RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 10

Veröffentlicht 21. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Topsannah und der Alte haben zwar ein Gewehr, aber das wollten sie ihm nicht geben. Dafür haben sie ihm eins ihrer drei Pferde überlassen. Sie hatten darauf bestanden, ihm die Augen zu verbinden, bevor Topsannah ihn vom Plateau hinab in den Canyon führte. Der Weg zu ihrem Lager soll geheim bleiben. Sie haben ihm zwar das Leben gerettet, aber das heißt nicht, dass sie ihm auch vertrauen. Das würde er in ihrer Stelle auch nicht.
Als Topsannah ihm erlaubte, dass Tuch von den Augen zu nehmen, reichte sie ihm ein Messer. Die Klinge war breit und scharf, der Griff bunt bemalt. Eine handgefertigte Waffe der Comanchen.
Topsannah wünschte ihm viel Glück.
Er ihr auch.
Brinkwater ist eine Ansammlung von knapp drei Dutzend Gebäuden, durchzogen von einer staubigen Hauptstraße. Es gibt eine Bank, einen General Store, ein Hotel mit Restaurant, drei Saloons, ein Bordell, ein Badehaus, einen Pferdestall mit Schmiede.
Und eine Arztpraxis.
An deren Hintertür steigen Rondo und Tomas von ihren Pferden. Tomas klopft an die Tür, während Rondo daneben wartet, die Hand auf dem Griff von Tomas’ Colt.
Die Tür wird geöffnet.
„Hola, Doc.“
„Tomas?“
Rondo schiebt sich neben den Mexikaner. Der Arzt, der im Türrahmen steht, ein schlanker Mann Mitte Vierzig, in weißem Hemd und schwarzer Weste, runzelt die Stirn. Sein Blick richtet sich auf Rondos Hand an der Pistole.
„Doc, das ist–„
„Rondo“, sagt Arzt. Seine Augen suchen Rondos Kopf nach einer Wunde ab. Rondo schiebt mit der Rechten seine Haare beiseite, so dass das Einschussloch sichtbar wird.
„Treten Sie bitte ein.“
„Ich hole die anderen“, sagt Tomas.
Rondo nickt. Er weiß, welches Risiko er eingeht, wenn er den Mexikaner gehen lässt, aber er hat keine Wahl. Während Tomas wieder auf sein Pferd steigt, folgt Rondo dem Arzt ins Haus.
Eine halbe Stunde später wäscht sich der Mediziner die Hände über einer Schüssel mit heißem Wasser. „Also, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Kugel noch in Ihrem Kopf steckt. Möglich, dass sie aufs Sehzentrum des Gehirns drückt. Deswegen waren Sie auch erblindet.“
„Kann das wieder passieren?“
Der Arzt trocknet sich die Hände ab. „Natürlich. Und es könnte auch sein, dass Sie jederzeit tot umfallen. Ich hab keine Ahnung, was die Kugel in Ihrem Schädel anrichtet. Vielleicht werden Sie mit dem Stück Blei auch steinalt. Alles ist möglich. Aber ich würde nicht drauf wetten.“
Rondo beschließt die Worte des Arztes als gute Nachricht zu werten. Er lebt und kann weiter leben. Zumindest solange, bis er tot umfällt. Und wenn das geschieht … dann gibt es nichts, was er dran ändern könnte.
Der Gedanke wieder zu erblinden allerdings …
Im Flur erklingen Schritte. Rondo hebt den Colt. Dann wird die Tür zum Untersuchungszimmer geöffnet. Zwei Männer und eine Frau drängen sich in den Raum, gefolgt von Tomas. Die Männer sind unbewaffnet, aber die Frau, eine dralle Mexikanerin, hält eine Waffe in der Hand, die Rondo sofort wiedererkennt.
Duvals Walker Colt.
„Den legen Sie besser gleich weg“, sagt Rondo.
Ihre dunklen Augen funkeln ihn hasserfüllt an.
„Estrella. Bitte.“, sagt der Ältere der beiden Männer.
Sie rührt sich nicht. Rondo traut ihr durchaus zu, dass sie versuchen wird, auf ihn zu schießen. Sie wäre allerdings tot, bevor sie die massive Waffe heben kann. Das scheint sie auch zu kapieren, denn sie legt den Colt widerwillig in einem Regal neben der Tür ab.
Einen Moment herrscht Schweigen.
Der ältere der beiden Männer, nachdem was der Mexikaner Rondo erzählt hat, muss das Wells sein, hakt die Daumen hinter seinen Gürtel. „Tomas sagt, Sie wollen uns ein Geschäft vorschlagen.“
„Ich will Ihnen meine Dienste anbieten.“
Die Mexikanerin schnauft wütend.
Rondo behält sie im Blick. Und die Mündung des Colts weiter auf sie gerichtet.
„Ich werde Tottenham für Sie töten.“
„Und Sie wollen, dass wir Sie dafür bezahlen“, sagt Wells.
„Du Dreckschwein hast meinen Mann erschossen!“, schreit die Mexikanerin ihn an. „Das einzige, womit ich dich bezahle ist Blei!“ Sie streckt ihre Hand nach dem Walker Colt aus, aber Wells hält sie fest.
„Lass mich los!“ Sie windet sich in Wells’ Griff und spuckt in Rondos Richtung. „Cabron! Pendejo!“
Rondo wartet, bis sie sich beruhigt hat. „Ihr Mann und die anderen haben mir keine Wahl gelassen.“
Sie starrt ihn schweratmend an, Tränen in den Augen.
„Warum haben Sie sich überhaupt eingemischt?“, fragt Wells. „Das ging Sie doch gar nichts an.“
„Glauben Sie mir, ich wünschte, ich hätte mich rausgehalten. Aber ich habe nur vier Kerle gesehen, die einen Unbewaffneten ermorden wollten.“
Der jüngere Mann schnaubt verächtlich. „Ich wusste gar nicht, dass Killer Moralvorstellungen haben.“
Rondo hat kein Interesse an Diskussionen über seine Moralvorstellungen. „Kommen wir ins Geschäft, oder nicht?“
Der Doc krempelt die Ärmel seines Hemdes wieder nach unten. „Brody hat recht. Wenn Tottenham nicht auf Sie geschossen hätte, würden Sie jetzt wahrscheinlich für ihn arbeiten, oder?“
Rondo nickt. „Gut möglich.“
Der junge Mann, Brody, bewegt sich, während er spricht, auf den Walker Colt im Regal zu. „Ich weiß, Sie genießen einen gewissen Ruf, aber mal ehrlich, ich hab einen Nachtopf voll Pisse unterm Bett, der sieht besser aus als Sie.“
„Noch ein Schritt und Sie brauchen den Topf nicht mehr“, sagt Rondo.
Brody hält ertappt inne.
„Wieviel wollen Sie?“, fragt Wells.
„Zweitausend Dollar.“
Wells schluckt. Tauscht Blicke mit Brody, Estrella und dem Doc.
„Die Hälfte im Voraus“, sagt Rondo.
Der Doc schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht … dann wären wir doch nicht besser als Tottenham.“
„Augustus und die anderen wollten ihn auch töten“, sagt Wells.
„Ja. Und ich habe immer gesagt, dass ich dagegen bin.“
„Was ist die Alternative, Doc? Darauf warten, dass Tottenham uns alle in den Ruin treibt? Oder abknallen lässt wie McCall?“
Der Arzt weicht Wells’ Blick aus. Er vergräbt kopfschüttelnd die Hände in den Hosentaschen.
Brody mustert Rondo misstrauisch. „Und wer sagt uns, dass Sie mit den tausend Dollar nicht einfach abhauen?“
Als Antwort zeigt Rondo mit dem Finger auf das verkrustete Einschussloch in der Nähe seiner Schläfe. „Und falls es schiefgeht und ich draufgehe, wird niemand erfahren, dass Sie mich bezahlt haben.“
Einen Moment herrscht Schweigen, dann sagt Brody: „Wells hat recht, Doc. Was sollen wir sonst tun?“
Der Arzt hebt den Kopf. Fährt sich seufzend mit einer Hand durch das schüttere Haar. Dann nickt er schwerfällig.
Brody legt eine Hand auf die Schulter der Mexikanerin. „Estrella?“
Ihre Oberlippe zuckt. „Das Schwein soll sterben.“
Wells, Brody, Tomas und der Doc verstehen das als Zustimmung. Aber Rondo weiß, dass ihre Worte, nicht nur Tottenham gelten.

Fortsetzung folgt …