RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 17

Veröffentlicht 22. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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„Sind sind Rondo“, sagt sie.
Er erwidert nichts.
Aber sie weiß, dass er es ist. Wie schnell er den Colt gezogen hat. Einen Moment war er im Holster, im nächsten in seiner Hand.
Die Mündung der Waffe bleibt auf sie gerichtet, als sie mit wild klopfendem Herzen ins Zimmer tritt und die Tür hinter sich schließt. „Er ist nicht da“, sagt sie. „Milton meine ich.“
Rondo sieht nicht aus, wie sie ihn sich vorgestellt hat. Wie hat sie ihn sich vorgestellt? Das weiß sie selber nicht. Er ist groß und es ist unübersehbar, dass er in den letzten Wochen Gewicht verloren haben muss. Sonnenverbranntes Gesicht, dunkler Bart, dunkle Augen, halblanges dunkles Haar. Seine Kleidung ist schmutzig.
Er erinnert sie an ein Tier.
Ein wildes Tier.
„Es tut mir leid, was mein Mann getan hat.“
Er schweigt noch immer und der Colt bleibt auf sie gerichtet. Es ist seine eigene Pistole; sie bemerkt, dass er den verzierten Waffengurt bereits umgeschnallt hat.
„Milton und seine Leute sind in Brinkwater. Sie besuchen das Bordell.“ Sie weiß, dass Milton es mit dem China-Mädchen treibt. Und er weiß, dass sie es weiß. Trotzdem reden sie nicht darüber. Der Gedanke, dass Milton versehentlich einen schlitzäugigen Huren-Bastard zeugen könnte, amüsiert sie. „Außer mir sind nur unsere Haushälterin und drei Cowboys auf der Ranch. Sie können die Waffe wegstecken.“
Zwei, drei Sekunden verstreichen, dann lässt er den Colt sinken und holstert ihn.
Sie spürt seine Augen über ihren Körper unter dem dünnen Nachthemd streichen und lächelt.
Er ist nicht wie Gerhard.
„Sie werden mich doch nicht töten, oder?“
Sie fragt es so gelassen wie möglich und versucht sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. Ohne auf eine Erwiderung zu warten, tritt sie an das Bücherregal. Stellt die Öllampe darin ab. „Ich konnte nicht schlafen und wollte mir etwas zu lesen holen.“ Sie hat ihm den Rücken zugewandt und lässt ihren Blick über die Bücher gleiten. Ihre Finger ziehen eins heraus.
„Kennen Sie Alice im Wunderland?“
Keine Antwort. Natürlich nicht. Wahrscheinlich kann er nicht mal lesen.
Sie hört, dass er sich bewegt.
Spürt, dass er hinter ihr steht.
Riecht ihn.
Den Schweiß. Den Schmutz.
Sie dreht sich langsam um.
Er ist nur eine Unterarmlänge entfernt. Seine Augen sind dunkel. Fast schwarz. Sein Blick lässt ihr einen Schauer den Rücken hinablaufen.
Das erste, was ihr in den Kopf kam, als sie hörte, dass Rondo lebt, war, dass sie niemanden mehr braucht, der sie vor Milton beschützt, wenn sie versucht ihn zu verlassen.
„Wenn Sie ihn töten, werde ich Sie bezahlen.“
„Ich töte ihn sowieso“, sagt er. Seine Stimme ist rau, nicht mehr als ein Flüstern.
Michelle liebt das Abenteuer. Wie Alice. Sie will dem weißen Kaninchen folgen. Sie will ins Wunderland. Und Texas ist es nicht.
Sie berührt ihn, wo sie Gerhard berührt hat. Am Bauch. Dicht über dem Gürtel. Er zeigt keine Reaktion.
Noch nicht.
Sie lässt das Buch fallen. Ihre Finger öffnen die Schleife, die ihr Nachthemd geschlossen hält. Sie bewegt die Schultern und der Stoff gleitet mit einem leisen Rascheln zu Boden.
Etwas flackert in seinen dunklen Augen. Sie lächelt. Der Anblick ihres nackten, weißen Körpers lässt ihn nicht kalt.
Sie presst sich an ihn.
Reckt sich auf die Zehenspitzen.
Küsst ihn.
Seine Lippen sind trocken, spröde, aufgeplatzt.
„Zweitausend Dollar“, sagt er.
Sie hält inne. „Sie haben gesagt, dass Sie ihn sowieso töten.“
„Und Sie, dass Sie mich bezahlen, wenn ich es tue.“
Sie nickt. „Einverstanden. Zweitausend Dollar.“
Dann küsst sie ihn wieder.

Fortsetzung folgt …