RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 16

Veröffentlicht 19. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Sie hat Toshawi in Decken gewickelt und Rondo hilft ihr den Körper auf eins der Pferde zu heben. Er begleitet sie durch den gut verborgenen Pfad zwischen den Felsen vom Plateau hinab.
Es ist Mittag, als sie den Fluss erreichen, und die Stelle an der Topsannahs Leute ihr Lager hatten, als sie von den Weißen überfallen wurden. Nicht weit entfernt gibt es eine Stelle zwischen den Felsen, an der die Comanchen ihre Toten beerdigt haben.
Topsannah findet eine Felsspalte, in die sie Toshawis Leiche betten. Dazu legt sie den Medizinbeutel des Toten, der eine Pfeife, verschiedene Kräuter und ein paar persönliche Besitzstücke enthält. Anschließend hilft Rondo ihr Felsbrocken zu sammeln und damit den Toten zu bedecken. Er wartet abseits, während sie ein Totenlied singt.
Sie lassen gerade die Pferde am Fluss trinken, als Rondo das Schnauben von Pferden vernimmt.
Und Stimmen.
Topsannah hat sie auch gehört. Sie zeigt auf eine dichte Ansammlung von Pappeln. Sie schaffen es gerade noch die Pferde dort zu verstecken, bevor die Reiter am Flussufer erscheinen.
Sechs Mann. Alle bewaffnet, zwei mit Gewehren quer über dem Sattel. So wie sie reiten, langsam, mit aufmerksamen Blicken zu allen Seiten, lässt das nur einen Schluss zu: Sie suchen etwas.
Sie suchen jemanden.
Einer der Reiter ist der Alte mit der Augenklappe. Walsh.
Das sind Tottenhams Männer und sie suchen Rondo.
Der Mann an der Spitze fällt ihm besonders ins Auge. Er hat die aufrechte Haltung eines Soldaten und selbst im Schatten der Hutkrempe hat Rondo das Gefühl, er könne seine Augen funkeln sehen.
Rondo presst die Winchester an die Schulter und verfolgt über die Mikrometer-Lochkimme hinweg jeden einzelnen Reiter. Den Aufrechten, den alten Walsh, den mit den schulterlangen Haaren, den mit dem großen Bowiemesser an der Hüfte, den Jungen mit dem pockenvernarbten Gesicht und den mit dem silbernen Stern an der Brust; das muss Lou Kelton sein, der Town Marshal.
Gesprächsfetzen dringen an sein Ohr.
„… könnte überall sein … Canyon ist riesig …“
„… wird aber in der Nähe Brinkwaters bleiben … und der Ranch …“
Er widersteht der Versuchung abzudrücken. Er könnte einen erwischen, vielleicht sogar zwei oder drei, bevor sie Deckung finden und das Feuer erwidern. Dann bleiben aber noch mindestens drei übrig und keiner denen scheint ein Amateur zu sein. Außerdem will er Topsannah nicht in Gefahr bringen. Er merkt sich die Gesichter der Männer. An denen muss er vorbei, wenn er Tottenham kriegen will. Vielleicht auch noch an anderen.
Er hört Topsannahs schweren Atem. Dreht den Kopf. Sieht keine Angst in ihrem Blick, sondern funkelnden Hass.
„Die Männer… sie waren dabei… sie haben unser Lager überfallen. Der mit mit dem Messer… Ich habe gesehen, wie er meine Kinder skalpiert.“
Rondo erwidert nichts.
Zum Glück bleiben die Reiter auf der anderen Seite des schmalen Gewässers, sonst würden ihnen wahrscheinlich die frischen Spuren der beiden Pferde auffallen.
Rondo und Topsannah warten, bis die Geräusche der Pferde verstummt sind, dann wagen sie sich aus ihrem Versteck und machen sich auf den Rückweg. Sie gelangen unbehelligt zurück aufs Plateau.
Am Nachmittag sattelt Rondo erneut sein Pferd. Er sagt Topsannah, dass er voraussichtlich erst gegen Morgen zurückkehren wird. „Falls nicht, du hast das Geld.“
Sie erwidert nichts.
Als er den engen Pfad erreicht, der vom Plateau hinabführt, dreht er sich noch einmal im Sattel um. Topsannah steht neben dem Tipi und hebt eine Hand. Er nickt ihr zu, obwohl sie das auf die Entfernung wahrscheinlich gar nicht sehen kann.
Er weiß von Tomas, dass die Ranch von Tottenham ein paar Meilen südwestlich von Brinkwater liegt. Er verlässt den Canyon und schlägt einen weiten Bogen nach Süden, um sich dem Anwesen dann von Westen aus zu nähern.
Die Schatten werden bereits lang, als er auf einer Anhöhe liegend die Ranch beobachtet. Ein weiß gestrichenes, einstöckiges Haupthaus mit zwei Seitenflügeln und einer umlaufenden Veranda. Zwei Mannschaftshäuser. Eine große Scheune, mehrere Ställe. In einem Corral reiten zwei Cowboys Pferde zu. Vor einem der Mannschaftshäuser spielen Walsh und der Langhaarige Würfel.
Der Himmel im Westen ist von einem satten Orange, als eine übergewichtige, ältere Frau mit dunklen Haaren Töpfe zu den Mannschaftshäusern trägt. Abendessen.
Später, es ist noch nicht ganz dunkel, tritt Tottenham auf die Veranda des Haupthauses.
Rondos Puls beschleunigt sich.
Die Kopfschmerzen kehren zurück.
Er hört sein eigenes schweres Atmen.
Tottenham.
Der Bastard.
Mit der Winchester könnte Rondo ihn von hier oben erwischen. Fraglich allerdings, ob tödlich. Außerdem wäre das zu einfach. Nein, er will dem Briten in die Augen sehen. Will wissen warum.
Dann sieht er die Frau.
Sie ist ebenfalls aus dem Haus gekommen. An ihrer Seite der größte Hund, den Rondo je gesehen hat. Sie spricht mit Tottenham. An ihren Bewegungen erkennt Rondo, dass sie wütend ist. Nach einem kurzen Wortwechsel wirft sie sich herum und verschwindet wieder im Haus. Der Hund folgt ihr.
Jetzt erscheinen die anderen, die Rondo heute mittag im Canyon gesehen hat. Der Mann, der ihn an einen Soldaten erinnert, Walsh, der Langhaarige, der Pockennarbige und der mit dem großen Bowiemesser. Sie gehen zu den Ställen und kurz darauf beobachtet Rondo, wie die ganze Truppe mit Tottenham in der Mitte Richtung Brinkwater reitet.
Eigentlich ist er nur hergekommen, um die Ranch und ihre Umgebung auszukundschaften. Aber plötzlich reift etwas in ihm heran. Einen Plan kann man es nicht nennen. Im Gegenteil. Es ist verrückt. Und er sollte es nicht tun.
Wer weiß, vielleicht ist es ja die Kugel in seinem Kopf, die ihn dazu verleitet.
Er robbt rückwärts, bis er sicher ist, dass man ihn von unten nicht mehr sehen kann, dann richtet er sich auf und läuft den Hügel hinab zu der Stelle, an er den Appaloosa zurückgelassen hat. Der alte Walsh hat die wenigen Habseligkeiten in Rondos Satteltaschen während der Zeit, in der er den Appaloosa im Besitz hatte, nicht angerührt. Bis auf die Notration Biskuits, die fehlt. Rondo findet den Baumwollbeutel und geht zu Fuß weiter.
Die Klapperschlange ist noch da, wo er sie gesehen hat, als er hergekommen ist. Nicht weit entfernt, auf einem Felsen liegend, der die Wärme der Sonne gespeichert hat. Es ist ein Weibchen, nicht besonders groß. Ihre Rassel schlägt Alarm, als er sich nähert, aber sie bleibt erstaunlich ruhig, als er sie mit einem armlangen Stück Holz anhebt und mit dem Kopf voran in die Öffnung des am Boden liegenden Beutels bugsiert. Dann hebt er den Beutel mit einer schnellen Bewegung an, stößt den Rest der Schlange in den Beutel und dreht ihn mit Hilfe des Stocks so eng zusammen, dass das Reptil keine Möglichkeit hat sich zu bewegen und durch den Stoff zu beißen.
Er läuft zurück auf den Hügel. Wolken sind aufgezogen. Es wird eine pechschwarze Nacht. Perfekt. Im linken Seitenflügel des Hauses brennt bereits Licht, der Rest bleibt dunkel.
Als die Nacht das letzte Tageslicht verschluckt hat, führt er den Appaloosa an den Zügeln zur Ranch hinab. Er lässt das Pferd an ein paar Sträuchern zurück und geht weiter. Die Rückseite des Hauses schält sich vor ihm aus der Finsternis. In der Linken hält er den Colt von Walsh, in der Rechten den Beutel mit der Schlange.
Da ist die Hintertür. Auf die Veranda. Holz knarrt. Er denkt an den riesigen Hund. Die Hintertür hat ein kleines Fenster. Dahinter ist es dunkel.
Tür auf.
Kein Hund, der ihn zähnefletschend anspringt.
Durch den Flur.
Zur rechten eine halboffene Tür. Drinnen die Umrisse eines Schreibtisches. Er gleitet hinein. Schließt die Tür leise hinter sich. Am Boden mehrere handgewebte Teppiche, die seine Schritte dämpfen. Im Halbdunkel erkennt er mehr. Regale mit in Leder gebundenen Büchern. Ein großer Sessel.
Zum Schreibtisch.
Eine Kiste mit Zigarren. Ein Schreibunterlage aus Leder. Ein Füllfederhalter.
Und sein Revolvergurt.
Mit seinem Colt.
Aber zuerst die Schlange.
Er legt Walsh’ Waffe ab und öffnet die oberste Schreibtischschublade. Leer bis auf ein paar Bögen Papier. Er lockert den zusammengedrehten Beutel mit der Klapperschlange und legt ihn die Schublade. Als der hässliche Kopf des Reptils in der Öffnung des Beutels erscheint, schließt er die Schublade, bevor es ganz herauskriecht.
Was, wenn die Schlange Tottenham beißt und er daran stirbt?
Dann wird Rondo sich damit zufriedengeben.
Aber er glaubt nicht daran, dass ihn das Tier seiner Rache berauben wird.
Er greift nach seinem Revolvergurt. Schlingt ihn um die Hüften. Ein gutes Gefühl. Er prüft den Colt. Geladen. Funktionsfähig. Er schiebt ihn zurück ins Holster.
In diesem Moment wird die Tür von außen geöffnet. Lichtschein fällt herein.
Der Colt fliegt zurück in Rondos Hand.
Die Gestalt in der Tür erstarrt.
Es ist die junge Frau, die er von Anhöhe aus gesehen hat.
Sie hält eine Öllampe in der Hand und der Lichtschein wird von ihren grünen Augen reflektiert.
Ein paar Sekunden starren die beiden sich wortlos an.
Und zu seiner Überraschung weicht der Schreck in ihren Augen …
… einem Lächeln.

Fortsetzung folgt …