RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 9

Veröffentlicht 18. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Das Blut der Toten ist längst im Lehmboden des Schankraums versickert, aber Tomas bekommt den metallenen Geruch nicht aus der Nase, obwohl er weiß, dass das sein Gehirn sein muss, das ihm einen Streich spielt.
Seit der Schießerei vor fast drei Wochen herrscht eine trügerische Ruhe. Immer wenn in den letzten Tagen Reiter vor der Bodega gestoppt haben, hat Tomas damit gerechnet, dass Tottenham nun doch noch beschlossen hat, ihn aus dem Weg zu räumen. Einmal war sogar der Deutsche hier gewesen, Gerhard. Er wollte wissen, an welchem Tisch Rondo gesessen hatte. Er hatte dann selbst dort Platz genommen und sich von Tomas einen Selbstgebrannten bringen lassen. Hatte ihn schweigend getrunken und war wieder davongeritten. Muy loco, dieser Gringo.
Tomas hat kurz mit dem Gedanken gespielt aus der Gegend zu verschwinden. Aber wo soll er hin? Die Bodega ist alles, was ihm geblieben ist, seit er Maria an eine Lungenentzündung verloren hat. Kinder waren ihnen nicht vergönnt. Und seit Estrella nicht mehr im Bordell arbeitet, ist ihm die Lust auf Prostituierte vergangen. Was sicher auch daran liegt, dass die anderen Weiber so gottverdammt hässlich sind. Bis auf das neue chinesische Mädchen, aber die ist ihm zu jung.
Nein, Tomas wird hierbleiben. Und wenn das heißt, dass er sterben muss, dann ist das eben so. Irgendwann muss jeder abtreten.
Er hat gerade das letzte seiner Gläser in der Schale mit heißem Wasser gespült, als der Perlenvorhang hinter ihm rasselt. Bevor er sich umdrehen kann, krallt sich eine Hand in sein Haar und reißt seinen Kopf in den Nacken. Er spürt die scharfe Klinge eines Messers unter dem Kehlkopf.
„Hast du eine Waffe?“, fragt eine heisere Stimme.
„Unter dem Tresen. Gleich rechts.“
Das Messer bleibt an seiner Kehle. Aus den Augenwinkeln sieht Tomas, wie eine Hand seinen Colt unter dem Tresen hervorzieht. Das Messer verschwindet von seinem Hals.
„Beweg dich.“
Der Unbekannte presst ihm die Mündung des Colts in den Rücken und schiebt ihn in den Schankraum.
„Umdrehen.“
Tomas gehorcht.
Im ersten Moment erkennt den Mann nicht. Er ist abgemagert, die halblangen Haare sind verfilzt, der Bart struppig, die Kleidung schmutzig. Aber dann …
Es ist der Gringo.
Rondo.
Madre de mios. Sie sind ja wirklich nicht tot–“
Die Hand mit dem Colt saust durch die Luft. Schmerz explodiert in Tomas’ Schädel wie ein Feuerwerk. Er taumelt nach hinten, spürt Blut in seine Augen rinnen. „Bitte nicht, Senor …„ Schwarze Flecken tanzen vor seinen Augen, alles dreht sich und er greift nach einer Tischkante, um nicht umzukippen.
„Woher weißt du, dass ich lebe?“
„Ich wusste es nicht nicht. Aber wir waren im Canyon, um die Toten zu holen. Sie waren nicht dabei.“
„Wer ist wir?“
„Ein paar Leute aus der Stadt. Bitte, darf ich mich setzen? Mir wird sonst schwarz vor Augen.“
Der Gringo nickt.
Tomas lässt sich stöhnend auf einen Stuhl fallen. Die verdammten Gringos. Sie lieben es einfach Mexikaner zu schlagen. Er zieht mit zitternden Fingern das schmutzige Tuch, mit dem er sonst die Tische abwischt, aus dem Gürtel und presst es gegen die Wunde auf seiner Stirn.
Der Gringo sieht allerdings selbst aus, als würde er jeden Moment schlapp machen. Er zieht sich einen Stuhl heran und lässt sich gegenüber von Tomas darauf niedersacken. In der linken Hand der Colt, in der rechten das Messer.
„Warum haben Sie mich geschlagen?“
„Sei froh, dass ich dich nicht getötet habe.“
„Aber ich habe nichts getan, Senor.“
Der Gringo beugt sich vor. Er sieht aus wie jemand, der auf der Schwelle zum Himmelstor steht und darauf wartet, ob Gott ihn eintreten lässt oder nicht. Das Gesicht unter dem Bart ist eingefallen, die Augen liegen tief in den Höhlen. Aber in seinen Pupillen brennt ein Feuer. Ein Feuer aus Hass und Mordlust, das Tomas einen Schauer den Rücken hinab jagt.
„Werden Sie mich erschießen?“
„Erzähl mir wer Tottenham ist. Und warum dieser Duval und die anderen ihn töten wollten. Wo bin ich hier reingeraten?“
Tomas nimmt den Lappen von der Stirn und starrt auf sein eigenes Blut.
Dann erzählt er dem Gringo, was er hören will.

Fortsetzung folgt …