RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 12

Veröffentlicht 29. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Es ist eine im Westen nicht ungewöhnliche Geschichte.
Ein mächtiger Mann wie Milton Tottenham, der sich etwas aufgebaut hat, als es noch kein Gesetz gab. Ein Mann, der seine eigenen Gesetze macht. Ein Mann, der die Geschäftsleute in Brinkwater zwingt dreißig Prozent ihrer Einnahmen an ihn zu zahlen, weil es ohne ihn die Stadt nicht geben würde.
Ein Mann, der keine Konkurrenz duldet. Konkurrenz wie den ehemaligen Texas Ranger Thomas McCall, der eines Tages in der Gegend auftauchte, mit den rechtmäßigen Besitzpapieren für ein Stück Land im Gepäck, die Tottenham versäumt hatte sich zu besorgen, weil er der Meinung war, dass ihm sowie alles gehört. Ein Besitzpapier, das McCall auch die Wasserrechte einräumt, die Tottenham bislang ganz selbstverständlich für sich beansprucht hat. Rechtmäßig hätte Tottenham McCall für die Wassernutzung zahlen müssen. Natürlich weigerte sich Tottenham. McCall gab ihm Bedenkzeit.
Ein paar Monate später kam McCalls alter Partner Augustus Duval ebenfalls nach Brinkwater und eröffnete dort den Tin Star Saloon. Als Tottenham, wie von allen anderen, dreißig Prozent der Einnahmen verlangte, erklärte Duval ihm, er würde ihn liebend gern bezahlen, allerdings nur in Blei.
Das Beispiel der beiden ehemaligen Texas Ranger machte der Stadt Mut und Tottenham wütend. Sehr wütend. Vor einem Jahr hat er begonnen Männer einzustellen, die seine Forderungen mit Gewalt durchsetzen. Männer wie einen Deutschen namens Gerhard, Männer wie Walsh und Ford. Die einzigen, die sich nicht einschüchtern ließen, waren McCall und Duval gewesen. Bis McCall letzte Woche von Gerhard erschossen wurde.
Der Town Marshal, Lou Kelton, ein Mann mit zweifelhafter Vergangenheit und in Tottenhams Tasche, erklärte, es sei Notwehr gewesen. McCall habe den Deutschen provoziert und zuerst zur Waffe gegriffen. Da er der einzige Zeuge gewesen ist, wird nie jemand das Gegenteil beweisen können. Der Mord an Mcall war der Grund gewesen, warum Duval, der Hotelbesitzer Bigsby und zwei von McCalls Cowboys Tottenham in der Bodega konfrontiert hatten.
Das alles hat Tomas Rondo erzählt.
Fühlt Rondo sich schuldig, weil er Duval und die anderen erschossen hat? Nein. Der hitzköpfige junge Cowboy hat den tödlichen Tanz eröffnet.
Bereut Rondo, dass er sich eingemischt hat? Natürlich. Es hätte ihn beinahe sein Leben gekostet. Von der Kugel in seinen Kopf, die ihn in einen lebenden Toten verwandelt hat, ganz zu Schweigen. Aber der Gedanke jeden Moment tot umzufallen, wie der Doc es ausgedrückt hat, macht Rondo keine Angst. Denn irgendwie, denkt er, sind wir doch sowieso alle lebende Tote.
Er lenkt den Appaloosa nach Süden, zurück zum Canyon. Er braucht eine Basis, ein Lager, und was bietet sich besser an, als der Palo Duro.
Er kann die ersten Ausläufer des Canyons bereits sehen, als er aus den Augenwinkeln eine Lichtreflektion bemerkt. Als würden Sonnenstrahlen auf einen Spiegel treffen.
Oder den Lauf einer Waffe.
Er lässt sich bereits seitlich aus dem Sattel rutschen, als der Schuss kracht. Spürt noch den Luftzug des Geschosses. Er landet hart am Boden und bleibt liegen. Der Appaloosa trabt ein Stück weiter, bevor er stoppt.
Nach ein paar Minuten hört Rondo Hufgetrappel, dann stoppt die Mexikanerin ihr Pferd und gleitet aus dem Sattel. Sie hat mit einem Gewehr auf ihn geschossen, aber jetzt hält sie den Walker Colt in der Hand.
Er wartet, bis sie neben ihm steht, dann holt er sie mit einem schwungvollen Tritt seines rechtes Beins von den Füßen. Sie landet mit einem dumpfen Laut auf ihrem prallen Hintern.
Er springt auf. Sofern man seine steifen Bewegungen aufspringen nennen kann. Sie hat den Walker Colt nicht losgelassen, tut es aber, als er ihr seinen Stiefelabsatz auf die Finger rammt. Sie stößt einen Schmerzensschrei aus.
Der Stoff ihres Kleides reißt, als er sie auf die Beine zerrt. Sie spuckt ihn an.
Rondos Handfläche trifft sie im Gesicht und wirbelt sie um die eigene Achse. Sie fängt sich, aber er verpasst ihr gleich noch eine, diesmal mit der Rückhand. Sie hält sich immer noch auf den Beinen. Ein hartes Mädchen, das muss man ihr lassen.
Rondo spannt den Hand des Colts.
Sie wischt sich Blut und Tränen aus dem Gesicht. „Knall mich doch ab, du Hurensohn!“
Er hätte nicht übel Lust dazu. Er hat die Schnauze voll davon die Zielscheibe dieser Leute zu sein.
Er kneift die Augen zusammen. In seinem Kopf fängt der Schmied wieder an seinen Amboss zu bearbeiten.
Sie reckt herausfordernd das Kinn nach vorn. „Worauf wartest du noch?“
Ihr Gesicht beginnt zu verschwimmen.
Die Landschaft um ihn herum auch.
Er lässt den Colt sinken.
Scheiße. Gottverdammte Scheiße.
Und dann nichts mehr.
Nur Dunkelheit.
Er hört, dass sie sich bewegt.
Einen Moment später presst sich die Mündung des Walker Colts gegen seine Stirn.
„Lass die Waffe fallen!“
Er gehorcht.
„Was ist mit dir?“
„Ich kann nichts sehen.“
„Was … ?“
„Die Kugel in meinem Kopf. Der Doc sagt, sie drückt auf den Sehnerv.“
Sie erwidert nichts.
Der Colt verschwindet von seiner Stirn.
„Heißt das, deine Sicht kommt zurück?“
„Das hoffe ich.“
„Dann töte ich dich, wenn du wieder sehen kannst.“
Er hört, wie sie auf ihr Pferd steigt und davonreitet.
Dann ist er allein.
Beim letzten Mal ist seine Sicht nach kurzer Zeit zurückgekehrt.
Also wird das diesmal auch so sein.
Oder?
Er bückt sich. Ertastet den fallengelassenen Colt. Für einen kurzen Moment ist da der Gedanke sich einfach das Gehirn rauszublasen.
Und was wenn ausgerechnet danach deine Sicht zurückkehrt?
Sein irres Lachen verhallt in der Weite.

Fortsetzung folgt …