber, als er ihr seinen Stiefelabsatz auf die Finger rammt. Sie stößt einen Schmerzensschrei aus.
Der Stoff ihres Kleides reißt, als er sie auf die Beine zerrt. Sie spuckt ihn an.
Rondos Handfläche trifft sie im Gesicht und wirbelt sie um die eigene Achse. Sie fängt sich, aber er verpasst ihr gleich noch eine, diesmal mit der Rückhand. Sie hält sich immer noch auf den Beinen. Ein hartes Mädchen, das muss man ihr lassen.
Rondo spannt den Hand des Colts.
Sie wischt sich Blut und Tränen aus dem Gesicht. „Knall mich doch ab, du Hurensohn!“
Er hätte nicht übel Lust dazu. Er hat die Schnauze voll davon die Zielscheibe dieser Leute zu sein.
Er kneift die Augen zusammen. In seinem Kopf fängt der Schmied wieder an seinen Amboss zu bearbeiten.
Sie reckt herausfordernd das Kinn nach vorn. „Worauf wartest du noch?“
Ihr Gesicht beginnt zu verschwimmen.
Die Landschaft um ihn herum auch.
Er lässt den Colt sinken.
Scheiße. Gottverdammte Scheiße.
Und dann nichts mehr.
Nur Dunkelheit.
Er hört, dass sie sich bewegt.
Einen Moment später presst sich die Mündung des Walker Colts gegen seine Stirn.
„Lass die Waffe fallen!“
Er gehorcht.
„Was ist mit dir?“
„Ich kann nichts sehen.“
„Was … ?“
„Die Kugel in meinem Kopf. Der Doc sagt, sie drückt auf den Sehnerv.“
Sie erwidert nichts.
Der Colt verschwindet von seiner Stirn.
„Heißt das, deine Sicht kommt zurück?“
„Das hoffe ich.“
„Dann töte ich dich, wenn du wieder sehen kannst.“
Er hört, wie sie auf ihr Pferd steigt und davonreitet.
Dann ist er allein.
Beim letzten Mal ist seine Sicht nach kurzer Zeit zurückgekehrt.
Also wird das diesmal auch so sein.
Oder?
Er bückt sich. Ertastet den fallengelassenen Colt. Für einen kurzen Moment ist da der Gedanke sich einfach das Gehirn rauszublasen.
Und was wenn ausgerechnet danach deine Sicht zurückkehrt?
Sein irres Lachen verhallt in der Weite.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 11

Veröffentlicht 25. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Er reitet durch Seitenstraßen zum Mietstall am Ostende der Stadt. Hier soll er warten, bis ihm Brody, dem der Stall gehört, das Geld bringt. Die Städter müssen erst ihre Ersparnisse auf der Bank anzapfen.
Ein glatzköpfiger Schwarzer beschlägt auf der Rückseite des Gebäudes die Hufe eines Wallachs. Neben ihm liegt ein dürrer Hund am Boden. Beide heben die Köpfe, als sie Rondo kommen sehen.
„Fünfzig Cent pro Nacht und Pferd“, sagt der Schwarze, während Rondo mit steifen Gliedern aus dem Sattel rutscht.
„Ich warte hier nur auf Brody.“
Der Schwarze runzelt die Stirn. „Der ist–„
„Ich weiß, wo er ist. Haben Sie Wasser?“
„Drinnen. Bedienen Sie sich.“
Rondo spürt, wie die Blicke des Mannes ihm folgen, als er den Stall betritt. Er findet einen Holzzuber mit Wasser und einer Metallkelle. Er nimmt ein paar Schlucke, dann lässt er sich auf einen Heuballen sacken. Die Kopfschmerzen sind wieder stärker geworden. Auch der Rest seines Körpers fühlt sich nach fast drei Wochen immer noch so an, als wäre er unter die Hufe einer Mustang-Herde geraten.
Den Willen Tottenham zu töten hat er.
Oh, ja, und ob er den hat.
Aber die Kraft?
Durch die offene Tür auf der Vorderseite des Stalls sieht er zwei Reiter kommen.
Rondo hat kein Zuhause und er hat keinen Besitz.
Die wenigen Dinge, die ihm gehören und die ihm etwas bedeuten, sind verschwunden, seit er sich eine Kugel in den Kopf hat jagen lassen: Sein Colt, der verzierte Waffengurt, den ihm Armendariz für seine Dienste in Mexiko geschenkt hat, die Winchester mit der verstellbaren Mikrometer Lochkimme – und der Appaloosa.
Derselbe Appaloosa, auf dem einer der beiden Männer sitzt, die jetzt vor dem Stall aus den Sätteln steigen.
„Ich nehm die kleine Chinesin. Die Belle als Ersatz für Estrella geholt hat. Ich frag mich, ob ihr Schlitz da unten genauso quer ist wie ihre Augen.“
„Nimm wen du willst, ich bleibe beim Whiskey.“
„Du wirst alt, Walsh.“
„Ich bin alt. Und keine Muschi, quer oder nicht quer, schmeckt so gut, wie der Whiskey bei Barney’s.“
„Wenn alt sein bedeutet, dass man den Geschmack an Muschis verliert, möchte ich jung sterben.“
Rondo richtet sich ruckartig auf. Ihm wird schwindelig, und er muss sich mit einer Hand an einem der Stützbalken festhalten.
Er hat die beiden Männer noch nie gesehen.
Aber er hat ihre Stimmen gehört.
„Guck mal. Der atmet. Er lebt.“
„Nicht mehr lange.“
Es sind die Typen, die ihn in den Canyon geworfen haben. Zusammen mit den Leichen der anderen.
Und jetzt kommen sie durch die offene Stalltür. Walsh, der Ältere, ein bulliger Typ mit einem von Kautabakflecken durchsetzen weißen Bart und einer Augenklappe, führt den Appaloosa. Sogar Rondos Sattel und seine Winchester hat der Dreckskerl behalten.
„Hey Woody, beweg deinen Arsch hierher.“
Der Schwarze, der gerade den letzten Nagel in den Huf des Wallachs geschlagen hat, richtet sich auf.
Walsh, an den Hüften zwei Revolver, die er mit den Kolben nach vorne trägt, zeigt auf das Pferd seines Begleiters. “Fords Gaul hat ein lockeres Hufeisen.“
Woody legt den Hammer zur Seite und kommt in den Stall. „Ich kümmere mich drum.“
Der Mann namens Ford spuckt dem Schwarzen eine Ladung Kautabak vor die Füße. „Natürlich tust du das.“
Rondo starrt die beiden Männer, die ihm bislang noch keine Beachtung geschenkt haben, an.
Sie haben ihn in den Canyon geworfen.
Entsorgt wie Stück Abfall.
Sie gehören zu Tottenham.
Seine Hand legt sich auf den Griff von Tomas’ Colt, der hinter seinem Rücken im Hosenbund steckt. In diesem Moment wittert ihn der Appaloosa. Das Pferd spitzt die Ohren, schnaubt und will in seine Richtung.
Die Zügel in Walsh’ Hand spannen sich. Er dreht verärgert den Kopf. Und erblickt Rondo. Walsh mag sich zu alt für Prostituierte fühlen, aber braucht er nur zwei, drei Sekunden um zu erfassen, dass da jemand vor ihm steht, der eigentlich nicht vor ihm stehen dürfte. „Leck mich am–„
Rondo reißt Tomas’ Colt hinter dem Rücken hervor und drückt ab.
Nichts geschieht.
Shit.
Fehlladung.
Schon hat Walsh Rondos Handgelenk mit der Linken gepackt und hämmert ihm die Rechte ins Gesicht.
Rondo verliert den Colt und taumelt nach hinten. Er sieht, wie Walsh nach einem seiner beiden Colts greift und duckt sich gerade noch rechtzeitig in eine Pferdebox, bevor die Waffe kracht. Holzsplitter fliegen.
Er sitzt in der Falle.
Eine Heugabel. Rostige Spitzen.
Rondo greift zu.
„Scheiße! Wer war das?“, hört er Ford schreien.
„Rondo.“
„Was?! Wieso lebt der?“
„Keine Ahnung. Frag ihn.“
„Ne, ich knall ihn lieber ab.“
„Nach dir.“
Rondo stürmt geduckt nach vorn, als jemand in der offenen Tür der Box erscheint.
Die Forken der Mistgabel bohren sich in Fords Bauch und stoßen ihn nach hinten.
Aus den Augenwinkeln bemerkt Rondo Walsh, der jetzt beide Pistolen in den Händen hält. Er wirft sich dem Alten entgegen. Die Pistolen krachen, als Rondo gegen ihn prallt. Die beiden Männer landen am Boden. Rondo auf Walsh. Er nutzt die Gelegenheit, dem anderen seine Fäuste so schnell und hart er kann ins Gesicht zu hämmern wie er kann.
Immer und immer wieder.
Bis Walsh sich nicht mehr rührt.
Rondo hält schnaufend inne.
Flecken tanzen vor seinen Augen und der Stall dreht sich um ihn herum wie ein Karussell. Er zieht sich an der Wand der Box nach oben.
Unter ihm stöhnt Walsh benommen. Blut quillt aus Nase und Mund des Alten und färbt den langen Bart rot. Die Augenklappe ist verrutscht und offenbart eine milchig-weiße Pupille.
Rondo bemerkt, dass der Schwarze ihn mit offenem Mund ansieht. Dann blickt er zu Ford, der röchelnd auf dem Rücken liegt und aussieht, als würde er sich fragen, woher die Heugabel in seinem Bauch kommt.
„Guck mal. Der atmet. Er lebt.“
„Nicht mehr lange.“
Rondo wankt zu Ford und reißt die Heugabel aus seinem Körper.
Aber nur um sie gleich wieder nach unten zu stoßen.
Diesmal in Fords Brustkorb.
Das Röcheln erstirbt.
„Mister! Achtung!“
Rondo wirbelt herum und der Schwindel nimmt ihm das Gleichgewicht. Er fällt der Länge nach hin, gerade als Walsh, der sich aufgerichtet hat, feuert.
Die Kugel, die für Rondo bestimmt war, trifft ein Pferd in der Box hinter ihm; das Tier bäumt sich wiehernd auf.
Rondo kämpft sich auf die Knie und sieht die blutbesudelte Visage von Walsh, der im Sitzen versucht erneut auf ihn zu schießen. Nur eine Armlänge entfernt.
Rondos Rechte reißt das Messer, das Topsannah ihm geschenkt hat, aus der Scheide.
Die Klinge saust durch die Luft.
Walsh’ Augen weiten sich, als seine Pistole und drei seiner Finger im Dreck landen.
Dann tritt Rondo ihm ins Gesicht und der Alte fliegt bewusstlos nach hinten.
Rondo schwankt zu seinem Appaloosa. Krallt haltsuchend seine Hände in dessen Mähne und presst seine Stirn gegen den Kopf des Tiers. „Na, alter Junge. Hast du mich vermisst?“
„Ach du Scheiße …“
Rondo dreht den Kopf.
Brody steht im Stall, seine Augen auf die leblosen Körper von Walsh und Ford gerichtet. Auf die Heugabel in Fords Brustkorb und die abgehackten Finger von Walsh am Boden.
„Mort Druckers Gaul hat’s auch erwischt“, sagt Woody trocken und deutet mit dem Daumen über die Schulter, auf den Kadaver des erschossenen Pferdes.
„Haben Sie das Geld?“, fragt Rondo.
Brody nickt. Er reicht Rondo einen kleinen Lederbeutel. Rondo prüft den Inhalt. Er weiß nicht, ob er je tausend Dollar auf einem Haufen gesehen hat, aber das Geldbündel macht den Eindruck, als könnte es hinkommen. Er stopft den Beutel in die Satteltaschen.
„Hey, du Dreckstöle! Hau ab–!“
Rondo sieht zu Walsh, der gerade wieder zu sich gekommen ist, und fassungslos mitansehen muss, wie der abgemagerte Köter seine verlorenen Finger frisst.
Der Blick des Alten fällt auf eine seiner beiden Pistolen. Aber bevor er danach greifen kann, hat Rondo sie aufgehoben.
Er geht neben Walsh in die Hocke und schiebt ihm die Mündung unter die von roten Adern durchzogene Nase. „Du kannst Tottenham ausrichten, dass seine Tage gezählt sind.“
Der Alte erwidert nichts.
Rondo lässt sich von Woody den Revolvergurt des toten Ford geben, bevor er sich stöhnend auf den Rücken des Appaloosa zieht. Er sieht noch einmal zu Brody und Woody, dann reitet er aus dem Stall ins grelle Sonnenlicht der Straße und jagt den Appaloosa im Galopp aus der Stadt.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 10

Veröffentlicht 21. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Topsannah und der Alte haben zwar ein Gewehr, aber das wollten sie ihm nicht geben. Dafür haben sie ihm eins ihrer drei Pferde überlassen. Sie hatten darauf bestanden, ihm die Augen zu verbinden, bevor Topsannah ihn vom Plateau hinab in den Canyon führte. Der Weg zu ihrem Lager soll geheim bleiben. Sie haben ihm zwar das Leben gerettet, aber das heißt nicht, dass sie ihm auch vertrauen. Das würde er in ihrer Stelle auch nicht.
Als Topsannah ihm erlaubte, dass Tuch von den Augen zu nehmen, reichte sie ihm ein Messer. Die Klinge war breit und scharf, der Griff bunt bemalt. Eine handgefertigte Waffe der Comanchen.
Topsannah wünschte ihm viel Glück.
Er ihr auch.
Brinkwater ist eine Ansammlung von knapp drei Dutzend Gebäuden, durchzogen von einer staubigen Hauptstraße. Es gibt eine Bank, einen General Store, ein Hotel mit Restaurant, drei Saloons, ein Bordell, ein Badehaus, einen Pferdestall mit Schmiede.
Und eine Arztpraxis.
An deren Hintertür steigen Rondo und Tomas von ihren Pferden. Tomas klopft an die Tür, während Rondo daneben wartet, die Hand auf dem Griff von Tomas’ Colt.
Die Tür wird geöffnet.
„Hola, Doc.“
„Tomas?“
Rondo schiebt sich neben den Mexikaner. Der Arzt, der im Türrahmen steht, ein schlanker Mann Mitte Vierzig, in weißem Hemd und schwarzer Weste, runzelt die Stirn. Sein Blick richtet sich auf Rondos Hand an der Pistole.
„Doc, das ist–„
„Rondo“, sagt Arzt. Seine Augen suchen Rondos Kopf nach einer Wunde ab. Rondo schiebt mit der Rechten seine Haare beiseite, so dass das Einschussloch sichtbar wird.
„Treten Sie bitte ein.“
„Ich hole die anderen“, sagt Tomas.
Rondo nickt. Er weiß, welches Risiko er eingeht, wenn er den Mexikaner gehen lässt, aber er hat keine Wahl. Während Tomas wieder auf sein Pferd steigt, folgt Rondo dem Arzt ins Haus.
Eine halbe Stunde später wäscht sich der Mediziner die Hände über einer Schüssel mit heißem Wasser. „Also, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Kugel noch in Ihrem Kopf steckt. Möglich, dass sie aufs Sehzentrum des Gehirns drückt. Deswegen waren Sie auch erblindet.“
„Kann das wieder passieren?“
Der Arzt trocknet sich die Hände ab. „Natürlich. Und es könnte auch sein, dass Sie jederzeit tot umfallen. Ich hab keine Ahnung, was die Kugel in Ihrem Schädel anrichtet. Vielleicht werden Sie mit dem Stück Blei auch steinalt. Alles ist möglich. Aber ich würde nicht drauf wetten.“
Rondo beschließt die Worte des Arztes als gute Nachricht zu werten. Er lebt und kann weiter leben. Zumindest solange, bis er tot umfällt. Und wenn das geschieht … dann gibt es nichts, was er dran ändern könnte.
Der Gedanke wieder zu erblinden allerdings …
Im Flur erklingen Schritte. Rondo hebt den Colt. Dann wird die Tür zum Untersuchungszimmer geöffnet. Zwei Männer und eine Frau drängen sich in den Raum, gefolgt von Tomas. Die Männer sind unbewaffnet, aber die Frau, eine dralle Mexikanerin, hält eine Waffe in der Hand, die Rondo sofort wiedererkennt.
Duvals Walker Colt.
„Den legen Sie besser gleich weg“, sagt Rondo.
Ihre dunklen Augen funkeln ihn hasserfüllt an.
„Estrella. Bitte.“, sagt der Ältere der beiden Männer.
Sie rührt sich nicht. Rondo traut ihr durchaus zu, dass sie versuchen wird, auf ihn zu schießen. Sie wäre allerdings tot, bevor sie die massive Waffe heben kann. Das scheint sie auch zu kapieren, denn sie legt den Colt widerwillig in einem Regal neben der Tür ab.
Einen Moment herrscht Schweigen.
Der ältere der beiden Männer, nachdem was der Mexikaner Rondo erzählt hat, muss das Wells sein, hakt die Daumen hinter seinen Gürtel. „Tomas sagt, Sie wollen uns ein Geschäft vorschlagen.“
„Ich will Ihnen meine Dienste anbieten.“
Die Mexikanerin schnauft wütend.
Rondo behält sie im Blick. Und die Mündung des Colts weiter auf sie gerichtet.
„Ich werde Tottenham für Sie töten.“
„Und Sie wollen, dass wir Sie dafür bezahlen“, sagt Wells.
„Du Dreckschwein hast meinen Mann erschossen!“, schreit die Mexikanerin ihn an. „Das einzige, womit ich dich bezahle ist Blei!“ Sie streckt ihre Hand nach dem Walker Colt aus, aber Wells hält sie fest.
„Lass mich los!“ Sie windet sich in Wells’ Griff und spuckt in Rondos Richtung. „Cabron! Pendejo!“
Rondo wartet, bis sie sich beruhigt hat. „Ihr Mann und die anderen haben mir keine Wahl gelassen.“
Sie starrt ihn schweratmend an, Tränen in den Augen.
„Warum haben Sie sich überhaupt eingemischt?“, fragt Wells. „Das ging Sie doch gar nichts an.“
„Glauben Sie mir, ich wünschte, ich hätte mich rausgehalten. Aber ich habe nur vier Kerle gesehen, die einen Unbewaffneten ermorden wollten.“
Der jüngere Mann schnaubt verächtlich. „Ich wusste gar nicht, dass Killer Moralvorstellungen haben.“
Rondo hat kein Interesse an Diskussionen über seine Moralvorstellungen. „Kommen wir ins Geschäft, oder nicht?“
Der Doc krempelt die Ärmel seines Hemdes wieder nach unten. „Brody hat recht. Wenn Tottenham nicht auf Sie geschossen hätte, würden Sie jetzt wahrscheinlich für ihn arbeiten, oder?“
Rondo nickt. „Gut möglich.“
Der junge Mann, Brody, bewegt sich, während er spricht, auf den Walker Colt im Regal zu. „Ich weiß, Sie genießen einen gewissen Ruf, aber mal ehrlich, ich hab einen Nachtopf voll Pisse unterm Bett, der sieht besser aus als Sie.“
„Noch ein Schritt und Sie brauchen den Topf nicht mehr“, sagt Rondo.
Brody hält ertappt inne.
„Wieviel wollen Sie?“, fragt Wells.
„Zweitausend Dollar.“
Wells schluckt. Tauscht Blicke mit Brody, Estrella und dem Doc.
„Die Hälfte im Voraus“, sagt Rondo.
Der Doc schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht … dann wären wir doch nicht besser als Tottenham.“
„Augustus und die anderen wollten ihn auch töten“, sagt Wells.
„Ja. Und ich habe immer gesagt, dass ich dagegen bin.“
„Was ist die Alternative, Doc? Darauf warten, dass Tottenham uns alle in den Ruin treibt? Oder abknallen lässt wie McCall?“
Der Arzt weicht Wells’ Blick aus. Er vergräbt kopfschüttelnd die Hände in den Hosentaschen.
Brody mustert Rondo misstrauisch. „Und wer sagt uns, dass Sie mit den tausend Dollar nicht einfach abhauen?“
Als Antwort zeigt Rondo mit dem Finger auf das verkrustete Einschussloch in der Nähe seiner Schläfe. „Und falls es schiefgeht und ich draufgehe, wird niemand erfahren, dass Sie mich bezahlt haben.“
Einen Moment herrscht Schweigen, dann sagt Brody: „Wells hat recht, Doc. Was sollen wir sonst tun?“
Der Arzt hebt den Kopf. Fährt sich seufzend mit einer Hand durch das schüttere Haar. Dann nickt er schwerfällig.
Brody legt eine Hand auf die Schulter der Mexikanerin. „Estrella?“
Ihre Oberlippe zuckt. „Das Schwein soll sterben.“
Wells, Brody, Tomas und der Doc verstehen das als Zustimmung. Aber Rondo weiß, dass ihre Worte, nicht nur Tottenham gelten.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 9

Veröffentlicht 18. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Das Blut der Toten ist längst im Lehmboden des Schankraums versickert, aber Tomas bekommt den metallenen Geruch nicht aus der Nase, obwohl er weiß, dass das sein Gehirn sein muss, das ihm einen Streich spielt.
Seit der Schießerei vor fast drei Wochen herrscht eine trügerische Ruhe. Immer wenn in den letzten Tagen Reiter vor der Bodega gestoppt haben, hat Tomas damit gerechnet, dass Tottenham nun doch noch beschlossen hat, ihn aus dem Weg zu räumen. Einmal war sogar der Deutsche hier gewesen, Gerhard. Er wollte wissen, an welchem Tisch Rondo gesessen hatte. Er hatte dann selbst dort Platz genommen und sich von Tomas einen Selbstgebrannten bringen lassen. Hatte ihn schweigend getrunken und war wieder davongeritten. Muy loco, dieser Gringo.
Tomas hat kurz mit dem Gedanken gespielt aus der Gegend zu verschwinden. Aber wo soll er hin? Die Bodega ist alles, was ihm geblieben ist, seit er Maria an eine Lungenentzündung verloren hat. Kinder waren ihnen nicht vergönnt. Und seit Estrella nicht mehr im Bordell arbeitet, ist ihm die Lust auf Prostituierte vergangen. Was sicher auch daran liegt, dass die anderen Weiber so gottverdammt hässlich sind. Bis auf das neue chinesische Mädchen, aber die ist ihm zu jung.
Nein, Tomas wird hierbleiben. Und wenn das heißt, dass er sterben muss, dann ist das eben so. Irgendwann muss jeder abtreten.
Er hat gerade das letzte seiner Gläser in der Schale mit heißem Wasser gespült, als der Perlenvorhang hinter ihm rasselt. Bevor er sich umdrehen kann, krallt sich eine Hand in sein Haar und reißt seinen Kopf in den Nacken. Er spürt die scharfe Klinge eines Messers unter dem Kehlkopf.
„Hast du eine Waffe?“, fragt eine heisere Stimme.
„Unter dem Tresen. Gleich rechts.“
Das Messer bleibt an seiner Kehle. Aus den Augenwinkeln sieht Tomas, wie eine Hand seinen Colt unter dem Tresen hervorzieht. Das Messer verschwindet von seinem Hals.
„Beweg dich.“
Der Unbekannte presst ihm die Mündung des Colts in den Rücken und schiebt ihn in den Schankraum.
„Umdrehen.“
Tomas gehorcht.
Im ersten Moment erkennt den Mann nicht. Er ist abgemagert, die halblangen Haare sind verfilzt, der Bart struppig, die Kleidung schmutzig. Aber dann …
Es ist der Gringo.
Rondo.
Madre de mios. Sie sind ja wirklich nicht tot–“
Die Hand mit dem Colt saust durch die Luft. Schmerz explodiert in Tomas’ Schädel wie ein Feuerwerk. Er taumelt nach hinten, spürt Blut in seine Augen rinnen. „Bitte nicht, Senor …„ Schwarze Flecken tanzen vor seinen Augen, alles dreht sich und er greift nach einer Tischkante, um nicht umzukippen.
„Woher weißt du, dass ich lebe?“
„Ich wusste es nicht nicht. Aber wir waren im Canyon, um die Toten zu holen. Sie waren nicht dabei.“
„Wer ist wir?“
„Ein paar Leute aus der Stadt. Bitte, darf ich mich setzen? Mir wird sonst schwarz vor Augen.“
Der Gringo nickt.
Tomas lässt sich stöhnend auf einen Stuhl fallen. Die verdammten Gringos. Sie lieben es einfach Mexikaner zu schlagen. Er zieht mit zitternden Fingern das schmutzige Tuch, mit dem er sonst die Tische abwischt, aus dem Gürtel und presst es gegen die Wunde auf seiner Stirn.
Der Gringo sieht allerdings selbst aus, als würde er jeden Moment schlapp machen. Er zieht sich einen Stuhl heran und lässt sich gegenüber von Tomas darauf niedersacken. In der linken Hand der Colt, in der rechten das Messer.
„Warum haben Sie mich geschlagen?“
„Sei froh, dass ich dich nicht getötet habe.“
„Aber ich habe nichts getan, Senor.“
Der Gringo beugt sich vor. Er sieht aus wie jemand, der auf der Schwelle zum Himmelstor steht und darauf wartet, ob Gott ihn eintreten lässt oder nicht. Das Gesicht unter dem Bart ist eingefallen, die Augen liegen tief in den Höhlen. Aber in seinen Pupillen brennt ein Feuer. Ein Feuer aus Hass und Mordlust, das Tomas einen Schauer den Rücken hinab jagt.
„Werden Sie mich erschießen?“
„Erzähl mir wer Tottenham ist. Und warum dieser Duval und die anderen ihn töten wollten. Wo bin ich hier reingeraten?“
Tomas nimmt den Lappen von der Stirn und starrt auf sein eigenes Blut.
Dann erzählt er dem Gringo, was er hören will.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 8

Veröffentlicht 15. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Die Tage kommen.
Die Tage gehen.
Zunächst wie im Nebel.
Dann werden sie klarer. Die Kopfschmerzen schwinden. Das Gefühl in Armen und Beinen kehrt zurück, auch wenn er sie noch immer kaum bewegen kann. Er fängt an zu essen, womit sie ihn füttern. Kaninchenfleisch, Nüsse, Beeren, Wurzeln und Pemikan.
Aber die Welt um ihn herum bleibt schwarz.
Er spürt die Sonne, doch er kann sie nicht sehen.
Dafür kehrt die Erinnerung zurück.
An die Bodega. Den Briten. Tottenham. An Duval und die anderen Männer. Die Schießerei.
Und den Derringer in Tottenhams Hand.
Der Bastard hat ihm ihm aus nächster Nähe …
In den Kopf geschossen.
Er sollte tot sein.
Ist er aber nicht.
Dafür blind.
Vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre gestorben.
Er flüchtet vor der Realität in den Schlaf. Es gibt keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, nur zwischen Schlaf und Wachsein. Wenn er wach ist, füttern sie ihn. Er hört ihre Stimmen. Es sind immer nur dieselben beiden, die er bereits gehört hat. Der alte Mann und die Frau.
Irgendwann, er weiß zunächst nicht ob es Tag oder Nacht ist, erwacht er und hat die Kraft sich auf seine Ellenbogen zu stützen. Schritte erklingen. Jemand geht neben ihm in die Knie.
Und plötzlich…
… sieht er Umrisse.
Zunächst verschwommen, dann werden die Konturen klarer.
„Ich kann sehen!“, hört er seine eigene, krächzende Stimme.
Und erkennt, dass die Frau neben ihm kniet. Lange Haare, die ihr bis weit über die Schultern des mit Fransen und Perlen verzierten Wildlederkleides fallen.
Er versucht die Beine anzuwinkeln und aufzustehen. Gerät sofort ins Taumeln und wäre gestürzt, wenn die Frau ihn nicht festhalten würde. Sie sagt etwas auf Comanche zu ihm. Wahrscheinlich will sie, dass er es langsam angehen lässt. Und wahrscheinlich hat sie recht. Er bleibt auf den Knien hocken. Die Sonne ist grell. Er blinzelt. Für einen Moment verschwimmt seine Sicht wieder und er fürchtet, die Dunkelheit könnte zurückkommen.
Dann fällt ein Schatten über sein Gesicht. Der Alte steht vor ihm. Faltenzerfurcht, die langen Haare fast schlohweiß. Er mustert Rondo und sagt etwas zu der Frau. Sie nickt.
„Toshawi sagt, du bist Wunder.“
Er ist überrascht, dass sie seine Sprache spricht.
Der Alte zeigt mit einem knorrigen Finger auf Rondos Kopf. Der hebt die Hand und ertastet eine Stelle hinter seiner Schläfe. Er muss noch versucht haben, sich abzuwenden, als Tottenham auf ihn geschossen hat. Wie ein Streifschuss fühlt sich die Wunde aber nicht an. Nur, wenn ihn die Kugel wirklich in den Kopf getroffen hat … wo ist sie jetzt?
Noch in seinem Kopf?
Er sieht die Frau an. „Wie lange bin ich hier?“
„Zwei…“ Sie überlegt, als müsse sie erst nach den richtigen Worten suchen, dann: „Zwei Wochen.“
Rondo sieht sich um. Sie befinden sich auf einem Plateau, mit einer massiven Felswand im Rücken. Die Feuerstelle neben der er hockt, steht vor einem einsamen Tipi, dahinter eine Ansammlung von Wacholderbäumen.
Die beiden Indianer scheinen allein zu leben. Rondo schätzt die Frau mindestens dreißig Jahre jünger als den Alten. Vielleicht seine Tochter.
„Danke“, sagt Rondo. „Danke, dass ihr mir geholfen habt.“
Die Frau nickt und übersetzt seine Worte dem Alten. Der verzieht keine Miene und wendet sich wieder ab.
Zwei Tage später fühlt Rondo sich gut genug, dass er alleine gehen kann. Die Frau will ihm helfen, aber er schüttelt ihre Hand ab. Jeder Schritt sendet Schmerzen durch seinen von Abschürfungen und Blutergüssen übersäten Körper. Aber er geht.
Die Sonne versinkt, als er sich auf einem Felsen am Rand des Plateaus ausruht. Vor ihm breitet sich der Palo Duro Canyon schier endlos aus. Rondo weiß, wie riesig der Canyon ist, an manchen Stellen bis zu zwanzig Meilen breit erstreckt er sich auf zweihundert Meilen Länge durch den Llano Estacado. Vor sechs Jahren wurden die letzten Comanchen hier von der 4. Kavallerie unter Colonel Mckenzie vertrieben und fristen jetzt ihr Dasein in einem Reservat. Die Frau, ihr Name ist Topsannah, hat ihm erzählt, dass sie und der Alte, Toshawi, zu einer kleinen Gruppe gehörten, die sich nach der „Schlacht von Palo Duro“ noch länger im Canyon versteckt gehalten hat. Vor einem Jahren wurde ihr Lager von weißen Männern überfallen. Keine Soldaten. Zivilisten. Cowboys. Wahrscheinlich weil die Comachen hin und wieder Rinder gestohlen haben, die die Weißen im Canyon grasen lassen. Alle anderen Mitglieder ihre Gruppe, sechs Männer, neun Frauen und dreizehn Kinder, wurden getötet. Darunter auch Topsannahs Mann und ihre beiden Töchter. Seit dem Massaker leben sie und Toshawi allein im Canyon. Auf Rondos Frage, warum sie nicht in ein Reservat gehen, hatte Topsannah geantwortet, der Alte wolle als freier Mann sterben und sie brächte es nicht über sich ihn allein zu lassen.
Umso mehr wundert ihn, dass sie ihn mitgenommen und verarztet haben, statt ihn einfach sterben zu lassen.
Er hört die leisen Schritte ihrer Mokassins und dreht den Kopf.
Topsannah hält ihm eine dampfende Schale mit einer Brühe aus Wurzeln und Kräutern hin. „Toshawi sagt, du trinken. Gut für dich.“
Rondo nimmt die Schale und schlürft an der heißen Flüssigkeit. Schmeckt scheußlich. Trotzdem leert er die Schale bis auf den letzten Tropfen.
„Warum helft ihr mir?“, fragt er, als er ihr die Schale zurückgibt. „Ich bin ein Weißer.“
Sie nickt. „Das ich auch.“ Sie überlegt kurz, dann verbessert sie sich: „Das war ich auch.“
Und erst jetzt bemerkt Rondo, was ihm unter anderen Umständen wahrscheinlich sofort aufgefallen wäre.
Sie hat blaue Augen.
Topsannah erzählt ihm in ihrem brüchigen Englisch, dass sie früher einmal Johanna hieß. Johanna Roberts glaubt sie. Kurz vor ihrem fünfzehnten Geburtstag wurde sie von den Comanchen entführt. Sie lebt jetzt seit fast zwanzig Jahren bei ihnen. Nach anfänglichem Widerstand hat sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Hat einen Comanchen geheiratet und seine Kinder geboren. Hat ihre Familie geliebt und sterben sehen. Sie weiß zwar, dass sie einmal eine Weiße war, aber sie weiß auch, dass sie niemals wieder eine Weiße sein wird. Das sie niemals wieder eine Weiße sein will.
Ihr Schicksal erinnert Rondo an Cynthia Ann Parker. Die Mutter des großen Comanchenhäuptlings Quanah Parker. Eine weiße Frau wie Topsannah, die als Zehnjährige von den Comanchen entführt wurde. Fünfundzwanzig Jahre später haben Texas Ranger sie befreit und zurück zu ihrer Familie gebracht. Aber ihre wahre Familie waren die Comanchen und es heißt, dass sie vor zehn Jahren an gebrochenem Herzen gestorben ist.
Als könnte sie seine Gedanken lesen, sagt Topsannah: „Ich bin Comanche, aber ich war Weiße. Ich kann nicht Weiße hassen.“
Dafür ist er ihr dankbar.
Denn ohne sie und den Alten würde er nicht mehr leben.
Und könnte sich nicht rächen.
Das Gesicht von Tottenham taucht vor ihm auf.
Der Derringer an seiner Hand.
Rondo hat in seinem Leben mit so manchem feigen und hinterhältigen Hurensohn zu tun gehabt. Hat selbst nicht immer fair gekämpft. Wer Fairness in einem Kampf als Priorität setzt, verliert ihn meist.
Aber dem Mann, der einem das Leben gerettet hat, aus nächster Nähe ins Gesicht zu schießen …
Warum hat er der Dreckskerl das getan?
Er spürt, wie sein Puls vor Wut zu rasen beginnt und die Kopfschmerzen, die sich in den letzten Tagen auf ein dumpfes Hintergrundtrommeln reduziert haben, wieder zunehmen.
Der Canyon vor seinen Augen beginnt zu flimmern. Und das liegt nicht an der Hitze. Seine Sicht verschwimmt.
Nein, denkt er mit einem Anflug von Panik. Nein!
Er schließt die Augen.
Topsannah bemerkt, was los ist und zieht ihn sanft zurück auf den Felsen. Eine Weile bleibt er mit geschlossenen Augen sitzen. Schließlich wagt er es wieder, sie zu öffnen. Ist unendlich erleichtert, als er den Palo Duro vor sich sieht und den Himmel darüber, der sich in der einsetzenden Dämmerung blutrot verfärbt hat.
Rondo berührt mit den Fingern die verkrustete Wunde an seinem Kopf. Er blickt über den Canyon Richtung Westen. Irgendwo dahinter liegt Brinkwater. Die Stadt, in die er nach seiner kurzen Rast in der einsamen Bodega wollte, um sich ein Bett für die Nacht zu suchen.
Irgendwo dort muss der Mann namens Milton Tottenham sein.
Rondo wird ihn finden.
Und töten.

Fortsetzung folgt …

Rondo – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 7

Veröffentlicht 11. April 2020 in Allgemein, Roman, Rondo, Schreiben

Weiter geht’s:

Nachdem Milton sich verausgabt hat, rollt er von ihr herunter und schläft ein. Sie wartet, bis der Schweiß auf ihrem nackten Körper getrocknet ist, dann steht sie auf und zieht das dünne Nachthemd an. Verlässt das Schlafzimmer und geht barfuß die breite Treppe hinab ins Erdgeschoss.
Das Haus ist still, bis auf das vereinzelte Knarren des Holzes. Sie öffnet die Tür und tritt auf die Veranda. Von den Ställen erklingt das leise Schnauben eines Pferdes. Drüben, in einem der beiden Mannschaftshäusern der Cowboys, brennt noch Licht. Sie hört Lachen. Die meisten der Cowboys sind nicht da, sie treiben nach dem Frühlings-Roundup eine dreihundertköpfige Herde nach Kansas.
Sie lehnt sich an das Verandageländer. Der Nachthimmel ist wolkenlos. Und voller Sterne. So viele Sterne. Selbst auf dem Landsitz ihrer Eltern außerhalb Londons, auf dem sie oft die Wochenenden verbracht haben, hat sie niemals so viele davon gesehen. Der Himmel über Texas ist endlos, genauso wie das Land darunter.
Anfangs hat die Weite sie fasziniert, aber nach zwei Jahren ist diese Faszination einer gepflegten Langeweile gewichen. Es gibt hier nichts außer Rindern, Pferden und noch mehr Rindern und Pferden. Von Klapperschlangen, Skorpionen und anderem widerlichen Getier ganz zu Schweigen. Das gesellschaftliche Leben für eine junge Frau, deren bisheriges Leben fast ausschließlich aus Bällen, Empfängen und Partys bestanden hat, ist, milde ausgedrückt, begrenzt, auch wenn Milton sich alle Mühe gibt sie bei Laune zu halten. Er hatte ihr, als sie sich in London kennengelernten, das Leben einer Königin versprochen, und ja, er ist so etwas wie ein König hier draußen, aber statt Glanz und Glitzer gibt es Staub und Kuhdung.
Das Leben an der Seite eines Rinderbarons ist nicht, wie sie es sich vorgestellt hat.
Und sie hat kein Interesse daran eine Zuchtstute für Milton zu sein, die ihm Nachfolger in die Welt setzt. Bislang ist ihr das mit Hilfe einiger Tricks auch gelungen, ganz egal, wie sehr er sich, mit einer für sein Alter erstaunlichen Agilität, an ihr auslebt. Aber ihr ist klar, dass sie damit nicht ewig durchkommt.
Sie muss hier weg.
Nicht zurück nach England, nein, sie will an die Ostküste, nach New York. Für eine clevere, attraktive junge Frau mit einer Vorliebe für wohlhabende, ältere Männer scheint das, nach allem, was sie gehört hat, genau der richtige Ort zu sein.
Die Frage ist nur, wie sie dort hinkommen soll.
Geld ist nicht das Problem.
Milton ist das Problem.
Er verzehrt sich nach ihr, dafür hat sie selbst gesorgt. Er betrachtet sie als sein Eigentum und sie ist sich nicht sicher, ob er sie so einfach gehen lassen wird.
Wenn sie hier weg will, braucht sie einen Mann. Einen Beschützer.
Sie hört wie ein Streichholz angerissen wird und dreht den Kopf. Gerhards Gesicht wird von der Flamme erhellt. Er steht am anderen Ende der Veranda und sieht zu ihr. „Ich hoffe, ich habe sie nicht erschreckt.“
Sie fragt sich, wie lange er schon da im Dunkeln gestanden und sie beobachtet hat. Sie weiß, wieviel von ihrem Körper durch den Stoff des dünnen Nachthemds schimmert.
Gerhard kommt auf sie zu. Das mexikanische Zigarillo zwischen seinen Lippen glüht auf, als er daran zieht.„Können Sie nicht schlafen?“
Sie muss lächeln. Das Schlafzimmerfenster ist direkt über ihnen und wenn er schon länger hier war, dann hat er sicherlich ihr lautes Stöhnen gehört. „Und Sie?“
Gerhard lehnt sich neben ihr an einer der Pfosten, die das Dach der Veranda stützen. „Ich schlafe nicht viel.“
Sie weiß, dass er drüben in Deutschland Soldat war und im deutsch-französischen Krieg gekämpft hat. Vielleicht schläft er deshalb nicht. Weil er Albträume hat. Sie weiß aber auch, dass Gerhard hier in den Staaten seine Dienste mit der Waffe verkauft. So wie an Milton. Gerhard hat McCall getötet. Er ist ein Killer. Wie dieser Rondo. Haben Killer Albträume? Vielleicht.
„Stimmt es, was Milton sagt? Das Sie Rondo lieber selbst getötet hätten?“
Er zieht wieder an seinem Zigarillo. Dreht den Kopf höflich zur Seite, bevor er den Rauch wieder ausbläst. „Ich hätte jedenfalls gerne herausgefunden, ob er so gut mit dem Revolver ist wie sein Ruf.“
„Haben Sie denn keine Angst zu Sterben?“
„Natürlich. Aber wir müssen alle sterben. Und bei mir gehört es zum Berufsrisiko.“
Die Gelassenheit mit der Gerhard das sagt, erregt sie. Das ist kein zur Schau gestellter Machismo. Der Deutsche meint, was er sagt. Sie bewegt sich ein Stück näher an ihn heran. Ein bisschen zu nah, als es sich für eine Lady gehört. Eine echte Lady würde allerdings auch nicht in einem zu dünnen Nachthemd aus dem Haus treten, nicht mal bei Nacht. Sie liebt Männer und sie liebt es, was Männer mit ihr machen – was sie mit Männern macht – und wenn das bedeutet, dass sie keine Lady ist, dann ist sie, ihrer Herkunft zum Trotz, wohl nie eine gewesen.
„Waren Sie schon mal in New York, Gerhard?“
Der Deutsche nickt. „Dort habe ich zum ersten Mal amerikanischen Boden betreten.“
„Hat es Ihnen gefallen?“
„New York? Nein. Zu viele Menschen.“ Er tippt die Asche von seinem Zigarillo über das Verandageländer. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass Sie sich dort wohlfühlen würden.“ So wie er das sagt, klingt das fast ein bisschen wie eine Beleidigung. Sie nimmt es als Kompliment. Er hat sie durchschaut.
Und sie setzt alles auf eine Karte. Sie legt eine Hand auf seinen Bauch. Direkt über seinem Gürtel. Spürt unter dem Stoff die Härte seiner Bauchmuskeln. „Ich dachte, ich könnte hier in Texas glücklich werden, aber ich weiß jetzt, dass das niemals der Fall sein wird.“
Er sieht ihr direkt in die Augen. Das Blau seiner Pupillen ist unglaublich. Sie leuchten beinahe in der Dunkelheit.
„Sie sind eine attraktive und willensstarke Frau, Michelle. Ich bin mir sicher, Sie werden nach New York kommen.“ Er macht einen Schritt nach hinten. Ihre Hand rutscht ab. Er zieht noch einmal von seinem Zigarillo, dann deutet er aus den Hüften heraus eine kleine Verbeugung an. „Gute Nacht, Maam.“
Sie sieht ihm nach, als er rüber zu den Mannschaftshäusern geht. Irgendetwas stimmt mit dem Deutschen nicht, denkt sie. Bislang hat noch jeder Mann auf ihre unverhohlen ausgestrahlte Sexualität reagiert. Er nicht. Ihre Berührung hat ihn vollkommen kalt gelassen. Sie nimmt es nicht persönlich. Sie ist schön, aber nicht eitel. Doch Gerhard wird sie nicht nach New York bringen.
Ein Windstoß lässt sie frösteln. Noch sind die Nächte angenehm kühl, aber bald wird es Sommer und damit auch wieder unerträglich heiß. Sogar nachts. Je schneller sie hier wegkommt, desto besser.
Plötzlich muss sie an Rondo denken.
Den Mann, den Milton so kaltblütig ermordet hat. Sie hat ihn nie getroffen, aber auf einmal fragt sie sich, ob er nicht vielleicht derjenige gewesen wäre, der sie von hier hätte vorbringen können.
Rondo, denkt sie. Im Tod so geheimnisvoll wie dein Name.
Ich hätte dich gern kennengelernt.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 6

Veröffentlicht 6. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Noch mehr Rondo: 

Fliegen. Dutzende. Hunderte.
Gebrochene Augen.
Offene Münder.
Verkrümmte Gliedmaßen.
Blut.
Estrella starrt in das Gesicht ihres Mannes. Sein linkes Auge fehlt. Ein dunkler, blutiger Krater. In der Stirn darüber ein Einschussloch. Ein weiteres in seiner Brust. Das Blut, das daraus hervorgequollen ist, hat beinahe die komplette Vorderseite von Augustus Duvals Hemd verfärbt. Was zuvor beige war ist jetzt tiefrot.
Ihr Körper beginnt unkontrolliert zu zittern. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten. Beißt sich so hart auf die Lippen, dass sie zu bluten beginnen.
Jemand betet leise.
Eine tröstende Hand auf ihrer Schulter. Brody. Sie schüttelt seine Finger ab. Die Kraft verlässt ihre Beine. Sie sinkt in die Knie. Ein Wimmern verlässt ihre Kehle.
Oben am Canyonrand das frustrierte Krächzen eines der Geier, die sie mit Schüssen vertrieben haben. Er will zurück an sein Aas. Vielleicht ist es derjenige, dessen Schnabel das Auge aus dem Schädel von Augustus gehackt hat.
„Er ist nicht dabei“, sagt Tomãs.
„Wer?“, fragt Brody.
Wells sieht Tomãs an. „Der, den Tottenham erschossen hat?“
Brody zeigt auf die Leichen. „Du meinst den, der sie erschossen hat.“
Tomãs nickt.
„Das heißt, er lebt.“
Der Mexikaner schüttelt den Kopf. „Er kann nicht leben. Tottenham hat ihm in den Kopf geschossen.“
„Ich hab im Bürgerkrieg mehr als einen gesehen, der einen Kopfschuss überlebt hat“, sagt der Doc. „Die meisten konnten sich danach nicht mehr alleine den Hintern abwischen. Aber sie haben gelebt. Im strengen Sinne des Wortes jedenfalls.“
Brody spannt den Hahn seines Spencer Karabiners. „Vielleicht ist er in der Nähe. Und hat sich irgendwo verkrochen.“ Der Himmel über ihnen ist noch blau, aber hier unten im Canyon beginnt das Licht bereits zu schwinden. Die Augen zu Boden gerichtet, entfernt Brody sich von den anderen.
Estrella vernimmt die Stimmen der Männer nur wie durch einen Nebel. Als wären sie nicht direkt neben ihr, sondern weit entfernt. Sie streckt eine zitternde Hand nach Augustus’ Gesicht aus. Eine Fliege setzt sich in seiner leeren Augenhöhle nieder. Ihre Hand zuckt wieder zurück.
Augustus ist ihr Kunde gewesen.
Er war fast vierzig Jahre Jahre älter.
Aber er hat sie immer mit Respekt behandelt.
Und vor zwei Monaten hielt er um ihre Hand an. Im ersten Moment dachte sie an einen schlechten Scherz. Aber Augustus war kein Mann für Scherze, die die Gefühle anderer Menschen verletzen. Er hatte es ernst gemeint. Und Estrella hatte ja gesagt. Sie hatten geheiratet. Natürlich wurde hinter ihren ihren Rücken getuschelt. Aber Augustus Duval, ehemaliger Texas Ranger, kinderloser Witwer und Saloon-Besitzer, wurde in der Stadt respektiert. Und wenn er eine mexikanische Hure heiraten wollte, dann wurde eben auch das respektiert.
Augustus hatte ihr gesagt, dass er sie liebte.
Estrella war sich nicht sicher gewesen, ob sie das auch tat, oder ob sie nur die Chance nutzen wollte, aus dem Hurenhaus herauszukommen.
Erst jetzt, wo Augustus tot vor liegt, weiß sie, das sie es getan. Sie hat ihn geliebt.
„Also hat dieser Fremde Tottenham das Leben gerettet.“ Wells schüttelt den Kopf. „Warum hat der ihr dann erschossen?“
Tomãs zuckt mit den Schultern. „Als es… vorbei war hat Tottenham sich bedankt. Dann nach seinem Namen gefragt. Und als der ihn genannt hat … Tottenham hatte den Derringer im Jackenärmel. Der Gringo hatte keine Chance.“
Der Doc und Wells tauschen einen verständnislosen Blick.
„Was ist dann passiert?“, fragt Wells.
Tomãs schluckt. „Er hat mir die Waffe des Gringos auf die Stirn gesetzt. Hat mich gefragt, ob ich wusste, was Duval vorhatte. Ich habe gesagt, nein, natürlich nicht.“ Er senkt beschämt den Kopf. „Ich habe ihn angefleht mich nicht zu töten. Ich konnte in seinen Augen sehen, dass er es tun wollte. Aber stattdessen ist er einfach gegangen. Ohne eine Wort. Etwas später kamen zwei von seinen Leuten. Ford und Walsh. Sie haben die Leichen geholt.“
„Wie hieß der Fremde?“, fragt der Doc. „Kannst du dich erinnern?“
„Nur ein Wort. Rondo.“
Die Männer tauschen Blicke.
„Den Namen habe ich schon mal gehört“, sagt Wells. „Ein Revolvermann namens Rondo soll letzten Winter in Papago Wells ein halbes Dutzend Leute erschossen haben. Ein Streit um Minen-Lizenzen.“
„Das Tottenham ihn angeheuert hat, können wir wohl ausschließen“, sagt der Doc.
Estrella legt eine Hand auf Augustus’ Brustkorb, an den sie sich beim Schlafen immer geschmiegt hat. Adios mi Amor. Sie richtet sich auf. „Wenn dieser Rondo tot ist, wo ist dann seine Leiche?“
Die Antwort kommt von Brody: „Ich habe weiter hinten Spuren gefunden. Ein Pferd. Zwei Leute zu Fuß.“
Die anderen sehen den jungen Mann an.
„Den Hufabdrücken nach zu urteilen hat jemand auf dem Pferd gesessen. Oder es war beladen.“
Wells spuckt eine Ladung Kautabak aus. „Das heißt, er lebt. Warum sollte irgendjemand nur seine Leiche mitnehmen?“
Tomãs schüttelt ungläubig den Kopf.
Der Doc fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über den Schnurrbart. „Selbst wenn. Mit einem Kopfschuss stehen seine Chancen ohne ärztliche Behandlung schlecht.“
„Wer immer ihn gefunden hat, bringt ihn vielleicht gerade in die Stadt“, sagt Brody. Er sieht den Doc an. „Zu Ihnen.“
„Wohin führen denn die Spuren?“, fragt Wells.
„Nach Süden. Weiter in den Canyon rein.“ Brody zuckt mit den Schultern. „Aber sie verlieren sich auf dem felsigen Boden dahinten.“
Estrellas Hand legt sich auf den Griff von Augustus’ Walker Colt, der im Gürtel ihres Kleides steckt. Tomãs hat die Waffe nach der Schießerei an sich gebracht und ihr vorhin übergeben. „Sie werden ihn ja wohl nicht behandeln, Doc.“ Ihre großen, dunklen Augen funkeln den Arzt an.
„Estrella–„
Sie zeigt mit vor Wut zitternder Stimme auf die Leichen. „Er hat sie getötet. Er hat sie alle getötet!“
„Wir wissen ja nicht mal, ob ihn irgendjemand zu mir bringt“, weicht der Doc ihr aus.
Estrella zieht den schweren Walker Colt demonstrativ aus dem Gürtel. Sie ist eine kräftig gebaute Frau, aber die Waffe wirkt dennoch absurd groß in ihrer Hand. „Wenn er noch lebt, dann nur solange, bis ich ihn töte!“

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 5

Veröffentlicht 1. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Und weiter geht’s mit Rondo:

Er lebt.
Weiß nicht warum, aber er lebt.
Denn in seinem Kopf schlägt noch immer ein Schmied wie von Sinnen auf einen Amboss ein.
Und die Fliegen. Er spürt Fliegen über sein Gesicht krabbeln.
Außerdem glaubt er nicht an Himmel und Hölle.
Also muss er leben.
Aber er kann immer noch nichts sehen, obwohl er die Augen geöffnet hat.
Versucht sich zu bewegen. Kann das rechte Bein ein kleines Stück anwinkeln. Die Finger krümmen.
Mehr nicht.
Was ist passiert?
Jeder Versuch sich zu erinnern, lässt den Schmied seinen Hammer noch heftiger auf den Amboss schmettern. Er gibt auf. Lässt sich vom Schmerz davontragen. Zurück in die Dunkelheit.
Und taucht irgendwann wieder aus ihr auf.
Der Schmerz ist zu einem immer währenden dumpfen Pochen abgeebbt. Die Fliegen sind noch da. Natürlich sind sie das. Eine krabbelt in sein Nasenloch, ohne das er etwas dagegen tun kann.
Und plötzlich …
Schritte. Leise Schritte.
Keine Stiefel. Barfuss.
Mokassins vielleicht.
Eine heisere Stimme. So leise und sanft wie die Schritte.
Rondo spricht kein Comanche, aber erkennt die Sprache wenn er sie hört. Ein Mann. Ein alter Mann.
Eine zweite Stimme. Heller. Eine Frau.
Ein Kopf legt sich auf seine Brust.
Sie prüfen seinen Herzschlag. Wollen herausfinden, ob er noch lebt.
Ich lebe!
Er versucht zu sprechen, aber kein Wort kommt über seine Lippen.
Dann krallen sich Finger in seine Schultern. Hände greifen nach seinen Beinen. Sie heben ihn hoch.
Nein. Bitte nicht wieder werfen.
Ein Pferd schnaubt. Die Hände wuchten ihn keuchend und stöhnend über den Rücken des Tieres. Als sein Kopf nach unten hängt, kehren die Schmerzen zurück. Gnädigerweise auch die Dunkelheit.
Als er das nächste Mal erwacht, riecht er ein Feuer. Hört das Knistern von brennendem Holz. Gesang. Jemand fächelt ihm Rauch ins Gesicht. Salbei. Ein Heilungsritual.
Stechender Schmerz in seiner Seite. Wieder und immer wieder. Fragmente von Erinnerung, die wie ein Blitz durch seinen Schädel fahren: Das Krachen einer Schrotflinte. Der grelle Schmerz, als ihn ein Teil der Ladung trifft.
Sie holen die Schrotkugeln aus seinem Fleisch. Schmieren etwas warmes, weiches über die Wunden.
Er fängt an zu frieren. Es ist kalt. Ein Zittern überkommt seinen gesamten Körper. Sie legen eine Decke über ihn, aber er friert weiter. Hört das Klappern seiner Zähne.
Die Frau redet leise in der Sprache der Comanchen auf ihn ein. Ihre Finger streichen über sein Gesicht. Dann begleitet sie den Gesang des Alten.
Sie singen.
Und singen.
Das Zittern lässt nach. Endlich Wärme. Sein Körper wird still und von einer nie erlebten Leichtigkeit erfasst. Er fühlt sich als würde er schweben. Höher und immer höher.
Die Schmerzen im Kopf und der Seite sind verschwunden.
Und er kann wieder sehen.
Sterne.
Abertausende Sterne.
Er gleitet zu ihnen hinauf.
Sie funkeln hell, aber blenden ihn nicht.
Sein Körper dreht sich. Und er sieht, dass die Sterne überall sind.
Vor ihm.
Neben ihm.
Hinter ihm.
Sie sind wunderschön.

Fortsetzung folgt …