RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 11

Veröffentlicht 25. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Er reitet durch Seitenstraßen zum Mietstall am Ostende der Stadt. Hier soll er warten, bis ihm Brody, dem der Stall gehört, das Geld bringt. Die Städter müssen erst ihre Ersparnisse auf der Bank anzapfen.
Ein glatzköpfiger Schwarzer beschlägt auf der Rückseite des Gebäudes die Hufe eines Wallachs. Neben ihm liegt ein dürrer Hund am Boden. Beide heben die Köpfe, als sie Rondo kommen sehen.
„Fünfzig Cent pro Nacht und Pferd“, sagt der Schwarze, während Rondo mit steifen Gliedern aus dem Sattel rutscht.
„Ich warte hier nur auf Brody.“
Der Schwarze runzelt die Stirn. „Der ist–„
„Ich weiß, wo er ist. Haben Sie Wasser?“
„Drinnen. Bedienen Sie sich.“
Rondo spürt, wie die Blicke des Mannes ihm folgen, als er den Stall betritt. Er findet einen Holzzuber mit Wasser und einer Metallkelle. Er nimmt ein paar Schlucke, dann lässt er sich auf einen Heuballen sacken. Die Kopfschmerzen sind wieder stärker geworden. Auch der Rest seines Körpers fühlt sich nach fast drei Wochen immer noch so an, als wäre er unter die Hufe einer Mustang-Herde geraten.
Den Willen Tottenham zu töten hat er.
Oh, ja, und ob er den hat.
Aber die Kraft?
Durch die offene Tür auf der Vorderseite des Stalls sieht er zwei Reiter kommen.
Rondo hat kein Zuhause und er hat keinen Besitz.
Die wenigen Dinge, die ihm gehören und die ihm etwas bedeuten, sind verschwunden, seit er sich eine Kugel in den Kopf hat jagen lassen: Sein Colt, der verzierte Waffengurt, den ihm Armendariz für seine Dienste in Mexiko geschenkt hat, die Winchester mit der verstellbaren Mikrometer Lochkimme – und der Appaloosa.
Derselbe Appaloosa, auf dem einer der beiden Männer sitzt, die jetzt vor dem Stall aus den Sätteln steigen.
„Ich nehm die kleine Chinesin. Die Belle als Ersatz für Estrella geholt hat. Ich frag mich, ob ihr Schlitz da unten genauso quer ist wie ihre Augen.“
„Nimm wen du willst, ich bleibe beim Whiskey.“
„Du wirst alt, Walsh.“
„Ich bin alt. Und keine Muschi, quer oder nicht quer, schmeckt so gut, wie der Whiskey bei Barney’s.“
„Wenn alt sein bedeutet, dass man den Geschmack an Muschis verliert, möchte ich jung sterben.“
Rondo richtet sich ruckartig auf. Ihm wird schwindelig, und er muss sich mit einer Hand an einem der Stützbalken festhalten.
Er hat die beiden Männer noch nie gesehen.
Aber er hat ihre Stimmen gehört.
„Guck mal. Der atmet. Er lebt.“
„Nicht mehr lange.“
Es sind die Typen, die ihn in den Canyon geworfen haben. Zusammen mit den Leichen der anderen.
Und jetzt kommen sie durch die offene Stalltür. Walsh, der Ältere, ein bulliger Typ mit einem von Kautabakflecken durchsetzen weißen Bart und einer Augenklappe, führt den Appaloosa. Sogar Rondos Sattel und seine Winchester hat der Dreckskerl behalten.
„Hey Woody, beweg deinen Arsch hierher.“
Der Schwarze, der gerade den letzten Nagel in den Huf des Wallachs geschlagen hat, richtet sich auf.
Walsh, an den Hüften zwei Revolver, die er mit den Kolben nach vorne trägt, zeigt auf das Pferd seines Begleiters. “Fords Gaul hat ein lockeres Hufeisen.“
Woody legt den Hammer zur Seite und kommt in den Stall. „Ich kümmere mich drum.“
Der Mann namens Ford spuckt dem Schwarzen eine Ladung Kautabak vor die Füße. „Natürlich tust du das.“
Rondo starrt die beiden Männer, die ihm bislang noch keine Beachtung geschenkt haben, an.
Sie haben ihn in den Canyon geworfen.
Entsorgt wie Stück Abfall.
Sie gehören zu Tottenham.
Seine Hand legt sich auf den Griff von Tomas’ Colt, der hinter seinem Rücken im Hosenbund steckt. In diesem Moment wittert ihn der Appaloosa. Das Pferd spitzt die Ohren, schnaubt und will in seine Richtung.
Die Zügel in Walsh’ Hand spannen sich. Er dreht verärgert den Kopf. Und erblickt Rondo. Walsh mag sich zu alt für Prostituierte fühlen, aber braucht er nur zwei, drei Sekunden um zu erfassen, dass da jemand vor ihm steht, der eigentlich nicht vor ihm stehen dürfte. „Leck mich am–„
Rondo reißt Tomas’ Colt hinter dem Rücken hervor und drückt ab.
Nichts geschieht.
Shit.
Fehlladung.
Schon hat Walsh Rondos Handgelenk mit der Linken gepackt und hämmert ihm die Rechte ins Gesicht.
Rondo verliert den Colt und taumelt nach hinten. Er sieht, wie Walsh nach einem seiner beiden Colts greift und duckt sich gerade noch rechtzeitig in eine Pferdebox, bevor die Waffe kracht. Holzsplitter fliegen.
Er sitzt in der Falle.
Eine Heugabel. Rostige Spitzen.
Rondo greift zu.
„Scheiße! Wer war das?“, hört er Ford schreien.
„Rondo.“
„Was?! Wieso lebt der?“
„Keine Ahnung. Frag ihn.“
„Ne, ich knall ihn lieber ab.“
„Nach dir.“
Rondo stürmt geduckt nach vorn, als jemand in der offenen Tür der Box erscheint.
Die Forken der Mistgabel bohren sich in Fords Bauch und stoßen ihn nach hinten.
Aus den Augenwinkeln bemerkt Rondo Walsh, der jetzt beide Pistolen in den Händen hält. Er wirft sich dem Alten entgegen. Die Pistolen krachen, als Rondo gegen ihn prallt. Die beiden Männer landen am Boden. Rondo auf Walsh. Er nutzt die Gelegenheit, dem anderen seine Fäuste so schnell und hart er kann ins Gesicht zu hämmern wie er kann.
Immer und immer wieder.
Bis Walsh sich nicht mehr rührt.
Rondo hält schnaufend inne.
Flecken tanzen vor seinen Augen und der Stall dreht sich um ihn herum wie ein Karussell. Er zieht sich an der Wand der Box nach oben.
Unter ihm stöhnt Walsh benommen. Blut quillt aus Nase und Mund des Alten und färbt den langen Bart rot. Die Augenklappe ist verrutscht und offenbart eine milchig-weiße Pupille.
Rondo bemerkt, dass der Schwarze ihn mit offenem Mund ansieht. Dann blickt er zu Ford, der röchelnd auf dem Rücken liegt und aussieht, als würde er sich fragen, woher die Heugabel in seinem Bauch kommt.
„Guck mal. Der atmet. Er lebt.“
„Nicht mehr lange.“
Rondo wankt zu Ford und reißt die Heugabel aus seinem Körper.
Aber nur um sie gleich wieder nach unten zu stoßen.
Diesmal in Fords Brustkorb.
Das Röcheln erstirbt.
„Mister! Achtung!“
Rondo wirbelt herum und der Schwindel nimmt ihm das Gleichgewicht. Er fällt der Länge nach hin, gerade als Walsh, der sich aufgerichtet hat, feuert.
Die Kugel, die für Rondo bestimmt war, trifft ein Pferd in der Box hinter ihm; das Tier bäumt sich wiehernd auf.
Rondo kämpft sich auf die Knie und sieht die blutbesudelte Visage von Walsh, der im Sitzen versucht erneut auf ihn zu schießen. Nur eine Armlänge entfernt.
Rondos Rechte reißt das Messer, das Topsannah ihm geschenkt hat, aus der Scheide.
Die Klinge saust durch die Luft.
Walsh’ Augen weiten sich, als seine Pistole und drei seiner Finger im Dreck landen.
Dann tritt Rondo ihm ins Gesicht und der Alte fliegt bewusstlos nach hinten.
Rondo schwankt zu seinem Appaloosa. Krallt haltsuchend seine Hände in dessen Mähne und presst seine Stirn gegen den Kopf des Tiers. „Na, alter Junge. Hast du mich vermisst?“
„Ach du Scheiße …“
Rondo dreht den Kopf.
Brody steht im Stall, seine Augen auf die leblosen Körper von Walsh und Ford gerichtet. Auf die Heugabel in Fords Brustkorb und die abgehackten Finger von Walsh am Boden.
„Mort Druckers Gaul hat’s auch erwischt“, sagt Woody trocken und deutet mit dem Daumen über die Schulter, auf den Kadaver des erschossenen Pferdes.
„Haben Sie das Geld?“, fragt Rondo.
Brody nickt. Er reicht Rondo einen kleinen Lederbeutel. Rondo prüft den Inhalt. Er weiß nicht, ob er je tausend Dollar auf einem Haufen gesehen hat, aber das Geldbündel macht den Eindruck, als könnte es hinkommen. Er stopft den Beutel in die Satteltaschen.
„Hey, du Dreckstöle! Hau ab–!“
Rondo sieht zu Walsh, der gerade wieder zu sich gekommen ist, und fassungslos mitansehen muss, wie der abgemagerte Köter seine verlorenen Finger frisst.
Der Blick des Alten fällt auf eine seiner beiden Pistolen. Aber bevor er danach greifen kann, hat Rondo sie aufgehoben.
Er geht neben Walsh in die Hocke und schiebt ihm die Mündung unter die von roten Adern durchzogene Nase. „Du kannst Tottenham ausrichten, dass seine Tage gezählt sind.“
Der Alte erwidert nichts.
Rondo lässt sich von Woody den Revolvergurt des toten Ford geben, bevor er sich stöhnend auf den Rücken des Appaloosa zieht. Er sieht noch einmal zu Brody und Woody, dann reitet er aus dem Stall ins grelle Sonnenlicht der Straße und jagt den Appaloosa im Galopp aus der Stadt.

Fortsetzung folgt …