RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 8

Veröffentlicht 15. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Die Tage kommen.
Die Tage gehen.
Zunächst wie im Nebel.
Dann werden sie klarer. Die Kopfschmerzen schwinden. Das Gefühl in Armen und Beinen kehrt zurück, auch wenn er sie noch immer kaum bewegen kann. Er fängt an zu essen, womit sie ihn füttern. Kaninchenfleisch, Nüsse, Beeren, Wurzeln und Pemikan.
Aber die Welt um ihn herum bleibt schwarz.
Er spürt die Sonne, doch er kann sie nicht sehen.
Dafür kehrt die Erinnerung zurück.
An die Bodega. Den Briten. Tottenham. An Duval und die anderen Männer. Die Schießerei.
Und den Derringer in Tottenhams Hand.
Der Bastard hat ihm ihm aus nächster Nähe …
In den Kopf geschossen.
Er sollte tot sein.
Ist er aber nicht.
Dafür blind.
Vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre gestorben.
Er flüchtet vor der Realität in den Schlaf. Es gibt keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, nur zwischen Schlaf und Wachsein. Wenn er wach ist, füttern sie ihn. Er hört ihre Stimmen. Es sind immer nur dieselben beiden, die er bereits gehört hat. Der alte Mann und die Frau.
Irgendwann, er weiß zunächst nicht ob es Tag oder Nacht ist, erwacht er und hat die Kraft sich auf seine Ellenbogen zu stützen. Schritte erklingen. Jemand geht neben ihm in die Knie.
Und plötzlich…
… sieht er Umrisse.
Zunächst verschwommen, dann werden die Konturen klarer.
„Ich kann sehen!“, hört er seine eigene, krächzende Stimme.
Und erkennt, dass die Frau neben ihm kniet. Lange Haare, die ihr bis weit über die Schultern des mit Fransen und Perlen verzierten Wildlederkleides fallen.
Er versucht die Beine anzuwinkeln und aufzustehen. Gerät sofort ins Taumeln und wäre gestürzt, wenn die Frau ihn nicht festhalten würde. Sie sagt etwas auf Comanche zu ihm. Wahrscheinlich will sie, dass er es langsam angehen lässt. Und wahrscheinlich hat sie recht. Er bleibt auf den Knien hocken. Die Sonne ist grell. Er blinzelt. Für einen Moment verschwimmt seine Sicht wieder und er fürchtet, die Dunkelheit könnte zurückkommen.
Dann fällt ein Schatten über sein Gesicht. Der Alte steht vor ihm. Faltenzerfurcht, die langen Haare fast schlohweiß. Er mustert Rondo und sagt etwas zu der Frau. Sie nickt.
„Toshawi sagt, du bist Wunder.“
Er ist überrascht, dass sie seine Sprache spricht.
Der Alte zeigt mit einem knorrigen Finger auf Rondos Kopf. Der hebt die Hand und ertastet eine Stelle hinter seiner Schläfe. Er muss noch versucht haben, sich abzuwenden, als Tottenham auf ihn geschossen hat. Wie ein Streifschuss fühlt sich die Wunde aber nicht an. Nur, wenn ihn die Kugel wirklich in den Kopf getroffen hat … wo ist sie jetzt?
Noch in seinem Kopf?
Er sieht die Frau an. „Wie lange bin ich hier?“
„Zwei…“ Sie überlegt, als müsse sie erst nach den richtigen Worten suchen, dann: „Zwei Wochen.“
Rondo sieht sich um. Sie befinden sich auf einem Plateau, mit einer massiven Felswand im Rücken. Die Feuerstelle neben der er hockt, steht vor einem einsamen Tipi, dahinter eine Ansammlung von Wacholderbäumen.
Die beiden Indianer scheinen allein zu leben. Rondo schätzt die Frau mindestens dreißig Jahre jünger als den Alten. Vielleicht seine Tochter.
„Danke“, sagt Rondo. „Danke, dass ihr mir geholfen habt.“
Die Frau nickt und übersetzt seine Worte dem Alten. Der verzieht keine Miene und wendet sich wieder ab.
Zwei Tage später fühlt Rondo sich gut genug, dass er alleine gehen kann. Die Frau will ihm helfen, aber er schüttelt ihre Hand ab. Jeder Schritt sendet Schmerzen durch seinen von Abschürfungen und Blutergüssen übersäten Körper. Aber er geht.
Die Sonne versinkt, als er sich auf einem Felsen am Rand des Plateaus ausruht. Vor ihm breitet sich der Palo Duro Canyon schier endlos aus. Rondo weiß, wie riesig der Canyon ist, an manchen Stellen bis zu zwanzig Meilen breit erstreckt er sich auf zweihundert Meilen Länge durch den Llano Estacado. Vor sechs Jahren wurden die letzten Comanchen hier von der 4. Kavallerie unter Colonel Mckenzie vertrieben und fristen jetzt ihr Dasein in einem Reservat. Die Frau, ihr Name ist Topsannah, hat ihm erzählt, dass sie und der Alte, Toshawi, zu einer kleinen Gruppe gehörten, die sich nach der „Schlacht von Palo Duro“ noch länger im Canyon versteckt gehalten hat. Vor einem Jahren wurde ihr Lager von weißen Männern überfallen. Keine Soldaten. Zivilisten. Cowboys. Wahrscheinlich weil die Comachen hin und wieder Rinder gestohlen haben, die die Weißen im Canyon grasen lassen. Alle anderen Mitglieder ihre Gruppe, sechs Männer, neun Frauen und dreizehn Kinder, wurden getötet. Darunter auch Topsannahs Mann und ihre beiden Töchter. Seit dem Massaker leben sie und Toshawi allein im Canyon. Auf Rondos Frage, warum sie nicht in ein Reservat gehen, hatte Topsannah geantwortet, der Alte wolle als freier Mann sterben und sie brächte es nicht über sich ihn allein zu lassen.
Umso mehr wundert ihn, dass sie ihn mitgenommen und verarztet haben, statt ihn einfach sterben zu lassen.
Er hört die leisen Schritte ihrer Mokassins und dreht den Kopf.
Topsannah hält ihm eine dampfende Schale mit einer Brühe aus Wurzeln und Kräutern hin. „Toshawi sagt, du trinken. Gut für dich.“
Rondo nimmt die Schale und schlürft an der heißen Flüssigkeit. Schmeckt scheußlich. Trotzdem leert er die Schale bis auf den letzten Tropfen.
„Warum helft ihr mir?“, fragt er, als er ihr die Schale zurückgibt. „Ich bin ein Weißer.“
Sie nickt. „Das ich auch.“ Sie überlegt kurz, dann verbessert sie sich: „Das war ich auch.“
Und erst jetzt bemerkt Rondo, was ihm unter anderen Umständen wahrscheinlich sofort aufgefallen wäre.
Sie hat blaue Augen.
Topsannah erzählt ihm in ihrem brüchigen Englisch, dass sie früher einmal Johanna hieß. Johanna Roberts glaubt sie. Kurz vor ihrem fünfzehnten Geburtstag wurde sie von den Comanchen entführt. Sie lebt jetzt seit fast zwanzig Jahren bei ihnen. Nach anfänglichem Widerstand hat sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Hat einen Comanchen geheiratet und seine Kinder geboren. Hat ihre Familie geliebt und sterben sehen. Sie weiß zwar, dass sie einmal eine Weiße war, aber sie weiß auch, dass sie niemals wieder eine Weiße sein wird. Das sie niemals wieder eine Weiße sein will.
Ihr Schicksal erinnert Rondo an Cynthia Ann Parker. Die Mutter des großen Comanchenhäuptlings Quanah Parker. Eine weiße Frau wie Topsannah, die als Zehnjährige von den Comanchen entführt wurde. Fünfundzwanzig Jahre später haben Texas Ranger sie befreit und zurück zu ihrer Familie gebracht. Aber ihre wahre Familie waren die Comanchen und es heißt, dass sie vor zehn Jahren an gebrochenem Herzen gestorben ist.
Als könnte sie seine Gedanken lesen, sagt Topsannah: „Ich bin Comanche, aber ich war Weiße. Ich kann nicht Weiße hassen.“
Dafür ist er ihr dankbar.
Denn ohne sie und den Alten würde er nicht mehr leben.
Und könnte sich nicht rächen.
Das Gesicht von Tottenham taucht vor ihm auf.
Der Derringer an seiner Hand.
Rondo hat in seinem Leben mit so manchem feigen und hinterhältigen Hurensohn zu tun gehabt. Hat selbst nicht immer fair gekämpft. Wer Fairness in einem Kampf als Priorität setzt, verliert ihn meist.
Aber dem Mann, der einem das Leben gerettet hat, aus nächster Nähe ins Gesicht zu schießen …
Warum hat er der Dreckskerl das getan?
Er spürt, wie sein Puls vor Wut zu rasen beginnt und die Kopfschmerzen, die sich in den letzten Tagen auf ein dumpfes Hintergrundtrommeln reduziert haben, wieder zunehmen.
Der Canyon vor seinen Augen beginnt zu flimmern. Und das liegt nicht an der Hitze. Seine Sicht verschwimmt.
Nein, denkt er mit einem Anflug von Panik. Nein!
Er schließt die Augen.
Topsannah bemerkt, was los ist und zieht ihn sanft zurück auf den Felsen. Eine Weile bleibt er mit geschlossenen Augen sitzen. Schließlich wagt er es wieder, sie zu öffnen. Ist unendlich erleichtert, als er den Palo Duro vor sich sieht und den Himmel darüber, der sich in der einsetzenden Dämmerung blutrot verfärbt hat.
Rondo berührt mit den Fingern die verkrustete Wunde an seinem Kopf. Er blickt über den Canyon Richtung Westen. Irgendwo dahinter liegt Brinkwater. Die Stadt, in die er nach seiner kurzen Rast in der einsamen Bodega wollte, um sich ein Bett für die Nacht zu suchen.
Irgendwo dort muss der Mann namens Milton Tottenham sein.
Rondo wird ihn finden.
Und töten.

Fortsetzung folgt …