RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 19

Veröffentlicht 30. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Ihr Kopf fährt herum und sie schießt vom Stuhl in die Höhe, als er, gefolgt von einem kalten Windstoß, in die Wohnung tritt. Der Zettel rutscht aus ihren Fingern und segelt zu Boden. Zunächst erkennt sie ihn nicht, wahrscheinlich wegen des Regenmantels und dem Schatten, den die Hutkrempe über sein Gesicht wirft.
Er schließt die Tür hinter sich. Regenwasser tropft vom Mantel und hinterlässt Pfützen auf dem Holzboden, als er auf sie zugeht.
Sie starrt auf die Waffe in seiner Hand.
Dann in sein Gesicht.
Ihre Augen weiten sich. Die Angst darin weicht Wut und Trotz. „Was wollen Sie? Mich töten?“
„Sie sind schon die zweite heute Abend, die mich das fragt.“
„Ach ja? Wer war die erste?“
Er antwortet nicht. Deutet mit dem Lauf des Colts zu dem Tisch in der Mitte des Raums. „Setzen Sie sich.“
Sie starrt ihn noch einen Moment an, dann tut sie was er sagt.
Er nimmt ihr gegenüber Platz. Ihm entgeht nicht ihr Blick zu Duvals Walker Colt, der in seinem Halfter über dem dritten Stuhl am Tisch hängt. Aber er sieht auch, dass sie weiß, dass sie keine Chance hat.
„Haben Sie Tottenham getötet?“, fragt sie.
Er schüttelt den Kopf.
„Er ist in der Stadt.“
„Ich weiß. Aber seine Leute auch.“
In ihrem Gesicht zuckt es verächtlich. „Ich dachte, für so einen kaltblütigen Revolvermann wie Sie, sei das kein Problem.“
„Es tut mir leid, dass ich Ihren Mann erschossen habe.“
Die Erwähnung des alten Rangers treibt ihr die Tränen in die Augen. „Das glaube ich Ihnen nicht.“
Er zuckt mit den Schultern. „Aber ich kann es nicht ungeschehen machen. Und wenn ich Tottenham töten will, habe ich keine Zeit, ständig über die Schulter zu blicken.“
Und dann legt er seinen Colt auf den Tisch.
Genau in die Mitte.
Damit hat sie nicht gerechnet.
„Nehmen Sie ihn“, sagt er.
Sie rührt sich nicht.
Ihre Augen flackern von ihm zur Waffe und zurück.
„Er ist geladen.“
Sie rührt sich immer noch nicht.
„Sie wollten mich erschießen. Jetzt haben Sie die Chance.“
Ruckartig reißt sie die Waffe an sich und springt auf. Der Stuhl kippt polternd nach hinten. Sie streckt den Arm aus und richtet die Waffe auf seine Brust.
Spannt den Hahn.
Rondo hat sich nicht bewegt. Er sieht ihr in die Augen.
Sie schluckt, die Brüste unter ihrem Kleid heben und senken sich heftig, ihr lauter Atem das einzige Geräusch neben dem des Regens, der draußen gegen die Fenster prasselt.
Ihr Finger am Abzug des Colts.
Sekunden verstreichen.
Eine, zwei, drei … zehn … fünfzehn …
„Ist gar nicht so leicht, wenn man seinem Opfer ins Gesicht sehen muss, hm?“
Sie stößt ein frustriertes Schnaufen aus, entspannt den Hahn des Colts und knallt ihn zurück auf den Tisch. „Ich wette, damit haben Sie keine Probleme.“
Er spürt, wie sich ihr Körper verkrampft, als er nach der Pistole greift, und wie er sich wieder entspannt, als er die die Waffe zurück ins Holster schiebt. „Schön, dass wir das klären konnten.“
„Tottenhams Leute haben letzte Nacht Brody getötet.“
„Ich weiß. Woody hat es mir erzählt.“
Sie zögert, dann blickt sie zu Boden. „Tottenham wollte wissen, wo Sie sich verstecken. Ich … habe ihm gesagt, dass Sie wahrscheinlich irgendwo im Palo Duro sind.“
„Glauben Sie, dass überrascht mich? Sie hassen mich.“
„Ich wollte Brody retten! Aber …“ Ihre Stimme bricht. Sie schluckt. Atmet durch. Dann: „Tottenham weiß auch, dass Sie manchmal ihr Augenlicht verlieren.“
Rondo zuckt mit den Schultern. „Gut. Soll er mich ruhig unterschätzen.“
Sie wendet sich ruckartig ab und für einen kurzen Moment glaubt er, sie würde versuchen, nach dem Walker Colt zu greifen. Das wäre schade, denn er will sie wirklich nicht erschießen. Irgendetwas an ihr erinnert ihn nämlich an Terri, auch wenn er nicht festmachen kann, was es ist.
Aber sie will nicht die Waffe.
Sie hebt den Zettel auf, den sie fallengelassen hat, als er hereingekommen ist, und kehrt damit an den Tisch zurück. „Augustus und die anderen wollten Tottenham nicht erschießen.“ Sie setzt sich und schiebt ihm den Zettel rüber.
Er wirft einen Blick auf die in krakeliger Handschrift eng geschriebenen Wörter.
Sie mustert ihn. „Sie können nicht lesen.“
Eine Feststellung. Ohne Häme.
„Jedenfalls würde es etwas dauern“, sagt er. „Was steht da?“
„Das ist ein Brief, den Augustus an Captain Arrington von den Texas Rangers in Camp Roberts geschrieben hat. Er schildert darin die Zustände hier und schreibt von dem Mord an McCall. Er bittet darum Ranger herzuschicken. Außerdem schreibt er, dass er versuchen wird Milton Tottenham wegen des Mordes an McCall festzunehmen.“ Sie sieht Rondo in die Augen. „Gus und die anderen wollten Tottenham verhaften. Aber Sie haben ihn erschossen.“
Er ignoriert ihren Versuch ihm Schuldgefühle zu machen. „Und den Brief hat er abgeschickt?“
Sie nickt. „Das hier ist eine Abschrift. Ich habe sie vorhin im Sekretär gefunden. Gus hat von allen seinen Briefen eine Kopie gemacht.“
Rondo überlegt. Wenn der Brief nicht unterwegs verloren gegangen ist, was durchaus der Fall sein könnte, dann müsste er bereits vor einigen Tagen in Camp Roberts angekommen sein. Und wenn Duvals alte Kameraden bei den Rangers den Schrieb ernst genommen haben, dann ist vielleicht bereits jemand auf dem Weg nach Brinkwater.
Und dann?
Tottenham wird es sicher nicht auf einen Konflikt mit den Texas Rangers ankommen lassen, denn damit würde er einen Punkt überschreiten, von dem es kein zurück gibt. Nein, sollten die Ranger nach Brinkwater kommen, um zu ermitteln, wird Tottenham versuchen die Vorkommnisse zu seinen Gunsten zu drehen. Das könnte ihm durchaus gelingen, immerhin hat er den Marshal auf seiner Seite und sicherlich auch genügend andere, die für ihn bürgen. Und wenn er es vorher noch schafft, sich der unbequemeren Stimmen, wie denen von Estrella, Wells, dem Mexikaner und dem Doc zu entledigen …
Was Rondo betrifft, legt er keinen gesteigerten Wert darauf den Rangers zu begegnen. Es liegt zwar kein Steckbrief für ihn vor, zumindest keiner von dem er weiß, aber sein Name dürfte ihnen trotzdem nicht unbekannt sein.
Der Brief bedeutet also nur eins: Das er keine Zeit mehr verlieren darf, wenn er seine Vergeltung will. Er muss sich Tottenham vorknöpfen. Und zwar besser früher als später.
Rondo richtet sich auf. „Passen Sie auf sich auf“, sagt er und tippt mit dem Finger auf den Brief. „Wenn Tottenham davon erfährt, sind Sie eine Zielscheibe.“
„Das ist mir klar.“
Er nickt und wendet sich ab.
Als er die Tür öffnet, hört er sie sagen: „Augustus war ein guter Mann. Der Beste, den eine Frau wie ich bekommen konnte.“
Eine Frau wie ich.
Jetzt weiß Rondo, warum sie ihn an Terri erinnert.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 18

Veröffentlicht 26. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Während er durch die Nacht nach Brinkwater reitet, flackern Blitze in der Ferne am Himmel. Die Temperaturen sind rapide gesunken. Ein eisiger Nordwind bläst ihm ins Gesicht.
Als er den Stadtrand erreicht, fällt der Regen kalt und hart und wie ein dichter Vorhang vom Himmel, lässt die Umrisse der Häuser und die Lichter der Fenster verschwimmen.
Er reitet die Hauptstraße hinab. Bei diesen Sichtverhältnissen braucht er sich keine Sorgen zu machen, dass ihn irgendjemand erkennt. Außer Tottenham und Walsh weiß sowieso niemand, wie er aussieht. Am ehesten würden sie noch den Appaloosa wiederkennen, den Walsh drei Wochen lang geritten ist.
Das Bordell ist nicht zu übersehen. Ein großes Schild über der Tür präsentiert eine krude gemalte, dralle Lady, die gerade genug anhat, um die züchtigeren Mitbürger der Stadt nicht zu empören; dazu steht in geschwungenen Buchstaben Belle’s Palace.
Keine gesattelten Pferde auf der Straße davor. Wahrscheinlich haben Tottenham und seine Leute die Tiere im Mietstall untergebracht, weil sie vorhaben die Nacht hier zu verbringen.
Cosmo lenkt den Appaloosa in eine Gasse neben dem Gebäude. Durch ein von Regenschlieren überzogenes Fenster kann er ins beleuchtete Innere blicken.
Der aufrechte Blonde, der Soldat, wie Rondo ihn getauft hat, lehnt an einem Tresen und trinkt, flankiert von zwei knapp bekleideten Prostituierten. Sie geben sich Mühe, aber der Blonde ist nur an seinem Whiskey interessiert. Kann man ihm nicht verdenken, die Huren haben ihre besten Tage lange hinter sich. Der pockennarbige Jüngling sitzt auf einem Sofa, auf seinem Schoß ein Mädchen, das, im Gegensatz zu den beiden anderen Frauen, dem Kindesalter nur knapp entwachsen ist. Von Tottenham und den restlichen Männern ist nichts zu sehen.
Obwohl er bereits bis auf die Haut durchnässt ist und die Kälte ihn zittern lässt, kann Rondo sich nicht vom Anblick im Innern des Puffs lösen.
Er denkt an Terri und die grob zusammengehämmerte Bretterbude am Stadtrand von Nogales, in der sie ihre Kunden bedient hat.
In der er aufgewachsen ist.
Wenn Terri und die beiden anderen Frauen, die gehörlose Frances und Nelle, die an Tuberkulose starb, als Rondo neun oder zehn war, Kundschaft hatten, musste er draußen bleiben, ganz egal bei welchem Wetter. Einmal fing er sich deswegen während einer kalten Winternacht eine Lungenentzündung. Er wäre gestorben, wenn Terri sich nicht geweigert hätte Kundschaft zu empfangen, bis er wieder gesund war.
Kurz vor seinem dreizehnten Geburtstag (Terri hatte ihm eine Überraschung versprochen), kam ein Baumwollhändler namens Mosley nach Nogales. Rondo hörte ihn sagen, Sklaven und Huren, dass sei das einzige, wozu Terri und ihresgleichen gut seien, dann musste sie mit ihm aufs Zimmer.
Rondo, der draußen unter einem Baum schlief, erwachte von ihren Schreien. Als er ins Zimmer rannte, lag sie nackt, mit Würgemalen am Hals und starrem Blick auf dem Bett und würde nie wieder für ihn sorgen, wenn er krank war.
Minuten später betrat Rondo den Saloon, in dem Mosley sich gerade dafür entschuldigt hatte, der Stadt eine Hure genommen zu haben und als Entschädigung eine Lokalrunde spendierte. Mosley rief „Lang lebe die Konförderation!“, als er Rondos nackte Füße hörte. Er drehte sich um und sah die Waffe in der Hand des Jungen. Rondo schoß ihm erst zwischen die Beine, und als Mosley dann auf die Knie sackte noch einmal ins Gesicht.
Rondo bemerkt, dass der Soldat den Kopf dreht und zum Fenster blickt. Seine Augen ziehen sich zusammen, dann löst er sich vom Tresen und kommt zum Fenster. Er muss die Umrisse des Reiters draußen im Regen bemerkt haben.
Rondo stößt dem Appaloosa die Hacken in die Seiten und trabt davon.
Kurz darauf erreicht er den Mietstall. Woody, der Schwarze, sitzt mit einer Zigarette im Mund auf einem Stuhl in der offenen Tür und liest in einer zerfledderten Bibel. Er richtet sich auf, als er den durchnässten Reiter vor der offenen Tür aus dem Sattel gleiten sieht.
„Fünfzig Cent pro Nacht und Pferd–„ Er hält inne, als er Rondo erkennt.
Rondo führt den Appaloosa ins Trockene. Er fragt nach einer Decke und Woody reicht ihm eine voller Löcher, mit der er sich so gut es geht trocken rubbelt. Der Schwarze erzählt ihm, dass Tottenhams Leute vergangene Nacht Brody ermordet haben. „Er hat sich irgendwo den Schädel eingeschlagen, als dieser Dreckskerl Charly Sixto ihn hinter seinem Pferd hergeschleift hat.“
Der Tod des jungen Mannes berührt Rondo nicht. Er hat ihn nicht gekannt. Aber in Woodys Augen und seiner Stimme liest er dessen Schmerz über den Verlust. „Er war ein guter Junge. Ich habe ihn aufwachsen sehen. Heute nachmittag haben wir ihn beerdigt.“
Rondo fragt Woody nach Tottenhams Begleitern. Der Schwarze gibt ihm Namen zu den Männern, die bereits gesehen hat. Der Soldat heißt Gerhard, der Langhaarige Charly Sixto, der mit dem großen Bowie-Messer Tremaine, der Pockennarbige Handsome Tommy.
„Sind ihre Pferde hier?“
Woody nickt. Sorge flackert in seinem Blick. „Sie wollen die Tiere aber nicht töten, oder?“
Rondo schüttelt den Kopf. „Wegtreiben.“
Woody nickt grimmig.
„Die werden es an Ihnen auslassen“, sagt Rondo.
„Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Mister. Ich tauche eine Weile ab.“
Woody bringt Rondo einen Regenmantel aus geöltem Leinen und einen Hut mit breiter Krempe, die Brodys Vater gehört haben, dann holen sie gemeinsam die Pferde von Tottenham und seinen Begleitern aus den Boxen.
Als Rondo wieder in den Sattel des Appaloosas steigt, sieht Woody zu ihm auf. „Sie töten den Bastard, ja?“
Rondo nickt. „Das ist der Plan.“
Dann jagt er die Pferde vor sich her in die Nacht.
Als er die Tiere zwei, drei Meilen in die Prärie getrieben hat, kehrt er zur Stadt zurück. Er sucht und findet den Tin Star Saloon. Er ist geschlossen. Nur in einem Fenster im Obergeschoss brennt Licht.
Rondo steigt die Außentreppe hinauf. Der prasselnde Regen wird ihr Knarren übertönen.
Er stoppt vor der Tür im ersten Stock. Das kleine Fenster darin ist mit einer gestickten Gardine verhangen. Durch sie hindurch sieht er die junge Mexikanerin. Sie sitzt an einem Sekretär und liest einen handgeschriebenen Zettel.
Rondo hat ihren Mann erschossen und deswegen hasst sie ihn.
Dafür hat er Verständnis.
Gestern hat sie ihm gesagt, dass sie ihn töten wird, sobald er wieder sehen kann.
Die Chance soll sie kriegen.
Rondo zieht seinen Colt und öffnet die Tür.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 17

Veröffentlicht 22. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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„Sind sind Rondo“, sagt sie.
Er erwidert nichts.
Aber sie weiß, dass er es ist. Wie schnell er den Colt gezogen hat. Einen Moment war er im Holster, im nächsten in seiner Hand.
Die Mündung der Waffe bleibt auf sie gerichtet, als sie mit wild klopfendem Herzen ins Zimmer tritt und die Tür hinter sich schließt. „Er ist nicht da“, sagt sie. „Milton meine ich.“
Rondo sieht nicht aus, wie sie ihn sich vorgestellt hat. Wie hat sie ihn sich vorgestellt? Das weiß sie selber nicht. Er ist groß und es ist unübersehbar, dass er in den letzten Wochen Gewicht verloren haben muss. Sonnenverbranntes Gesicht, dunkler Bart, dunkle Augen, halblanges dunkles Haar. Seine Kleidung ist schmutzig.
Er erinnert sie an ein Tier.
Ein wildes Tier.
„Es tut mir leid, was mein Mann getan hat.“
Er schweigt noch immer und der Colt bleibt auf sie gerichtet. Es ist seine eigene Pistole; sie bemerkt, dass er den verzierten Waffengurt bereits umgeschnallt hat.
„Milton und seine Leute sind in Brinkwater. Sie besuchen das Bordell.“ Sie weiß, dass Milton es mit dem China-Mädchen treibt. Und er weiß, dass sie es weiß. Trotzdem reden sie nicht darüber. Der Gedanke, dass Milton versehentlich einen schlitzäugigen Huren-Bastard zeugen könnte, amüsiert sie. „Außer mir sind nur unsere Haushälterin und drei Cowboys auf der Ranch. Sie können die Waffe wegstecken.“
Zwei, drei Sekunden verstreichen, dann lässt er den Colt sinken und holstert ihn.
Sie spürt seine Augen über ihren Körper unter dem dünnen Nachthemd streichen und lächelt.
Er ist nicht wie Gerhard.
„Sie werden mich doch nicht töten, oder?“
Sie fragt es so gelassen wie möglich und versucht sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. Ohne auf eine Erwiderung zu warten, tritt sie an das Bücherregal. Stellt die Öllampe darin ab. „Ich konnte nicht schlafen und wollte mir etwas zu lesen holen.“ Sie hat ihm den Rücken zugewandt und lässt ihren Blick über die Bücher gleiten. Ihre Finger ziehen eins heraus.
„Kennen Sie Alice im Wunderland?“
Keine Antwort. Natürlich nicht. Wahrscheinlich kann er nicht mal lesen.
Sie hört, dass er sich bewegt.
Spürt, dass er hinter ihr steht.
Riecht ihn.
Den Schweiß. Den Schmutz.
Sie dreht sich langsam um.
Er ist nur eine Unterarmlänge entfernt. Seine Augen sind dunkel. Fast schwarz. Sein Blick lässt ihr einen Schauer den Rücken hinablaufen.
Das erste, was ihr in den Kopf kam, als sie hörte, dass Rondo lebt, war, dass sie niemanden mehr braucht, der sie vor Milton beschützt, wenn sie versucht ihn zu verlassen.
„Wenn Sie ihn töten, werde ich Sie bezahlen.“
„Ich töte ihn sowieso“, sagt er. Seine Stimme ist rau, nicht mehr als ein Flüstern.
Michelle liebt das Abenteuer. Wie Alice. Sie will dem weißen Kaninchen folgen. Sie will ins Wunderland. Und Texas ist es nicht.
Sie berührt ihn, wo sie Gerhard berührt hat. Am Bauch. Dicht über dem Gürtel. Er zeigt keine Reaktion.
Noch nicht.
Sie lässt das Buch fallen. Ihre Finger öffnen die Schleife, die ihr Nachthemd geschlossen hält. Sie bewegt die Schultern und der Stoff gleitet mit einem leisen Rascheln zu Boden.
Etwas flackert in seinen dunklen Augen. Sie lächelt. Der Anblick ihres nackten, weißen Körpers lässt ihn nicht kalt.
Sie presst sich an ihn.
Reckt sich auf die Zehenspitzen.
Küsst ihn.
Seine Lippen sind trocken, spröde, aufgeplatzt.
„Zweitausend Dollar“, sagt er.
Sie hält inne. „Sie haben gesagt, dass Sie ihn sowieso töten.“
„Und Sie, dass Sie mich bezahlen, wenn ich es tue.“
Sie nickt. „Einverstanden. Zweitausend Dollar.“
Dann küsst sie ihn wieder.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 16

Veröffentlicht 19. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Sie hat Toshawi in Decken gewickelt und Rondo hilft ihr den Körper auf eins der Pferde zu heben. Er begleitet sie durch den gut verborgenen Pfad zwischen den Felsen vom Plateau hinab.
Es ist Mittag, als sie den Fluss erreichen, und die Stelle an der Topsannahs Leute ihr Lager hatten, als sie von den Weißen überfallen wurden. Nicht weit entfernt gibt es eine Stelle zwischen den Felsen, an der die Comanchen ihre Toten beerdigt haben.
Topsannah findet eine Felsspalte, in die sie Toshawis Leiche betten. Dazu legt sie den Medizinbeutel des Toten, der eine Pfeife, verschiedene Kräuter und ein paar persönliche Besitzstücke enthält. Anschließend hilft Rondo ihr Felsbrocken zu sammeln und damit den Toten zu bedecken. Er wartet abseits, während sie ein Totenlied singt.
Sie lassen gerade die Pferde am Fluss trinken, als Rondo das Schnauben von Pferden vernimmt.
Und Stimmen.
Topsannah hat sie auch gehört. Sie zeigt auf eine dichte Ansammlung von Pappeln. Sie schaffen es gerade noch die Pferde dort zu verstecken, bevor die Reiter am Flussufer erscheinen.
Sechs Mann. Alle bewaffnet, zwei mit Gewehren quer über dem Sattel. So wie sie reiten, langsam, mit aufmerksamen Blicken zu allen Seiten, lässt das nur einen Schluss zu: Sie suchen etwas.
Sie suchen jemanden.
Einer der Reiter ist der Alte mit der Augenklappe. Walsh.
Das sind Tottenhams Männer und sie suchen Rondo.
Der Mann an der Spitze fällt ihm besonders ins Auge. Er hat die aufrechte Haltung eines Soldaten und selbst im Schatten der Hutkrempe hat Rondo das Gefühl, er könne seine Augen funkeln sehen.
Rondo presst die Winchester an die Schulter und verfolgt über die Mikrometer-Lochkimme hinweg jeden einzelnen Reiter. Den Aufrechten, den alten Walsh, den mit den schulterlangen Haaren, den mit dem großen Bowiemesser an der Hüfte, den Jungen mit dem pockenvernarbten Gesicht und den mit dem silbernen Stern an der Brust; das muss Lou Kelton sein, der Town Marshal.
Gesprächsfetzen dringen an sein Ohr.
„… könnte überall sein … Canyon ist riesig …“
„… wird aber in der Nähe Brinkwaters bleiben … und der Ranch …“
Er widersteht der Versuchung abzudrücken. Er könnte einen erwischen, vielleicht sogar zwei oder drei, bevor sie Deckung finden und das Feuer erwidern. Dann bleiben aber noch mindestens drei übrig und keiner denen scheint ein Amateur zu sein. Außerdem will er Topsannah nicht in Gefahr bringen. Er merkt sich die Gesichter der Männer. An denen muss er vorbei, wenn er Tottenham kriegen will. Vielleicht auch noch an anderen.
Er hört Topsannahs schweren Atem. Dreht den Kopf. Sieht keine Angst in ihrem Blick, sondern funkelnden Hass.
„Die Männer… sie waren dabei… sie haben unser Lager überfallen. Der mit mit dem Messer… Ich habe gesehen, wie er meine Kinder skalpiert.“
Rondo erwidert nichts.
Zum Glück bleiben die Reiter auf der anderen Seite des schmalen Gewässers, sonst würden ihnen wahrscheinlich die frischen Spuren der beiden Pferde auffallen.
Rondo und Topsannah warten, bis die Geräusche der Pferde verstummt sind, dann wagen sie sich aus ihrem Versteck und machen sich auf den Rückweg. Sie gelangen unbehelligt zurück aufs Plateau.
Am Nachmittag sattelt Rondo erneut sein Pferd. Er sagt Topsannah, dass er voraussichtlich erst gegen Morgen zurückkehren wird. „Falls nicht, du hast das Geld.“
Sie erwidert nichts.
Als er den engen Pfad erreicht, der vom Plateau hinabführt, dreht er sich noch einmal im Sattel um. Topsannah steht neben dem Tipi und hebt eine Hand. Er nickt ihr zu, obwohl sie das auf die Entfernung wahrscheinlich gar nicht sehen kann.
Er weiß von Tomas, dass die Ranch von Tottenham ein paar Meilen südwestlich von Brinkwater liegt. Er verlässt den Canyon und schlägt einen weiten Bogen nach Süden, um sich dem Anwesen dann von Westen aus zu nähern.
Die Schatten werden bereits lang, als er auf einer Anhöhe liegend die Ranch beobachtet. Ein weiß gestrichenes, einstöckiges Haupthaus mit zwei Seitenflügeln und einer umlaufenden Veranda. Zwei Mannschaftshäuser. Eine große Scheune, mehrere Ställe. In einem Corral reiten zwei Cowboys Pferde zu. Vor einem der Mannschaftshäuser spielen Walsh und der Langhaarige Würfel.
Der Himmel im Westen ist von einem satten Orange, als eine übergewichtige, ältere Frau mit dunklen Haaren Töpfe zu den Mannschaftshäusern trägt. Abendessen.
Später, es ist noch nicht ganz dunkel, tritt Tottenham auf die Veranda des Haupthauses.
Rondos Puls beschleunigt sich.
Die Kopfschmerzen kehren zurück.
Er hört sein eigenes schweres Atmen.
Tottenham.
Der Bastard.
Mit der Winchester könnte Rondo ihn von hier oben erwischen. Fraglich allerdings, ob tödlich. Außerdem wäre das zu einfach. Nein, er will dem Briten in die Augen sehen. Will wissen warum.
Dann sieht er die Frau.
Sie ist ebenfalls aus dem Haus gekommen. An ihrer Seite der größte Hund, den Rondo je gesehen hat. Sie spricht mit Tottenham. An ihren Bewegungen erkennt Rondo, dass sie wütend ist. Nach einem kurzen Wortwechsel wirft sie sich herum und verschwindet wieder im Haus. Der Hund folgt ihr.
Jetzt erscheinen die anderen, die Rondo heute mittag im Canyon gesehen hat. Der Mann, der ihn an einen Soldaten erinnert, Walsh, der Langhaarige, der Pockennarbige und der mit dem großen Bowiemesser. Sie gehen zu den Ställen und kurz darauf beobachtet Rondo, wie die ganze Truppe mit Tottenham in der Mitte Richtung Brinkwater reitet.
Eigentlich ist er nur hergekommen, um die Ranch und ihre Umgebung auszukundschaften. Aber plötzlich reift etwas in ihm heran. Einen Plan kann man es nicht nennen. Im Gegenteil. Es ist verrückt. Und er sollte es nicht tun.
Wer weiß, vielleicht ist es ja die Kugel in seinem Kopf, die ihn dazu verleitet.
Er robbt rückwärts, bis er sicher ist, dass man ihn von unten nicht mehr sehen kann, dann richtet er sich auf und läuft den Hügel hinab zu der Stelle, an er den Appaloosa zurückgelassen hat. Der alte Walsh hat die wenigen Habseligkeiten in Rondos Satteltaschen während der Zeit, in der er den Appaloosa im Besitz hatte, nicht angerührt. Bis auf die Notration Biskuits, die fehlt. Rondo findet den Baumwollbeutel und geht zu Fuß weiter.
Die Klapperschlange ist noch da, wo er sie gesehen hat, als er hergekommen ist. Nicht weit entfernt, auf einem Felsen liegend, der die Wärme der Sonne gespeichert hat. Es ist ein Weibchen, nicht besonders groß. Ihre Rassel schlägt Alarm, als er sich nähert, aber sie bleibt erstaunlich ruhig, als er sie mit einem armlangen Stück Holz anhebt und mit dem Kopf voran in die Öffnung des am Boden liegenden Beutels bugsiert. Dann hebt er den Beutel mit einer schnellen Bewegung an, stößt den Rest der Schlange in den Beutel und dreht ihn mit Hilfe des Stocks so eng zusammen, dass das Reptil keine Möglichkeit hat sich zu bewegen und durch den Stoff zu beißen.
Er läuft zurück auf den Hügel. Wolken sind aufgezogen. Es wird eine pechschwarze Nacht. Perfekt. Im linken Seitenflügel des Hauses brennt bereits Licht, der Rest bleibt dunkel.
Als die Nacht das letzte Tageslicht verschluckt hat, führt er den Appaloosa an den Zügeln zur Ranch hinab. Er lässt das Pferd an ein paar Sträuchern zurück und geht weiter. Die Rückseite des Hauses schält sich vor ihm aus der Finsternis. In der Linken hält er den Colt von Walsh, in der Rechten den Beutel mit der Schlange.
Da ist die Hintertür. Auf die Veranda. Holz knarrt. Er denkt an den riesigen Hund. Die Hintertür hat ein kleines Fenster. Dahinter ist es dunkel.
Tür auf.
Kein Hund, der ihn zähnefletschend anspringt.
Durch den Flur.
Zur rechten eine halboffene Tür. Drinnen die Umrisse eines Schreibtisches. Er gleitet hinein. Schließt die Tür leise hinter sich. Am Boden mehrere handgewebte Teppiche, die seine Schritte dämpfen. Im Halbdunkel erkennt er mehr. Regale mit in Leder gebundenen Büchern. Ein großer Sessel.
Zum Schreibtisch.
Eine Kiste mit Zigarren. Ein Schreibunterlage aus Leder. Ein Füllfederhalter.
Und sein Revolvergurt.
Mit seinem Colt.
Aber zuerst die Schlange.
Er legt Walsh’ Waffe ab und öffnet die oberste Schreibtischschublade. Leer bis auf ein paar Bögen Papier. Er lockert den zusammengedrehten Beutel mit der Klapperschlange und legt ihn die Schublade. Als der hässliche Kopf des Reptils in der Öffnung des Beutels erscheint, schließt er die Schublade, bevor es ganz herauskriecht.
Was, wenn die Schlange Tottenham beißt und er daran stirbt?
Dann wird Rondo sich damit zufriedengeben.
Aber er glaubt nicht daran, dass ihn das Tier seiner Rache berauben wird.
Er greift nach seinem Revolvergurt. Schlingt ihn um die Hüften. Ein gutes Gefühl. Er prüft den Colt. Geladen. Funktionsfähig. Er schiebt ihn zurück ins Holster.
In diesem Moment wird die Tür von außen geöffnet. Lichtschein fällt herein.
Der Colt fliegt zurück in Rondos Hand.
Die Gestalt in der Tür erstarrt.
Es ist die junge Frau, die er von Anhöhe aus gesehen hat.
Sie hält eine Öllampe in der Hand und der Lichtschein wird von ihren grünen Augen reflektiert.
Ein paar Sekunden starren die beiden sich wortlos an.
Und zu seiner Überraschung weicht der Schreck in ihren Augen …
… einem Lächeln.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 15

Veröffentlicht 15. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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In Brinkwater zapft Estrella ein Bier für Brody, der vor ihr am Tresen des Tin Star Saloons lehnt.
Nur an einem der Tische im Schankraum sitzen Gäste. Sechs Männer, die im Rauch ihrer Zigaretten Poker spielen. Drüben im Golden Emporium von Barney Ross (und Tottenham, der mit fünfzig Prozent beteiligt ist) ist es gerammelt voll. Es gibt eine Bühne, Tänzerinnen und Auftritte von reisenden Theatergruppen.
Im Tin Star nur einen Klavierspieler mit mehr Arthritis als Talent in den Fingern. Der hat heute Abend frei.
Nach Gus’ Tod gehört Estrella der Saloon. Als er noch lebte, hatte sie das kostenlose Essen gekocht, dass jeder Gast mit dem ersten Drink serviert bekam. Jetzt ist sie allein und es gibt kein Essen mehr. Sie braucht dringend einen fähigen Barkeeper. Doch bislang hat sich niemand auf ihre Anzeige in der Zeitung von Tascosa, der größten Stadt des Panhandle, gemeldet.
Doch im Augenblick kann sie sowieso nur an eins denken.
Rondo.
Sie bereut noch immer, dass sie nicht den Mumm besessen hat, ihn abzuknallen, als sie die Chance dazu hatte.
Brodys Hand reißt sie aus ihren Gedanken. Er hat sie auf ihre gelegt, als sie das Bier vor ihm abgestellt hat.
„Estrella, du weißt, was ich für dich fühle …“
Um Gottes willen, das hat ihr gerade noch gefehlt.
Sie hat ein paar Mal mit Brody geschlafen. Er war ihr Kunde. So wie Gus. So wie viele andere. Er ist ein aufrichtiger, junger Kerl, dem nach dem Tod seiner Eltern niemand mehr geblieben ist, außer dem alten Woody, der bereits für seinen Vater gearbeitet hat. Brodys Anliegen ist rührend, aber er wird niemals Gus’ Platz einnehmen können.
Niemand wird das.
„Brody, mein Mann ist noch nicht mal einen Monat tot.“
„Das weiß ich. Aber… ich … ich möchte für dich sorgen.“
„Ich brauche niemanden, der für mich sorgt.“
„Und was war mit Gus?“
„Gus hat mich nicht geheiratet, weil er für mich sorgen wollte. Er hat mich geliebt.“
„Das tue ich doch auch.“
„Nur weil du keine anderen Frauen kennst.“
Bevor Brody etwas erwidern kann, kommt Doc Hawley durch die Schwingtür gestolpert und stürzt auf die Knie. Hinter ihm folgt der Deutsche, Gerhard, dann Tottenham und der langhaarige Charly Sixto, dem man nachsagt, er habe früher Gewehre an die Comanchen verkauft.
Bevor der Doc sich aufrichten kann, packt der Deutsche ihn im Nacken, zerrt ihn hoch und stößt ihn wieder nach vorn. Der Doc prallt direkt neben Brody gegen den Tresen. Blut läuft aus seiner Nase.
„Alle raus!“, fährt Charly Sixto die anderen Gäste an. Die Kartenspieler stolpern beinahe übereinander, als einer versucht schneller als der andere Sixtos Aufforderung nachzukommen.
Draußen auf der Straße fällt ein Schuss.
Einen Moment später führt Tremaine, der vor einem halben Jahren einem von Belles Mädchen die Wange mit seinem Messer zerschnitten hat, Wells mit vorgehaltenem Colt durch die Schwingtür.
„Was ist los?“, fragt Tottenham ihn.
„Walsh hat versucht den Köter abzuknallen, der seine Finger gefressen hat.“
Tottenham schüttelt genervt den Kopf.
Tremaine rammt Wells den Lauf seiner Waffe in den Rücken und schiebt ihn zum Tresen.
Wells bleibt neben dem Doc und Brody stehen.
Tottenhams Blick fällt auf Brody. „Schön, dass Sie schon hier sind, Brody. Dann haben wir ja alle beisammen, mit denen ich sprechen wollte.“
Die Schwingtüren klappern und Walsh betritt den Schankraum. „Ich krieg die Dreckstöle noch. Und dann hol ich mir meine Finger zurück.
„Die kann dir eh keiner mehr annähen“, sagt Tremaine.
„Das weiß ich. Aber vielleicht mach ich mir ne Halskette draus. Es sind meine Finger.“
„Ja, aber um die geht es hier nicht“, sagt Tottenham unwirsch. Er zieht seine Reithandschuhe von den Fingern. Lässt sie mit der Rechten in die Handfläche seiner Linken klatschen. Seine grauen Augen richten sich auf Estrella. „Vor drei Wochen wollte Estrellas Mann mich umbringen.“ Er lässt den Blick über Brody, Wells und den Doc schweifen. „Und ich bin mir sicher, ihr alle wusstet davon.“
Der Doc und Wells weichen Tottenhams bohrendem Blick aus. Im Gegensatz zu Brody. „Sie hatten Glück, dass dieser Fremde in der Bodega war.“
Halt den Mund, du Idiot, denkt Estrella. Ihre Finger tasten nach der Schrotflinte mit dem abgesagten Lauf, die Gus für Notfälle unter dem Tresen deponiert hat.
Plötzlich spürt sie den kalten Stahl eines Messers im Gesicht.
„Das lässt du schön bleiben, Puta“, erklingt Tremaines kehlige Stimme an ihrem Ohr. Er nimmt die Schrotflinte an sich und lässt die Spitze des Bowiemessers über ihr Kinn bis in den Ausschnitt ihres Kleides wandern. „Jetzt, wo dein Alter unter der Erde liegt, solltest du zurück dahin, wo du hingehörst. Außer dem China-Mädchen ist das Angebot bei Belle ohne dich ziemlich dürftig.
„Lassen Sie sie in Ruhe, Tremaine“, sagt Tottenham.
Die Messerklinge verschwindet aus Estrellas Ausschnitt und Tremaine kehrt auf die andere Seite des Tresens zurück.
Tottenham hat sich vor Brody aufgebaut. „Wegen des Fremden bin ich hier. Wie ich höre, ist er am Leben.“
An der Tür spuckt Walsh lautstark eine Ladung Kautabak auf den Bretterboden und hebt demonstrativ seine einbandagierte Hand.
„Wo ist Rondo?“, fragt Tottenham.
„Ich weiß nicht, wovon–„ Wells Stimme bricht ab, als Tottenhams Handschuhe ihn im Gesicht treffen.
„Ich bin nicht in der Stimmung für Lügen, Mister Wells.“
Brody reckt rotzig das Kinn nach vorn. „Er wird Sie töten, Tottenham!“
Gottverdammt, Brody, denkt Estrella. Warum kannst du nicht deine Klappe halten?
Tottenham schiebt die Handschuhe in die Tasche seines Jackets. „Interessant, dass Sie das sagen, Brody. Was hat er eigentlich bei Ihnen im Stall gemacht?“
Brody schluckt. „Ich … keine Ahnung. Er war plötzlich da. Er wollte wissen, ob Sie in der Stadt sind.“
„Und warum kommt er ausgerechnet zu Ihnen?“
Estrella sieht, wie Brody verzweifelt nach einer Erwiderung sucht, als der Doc sich einmischt: „Ich habe ihn zu Brody geschickt. Er brauchte ein Pferd.“
Tottenham dreht den Kopf in Docs Richtung. Macht einen Schritt zur Seite, so das er vor ihm steht. „Also war er bei Ihnen, Doc?“
„Ja. Er wollte, dass ich ihn untersuche.“
„Und? Haben Sie ihn untersucht?“
Der Doc nickt.
„Dann erklären Sie mir, warum er noch lebt. Ich habe ihm in den Kopf geschossen.“
Der Doc zuckt mit den Schultern. „Der menschliche Körper ist manchmal ein Wunder.“
Tottenham schnauft. „Ich dachte Mediziner glauben nicht an Wunder.“ Er lässt seinen Blick über den Doc, Wells, Brody und Estrella gleiten. „Also? Wo ist er?“
Schweigen.
Estrella denkt an den blinden Rondo, den sie heute nachmittag in der Nähe des Palo Duro zurückgelassen hat. Sie fragt sich, ob seine Sehkraft zurückgekehrt ist.
„Das dachte ich mir“, sagt Tottenham, als niemand seine Frage beantwortet.
Er sieht zu seinen Männern.
Charly Sixto geht mit langen Schritten auf die drei Männer am Tresen zu. Für einen Augenblick glaubt Estrella, er hätte es auf den Doc abgesehen, aber dann kracht Sixtos Faust ansatzlos in Brodys Gesicht. Der Kopf des jungen Mannes fliegt nach hinten und seine Beine geben nach. Sixto kriegt ihn am Kragen seines Hemdes zu packen, bevor er zu Boden stürzen kann und zerrt ihn, mit einer für einen so dürren Mann erstaunlichen Kraft, durch die Schwingtür ins Freie.
Tottenham, Tremaine und Walsh folgen.
Nur der Deutsche bleibt zurück, eine Hand auf dem Griff des Smith & Wesson Revolvers an seiner rechten Hüfte. Er hat die eisigsten blauen Augen, die Estrella je gesehen hat. „Wenn Sie etwas wissen, sollten Sie es Mister Tottenham sagen.“
„Wir wissen wirklich nichts“, sagt der Doc.
Der Deutsche zuckt mit den Schultern.
Von draußen erklingt Brodys benommene Stimme: „Nein, bitte nicht–„
Estrella hält es nicht länger hinter dem Tresen. Sie eilt zur Tür. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Charly Sixto in den Sattel steigt und sein Lariat um den Sattelknauf schlingt. Die Schlinge am anderen Ende des Seils, die Walsh und Tremaine über Brodys Oberkörper geschlungen haben, zieht sich zusammen.
Sixto stößt einen Schrei aus, rammt dem Pferd die Sporen in die Flanken und galoppiert los. Das Seil spannt sich, Brody wird von den Füßen gerissen und dann hinter Sixto und seinem Pferd hergezogen.
„Er weiß es wirklich nicht!“, schreit Estrella.
Tottenham dreht den Kopf.
Da ist kein Erbarmen in seinem Blick.
Sixto, sein Pferd und Brody verschwinden in der Dunkelheit. Hinter Estrella drängen sich der Doc und Wells aus dem Saloon. Wenige Augenblicke später treibt Sixto das Pferd wieder an ihnen vorbei über die Straße. Brody klammert sich verzweifelt schreiend am Seil fest. Sixto beginnt im Zickzack zu reiten und Brody wird hin- und hergeschleudert wie eine Puppe.
„Hören Sie auf, Tottenham“, fleht der Doc. „Bitte hören Sie auf!“
Der Brite ignoriert ihn. Er zieht seine Pfeife aus der Jackentasche, zündet sie an und pafft ein paar Wölkchen in die Nachtluft, während Sixto erneut am Saloon vorbeiprescht. Brody hat aufgehört zu schreien, seine Arme halten sich nicht länger am Seil fest, sondern schleifen leblos neben seinem Körper.
Estrella rennt auf die Straße. „Aufhören!“
Kurz darauf kehrt Sixto zum vierten Mal zurück, und als er Estrella vor sich sieht, zügelt er sein Pferd. Sieht fragend zu Tottenham. Der nickt.
„Er ist im Palo Duro“, sagt Estrella. „Und er ist blind.“
Tottenham runzelt die Stirn. „Blind? Stimmt das, Doc?“
Der Doc nickt. „Zumindest zeitweise. Ihre Kugel steckt noch in seinem Kopf.“
Das entlockt Tottenham ein Lächeln. „Wo im Palo Duro?“
„Das weiß ich nicht“, sagt Estrella, die auf Brodys verkrümmten Körper blickt. Seine Kleidung ist an mehreren Stellen zerrissen, darunter sind blutige Schürfwunden zu sehen. Sein Gesicht ist blutüberströmt. „Wirklich nicht!“
Tottenham mustert sie. „Danke, Estrella.“ Er lächelt. „Und denken Sie daran, dass Sie mir dreißig Prozent Ihrer Einnahmen schulden.“
Als Tottenham und seine Männer kurz darauf davonreiten, eilt der Doc zu Brody.
Estrella spürt Wells’ Blicke im Rücken und dreht sich zu ihm um. „Ich musste doch irgendwas sagen, die hätten Brody sonst getötet …“
„Sie haben ihn getötet“
Estrella und Wells sehen zu Doc, der neben Brody kniet. „Er hat keinen Puls mehr.“
Alle Kraft weicht aus Estrellas Beinen. Sie sackt auf den Stufen zum Saloon zusammen.
Wells zieht den Hut vom Kopf und reibt sich mit einem verzweifelten Stöhnen durchs Gesicht.
Ich bin verflucht, denkt Estrella. Alle Männer, die mich lieben, müssen sterben. Ich bin verflucht.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 14

Veröffentlicht 12. Mai 2020 in Allgemein, Roman, Rondo, Schreiben

Weiter geht’s:

Er starrt in die Flammen des kleinen Feuers.
Sein Magen knurrt. Er hat Hunger.
Eine halbe Stunde nachdem die Mexikanerin entschieden hatte, ihn nicht zu erschießen, war seine Sehkraft zurückgekehrt. Er war in den Sattel gestiegen und in den Canyon geritten.
Er hat das Lager an der Stelle aufgeschlagen, an der sie sich heute morgen voneinander getrennt haben.
Und jetzt hört er ihre leisen Schritte auf dem sandigen Boden.
Er hat gehofft, dass sie kommt.
Sie tritt in den Feuerschein. In den Händen das Gewehr. „Du bist zurück.“
Er sieht sie an. „Ich brauche ein Versteck.“
Sie versteht, was er will. Sie zögert, aber dann deutet sie ihm mit einer Kopfbewegung an mitzukommen. Er löscht das Feuer mit Sand, nimmt die Zügel des Appaloosa und folgt ihr durch die Dunkelheit.
Diesmal verbindet sie ihm nicht die Augen.
Sie führt ihn zu einem Spalt zwischen massiven Felsen, gerade breit genug für einen Menschen und ein Pferd, und nur schwer zu entdecken, wenn man nicht danach sucht. Es geht bergauf. Der Untergrund besteht aus lockerem Geröll. Man muss vorsichtig sein, wo man hintritt. Mehrmals rutscht der Boden unter ihm und den Hufen des Appaloosas weg. Es ist derselbe Weg, über den sie ihn heute morgen mit verbundenen Augen geführt hat.
Knapp fünfzehn Minuten später erreichen sie das Plateau. Vor dem Tipi glüht ein kleines Feuer, um dass sie sich setzen, nachdem er den Appaloosa abgesattelt und gefüttert hat.
Sie reicht ihm getrocknetes Präriehundfleisch und beobachtet ihn schweigend, während er es hungrig hinunterschlingt.
„Schläft der Alte schon?“
„Toshawi ist eingeschlafen. Er war sehr alt.“
Er braucht einen Moment, bis er versteht, was sie meint.
„Das tut mir leid.“
Sie nickt nur.
Er sieht sie an. Er weiß, was es bedeutet, niemandem mehr zu haben.
Rondo greift in seine Satteltaschen, die neben ihm liegen, und hält ihr das Lederbündel hin, dass Brody ihm gegeben hat.
Sie versteht nicht.
„Nimm“, sagt er.
Sie greift zu. Schlägt das Leder auseinander und starrt auf das Bündel Dollarscheine.
„Es gehört dir“, sagt Rondo. „Geh zu Quanah ins Reservat oder zurück zu den Weißen. Egal, für was du dich entscheidest, das Geld wird dir helfen. Lass es nur niemanden sehen.“
Sie blickt ihn einen Moment lang an, dann sie schüttelt den Kopf und will ihm das Bündel zurückgeben. Er ignoriert sie und streckt sich neben dem Feuer aus. „Gute Nacht.“ Den Sattel als Kopfkissen, zieht er sich das Antilopenfell, dass sie ihm gegeben hat, bis zu den Schultern und schließt die Augen.
Das Feuer knistert.
Nach einer Weile hört er, wie sie sich aufrichtet und ins Tipi geht.
Die Müdigkeit breitet sich in seinem geschundenen Körper aus und er schläft ein.
Er wird wieder wach, als sie zu ihm unter das Fell gleitet.
Das Feuer ist erloschen, die Nacht ist kühl, aber er spürt die Wärme ihres Körpers.
Es tut weh.
Aber auch gut.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 13

Veröffentlicht 4. Mai 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllt die Luft, als Tremaine die rotglühende Klinge des Bowiemessers gegen den letzten der drei Fingerstummel presst.
Walsh beißt grunzend auf das Stück Holz zwischen seinen Zähnen, während Gerhard mit beiden Händen seinen ausgestreckten Arm gepackt hält.
Als Tremaine die Klinge zurückzieht, sackt Walsh auf dem Stuhl zusammen. Sein schweißüberströmtes Gesicht kippt nach vorn.
Tremaine rammt die heiße Messerklinge in den Boden neben der Feuerstelle.
„Ist er ohnmächtig?“, fragt Tottenham ungeduldig.
„Bin ich nicht“, knurrt Walsh und hebt wieder den Kopf. „Whiskey.“
Gerhard drückt ihm die Whiskeyflasche in die gesunde Hand. Walsh nimmt einen tiefen Schluck. Gleich einen zweiten hinterher.
„Sind Sie sicher, dass er es war?“, fragt Tottenham.
Walsh hält seine Hand mit den drei kauterisierten Fingerstummeln hoch. „Gottverdammt, ja.“
Tottenham reibt sich nervös mit einer Hand über das Kinn. „Wie kann das sein?“ Er sieht zu Gerhard.
Der zuckt mit den Achseln. „Menschen haben schon ganz andere Dinge überlebt.“
„Ich soll Ihnen ausrichten, Ihre Tage wären gezählt“, sagt Walsh.
Tottenham schnauft wütend. „Das sagten Sie bereits.“
Er hat Angst, denkt Gerhard, nicht ganz ohne Genugtuung. Natürlich hat er das. Mir wäre auch nicht wohl, wenn der Mann, den ich feige und grundlos abgeknallt habe, wieder unter den Lebenden weilt. 
Und was Rondo betrifft: für dessen Rachegelüste hat Gerhard vollstes Verständnis. Aber viel besser noch: das er lebt gibt Gerhard die Chance, die er verloren glaubte. Nämlich gegen Rondo anzutreten. Mann gegen Mann.
Während Tremaine die verstümmelte Hand von Walsh bandagiert folgt Gerhard Tottenham vom Mannschaftshaus zurück zum Hauptgebäude, vor dem Michelle mit einem Sonnenschirm über der Schulter steht und einen Stock für den großen, schottischen Wolfshund wirft.
„Irgendjemand muss ihm geholfen haben“, sagt Tottenham.
„Vielleicht die Städter, als sie die Leichen ihrer Freunde aus dem Canyon geholt haben.“
Tottenham schüttelt den Kopf. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass der Kerl am Leben sein soll.“
„Sie sollten auf jeden Fall nicht mehr alleine die Ranch verlassen.“
„Was nützt mir Begleitschutz, wenn er versucht mich aus dem Hinterhalt abzuknallen.“
„Ich glaube nicht, dass er das tun wird“, sagt Gerhard. Im Gegensatz zu Ihnen.
Sie bleiben vor Michelle stehen, die gerade den vom Wolfshund apportierten Stock entgegennimmt. „Was ist denn passiert, Milton?“
Tottenham zögert, aber dann: „Dieser Rondo. Er … wie es scheint, ist er am Leben.“
Ihre Augen werden groß. Sie legt eine Hand auf ihre Brust. „Was? Aber ich dachte… ich meine, wie kann denn das sein?“
„Er will sich an Mister Tottenham rächen“, sagt Gerhard und genießt, wie Tottenham bei seinen Worte zusammenzuckt.
„Um Gottes Willen“, sagt Michelle.
Gerhard mustert die schöne junge Frau. Er kauft ihr den Schrecken nicht ab. Im Gegenteil. Gerade hatte er das Gefühl, so etwas wie freudige Erregung in ihren grünen Augen gesehen zu haben, als sie hörte, dass Rondo noch am Leben ist.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Gerhard und die anderen passen schon auf mich auf.“ Tottenham tätschelt den Kopf des Wolfshunds. „Stimmt’s nicht, Gerhard?“
„Natürlich, Mister Tottenham. Ich würde vorschlagen, als erstes knöpfen wir uns Doc Hawley und die anderen vor.“
Tottenham nickt. „Wahrscheinlich hat der verdammte Doc Rondo sogar das Leben gerettet. Wir reiten nach dem Abendessen.“ Er wendet sich ab und geht die Stufen zur Veranda hinauf. Der Wolfshund, dieses monströse Vieh, trottet ihm hinterher.
Gerhard und Michelle bleiben zurück.
Sie lässt den Sonnenschirm mit einer Bewegung ihres Handgelenks über dem Kopf kreisen. „Jetzt bekommen Sie wohl doch noch was Sie wollen, Gerhard. Ihr Duell mit Rondo.“
„Abwarten.“
„Er muss ein besonderer Mann sein. Ich meine, einen Kopfschuss zu überleben …“
Gerhard zuckt mit den Schultern. „Glück, nichts weiter.“
Ein provozierendes Lächeln kräuselt ihre Lippen. „Wenn Sie meinen. Wir sehen uns beim Abendessen.“
Er blickt ihr nach, als sie zum Haus geht. Die Kleine hat den Charme einer Giftschlange. Er fragt sich, ob Tottenham bewusst ist, was er sich da ins Haus geholt hat.
Ein Zigarillo zwischen die Lippen.
Anzünden. Inhalieren.
Gerhard schlendert rauchend über das Gelände, bis zu der Bank, die um den Stamm eines einsamen Walnussbaums gezimmert ist. Er lässt sich nieder und blickt über das endlose Grasland jenseits der Ranch.
Der Gedanke an Rondo erregt ihn auf eine Art und Weise, wie es Michelle nicht gelungen ist. Vielleicht liegt das daran, dass er vergangene Nacht von Hans geträumt hat.
Davon, dass sie zusammen in einem kleinen Haus in den Alpen lebten und glücklich waren. Die Realität hat anders ausgesehen. Hans ist in der Schlacht von Sedan gefallen. Ausgerechnet der letzten Schlacht des Krieges. Ein französisches Bajonett in die Eingeweide.
Aber selbst wenn Hans nicht gestorben wäre, hätte es nie eine Zukunft für sie gegeben.
Der Traum wäre ein Traum geblieben.
So oder so.
Gerhard wird nie wieder lieben.
Alles was ihm bleibt, ist das töten.

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 12

Veröffentlicht 29. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Weiter geht’s:

Es ist eine im Westen nicht ungewöhnliche Geschichte.
Ein mächtiger Mann wie Milton Tottenham, der sich etwas aufgebaut hat, als es noch kein Gesetz gab. Ein Mann, der seine eigenen Gesetze macht. Ein Mann, der die Geschäftsleute in Brinkwater zwingt dreißig Prozent ihrer Einnahmen an ihn zu zahlen, weil es ohne ihn die Stadt nicht geben würde.
Ein Mann, der keine Konkurrenz duldet. Konkurrenz wie den ehemaligen Texas Ranger Thomas McCall, der eines Tages in der Gegend auftauchte, mit den rechtmäßigen Besitzpapieren für ein Stück Land im Gepäck, die Tottenham versäumt hatte sich zu besorgen, weil er der Meinung war, dass ihm sowie alles gehört. Ein Besitzpapier, das McCall auch die Wasserrechte einräumt, die Tottenham bislang ganz selbstverständlich für sich beansprucht hat. Rechtmäßig hätte Tottenham McCall für die Wassernutzung zahlen müssen. Natürlich weigerte sich Tottenham. McCall gab ihm Bedenkzeit.
Ein paar Monate später kam McCalls alter Partner Augustus Duval ebenfalls nach Brinkwater und eröffnete dort den Tin Star Saloon. Als Tottenham, wie von allen anderen, dreißig Prozent der Einnahmen verlangte, erklärte Duval ihm, er würde ihn liebend gern bezahlen, allerdings nur in Blei.
Das Beispiel der beiden ehemaligen Texas Ranger machte der Stadt Mut und Tottenham wütend. Sehr wütend. Vor einem Jahr hat er begonnen Männer einzustellen, die seine Forderungen mit Gewalt durchsetzen. Männer wie einen Deutschen namens Gerhard, Männer wie Walsh und Ford. Die einzigen, die sich nicht einschüchtern ließen, waren McCall und Duval gewesen. Bis McCall letzte Woche von Gerhard erschossen wurde.
Der Town Marshal, Lou Kelton, ein Mann mit zweifelhafter Vergangenheit und in Tottenhams Tasche, erklärte, es sei Notwehr gewesen. McCall habe den Deutschen provoziert und zuerst zur Waffe gegriffen. Da er der einzige Zeuge gewesen ist, wird nie jemand das Gegenteil beweisen können. Der Mord an Mcall war der Grund gewesen, warum Duval, der Hotelbesitzer Bigsby und zwei von McCalls Cowboys Tottenham in der Bodega konfrontiert hatten.
Das alles hat Tomas Rondo erzählt.
Fühlt Rondo sich schuldig, weil er Duval und die anderen erschossen hat? Nein. Der hitzköpfige junge Cowboy hat den tödlichen Tanz eröffnet.
Bereut Rondo, dass er sich eingemischt hat? Natürlich. Es hätte ihn beinahe sein Leben gekostet. Von der Kugel in seinen Kopf, die ihn in einen lebenden Toten verwandelt hat, ganz zu Schweigen. Aber der Gedanke jeden Moment tot umzufallen, wie der Doc es ausgedrückt hat, macht Rondo keine Angst. Denn irgendwie, denkt er, sind wir doch sowieso alle lebende Tote.
Er lenkt den Appaloosa nach Süden, zurück zum Canyon. Er braucht eine Basis, ein Lager, und was bietet sich besser an, als der Palo Duro.
Er kann die ersten Ausläufer des Canyons bereits sehen, als er aus den Augenwinkeln eine Lichtreflektion bemerkt. Als würden Sonnenstrahlen auf einen Spiegel treffen.
Oder den Lauf einer Waffe.
Er lässt sich bereits seitlich aus dem Sattel rutschen, als der Schuss kracht. Spürt noch den Luftzug des Geschosses. Er landet hart am Boden und bleibt liegen. Der Appaloosa trabt ein Stück weiter, bevor er stoppt.
Nach ein paar Minuten hört Rondo Hufgetrappel, dann stoppt die Mexikanerin ihr Pferd und gleitet aus dem Sattel. Sie hat mit einem Gewehr auf ihn geschossen, aber jetzt hält sie den Walker Colt in der Hand.
Er wartet, bis sie neben ihm steht, dann holt er sie mit einem schwungvollen Tritt seines rechtes Beins von den Füßen. Sie landet mit einem dumpfen Laut auf ihrem prallen Hintern.
Er springt auf. Sofern man seine steifen Bewegungen aufspringen nennen kann. Sie hat den Walker Colt nicht losgelassen, tut es aber, als er ihr seinen Stiefelabsatz auf die Finger rammt. Sie stößt einen Schmerzensschrei aus.
Der Stoff ihres Kleides reißt, als er sie auf die Beine zerrt. Sie spuckt ihn an.
Rondos Handfläche trifft sie im Gesicht und wirbelt sie um die eigene Achse. Sie fängt sich, aber er verpasst ihr gleich noch eine, diesmal mit der Rückhand. Sie hält sich immer noch auf den Beinen. Ein hartes Mädchen, das muss man ihr lassen.
Rondo spannt den Hand des Colts.
Sie wischt sich Blut und Tränen aus dem Gesicht. „Knall mich doch ab, du Hurensohn!“
Er hätte nicht übel Lust dazu. Er hat die Schnauze voll davon die Zielscheibe dieser Leute zu sein.
Er kneift die Augen zusammen. In seinem Kopf fängt der Schmied wieder an seinen Amboss zu bearbeiten.
Sie reckt herausfordernd das Kinn nach vorn. „Worauf wartest du noch?“
Ihr Gesicht beginnt zu verschwimmen.
Die Landschaft um ihn herum auch.
Er lässt den Colt sinken.
Scheiße. Gottverdammte Scheiße.
Und dann nichts mehr.
Nur Dunkelheit.
Er hört, dass sie sich bewegt.
Einen Moment später presst sich die Mündung des Walker Colts gegen seine Stirn.
„Lass die Waffe fallen!“
Er gehorcht.
„Was ist mit dir?“
„Ich kann nichts sehen.“
„Was … ?“
„Die Kugel in meinem Kopf. Der Doc sagt, sie drückt auf den Sehnerv.“
Sie erwidert nichts.
Der Colt verschwindet von seiner Stirn.
„Heißt das, deine Sicht kommt zurück?“
„Das hoffe ich.“
„Dann töte ich dich, wenn du wieder sehen kannst.“
Er hört, wie sie auf ihr Pferd steigt und davonreitet.
Dann ist er allein.
Beim letzten Mal ist seine Sicht nach kurzer Zeit zurückgekehrt.
Also wird das diesmal auch so sein.
Oder?
Er bückt sich. Ertastet den fallengelassenen Colt. Für einen kurzen Moment ist da der Gedanke sich einfach das Gehirn rauszublasen.
Und was wenn ausgerechnet danach deine Sicht zurückkehrt?
Sein irres Lachen verhallt in der Weite.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 11

Veröffentlicht 25. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Er reitet durch Seitenstraßen zum Mietstall am Ostende der Stadt. Hier soll er warten, bis ihm Brody, dem der Stall gehört, das Geld bringt. Die Städter müssen erst ihre Ersparnisse auf der Bank anzapfen.
Ein glatzköpfiger Schwarzer beschlägt auf der Rückseite des Gebäudes die Hufe eines Wallachs. Neben ihm liegt ein dürrer Hund am Boden. Beide heben die Köpfe, als sie Rondo kommen sehen.
„Fünfzig Cent pro Nacht und Pferd“, sagt der Schwarze, während Rondo mit steifen Gliedern aus dem Sattel rutscht.
„Ich warte hier nur auf Brody.“
Der Schwarze runzelt die Stirn. „Der ist–„
„Ich weiß, wo er ist. Haben Sie Wasser?“
„Drinnen. Bedienen Sie sich.“
Rondo spürt, wie die Blicke des Mannes ihm folgen, als er den Stall betritt. Er findet einen Holzzuber mit Wasser und einer Metallkelle. Er nimmt ein paar Schlucke, dann lässt er sich auf einen Heuballen sacken. Die Kopfschmerzen sind wieder stärker geworden. Auch der Rest seines Körpers fühlt sich nach fast drei Wochen immer noch so an, als wäre er unter die Hufe einer Mustang-Herde geraten.
Den Willen Tottenham zu töten hat er.
Oh, ja, und ob er den hat.
Aber die Kraft?
Durch die offene Tür auf der Vorderseite des Stalls sieht er zwei Reiter kommen.
Rondo hat kein Zuhause und er hat keinen Besitz.
Die wenigen Dinge, die ihm gehören und die ihm etwas bedeuten, sind verschwunden, seit er sich eine Kugel in den Kopf hat jagen lassen: Sein Colt, der verzierte Waffengurt, den ihm Armendariz für seine Dienste in Mexiko geschenkt hat, die Winchester mit der verstellbaren Mikrometer Lochkimme – und der Appaloosa.
Derselbe Appaloosa, auf dem einer der beiden Männer sitzt, die jetzt vor dem Stall aus den Sätteln steigen.
„Ich nehm die kleine Chinesin. Die Belle als Ersatz für Estrella geholt hat. Ich frag mich, ob ihr Schlitz da unten genauso quer ist wie ihre Augen.“
„Nimm wen du willst, ich bleibe beim Whiskey.“
„Du wirst alt, Walsh.“
„Ich bin alt. Und keine Muschi, quer oder nicht quer, schmeckt so gut, wie der Whiskey bei Barney’s.“
„Wenn alt sein bedeutet, dass man den Geschmack an Muschis verliert, möchte ich jung sterben.“
Rondo richtet sich ruckartig auf. Ihm wird schwindelig, und er muss sich mit einer Hand an einem der Stützbalken festhalten.
Er hat die beiden Männer noch nie gesehen.
Aber er hat ihre Stimmen gehört.
„Guck mal. Der atmet. Er lebt.“
„Nicht mehr lange.“
Es sind die Typen, die ihn in den Canyon geworfen haben. Zusammen mit den Leichen der anderen.
Und jetzt kommen sie durch die offene Stalltür. Walsh, der Ältere, ein bulliger Typ mit einem von Kautabakflecken durchsetzen weißen Bart und einer Augenklappe, führt den Appaloosa. Sogar Rondos Sattel und seine Winchester hat der Dreckskerl behalten.
„Hey Woody, beweg deinen Arsch hierher.“
Der Schwarze, der gerade den letzten Nagel in den Huf des Wallachs geschlagen hat, richtet sich auf.
Walsh, an den Hüften zwei Revolver, die er mit den Kolben nach vorne trägt, zeigt auf das Pferd seines Begleiters. “Fords Gaul hat ein lockeres Hufeisen.“
Woody legt den Hammer zur Seite und kommt in den Stall. „Ich kümmere mich drum.“
Der Mann namens Ford spuckt dem Schwarzen eine Ladung Kautabak vor die Füße. „Natürlich tust du das.“
Rondo starrt die beiden Männer, die ihm bislang noch keine Beachtung geschenkt haben, an.
Sie haben ihn in den Canyon geworfen.
Entsorgt wie Stück Abfall.
Sie gehören zu Tottenham.
Seine Hand legt sich auf den Griff von Tomas’ Colt, der hinter seinem Rücken im Hosenbund steckt. In diesem Moment wittert ihn der Appaloosa. Das Pferd spitzt die Ohren, schnaubt und will in seine Richtung.
Die Zügel in Walsh’ Hand spannen sich. Er dreht verärgert den Kopf. Und erblickt Rondo. Walsh mag sich zu alt für Prostituierte fühlen, aber braucht er nur zwei, drei Sekunden um zu erfassen, dass da jemand vor ihm steht, der eigentlich nicht vor ihm stehen dürfte. „Leck mich am–„
Rondo reißt Tomas’ Colt hinter dem Rücken hervor und drückt ab.
Nichts geschieht.
Shit.
Fehlladung.
Schon hat Walsh Rondos Handgelenk mit der Linken gepackt und hämmert ihm die Rechte ins Gesicht.
Rondo verliert den Colt und taumelt nach hinten. Er sieht, wie Walsh nach einem seiner beiden Colts greift und duckt sich gerade noch rechtzeitig in eine Pferdebox, bevor die Waffe kracht. Holzsplitter fliegen.
Er sitzt in der Falle.
Eine Heugabel. Rostige Spitzen.
Rondo greift zu.
„Scheiße! Wer war das?“, hört er Ford schreien.
„Rondo.“
„Was?! Wieso lebt der?“
„Keine Ahnung. Frag ihn.“
„Ne, ich knall ihn lieber ab.“
„Nach dir.“
Rondo stürmt geduckt nach vorn, als jemand in der offenen Tür der Box erscheint.
Die Forken der Mistgabel bohren sich in Fords Bauch und stoßen ihn nach hinten.
Aus den Augenwinkeln bemerkt Rondo Walsh, der jetzt beide Pistolen in den Händen hält. Er wirft sich dem Alten entgegen. Die Pistolen krachen, als Rondo gegen ihn prallt. Die beiden Männer landen am Boden. Rondo auf Walsh. Er nutzt die Gelegenheit, dem anderen seine Fäuste so schnell und hart er kann ins Gesicht zu hämmern wie er kann.
Immer und immer wieder.
Bis Walsh sich nicht mehr rührt.
Rondo hält schnaufend inne.
Flecken tanzen vor seinen Augen und der Stall dreht sich um ihn herum wie ein Karussell. Er zieht sich an der Wand der Box nach oben.
Unter ihm stöhnt Walsh benommen. Blut quillt aus Nase und Mund des Alten und färbt den langen Bart rot. Die Augenklappe ist verrutscht und offenbart eine milchig-weiße Pupille.
Rondo bemerkt, dass der Schwarze ihn mit offenem Mund ansieht. Dann blickt er zu Ford, der röchelnd auf dem Rücken liegt und aussieht, als würde er sich fragen, woher die Heugabel in seinem Bauch kommt.
„Guck mal. Der atmet. Er lebt.“
„Nicht mehr lange.“
Rondo wankt zu Ford und reißt die Heugabel aus seinem Körper.
Aber nur um sie gleich wieder nach unten zu stoßen.
Diesmal in Fords Brustkorb.
Das Röcheln erstirbt.
„Mister! Achtung!“
Rondo wirbelt herum und der Schwindel nimmt ihm das Gleichgewicht. Er fällt der Länge nach hin, gerade als Walsh, der sich aufgerichtet hat, feuert.
Die Kugel, die für Rondo bestimmt war, trifft ein Pferd in der Box hinter ihm; das Tier bäumt sich wiehernd auf.
Rondo kämpft sich auf die Knie und sieht die blutbesudelte Visage von Walsh, der im Sitzen versucht erneut auf ihn zu schießen. Nur eine Armlänge entfernt.
Rondos Rechte reißt das Messer, das Topsannah ihm geschenkt hat, aus der Scheide.
Die Klinge saust durch die Luft.
Walsh’ Augen weiten sich, als seine Pistole und drei seiner Finger im Dreck landen.
Dann tritt Rondo ihm ins Gesicht und der Alte fliegt bewusstlos nach hinten.
Rondo schwankt zu seinem Appaloosa. Krallt haltsuchend seine Hände in dessen Mähne und presst seine Stirn gegen den Kopf des Tiers. „Na, alter Junge. Hast du mich vermisst?“
„Ach du Scheiße …“
Rondo dreht den Kopf.
Brody steht im Stall, seine Augen auf die leblosen Körper von Walsh und Ford gerichtet. Auf die Heugabel in Fords Brustkorb und die abgehackten Finger von Walsh am Boden.
„Mort Druckers Gaul hat’s auch erwischt“, sagt Woody trocken und deutet mit dem Daumen über die Schulter, auf den Kadaver des erschossenen Pferdes.
„Haben Sie das Geld?“, fragt Rondo.
Brody nickt. Er reicht Rondo einen kleinen Lederbeutel. Rondo prüft den Inhalt. Er weiß nicht, ob er je tausend Dollar auf einem Haufen gesehen hat, aber das Geldbündel macht den Eindruck, als könnte es hinkommen. Er stopft den Beutel in die Satteltaschen.
„Hey, du Dreckstöle! Hau ab–!“
Rondo sieht zu Walsh, der gerade wieder zu sich gekommen ist, und fassungslos mitansehen muss, wie der abgemagerte Köter seine verlorenen Finger frisst.
Der Blick des Alten fällt auf eine seiner beiden Pistolen. Aber bevor er danach greifen kann, hat Rondo sie aufgehoben.
Er geht neben Walsh in die Hocke und schiebt ihm die Mündung unter die von roten Adern durchzogene Nase. „Du kannst Tottenham ausrichten, dass seine Tage gezählt sind.“
Der Alte erwidert nichts.
Rondo lässt sich von Woody den Revolvergurt des toten Ford geben, bevor er sich stöhnend auf den Rücken des Appaloosa zieht. Er sieht noch einmal zu Brody und Woody, dann reitet er aus dem Stall ins grelle Sonnenlicht der Straße und jagt den Appaloosa im Galopp aus der Stadt.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 10

Veröffentlicht 21. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Topsannah und der Alte haben zwar ein Gewehr, aber das wollten sie ihm nicht geben. Dafür haben sie ihm eins ihrer drei Pferde überlassen. Sie hatten darauf bestanden, ihm die Augen zu verbinden, bevor Topsannah ihn vom Plateau hinab in den Canyon führte. Der Weg zu ihrem Lager soll geheim bleiben. Sie haben ihm zwar das Leben gerettet, aber das heißt nicht, dass sie ihm auch vertrauen. Das würde er in ihrer Stelle auch nicht.
Als Topsannah ihm erlaubte, dass Tuch von den Augen zu nehmen, reichte sie ihm ein Messer. Die Klinge war breit und scharf, der Griff bunt bemalt. Eine handgefertigte Waffe der Comanchen.
Topsannah wünschte ihm viel Glück.
Er ihr auch.
Brinkwater ist eine Ansammlung von knapp drei Dutzend Gebäuden, durchzogen von einer staubigen Hauptstraße. Es gibt eine Bank, einen General Store, ein Hotel mit Restaurant, drei Saloons, ein Bordell, ein Badehaus, einen Pferdestall mit Schmiede.
Und eine Arztpraxis.
An deren Hintertür steigen Rondo und Tomas von ihren Pferden. Tomas klopft an die Tür, während Rondo daneben wartet, die Hand auf dem Griff von Tomas’ Colt.
Die Tür wird geöffnet.
„Hola, Doc.“
„Tomas?“
Rondo schiebt sich neben den Mexikaner. Der Arzt, der im Türrahmen steht, ein schlanker Mann Mitte Vierzig, in weißem Hemd und schwarzer Weste, runzelt die Stirn. Sein Blick richtet sich auf Rondos Hand an der Pistole.
„Doc, das ist–„
„Rondo“, sagt Arzt. Seine Augen suchen Rondos Kopf nach einer Wunde ab. Rondo schiebt mit der Rechten seine Haare beiseite, so dass das Einschussloch sichtbar wird.
„Treten Sie bitte ein.“
„Ich hole die anderen“, sagt Tomas.
Rondo nickt. Er weiß, welches Risiko er eingeht, wenn er den Mexikaner gehen lässt, aber er hat keine Wahl. Während Tomas wieder auf sein Pferd steigt, folgt Rondo dem Arzt ins Haus.
Eine halbe Stunde später wäscht sich der Mediziner die Hände über einer Schüssel mit heißem Wasser. „Also, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Kugel noch in Ihrem Kopf steckt. Möglich, dass sie aufs Sehzentrum des Gehirns drückt. Deswegen waren Sie auch erblindet.“
„Kann das wieder passieren?“
Der Arzt trocknet sich die Hände ab. „Natürlich. Und es könnte auch sein, dass Sie jederzeit tot umfallen. Ich hab keine Ahnung, was die Kugel in Ihrem Schädel anrichtet. Vielleicht werden Sie mit dem Stück Blei auch steinalt. Alles ist möglich. Aber ich würde nicht drauf wetten.“
Rondo beschließt die Worte des Arztes als gute Nachricht zu werten. Er lebt und kann weiter leben. Zumindest solange, bis er tot umfällt. Und wenn das geschieht … dann gibt es nichts, was er dran ändern könnte.
Der Gedanke wieder zu erblinden allerdings …
Im Flur erklingen Schritte. Rondo hebt den Colt. Dann wird die Tür zum Untersuchungszimmer geöffnet. Zwei Männer und eine Frau drängen sich in den Raum, gefolgt von Tomas. Die Männer sind unbewaffnet, aber die Frau, eine dralle Mexikanerin, hält eine Waffe in der Hand, die Rondo sofort wiedererkennt.
Duvals Walker Colt.
„Den legen Sie besser gleich weg“, sagt Rondo.
Ihre dunklen Augen funkeln ihn hasserfüllt an.
„Estrella. Bitte.“, sagt der Ältere der beiden Männer.
Sie rührt sich nicht. Rondo traut ihr durchaus zu, dass sie versuchen wird, auf ihn zu schießen. Sie wäre allerdings tot, bevor sie die massive Waffe heben kann. Das scheint sie auch zu kapieren, denn sie legt den Colt widerwillig in einem Regal neben der Tür ab.
Einen Moment herrscht Schweigen.
Der ältere der beiden Männer, nachdem was der Mexikaner Rondo erzählt hat, muss das Wells sein, hakt die Daumen hinter seinen Gürtel. „Tomas sagt, Sie wollen uns ein Geschäft vorschlagen.“
„Ich will Ihnen meine Dienste anbieten.“
Die Mexikanerin schnauft wütend.
Rondo behält sie im Blick. Und die Mündung des Colts weiter auf sie gerichtet.
„Ich werde Tottenham für Sie töten.“
„Und Sie wollen, dass wir Sie dafür bezahlen“, sagt Wells.
„Du Dreckschwein hast meinen Mann erschossen!“, schreit die Mexikanerin ihn an. „Das einzige, womit ich dich bezahle ist Blei!“ Sie streckt ihre Hand nach dem Walker Colt aus, aber Wells hält sie fest.
„Lass mich los!“ Sie windet sich in Wells’ Griff und spuckt in Rondos Richtung. „Cabron! Pendejo!“
Rondo wartet, bis sie sich beruhigt hat. „Ihr Mann und die anderen haben mir keine Wahl gelassen.“
Sie starrt ihn schweratmend an, Tränen in den Augen.
„Warum haben Sie sich überhaupt eingemischt?“, fragt Wells. „Das ging Sie doch gar nichts an.“
„Glauben Sie mir, ich wünschte, ich hätte mich rausgehalten. Aber ich habe nur vier Kerle gesehen, die einen Unbewaffneten ermorden wollten.“
Der jüngere Mann schnaubt verächtlich. „Ich wusste gar nicht, dass Killer Moralvorstellungen haben.“
Rondo hat kein Interesse an Diskussionen über seine Moralvorstellungen. „Kommen wir ins Geschäft, oder nicht?“
Der Doc krempelt die Ärmel seines Hemdes wieder nach unten. „Brody hat recht. Wenn Tottenham nicht auf Sie geschossen hätte, würden Sie jetzt wahrscheinlich für ihn arbeiten, oder?“
Rondo nickt. „Gut möglich.“
Der junge Mann, Brody, bewegt sich, während er spricht, auf den Walker Colt im Regal zu. „Ich weiß, Sie genießen einen gewissen Ruf, aber mal ehrlich, ich hab einen Nachtopf voll Pisse unterm Bett, der sieht besser aus als Sie.“
„Noch ein Schritt und Sie brauchen den Topf nicht mehr“, sagt Rondo.
Brody hält ertappt inne.
„Wieviel wollen Sie?“, fragt Wells.
„Zweitausend Dollar.“
Wells schluckt. Tauscht Blicke mit Brody, Estrella und dem Doc.
„Die Hälfte im Voraus“, sagt Rondo.
Der Doc schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht … dann wären wir doch nicht besser als Tottenham.“
„Augustus und die anderen wollten ihn auch töten“, sagt Wells.
„Ja. Und ich habe immer gesagt, dass ich dagegen bin.“
„Was ist die Alternative, Doc? Darauf warten, dass Tottenham uns alle in den Ruin treibt? Oder abknallen lässt wie McCall?“
Der Arzt weicht Wells’ Blick aus. Er vergräbt kopfschüttelnd die Hände in den Hosentaschen.
Brody mustert Rondo misstrauisch. „Und wer sagt uns, dass Sie mit den tausend Dollar nicht einfach abhauen?“
Als Antwort zeigt Rondo mit dem Finger auf das verkrustete Einschussloch in der Nähe seiner Schläfe. „Und falls es schiefgeht und ich draufgehe, wird niemand erfahren, dass Sie mich bezahlt haben.“
Einen Moment herrscht Schweigen, dann sagt Brody: „Wells hat recht, Doc. Was sollen wir sonst tun?“
Der Arzt hebt den Kopf. Fährt sich seufzend mit einer Hand durch das schüttere Haar. Dann nickt er schwerfällig.
Brody legt eine Hand auf die Schulter der Mexikanerin. „Estrella?“
Ihre Oberlippe zuckt. „Das Schwein soll sterben.“
Wells, Brody, Tomas und der Doc verstehen das als Zustimmung. Aber Rondo weiß, dass ihre Worte, nicht nur Tottenham gelten.

Fortsetzung folgt …