RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 15

Veröffentlicht 15. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Weiter geht’s …

In Brinkwater zapft Estrella ein Bier für Brody, der vor ihr am Tresen des Tin Star Saloons lehnt.
Nur an einem der Tische im Schankraum sitzen Gäste. Sechs Männer, die im Rauch ihrer Zigaretten Poker spielen. Drüben im Golden Emporium von Barney Ross (und Tottenham, der mit fünfzig Prozent beteiligt ist) ist es gerammelt voll. Es gibt eine Bühne, Tänzerinnen und Auftritte von reisenden Theatergruppen.
Im Tin Star nur einen Klavierspieler mit mehr Arthritis als Talent in den Fingern. Der hat heute Abend frei.
Nach Gus’ Tod gehört Estrella der Saloon. Als er noch lebte, hatte sie das kostenlose Essen gekocht, dass jeder Gast mit dem ersten Drink serviert bekam. Jetzt ist sie allein und es gibt kein Essen mehr. Sie braucht dringend einen fähigen Barkeeper. Doch bislang hat sich niemand auf ihre Anzeige in der Zeitung von Tascosa, der größten Stadt des Panhandle, gemeldet.
Doch im Augenblick kann sie sowieso nur an eins denken.
Rondo.
Sie bereut noch immer, dass sie nicht den Mumm besessen hat, ihn abzuknallen, als sie die Chance dazu hatte.
Brodys Hand reißt sie aus ihren Gedanken. Er hat sie auf ihre gelegt, als sie das Bier vor ihm abgestellt hat.
„Estrella, du weißt, was ich für dich fühle …“
Um Gottes willen, das hat ihr gerade noch gefehlt.
Sie hat ein paar Mal mit Brody geschlafen. Er war ihr Kunde. So wie Gus. So wie viele andere. Er ist ein aufrichtiger, junger Kerl, dem nach dem Tod seiner Eltern niemand mehr geblieben ist, außer dem alten Woody, der bereits für seinen Vater gearbeitet hat. Brodys Anliegen ist rührend, aber er wird niemals Gus’ Platz einnehmen können.
Niemand wird das.
„Brody, mein Mann ist noch nicht mal einen Monat tot.“
„Das weiß ich. Aber… ich … ich möchte für dich sorgen.“
„Ich brauche niemanden, der für mich sorgt.“
„Und was war mit Gus?“
„Gus hat mich nicht geheiratet, weil er für mich sorgen wollte. Er hat mich geliebt.“
„Das tue ich doch auch.“
„Nur weil du keine anderen Frauen kennst.“
Bevor Brody etwas erwidern kann, kommt Doc Hawley durch die Schwingtür gestolpert und stürzt auf die Knie. Hinter ihm folgt der Deutsche, Gerhard, dann Tottenham und der langhaarige Charly Sixto, dem man nachsagt, er habe früher Gewehre an die Comanchen verkauft.
Bevor der Doc sich aufrichten kann, packt der Deutsche ihn im Nacken, zerrt ihn hoch und stößt ihn wieder nach vorn. Der Doc prallt direkt neben Brody gegen den Tresen. Blut läuft aus seiner Nase.
„Alle raus!“, fährt Charly Sixto die anderen Gäste an. Die Kartenspieler stolpern beinahe übereinander, als einer versucht schneller als der andere Sixtos Aufforderung nachzukommen.
Draußen auf der Straße fällt ein Schuss.
Einen Moment später führt Tremaine, der vor einem halben Jahren einem von Belles Mädchen die Wange mit seinem Messer zerschnitten hat, Wells mit vorgehaltenem Colt durch die Schwingtür.
„Was ist los?“, fragt Tottenham ihn.
„Walsh hat versucht den Köter abzuknallen, der seine Finger gefressen hat.“
Tottenham schüttelt genervt den Kopf.
Tremaine rammt Wells den Lauf seiner Waffe in den Rücken und schiebt ihn zum Tresen.
Wells bleibt neben dem Doc und Brody stehen.
Tottenhams Blick fällt auf Brody. „Schön, dass Sie schon hier sind, Brody. Dann haben wir ja alle beisammen, mit denen ich sprechen wollte.“
Die Schwingtüren klappern und Walsh betritt den Schankraum. „Ich krieg die Dreckstöle noch. Und dann hol ich mir meine Finger zurück.
„Die kann dir eh keiner mehr annähen“, sagt Tremaine.
„Das weiß ich. Aber vielleicht mach ich mir ne Halskette draus. Es sind meine Finger.“
„Ja, aber um die geht es hier nicht“, sagt Tottenham unwirsch. Er zieht seine Reithandschuhe von den Fingern. Lässt sie mit der Rechten in die Handfläche seiner Linken klatschen. Seine grauen Augen richten sich auf Estrella. „Vor drei Wochen wollte Estrellas Mann mich umbringen.“ Er lässt den Blick über Brody, Wells und den Doc schweifen. „Und ich bin mir sicher, ihr alle wusstet davon.“
Der Doc und Wells weichen Tottenhams bohrendem Blick aus. Im Gegensatz zu Brody. „Sie hatten Glück, dass dieser Fremde in der Bodega war.“
Halt den Mund, du Idiot, denkt Estrella. Ihre Finger tasten nach der Schrotflinte mit dem abgesagten Lauf, die Gus für Notfälle unter dem Tresen deponiert hat.
Plötzlich spürt sie den kalten Stahl eines Messers im Gesicht.
„Das lässt du schön bleiben, Puta“, erklingt Tremaines kehlige Stimme an ihrem Ohr. Er nimmt die Schrotflinte an sich und lässt die Spitze des Bowiemessers über ihr Kinn bis in den Ausschnitt ihres Kleides wandern. „Jetzt, wo dein Alter unter der Erde liegt, solltest du zurück dahin, wo du hingehörst. Außer dem China-Mädchen ist das Angebot bei Belle ohne dich ziemlich dürftig.
„Lassen Sie sie in Ruhe, Tremaine“, sagt Tottenham.
Die Messerklinge verschwindet aus Estrellas Ausschnitt und Tremaine kehrt auf die andere Seite des Tresens zurück.
Tottenham hat sich vor Brody aufgebaut. „Wegen des Fremden bin ich hier. Wie ich höre, ist er am Leben.“
An der Tür spuckt Walsh lautstark eine Ladung Kautabak auf den Bretterboden und hebt demonstrativ seine einbandagierte Hand.
„Wo ist Rondo?“, fragt Tottenham.
„Ich weiß nicht, wovon–„ Wells Stimme bricht ab, als Tottenhams Handschuhe ihn im Gesicht treffen.
„Ich bin nicht in der Stimmung für Lügen, Mister Wells.“
Brody reckt rotzig das Kinn nach vorn. „Er wird Sie töten, Tottenham!“
Gottverdammt, Brody, denkt Estrella. Warum kannst du nicht deine Klappe halten?
Tottenham schiebt die Handschuhe in die Tasche seines Jackets. „Interessant, dass Sie das sagen, Brody. Was hat er eigentlich bei Ihnen im Stall gemacht?“
Brody schluckt. „Ich … keine Ahnung. Er war plötzlich da. Er wollte wissen, ob Sie in der Stadt sind.“
„Und warum kommt er ausgerechnet zu Ihnen?“
Estrella sieht, wie Brody verzweifelt nach einer Erwiderung sucht, als der Doc sich einmischt: „Ich habe ihn zu Brody geschickt. Er brauchte ein Pferd.“
Tottenham dreht den Kopf in Docs Richtung. Macht einen Schritt zur Seite, so das er vor ihm steht. „Also war er bei Ihnen, Doc?“
„Ja. Er wollte, dass ich ihn untersuche.“
„Und? Haben Sie ihn untersucht?“
Der Doc nickt.
„Dann erklären Sie mir, warum er noch lebt. Ich habe ihm in den Kopf geschossen.“
Der Doc zuckt mit den Schultern. „Der menschliche Körper ist manchmal ein Wunder.“
Tottenham schnauft. „Ich dachte Mediziner glauben nicht an Wunder.“ Er lässt seinen Blick über den Doc, Wells, Brody und Estrella gleiten. „Also? Wo ist er?“
Schweigen.
Estrella denkt an den blinden Rondo, den sie heute nachmittag in der Nähe des Palo Duro zurückgelassen hat. Sie fragt sich, ob seine Sehkraft zurückgekehrt ist.
„Das dachte ich mir“, sagt Tottenham, als niemand seine Frage beantwortet.
Er sieht zu seinen Männern.
Charly Sixto geht mit langen Schritten auf die drei Männer am Tresen zu. Für einen Augenblick glaubt Estrella, er hätte es auf den Doc abgesehen, aber dann kracht Sixtos Faust ansatzlos in Brodys Gesicht. Der Kopf des jungen Mannes fliegt nach hinten und seine Beine geben nach. Sixto kriegt ihn am Kragen seines Hemdes zu packen, bevor er zu Boden stürzen kann und zerrt ihn, mit einer für einen so dürren Mann erstaunlichen Kraft, durch die Schwingtür ins Freie.
Tottenham, Tremaine und Walsh folgen.
Nur der Deutsche bleibt zurück, eine Hand auf dem Griff des Smith & Wesson Revolvers an seiner rechten Hüfte. Er hat die eisigsten blauen Augen, die Estrella je gesehen hat. „Wenn Sie etwas wissen, sollten Sie es Mister Tottenham sagen.“
„Wir wissen wirklich nichts“, sagt der Doc.
Der Deutsche zuckt mit den Schultern.
Von draußen erklingt Brodys benommene Stimme: „Nein, bitte nicht–„
Estrella hält es nicht länger hinter dem Tresen. Sie eilt zur Tür. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Charly Sixto in den Sattel steigt und sein Lariat um den Sattelknauf schlingt. Die Schlinge am anderen Ende des Seils, die Walsh und Tremaine über Brodys Oberkörper geschlungen haben, zieht sich zusammen.
Sixto stößt einen Schrei aus, rammt dem Pferd die Sporen in die Flanken und galoppiert los. Das Seil spannt sich, Brody wird von den Füßen gerissen und dann hinter Sixto und seinem Pferd hergezogen.
„Er weiß es wirklich nicht!“, schreit Estrella.
Tottenham dreht den Kopf.
Da ist kein Erbarmen in seinem Blick.
Sixto, sein Pferd und Brody verschwinden in der Dunkelheit. Hinter Estrella drängen sich der Doc und Wells aus dem Saloon. Wenige Augenblicke später treibt Sixto das Pferd wieder an ihnen vorbei über die Straße. Brody klammert sich verzweifelt schreiend am Seil fest. Sixto beginnt im Zickzack zu reiten und Brody wird hin- und hergeschleudert wie eine Puppe.
„Hören Sie auf, Tottenham“, fleht der Doc. „Bitte hören Sie auf!“
Der Brite ignoriert ihn. Er zieht seine Pfeife aus der Jackentasche, zündet sie an und pafft ein paar Wölkchen in die Nachtluft, während Sixto erneut am Saloon vorbeiprescht. Brody hat aufgehört zu schreien, seine Arme halten sich nicht länger am Seil fest, sondern schleifen leblos neben seinem Körper.
Estrella rennt auf die Straße. „Aufhören!“
Kurz darauf kehrt Sixto zum vierten Mal zurück, und als er Estrella vor sich sieht, zügelt er sein Pferd. Sieht fragend zu Tottenham. Der nickt.
„Er ist im Palo Duro“, sagt Estrella. „Und er ist blind.“
Tottenham runzelt die Stirn. „Blind? Stimmt das, Doc?“
Der Doc nickt. „Zumindest zeitweise. Ihre Kugel steckt noch in seinem Kopf.“
Das entlockt Tottenham ein Lächeln. „Wo im Palo Duro?“
„Das weiß ich nicht“, sagt Estrella, die auf Brodys verkrümmten Körper blickt. Seine Kleidung ist an mehreren Stellen zerrissen, darunter sind blutige Schürfwunden zu sehen. Sein Gesicht ist blutüberströmt. „Wirklich nicht!“
Tottenham mustert sie. „Danke, Estrella.“ Er lächelt. „Und denken Sie daran, dass Sie mir dreißig Prozent Ihrer Einnahmen schulden.“
Als Tottenham und seine Männer kurz darauf davonreiten, eilt der Doc zu Brody.
Estrella spürt Wells’ Blicke im Rücken und dreht sich zu ihm um. „Ich musste doch irgendwas sagen, die hätten Brody sonst getötet …“
„Sie haben ihn getötet“
Estrella und Wells sehen zu Doc, der neben Brody kniet. „Er hat keinen Puls mehr.“
Alle Kraft weicht aus Estrellas Beinen. Sie sackt auf den Stufen zum Saloon zusammen.
Wells zieht den Hut vom Kopf und reibt sich mit einem verzweifelten Stöhnen durchs Gesicht.
Ich bin verflucht, denkt Estrella. Alle Männer, die mich lieben, müssen sterben. Ich bin verflucht.

Fortsetzung folgt …