RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 13

Veröffentlicht 4. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllt die Luft, als Tremaine die rotglühende Klinge des Bowiemessers gegen den letzten der drei Fingerstummel presst.
Walsh beißt grunzend auf das Stück Holz zwischen seinen Zähnen, während Gerhard mit beiden Händen seinen ausgestreckten Arm gepackt hält.
Als Tremaine die Klinge zurückzieht, sackt Walsh auf dem Stuhl zusammen. Sein schweißüberströmtes Gesicht kippt nach vorn.
Tremaine rammt die heiße Messerklinge in den Boden neben der Feuerstelle.
„Ist er ohnmächtig?“, fragt Tottenham ungeduldig.
„Bin ich nicht“, knurrt Walsh und hebt wieder den Kopf. „Whiskey.“
Gerhard drückt ihm die Whiskeyflasche in die gesunde Hand. Walsh nimmt einen tiefen Schluck. Gleich einen zweiten hinterher.
„Sind Sie sicher, dass er es war?“, fragt Tottenham.
Walsh hält seine Hand mit den drei kauterisierten Fingerstummeln hoch. „Gottverdammt, ja.“
Tottenham reibt sich nervös mit einer Hand über das Kinn. „Wie kann das sein?“ Er sieht zu Gerhard.
Der zuckt mit den Achseln. „Menschen haben schon ganz andere Dinge überlebt.“
„Ich soll Ihnen ausrichten, Ihre Tage wären gezählt“, sagt Walsh.
Tottenham schnauft wütend. „Das sagten Sie bereits.“
Er hat Angst, denkt Gerhard, nicht ganz ohne Genugtuung. Natürlich hat er das. Mir wäre auch nicht wohl, wenn der Mann, den ich feige und grundlos abgeknallt habe, wieder unter den Lebenden weilt. 
Und was Rondo betrifft: für dessen Rachegelüste hat Gerhard vollstes Verständnis. Aber viel besser noch: das er lebt gibt Gerhard die Chance, die er verloren glaubte. Nämlich gegen Rondo anzutreten. Mann gegen Mann.
Während Tremaine die verstümmelte Hand von Walsh bandagiert folgt Gerhard Tottenham vom Mannschaftshaus zurück zum Hauptgebäude, vor dem Michelle mit einem Sonnenschirm über der Schulter steht und einen Stock für den großen, schottischen Wolfshund wirft.
„Irgendjemand muss ihm geholfen haben“, sagt Tottenham.
„Vielleicht die Städter, als sie die Leichen ihrer Freunde aus dem Canyon geholt haben.“
Tottenham schüttelt den Kopf. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass der Kerl am Leben sein soll.“
„Sie sollten auf jeden Fall nicht mehr alleine die Ranch verlassen.“
„Was nützt mir Begleitschutz, wenn er versucht mich aus dem Hinterhalt abzuknallen.“
„Ich glaube nicht, dass er das tun wird“, sagt Gerhard. Im Gegensatz zu Ihnen.
Sie bleiben vor Michelle stehen, die gerade den vom Wolfshund apportierten Stock entgegennimmt. „Was ist denn passiert, Milton?“
Tottenham zögert, aber dann: „Dieser Rondo. Er … wie es scheint, ist er am Leben.“
Ihre Augen werden groß. Sie legt eine Hand auf ihre Brust. „Was? Aber ich dachte… ich meine, wie kann denn das sein?“
„Er will sich an Mister Tottenham rächen“, sagt Gerhard und genießt, wie Tottenham bei seinen Worte zusammenzuckt.
„Um Gottes Willen“, sagt Michelle.
Gerhard mustert die schöne junge Frau. Er kauft ihr den Schrecken nicht ab. Im Gegenteil. Gerade hatte er das Gefühl, so etwas wie freudige Erregung in ihren grünen Augen gesehen zu haben, als sie hörte, dass Rondo noch am Leben ist.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Gerhard und die anderen passen schon auf mich auf.“ Tottenham tätschelt den Kopf des Wolfshunds. „Stimmt’s nicht, Gerhard?“
„Natürlich, Mister Tottenham. Ich würde vorschlagen, als erstes knöpfen wir uns Doc Hawley und die anderen vor.“
Tottenham nickt. „Wahrscheinlich hat der verdammte Doc Rondo sogar das Leben gerettet. Wir reiten nach dem Abendessen.“ Er wendet sich ab und geht die Stufen zur Veranda hinauf. Der Wolfshund, dieses monströse Vieh, trottet ihm hinterher.
Gerhard und Michelle bleiben zurück.
Sie lässt den Sonnenschirm mit einer Bewegung ihres Handgelenks über dem Kopf kreisen. „Jetzt bekommen Sie wohl doch noch was Sie wollen, Gerhard. Ihr Duell mit Rondo.“
„Abwarten.“
„Er muss ein besonderer Mann sein. Ich meine, einen Kopfschuss zu überleben …“
Gerhard zuckt mit den Schultern. „Glück, nichts weiter.“
Ein provozierendes Lächeln kräuselt ihre Lippen. „Wenn Sie meinen. Wir sehen uns beim Abendessen.“
Er blickt ihr nach, als sie zum Haus geht. Die Kleine hat den Charme einer Giftschlange. Er fragt sich, ob Tottenham bewusst ist, was er sich da ins Haus geholt hat.
Ein Zigarillo zwischen die Lippen.
Anzünden. Inhalieren.
Gerhard schlendert rauchend über das Gelände, bis zu der Bank, die um den Stamm eines einsamen Walnussbaums gezimmert ist. Er lässt sich nieder und blickt über das endlose Grasland jenseits der Ranch.
Der Gedanke an Rondo erregt ihn auf eine Art und Weise, wie es Michelle nicht gelungen ist. Vielleicht liegt das daran, dass er vergangene Nacht von Hans geträumt hat.
Davon, dass sie zusammen in einem kleinen Haus in den Alpen lebten und glücklich waren. Die Realität hat anders ausgesehen. Hans ist in der Schlacht von Sedan gefallen. Ausgerechnet der letzten Schlacht des Krieges. Ein französisches Bajonett in die Eingeweide.
Aber selbst wenn Hans nicht gestorben wäre, hätte es nie eine Zukunft für sie gegeben.
Der Traum wäre ein Traum geblieben.
So oder so.
Gerhard wird nie wieder lieben.
Alles was ihm bleibt, ist das töten.