RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 9

Veröffentlicht 18. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Das Blut der Toten ist längst im Lehmboden des Schankraums versickert, aber Tomas bekommt den metallenen Geruch nicht aus der Nase, obwohl er weiß, dass das sein Gehirn sein muss, das ihm einen Streich spielt.
Seit der Schießerei vor fast drei Wochen herrscht eine trügerische Ruhe. Immer wenn in den letzten Tagen Reiter vor der Bodega gestoppt haben, hat Tomas damit gerechnet, dass Tottenham nun doch noch beschlossen hat, ihn aus dem Weg zu räumen. Einmal war sogar der Deutsche hier gewesen, Gerhard. Er wollte wissen, an welchem Tisch Rondo gesessen hatte. Er hatte dann selbst dort Platz genommen und sich von Tomas einen Selbstgebrannten bringen lassen. Hatte ihn schweigend getrunken und war wieder davongeritten. Muy loco, dieser Gringo.
Tomas hat kurz mit dem Gedanken gespielt aus der Gegend zu verschwinden. Aber wo soll er hin? Die Bodega ist alles, was ihm geblieben ist, seit er Maria an eine Lungenentzündung verloren hat. Kinder waren ihnen nicht vergönnt. Und seit Estrella nicht mehr im Bordell arbeitet, ist ihm die Lust auf Prostituierte vergangen. Was sicher auch daran liegt, dass die anderen Weiber so gottverdammt hässlich sind. Bis auf das neue chinesische Mädchen, aber die ist ihm zu jung.
Nein, Tomas wird hierbleiben. Und wenn das heißt, dass er sterben muss, dann ist das eben so. Irgendwann muss jeder abtreten.
Er hat gerade das letzte seiner Gläser in der Schale mit heißem Wasser gespült, als der Perlenvorhang hinter ihm rasselt. Bevor er sich umdrehen kann, krallt sich eine Hand in sein Haar und reißt seinen Kopf in den Nacken. Er spürt die scharfe Klinge eines Messers unter dem Kehlkopf.
„Hast du eine Waffe?“, fragt eine heisere Stimme.
„Unter dem Tresen. Gleich rechts.“
Das Messer bleibt an seiner Kehle. Aus den Augenwinkeln sieht Tomas, wie eine Hand seinen Colt unter dem Tresen hervorzieht. Das Messer verschwindet von seinem Hals.
„Beweg dich.“
Der Unbekannte presst ihm die Mündung des Colts in den Rücken und schiebt ihn in den Schankraum.
„Umdrehen.“
Tomas gehorcht.
Im ersten Moment erkennt den Mann nicht. Er ist abgemagert, die halblangen Haare sind verfilzt, der Bart struppig, die Kleidung schmutzig. Aber dann …
Es ist der Gringo.
Rondo.
Madre de mios. Sie sind ja wirklich nicht tot–“
Die Hand mit dem Colt saust durch die Luft. Schmerz explodiert in Tomas’ Schädel wie ein Feuerwerk. Er taumelt nach hinten, spürt Blut in seine Augen rinnen. „Bitte nicht, Senor …„ Schwarze Flecken tanzen vor seinen Augen, alles dreht sich und er greift nach einer Tischkante, um nicht umzukippen.
„Woher weißt du, dass ich lebe?“
„Ich wusste es nicht nicht. Aber wir waren im Canyon, um die Toten zu holen. Sie waren nicht dabei.“
„Wer ist wir?“
„Ein paar Leute aus der Stadt. Bitte, darf ich mich setzen? Mir wird sonst schwarz vor Augen.“
Der Gringo nickt.
Tomas lässt sich stöhnend auf einen Stuhl fallen. Die verdammten Gringos. Sie lieben es einfach Mexikaner zu schlagen. Er zieht mit zitternden Fingern das schmutzige Tuch, mit dem er sonst die Tische abwischt, aus dem Gürtel und presst es gegen die Wunde auf seiner Stirn.
Der Gringo sieht allerdings selbst aus, als würde er jeden Moment schlapp machen. Er zieht sich einen Stuhl heran und lässt sich gegenüber von Tomas darauf niedersacken. In der linken Hand der Colt, in der rechten das Messer.
„Warum haben Sie mich geschlagen?“
„Sei froh, dass ich dich nicht getötet habe.“
„Aber ich habe nichts getan, Senor.“
Der Gringo beugt sich vor. Er sieht aus wie jemand, der auf der Schwelle zum Himmelstor steht und darauf wartet, ob Gott ihn eintreten lässt oder nicht. Das Gesicht unter dem Bart ist eingefallen, die Augen liegen tief in den Höhlen. Aber in seinen Pupillen brennt ein Feuer. Ein Feuer aus Hass und Mordlust, das Tomas einen Schauer den Rücken hinab jagt.
„Werden Sie mich erschießen?“
„Erzähl mir wer Tottenham ist. Und warum dieser Duval und die anderen ihn töten wollten. Wo bin ich hier reingeraten?“
Tomas nimmt den Lappen von der Stirn und starrt auf sein eigenes Blut.
Dann erzählt er dem Gringo, was er hören will.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 8

Veröffentlicht 15. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

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Die Tage kommen.
Die Tage gehen.
Zunächst wie im Nebel.
Dann werden sie klarer. Die Kopfschmerzen schwinden. Das Gefühl in Armen und Beinen kehrt zurück, auch wenn er sie noch immer kaum bewegen kann. Er fängt an zu essen, womit sie ihn füttern. Kaninchenfleisch, Nüsse, Beeren, Wurzeln und Pemikan.
Aber die Welt um ihn herum bleibt schwarz.
Er spürt die Sonne, doch er kann sie nicht sehen.
Dafür kehrt die Erinnerung zurück.
An die Bodega. Den Briten. Tottenham. An Duval und die anderen Männer. Die Schießerei.
Und den Derringer in Tottenhams Hand.
Der Bastard hat ihm ihm aus nächster Nähe …
In den Kopf geschossen.
Er sollte tot sein.
Ist er aber nicht.
Dafür blind.
Vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre gestorben.
Er flüchtet vor der Realität in den Schlaf. Es gibt keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, nur zwischen Schlaf und Wachsein. Wenn er wach ist, füttern sie ihn. Er hört ihre Stimmen. Es sind immer nur dieselben beiden, die er bereits gehört hat. Der alte Mann und die Frau.
Irgendwann, er weiß zunächst nicht ob es Tag oder Nacht ist, erwacht er und hat die Kraft sich auf seine Ellenbogen zu stützen. Schritte erklingen. Jemand geht neben ihm in die Knie.
Und plötzlich…
… sieht er Umrisse.
Zunächst verschwommen, dann werden die Konturen klarer.
„Ich kann sehen!“, hört er seine eigene, krächzende Stimme.
Und erkennt, dass die Frau neben ihm kniet. Lange Haare, die ihr bis weit über die Schultern des mit Fransen und Perlen verzierten Wildlederkleides fallen.
Er versucht die Beine anzuwinkeln und aufzustehen. Gerät sofort ins Taumeln und wäre gestürzt, wenn die Frau ihn nicht festhalten würde. Sie sagt etwas auf Comanche zu ihm. Wahrscheinlich will sie, dass er es langsam angehen lässt. Und wahrscheinlich hat sie recht. Er bleibt auf den Knien hocken. Die Sonne ist grell. Er blinzelt. Für einen Moment verschwimmt seine Sicht wieder und er fürchtet, die Dunkelheit könnte zurückkommen.
Dann fällt ein Schatten über sein Gesicht. Der Alte steht vor ihm. Faltenzerfurcht, die langen Haare fast schlohweiß. Er mustert Rondo und sagt etwas zu der Frau. Sie nickt.
„Toshawi sagt, du bist Wunder.“
Er ist überrascht, dass sie seine Sprache spricht.
Der Alte zeigt mit einem knorrigen Finger auf Rondos Kopf. Der hebt die Hand und ertastet eine Stelle hinter seiner Schläfe. Er muss noch versucht haben, sich abzuwenden, als Tottenham auf ihn geschossen hat. Wie ein Streifschuss fühlt sich die Wunde aber nicht an. Nur, wenn ihn die Kugel wirklich in den Kopf getroffen hat … wo ist sie jetzt?
Noch in seinem Kopf?
Er sieht die Frau an. „Wie lange bin ich hier?“
„Zwei…“ Sie überlegt, als müsse sie erst nach den richtigen Worten suchen, dann: „Zwei Wochen.“
Rondo sieht sich um. Sie befinden sich auf einem Plateau, mit einer massiven Felswand im Rücken. Die Feuerstelle neben der er hockt, steht vor einem einsamen Tipi, dahinter eine Ansammlung von Wacholderbäumen.
Die beiden Indianer scheinen allein zu leben. Rondo schätzt die Frau mindestens dreißig Jahre jünger als den Alten. Vielleicht seine Tochter.
„Danke“, sagt Rondo. „Danke, dass ihr mir geholfen habt.“
Die Frau nickt und übersetzt seine Worte dem Alten. Der verzieht keine Miene und wendet sich wieder ab.
Zwei Tage später fühlt Rondo sich gut genug, dass er alleine gehen kann. Die Frau will ihm helfen, aber er schüttelt ihre Hand ab. Jeder Schritt sendet Schmerzen durch seinen von Abschürfungen und Blutergüssen übersäten Körper. Aber er geht.
Die Sonne versinkt, als er sich auf einem Felsen am Rand des Plateaus ausruht. Vor ihm breitet sich der Palo Duro Canyon schier endlos aus. Rondo weiß, wie riesig der Canyon ist, an manchen Stellen bis zu zwanzig Meilen breit erstreckt er sich auf zweihundert Meilen Länge durch den Llano Estacado. Vor sechs Jahren wurden die letzten Comanchen hier von der 4. Kavallerie unter Colonel Mckenzie vertrieben und fristen jetzt ihr Dasein in einem Reservat. Die Frau, ihr Name ist Topsannah, hat ihm erzählt, dass sie und der Alte, Toshawi, zu einer kleinen Gruppe gehörten, die sich nach der „Schlacht von Palo Duro“ noch länger im Canyon versteckt gehalten hat. Vor einem Jahren wurde ihr Lager von weißen Männern überfallen. Keine Soldaten. Zivilisten. Cowboys. Wahrscheinlich weil die Comachen hin und wieder Rinder gestohlen haben, die die Weißen im Canyon grasen lassen. Alle anderen Mitglieder ihre Gruppe, sechs Männer, neun Frauen und dreizehn Kinder, wurden getötet. Darunter auch Topsannahs Mann und ihre beiden Töchter. Seit dem Massaker leben sie und Toshawi allein im Canyon. Auf Rondos Frage, warum sie nicht in ein Reservat gehen, hatte Topsannah geantwortet, der Alte wolle als freier Mann sterben und sie brächte es nicht über sich ihn allein zu lassen.
Umso mehr wundert ihn, dass sie ihn mitgenommen und verarztet haben, statt ihn einfach sterben zu lassen.
Er hört die leisen Schritte ihrer Mokassins und dreht den Kopf.
Topsannah hält ihm eine dampfende Schale mit einer Brühe aus Wurzeln und Kräutern hin. „Toshawi sagt, du trinken. Gut für dich.“
Rondo nimmt die Schale und schlürft an der heißen Flüssigkeit. Schmeckt scheußlich. Trotzdem leert er die Schale bis auf den letzten Tropfen.
„Warum helft ihr mir?“, fragt er, als er ihr die Schale zurückgibt. „Ich bin ein Weißer.“
Sie nickt. „Das ich auch.“ Sie überlegt kurz, dann verbessert sie sich: „Das war ich auch.“
Und erst jetzt bemerkt Rondo, was ihm unter anderen Umständen wahrscheinlich sofort aufgefallen wäre.
Sie hat blaue Augen.
Topsannah erzählt ihm in ihrem brüchigen Englisch, dass sie früher einmal Johanna hieß. Johanna Roberts glaubt sie. Kurz vor ihrem fünfzehnten Geburtstag wurde sie von den Comanchen entführt. Sie lebt jetzt seit fast zwanzig Jahren bei ihnen. Nach anfänglichem Widerstand hat sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Hat einen Comanchen geheiratet und seine Kinder geboren. Hat ihre Familie geliebt und sterben sehen. Sie weiß zwar, dass sie einmal eine Weiße war, aber sie weiß auch, dass sie niemals wieder eine Weiße sein wird. Das sie niemals wieder eine Weiße sein will.
Ihr Schicksal erinnert Rondo an Cynthia Ann Parker. Die Mutter des großen Comanchenhäuptlings Quanah Parker. Eine weiße Frau wie Topsannah, die als Zehnjährige von den Comanchen entführt wurde. Fünfundzwanzig Jahre später haben Texas Ranger sie befreit und zurück zu ihrer Familie gebracht. Aber ihre wahre Familie waren die Comanchen und es heißt, dass sie vor zehn Jahren an gebrochenem Herzen gestorben ist.
Als könnte sie seine Gedanken lesen, sagt Topsannah: „Ich bin Comanche, aber ich war Weiße. Ich kann nicht Weiße hassen.“
Dafür ist er ihr dankbar.
Denn ohne sie und den Alten würde er nicht mehr leben.
Und könnte sich nicht rächen.
Das Gesicht von Tottenham taucht vor ihm auf.
Der Derringer an seiner Hand.
Rondo hat in seinem Leben mit so manchem feigen und hinterhältigen Hurensohn zu tun gehabt. Hat selbst nicht immer fair gekämpft. Wer Fairness in einem Kampf als Priorität setzt, verliert ihn meist.
Aber dem Mann, der einem das Leben gerettet hat, aus nächster Nähe ins Gesicht zu schießen …
Warum hat er der Dreckskerl das getan?
Er spürt, wie sein Puls vor Wut zu rasen beginnt und die Kopfschmerzen, die sich in den letzten Tagen auf ein dumpfes Hintergrundtrommeln reduziert haben, wieder zunehmen.
Der Canyon vor seinen Augen beginnt zu flimmern. Und das liegt nicht an der Hitze. Seine Sicht verschwimmt.
Nein, denkt er mit einem Anflug von Panik. Nein!
Er schließt die Augen.
Topsannah bemerkt, was los ist und zieht ihn sanft zurück auf den Felsen. Eine Weile bleibt er mit geschlossenen Augen sitzen. Schließlich wagt er es wieder, sie zu öffnen. Ist unendlich erleichtert, als er den Palo Duro vor sich sieht und den Himmel darüber, der sich in der einsetzenden Dämmerung blutrot verfärbt hat.
Rondo berührt mit den Fingern die verkrustete Wunde an seinem Kopf. Er blickt über den Canyon Richtung Westen. Irgendwo dahinter liegt Brinkwater. Die Stadt, in die er nach seiner kurzen Rast in der einsamen Bodega wollte, um sich ein Bett für die Nacht zu suchen.
Irgendwo dort muss der Mann namens Milton Tottenham sein.
Rondo wird ihn finden.
Und töten.

Fortsetzung folgt …

Rondo – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 7

Veröffentlicht 11. April 2020 in Allgemein, Roman, Rondo, Schreiben

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Nachdem Milton sich verausgabt hat, rollt er von ihr herunter und schläft ein. Sie wartet, bis der Schweiß auf ihrem nackten Körper getrocknet ist, dann steht sie auf und zieht das dünne Nachthemd an. Verlässt das Schlafzimmer und geht barfuß die breite Treppe hinab ins Erdgeschoss.
Das Haus ist still, bis auf das vereinzelte Knarren des Holzes. Sie öffnet die Tür und tritt auf die Veranda. Von den Ställen erklingt das leise Schnauben eines Pferdes. Drüben, in einem der beiden Mannschaftshäusern der Cowboys, brennt noch Licht. Sie hört Lachen. Die meisten der Cowboys sind nicht da, sie treiben nach dem Frühlings-Roundup eine dreihundertköpfige Herde nach Kansas.
Sie lehnt sich an das Verandageländer. Der Nachthimmel ist wolkenlos. Und voller Sterne. So viele Sterne. Selbst auf dem Landsitz ihrer Eltern außerhalb Londons, auf dem sie oft die Wochenenden verbracht haben, hat sie niemals so viele davon gesehen. Der Himmel über Texas ist endlos, genauso wie das Land darunter.
Anfangs hat die Weite sie fasziniert, aber nach zwei Jahren ist diese Faszination einer gepflegten Langeweile gewichen. Es gibt hier nichts außer Rindern, Pferden und noch mehr Rindern und Pferden. Von Klapperschlangen, Skorpionen und anderem widerlichen Getier ganz zu Schweigen. Das gesellschaftliche Leben für eine junge Frau, deren bisheriges Leben fast ausschließlich aus Bällen, Empfängen und Partys bestanden hat, ist, milde ausgedrückt, begrenzt, auch wenn Milton sich alle Mühe gibt sie bei Laune zu halten. Er hatte ihr, als sie sich in London kennengelernten, das Leben einer Königin versprochen, und ja, er ist so etwas wie ein König hier draußen, aber statt Glanz und Glitzer gibt es Staub und Kuhdung.
Das Leben an der Seite eines Rinderbarons ist nicht, wie sie es sich vorgestellt hat.
Und sie hat kein Interesse daran eine Zuchtstute für Milton zu sein, die ihm Nachfolger in die Welt setzt. Bislang ist ihr das mit Hilfe einiger Tricks auch gelungen, ganz egal, wie sehr er sich, mit einer für sein Alter erstaunlichen Agilität, an ihr auslebt. Aber ihr ist klar, dass sie damit nicht ewig durchkommt.
Sie muss hier weg.
Nicht zurück nach England, nein, sie will an die Ostküste, nach New York. Für eine clevere, attraktive junge Frau mit einer Vorliebe für wohlhabende, ältere Männer scheint das, nach allem, was sie gehört hat, genau der richtige Ort zu sein.
Die Frage ist nur, wie sie dort hinkommen soll.
Geld ist nicht das Problem.
Milton ist das Problem.
Er verzehrt sich nach ihr, dafür hat sie selbst gesorgt. Er betrachtet sie als sein Eigentum und sie ist sich nicht sicher, ob er sie so einfach gehen lassen wird.
Wenn sie hier weg will, braucht sie einen Mann. Einen Beschützer.
Sie hört wie ein Streichholz angerissen wird und dreht den Kopf. Gerhards Gesicht wird von der Flamme erhellt. Er steht am anderen Ende der Veranda und sieht zu ihr. „Ich hoffe, ich habe sie nicht erschreckt.“
Sie fragt sich, wie lange er schon da im Dunkeln gestanden und sie beobachtet hat. Sie weiß, wieviel von ihrem Körper durch den Stoff des dünnen Nachthemds schimmert.
Gerhard kommt auf sie zu. Das mexikanische Zigarillo zwischen seinen Lippen glüht auf, als er daran zieht.„Können Sie nicht schlafen?“
Sie muss lächeln. Das Schlafzimmerfenster ist direkt über ihnen und wenn er schon länger hier war, dann hat er sicherlich ihr lautes Stöhnen gehört. „Und Sie?“
Gerhard lehnt sich neben ihr an einer der Pfosten, die das Dach der Veranda stützen. „Ich schlafe nicht viel.“
Sie weiß, dass er drüben in Deutschland Soldat war und im deutsch-französischen Krieg gekämpft hat. Vielleicht schläft er deshalb nicht. Weil er Albträume hat. Sie weiß aber auch, dass Gerhard hier in den Staaten seine Dienste mit der Waffe verkauft. So wie an Milton. Gerhard hat McCall getötet. Er ist ein Killer. Wie dieser Rondo. Haben Killer Albträume? Vielleicht.
„Stimmt es, was Milton sagt? Das Sie Rondo lieber selbst getötet hätten?“
Er zieht wieder an seinem Zigarillo. Dreht den Kopf höflich zur Seite, bevor er den Rauch wieder ausbläst. „Ich hätte jedenfalls gerne herausgefunden, ob er so gut mit dem Revolver ist wie sein Ruf.“
„Haben Sie denn keine Angst zu Sterben?“
„Natürlich. Aber wir müssen alle sterben. Und bei mir gehört es zum Berufsrisiko.“
Die Gelassenheit mit der Gerhard das sagt, erregt sie. Das ist kein zur Schau gestellter Machismo. Der Deutsche meint, was er sagt. Sie bewegt sich ein Stück näher an ihn heran. Ein bisschen zu nah, als es sich für eine Lady gehört. Eine echte Lady würde allerdings auch nicht in einem zu dünnen Nachthemd aus dem Haus treten, nicht mal bei Nacht. Sie liebt Männer und sie liebt es, was Männer mit ihr machen – was sie mit Männern macht – und wenn das bedeutet, dass sie keine Lady ist, dann ist sie, ihrer Herkunft zum Trotz, wohl nie eine gewesen.
„Waren Sie schon mal in New York, Gerhard?“
Der Deutsche nickt. „Dort habe ich zum ersten Mal amerikanischen Boden betreten.“
„Hat es Ihnen gefallen?“
„New York? Nein. Zu viele Menschen.“ Er tippt die Asche von seinem Zigarillo über das Verandageländer. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass Sie sich dort wohlfühlen würden.“ So wie er das sagt, klingt das fast ein bisschen wie eine Beleidigung. Sie nimmt es als Kompliment. Er hat sie durchschaut.
Und sie setzt alles auf eine Karte. Sie legt eine Hand auf seinen Bauch. Direkt über seinem Gürtel. Spürt unter dem Stoff die Härte seiner Bauchmuskeln. „Ich dachte, ich könnte hier in Texas glücklich werden, aber ich weiß jetzt, dass das niemals der Fall sein wird.“
Er sieht ihr direkt in die Augen. Das Blau seiner Pupillen ist unglaublich. Sie leuchten beinahe in der Dunkelheit.
„Sie sind eine attraktive und willensstarke Frau, Michelle. Ich bin mir sicher, Sie werden nach New York kommen.“ Er macht einen Schritt nach hinten. Ihre Hand rutscht ab. Er zieht noch einmal von seinem Zigarillo, dann deutet er aus den Hüften heraus eine kleine Verbeugung an. „Gute Nacht, Maam.“
Sie sieht ihm nach, als er rüber zu den Mannschaftshäusern geht. Irgendetwas stimmt mit dem Deutschen nicht, denkt sie. Bislang hat noch jeder Mann auf ihre unverhohlen ausgestrahlte Sexualität reagiert. Er nicht. Ihre Berührung hat ihn vollkommen kalt gelassen. Sie nimmt es nicht persönlich. Sie ist schön, aber nicht eitel. Doch Gerhard wird sie nicht nach New York bringen.
Ein Windstoß lässt sie frösteln. Noch sind die Nächte angenehm kühl, aber bald wird es Sommer und damit auch wieder unerträglich heiß. Sogar nachts. Je schneller sie hier wegkommt, desto besser.
Plötzlich muss sie an Rondo denken.
Den Mann, den Milton so kaltblütig ermordet hat. Sie hat ihn nie getroffen, aber auf einmal fragt sie sich, ob er nicht vielleicht derjenige gewesen wäre, der sie von hier hätte vorbringen können.
Rondo, denkt sie. Im Tod so geheimnisvoll wie dein Name.
Ich hätte dich gern kennengelernt.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 6

Veröffentlicht 6. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Noch mehr Rondo: 

Fliegen. Dutzende. Hunderte.
Gebrochene Augen.
Offene Münder.
Verkrümmte Gliedmaßen.
Blut.
Estrella starrt in das Gesicht ihres Mannes. Sein linkes Auge fehlt. Ein dunkler, blutiger Krater. In der Stirn darüber ein Einschussloch. Ein weiteres in seiner Brust. Das Blut, das daraus hervorgequollen ist, hat beinahe die komplette Vorderseite von Augustus Duvals Hemd verfärbt. Was zuvor beige war ist jetzt tiefrot.
Ihr Körper beginnt unkontrolliert zu zittern. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten. Beißt sich so hart auf die Lippen, dass sie zu bluten beginnen.
Jemand betet leise.
Eine tröstende Hand auf ihrer Schulter. Brody. Sie schüttelt seine Finger ab. Die Kraft verlässt ihre Beine. Sie sinkt in die Knie. Ein Wimmern verlässt ihre Kehle.
Oben am Canyonrand das frustrierte Krächzen eines der Geier, die sie mit Schüssen vertrieben haben. Er will zurück an sein Aas. Vielleicht ist es derjenige, dessen Schnabel das Auge aus dem Schädel von Augustus gehackt hat.
„Er ist nicht dabei“, sagt Tomãs.
„Wer?“, fragt Brody.
Wells sieht Tomãs an. „Der, den Tottenham erschossen hat?“
Brody zeigt auf die Leichen. „Du meinst den, der sie erschossen hat.“
Tomãs nickt.
„Das heißt, er lebt.“
Der Mexikaner schüttelt den Kopf. „Er kann nicht leben. Tottenham hat ihm in den Kopf geschossen.“
„Ich hab im Bürgerkrieg mehr als einen gesehen, der einen Kopfschuss überlebt hat“, sagt der Doc. „Die meisten konnten sich danach nicht mehr alleine den Hintern abwischen. Aber sie haben gelebt. Im strengen Sinne des Wortes jedenfalls.“
Brody spannt den Hahn seines Spencer Karabiners. „Vielleicht ist er in der Nähe. Und hat sich irgendwo verkrochen.“ Der Himmel über ihnen ist noch blau, aber hier unten im Canyon beginnt das Licht bereits zu schwinden. Die Augen zu Boden gerichtet, entfernt Brody sich von den anderen.
Estrella vernimmt die Stimmen der Männer nur wie durch einen Nebel. Als wären sie nicht direkt neben ihr, sondern weit entfernt. Sie streckt eine zitternde Hand nach Augustus’ Gesicht aus. Eine Fliege setzt sich in seiner leeren Augenhöhle nieder. Ihre Hand zuckt wieder zurück.
Augustus ist ihr Kunde gewesen.
Er war fast vierzig Jahre Jahre älter.
Aber er hat sie immer mit Respekt behandelt.
Und vor zwei Monaten hielt er um ihre Hand an. Im ersten Moment dachte sie an einen schlechten Scherz. Aber Augustus war kein Mann für Scherze, die die Gefühle anderer Menschen verletzen. Er hatte es ernst gemeint. Und Estrella hatte ja gesagt. Sie hatten geheiratet. Natürlich wurde hinter ihren ihren Rücken getuschelt. Aber Augustus Duval, ehemaliger Texas Ranger, kinderloser Witwer und Saloon-Besitzer, wurde in der Stadt respektiert. Und wenn er eine mexikanische Hure heiraten wollte, dann wurde eben auch das respektiert.
Augustus hatte ihr gesagt, dass er sie liebte.
Estrella war sich nicht sicher gewesen, ob sie das auch tat, oder ob sie nur die Chance nutzen wollte, aus dem Hurenhaus herauszukommen.
Erst jetzt, wo Augustus tot vor liegt, weiß sie, das sie es getan. Sie hat ihn geliebt.
„Also hat dieser Fremde Tottenham das Leben gerettet.“ Wells schüttelt den Kopf. „Warum hat der ihr dann erschossen?“
Tomãs zuckt mit den Schultern. „Als es… vorbei war hat Tottenham sich bedankt. Dann nach seinem Namen gefragt. Und als der ihn genannt hat … Tottenham hatte den Derringer im Jackenärmel. Der Gringo hatte keine Chance.“
Der Doc und Wells tauschen einen verständnislosen Blick.
„Was ist dann passiert?“, fragt Wells.
Tomãs schluckt. „Er hat mir die Waffe des Gringos auf die Stirn gesetzt. Hat mich gefragt, ob ich wusste, was Duval vorhatte. Ich habe gesagt, nein, natürlich nicht.“ Er senkt beschämt den Kopf. „Ich habe ihn angefleht mich nicht zu töten. Ich konnte in seinen Augen sehen, dass er es tun wollte. Aber stattdessen ist er einfach gegangen. Ohne eine Wort. Etwas später kamen zwei von seinen Leuten. Ford und Walsh. Sie haben die Leichen geholt.“
„Wie hieß der Fremde?“, fragt der Doc. „Kannst du dich erinnern?“
„Nur ein Wort. Rondo.“
Die Männer tauschen Blicke.
„Den Namen habe ich schon mal gehört“, sagt Wells. „Ein Revolvermann namens Rondo soll letzten Winter in Papago Wells ein halbes Dutzend Leute erschossen haben. Ein Streit um Minen-Lizenzen.“
„Das Tottenham ihn angeheuert hat, können wir wohl ausschließen“, sagt der Doc.
Estrella legt eine Hand auf Augustus’ Brustkorb, an den sie sich beim Schlafen immer geschmiegt hat. Adios mi Amor. Sie richtet sich auf. „Wenn dieser Rondo tot ist, wo ist dann seine Leiche?“
Die Antwort kommt von Brody: „Ich habe weiter hinten Spuren gefunden. Ein Pferd. Zwei Leute zu Fuß.“
Die anderen sehen den jungen Mann an.
„Den Hufabdrücken nach zu urteilen hat jemand auf dem Pferd gesessen. Oder es war beladen.“
Wells spuckt eine Ladung Kautabak aus. „Das heißt, er lebt. Warum sollte irgendjemand nur seine Leiche mitnehmen?“
Tomãs schüttelt ungläubig den Kopf.
Der Doc fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über den Schnurrbart. „Selbst wenn. Mit einem Kopfschuss stehen seine Chancen ohne ärztliche Behandlung schlecht.“
„Wer immer ihn gefunden hat, bringt ihn vielleicht gerade in die Stadt“, sagt Brody. Er sieht den Doc an. „Zu Ihnen.“
„Wohin führen denn die Spuren?“, fragt Wells.
„Nach Süden. Weiter in den Canyon rein.“ Brody zuckt mit den Schultern. „Aber sie verlieren sich auf dem felsigen Boden dahinten.“
Estrellas Hand legt sich auf den Griff von Augustus’ Walker Colt, der im Gürtel ihres Kleides steckt. Tomãs hat die Waffe nach der Schießerei an sich gebracht und ihr vorhin übergeben. „Sie werden ihn ja wohl nicht behandeln, Doc.“ Ihre großen, dunklen Augen funkeln den Arzt an.
„Estrella–„
Sie zeigt mit vor Wut zitternder Stimme auf die Leichen. „Er hat sie getötet. Er hat sie alle getötet!“
„Wir wissen ja nicht mal, ob ihn irgendjemand zu mir bringt“, weicht der Doc ihr aus.
Estrella zieht den schweren Walker Colt demonstrativ aus dem Gürtel. Sie ist eine kräftig gebaute Frau, aber die Waffe wirkt dennoch absurd groß in ihrer Hand. „Wenn er noch lebt, dann nur solange, bis ich ihn töte!“

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 5

Veröffentlicht 1. April 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Und weiter geht’s mit Rondo:

Er lebt.
Weiß nicht warum, aber er lebt.
Denn in seinem Kopf schlägt noch immer ein Schmied wie von Sinnen auf einen Amboss ein.
Und die Fliegen. Er spürt Fliegen über sein Gesicht krabbeln.
Außerdem glaubt er nicht an Himmel und Hölle.
Also muss er leben.
Aber er kann immer noch nichts sehen, obwohl er die Augen geöffnet hat.
Versucht sich zu bewegen. Kann das rechte Bein ein kleines Stück anwinkeln. Die Finger krümmen.
Mehr nicht.
Was ist passiert?
Jeder Versuch sich zu erinnern, lässt den Schmied seinen Hammer noch heftiger auf den Amboss schmettern. Er gibt auf. Lässt sich vom Schmerz davontragen. Zurück in die Dunkelheit.
Und taucht irgendwann wieder aus ihr auf.
Der Schmerz ist zu einem immer währenden dumpfen Pochen abgeebbt. Die Fliegen sind noch da. Natürlich sind sie das. Eine krabbelt in sein Nasenloch, ohne das er etwas dagegen tun kann.
Und plötzlich …
Schritte. Leise Schritte.
Keine Stiefel. Barfuss.
Mokassins vielleicht.
Eine heisere Stimme. So leise und sanft wie die Schritte.
Rondo spricht kein Comanche, aber erkennt die Sprache wenn er sie hört. Ein Mann. Ein alter Mann.
Eine zweite Stimme. Heller. Eine Frau.
Ein Kopf legt sich auf seine Brust.
Sie prüfen seinen Herzschlag. Wollen herausfinden, ob er noch lebt.
Ich lebe!
Er versucht zu sprechen, aber kein Wort kommt über seine Lippen.
Dann krallen sich Finger in seine Schultern. Hände greifen nach seinen Beinen. Sie heben ihn hoch.
Nein. Bitte nicht wieder werfen.
Ein Pferd schnaubt. Die Hände wuchten ihn keuchend und stöhnend über den Rücken des Tieres. Als sein Kopf nach unten hängt, kehren die Schmerzen zurück. Gnädigerweise auch die Dunkelheit.
Als er das nächste Mal erwacht, riecht er ein Feuer. Hört das Knistern von brennendem Holz. Gesang. Jemand fächelt ihm Rauch ins Gesicht. Salbei. Ein Heilungsritual.
Stechender Schmerz in seiner Seite. Wieder und immer wieder. Fragmente von Erinnerung, die wie ein Blitz durch seinen Schädel fahren: Das Krachen einer Schrotflinte. Der grelle Schmerz, als ihn ein Teil der Ladung trifft.
Sie holen die Schrotkugeln aus seinem Fleisch. Schmieren etwas warmes, weiches über die Wunden.
Er fängt an zu frieren. Es ist kalt. Ein Zittern überkommt seinen gesamten Körper. Sie legen eine Decke über ihn, aber er friert weiter. Hört das Klappern seiner Zähne.
Die Frau redet leise in der Sprache der Comanchen auf ihn ein. Ihre Finger streichen über sein Gesicht. Dann begleitet sie den Gesang des Alten.
Sie singen.
Und singen.
Das Zittern lässt nach. Endlich Wärme. Sein Körper wird still und von einer nie erlebten Leichtigkeit erfasst. Er fühlt sich als würde er schweben. Höher und immer höher.
Die Schmerzen im Kopf und der Seite sind verschwunden.
Und er kann wieder sehen.
Sterne.
Abertausende Sterne.
Er gleitet zu ihnen hinauf.
Sie funkeln hell, aber blenden ihn nicht.
Sein Körper dreht sich. Und er sieht, dass die Sterne überall sind.
Vor ihm.
Neben ihm.
Hinter ihm.
Sie sind wunderschön.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 4

Veröffentlicht 30. März 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Und weiter geht’s:

„Fehlt dir wirklich nichts?“, fragt Michelle, die neben ihm in die Hocke gegangen ist.
„Alles bestens, Honey. Mach dir keine Sorgen. Ich habe nicht mal einen Kratzer.“ Tottenham streicht ihr mit einer Hand über das im Nacken zu einem Knoten gebundene Haar. Später im Schlafzimmer wird er den Knoten öffnen und beobachten wie es lang und seiden über ihren nackten jungen Körper fällt, bis hinab zu ihrem Hintern. Dann kann sie ihm beweisen, wie groß ihre Sorge tatsächlich ist.
Gerhard steht vor Tottenhams massivem Schreibtisch und blickt auf den kunstvoll verzierten Revolvergurt. „Sie haben ihn erschossen? Einfach so?“
Tottenham lächelt. „Ich habe ihm keine Chance gelassen.“
Gerhard schüttelt verständnislos den Kopf. „Aber warum? Ich denke, er hat Ihnen geholfen?“
Tottenham lehnt sich seinem Ledersessel zurück. „Das hat er. Und dafür bin ich ihm dankbar. Aber als er mir seinen Namen nannte, da wusste ich, dass ich ihn schon einmal gesehen habe. Vor ein paar Jahren. In Matamoros. Er hat zwei Männer abgeknallt. Wie räudige Straßenköter. Und warum?“ Er sieht zu Michelle und lächelt. „Nur weil sie eine Hure verprügelt haben.“ Gerhard, der mit durchgedrücktem Rücken dasteht, steif wie der Ladestock einer Muskete, als wäre er immer noch der Soldat, der er einmal war, scheint nicht zu verstehen, worauf er hinaus will.
„Ein Mann, der eine Hure beschützt, ist ein Mann mit einem Gewissen“, sagt Tottenham. „Mit gewissen Moralvorstellungen. Killer hin oder her. Ich kann es Ihnen nicht besser erklären, Gerhard. Aber ich hatte die Befürchtung, er könnte mir in Zukunft Ärger machen. Und so wie er da vor mir stand, sein Colt im Halfter, der Derringer in meinem Jackenärmel … die Entscheidung ist in einem Sekundenbruchteil gefallen.“
Michelle hat sich aufgerichtet und ihre Rechte krault Tottenhams Nacken. Ihr Signal, dass sie, im Gegensatz zu Gerhard, keine moralischen Bedenken darüber verspürt, was Tottenham mit dem Mann namens Rondo gemacht hat.
Sie ist nicht nur jung und schön, sondern auch eiskalt. Dass hat Tottenham vom ersten Moment an gewusst, als er sie vor zwei Jahren bei seinem letzten Besuch in London kennengelernt hat. Sie stammt aus einer angesehen Adelsfamilie, und die war nicht sehr erbaut darüber gewesen, dass das Mädchen einem Mann, der ihr Vater sein konnte, nach Amerika gefolgt ist. Sie wird ihm ein paar prächtige Söhne gebären, daran arbeitet Tottenham jede Nacht. Denn jedes Imperium braucht einen Thronfolger.
Es ist nur noch eine Frage der Zeit.
Gerhard greift zu Rondos Revolvergurt. Hebt ihn hoch und fährt mit einem Finger die ins Leder geschnittenen Verzierungen nach. „Eine Schande, dass er so sterben musste.“
Tottenhams Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Was wollen Sie sagen, Gerhard?“
Gerhard zieht die Pistole aus dem Halfter. Im Gegensatz zu Gurt und Halfter ist die Waffe schlicht, ein 45er Colt ohne Verzierungen im Metall oder besondere Griffschalen. Aber sehr gut gepflegt. „Ein Mann wie Rondo hat es nicht verdient feige abgeknallt zu werden.“
Tottenhams Hand knallt auf die Tischplatte.
Michelle zuckt zusammen.
„Nennen Sie mich feige?“
Gerhards Augen weichen Tottenhams wütendem Blick nicht aus. „Wie würden Sie es nennen?“
Tottenham lässt sich wieder zurück in den Ledersessel sinken. Schlägt die Beine übereinander. Seine Wut ist so schnell wieder verraucht, wie sie gekommen ist. Gerhard ist kein Typ, der kneift. Nicht mal vor ihm. Das respektiert er. „Sie hätten es lieber selbst getan, stimmt’s, Gerhard? Sie wollten der Mann sein, der den berüchtigten Rondo tötet. Im Duell. Mann gegen Mann. Auge in Auge. Berufsehre, richtig?“ Er gibt sich keine Mühe seinen Spott zu verbergen. “Aber ich sage Ihnen etwas. Es gibt keinen ehrenvollen Tod. Wir sterben schmutzig und wir sterben allein. Alles andere ist eine Illusion.“
Gerhard legt Revolvergurt und Waffe zurück auf den Schreibtisch. „Glauben Sie, er war zufällig hier?“
„Rondo? Duval und die anderen feigen Schweine haben ihn jedenfalls nicht angeheuert, das steht fest. Und wer sonst hier hätte Bedarf oder Geld für einen Killer?“ Tottenham lächelt. „Ich meine, ich habe ja schon die Besten, oder nicht?“
Gerhard erwidert nichts.
Tottenham amüsiert es, dass es dem Deutschen so schwer fällt, sich selbst als Killer zu verstehen. Er schleppt immer noch das alberne Prinzip von Ehre mit sich herum, dass sie ihm in der Königlich Bayerischen Division beigebracht haben.
„Ich glaube, Rondo war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt Tottenham und gibt sich keine Mühe sein triumphales Lächeln zu unterdrücken. Vor seinem geistigen Auge sieht er wieder das überraschte Gesicht des berüchtigten Revolvermannes, als er in die Mündung des Derringers blickt. Die Erinnerung beschleunigt Tottenhams Herzschlag. Er verspürt ein Ziehen im Schritt. Er leckt sich über die Lippen und sieht zu Michelle. Verspürt den Drang ihr die Kleider vom Leib zu reißen und es ihr zu besorgen.
Gerhard reißt ihn aus seinen Gedanken. „Was wollen Sie jetzt unternehmen?“
Tottenham beugt sich vor. „Die verdammte Stadt wollte mich aus dem Weg räumen. Die stecken alle unter einer Decke. Die beiden Cowboys von McCall waren dabei. Und Bigsby aus dem Hotel. Aber Duval war der Rädelsführer. Er war der einzige, der den Mumm zu so etwas hatte.“
„McCall war sein Freund“, sagt Gerhard. „Sie kannten sich von früher.“
„Ja. Und jetzt sind sie beide tot. Damit hat sich die Angelegenheit erledigt. Ohne Duval und McCall hat die Schlange keinen Kopf mehr. Mach uns einen Whiskey, Schatz.“
Michelle geht zur Anrichte und gießt schottischen Whisky in in drei Gläser. Reicht eins davon Gerhard, das andere Tottenham. Stellt sich mit ihrem eigenen Glas wieder neben Tottenhams Sessel.
Er betrachtet die bernsteinfarbene Flüssigkeit im warmen Licht der untergehenden Sonne, deren goldene Strahlen durch das Fenster in sein Arbeitszimmer fallen. „Trinken wir auf das Wohl von Rondo. Das bin ich ihm schuldig.“
„Auf Rondo“, sagt Michelle.
Tottenham sieht abwartend zu Gerhard.
Der Deutsche schnauft. Es fällt ihm nicht leicht, aber er sagt es trotzdem: „Auf Rondo.“
Tottenham lächelt.
Dann trinken sie.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 3

Veröffentlicht 27. März 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Und weiter geht’s mit Rondo:

Rondo hatte gewusst, dass von dem Milchgesicht die größte Gefahr ausgehen würde. Und er hätte besser abgedrückt, ohne vorher die Klappe aufzureißen. Das hätte Rondos Chancen verringert. Aber so hält Rondo seinen eigenen Colt bereits in der Hand, noch während der Finger des Cowboys den Stecher seiner Pistole durchzieht,
Die Schüsse krachen gleichzeitig.
„Nein!“, schreit Duval in das Donnern der Waffen und Rondo realisiert, dass der Alte es nie auf eine Schießerei ankommen lassen wollte.
Jetzt ist es zu spät.
Noch während der junge Cowboy mit durchschossener Kehle zu Boden geht, schwenkt Duval den Walker Colt auf Rondo.
Der schießt ihm in die Brust.
Duval taumelt auf seinen O-Beinen nach hinten.
Die Schrotflinte wummert.
Rondo wirft sich zu Boden, spürt aber wie ein Teil der Ladung sein Hemd zerfetzt und seine linke Seite perforiert. Doch noch hat er keine Zeit Schmerzen zu fühlen. Er feuert auf dem festgetretenen Lehmboden liegend und sieht den Mann mit der Schrotflinte in sich zusammensacken.
Der zweite Cowboy kommt mit einem wütenden Schrei und langen Schritten auf Rondo zu, schießt so schnell wie ungezielt. Geschosse schlagen neben Rondos Gesicht ein und spritzen Drecklumpen in sein Gesicht.
Rondos Kugel trifft den Cowboy in die linke Brust. Er kippt vornüber wie gefällter Baum.
Plötzlich herrscht Stille.
Der dunkle Raum ist vom Pulverdampf vernebelt.
Rondos Ohren klingeln. Er sieht Tottenham zwei Armlängen entfernt flach auf dem Boden liegen. Ihre Blicke treffen sich.
Rondo richtet sich grunzend auf, eine Hand auf seine blutende Seite gepresst – als er Duval durch die Pulverschwaden auf sich zutaumeln sieht.
Das Donnern des Walker Colts ist ohrenbetäubend. Rondo spürt das Geschoss an seinem Kopf vorbeirasen, während er selbst abdrückt. Ein Loch erscheint in Duval Stirn, sein Hut fliegt nach oben und sein Hinterkopf explodiert in einem Regen aus Blut, Gehirnmasse und Knochenstücken.
Rondo schwenkt den Colt nach links, aber der Mexikaner ist nicht zu sehen. Er bewegt sich vorsichtig um den Tresen herum. Die angsterfüllten Augen des Mexikaners starren ihn an. Er hält Rondo mit ausgestreckten Armen die offenen Handflächen entgegen. „Nicht schießen, Senor … Bitte nicht …“
„Steh auf.“
Der Mexikaner gehorcht.
Rondo deutet mit dem Colt auf einen der schiefen Stühle. „Setz dich hin, wo ich dich sehen kann.“
Der Mexikaner beeilt sich der Aufforderung nachzukommen.
Tottenham ist inzwischen ebenfalls wieder auf den Beinen. Er bückt sich nach seiner Pfeife und dem Derbyhut. Er sieht blass aus.
„Sind Sie okay?“, fragt Rondo.
Tottenham nickt. Lehnt sich gegen den Tresen und setzt mit zitternden Fingern den Hut auf. Klopft die Pfeife auf dem Tresen auf und schiebt sie zurück in die Jackentasche.
Den Colt mit der letzten Kugel schussbereit in der Hand, überprüft Rondo die Körper der am Boden liegenden Männer. Nur der junge Cowboy ist noch am Leben. Er starrt Rondo aus weitaufgerissenen Augen an, während das Blut aus seiner durchschossenen Kohle läuft und sich in einer Lache unter ihm ausbreitet. Dann legt sich ein Schleier über seine Pupillen und der Blutfluss versiegt.
Rondo lädt den Colt mit Patronen aus seinem Gürtel nach und schiebt ihn zurück ins Holster. Seine linke Seite brennt wie Feuer. Das von mindestens einem Dutzend Schrotkugeln zerrupfte Denimhemd hat sich mit Blut vollgesaugt.
„Sie haben mir das Leben gerettet. Die wollten mich umbringen.“
Rondo sieht zu Tottenham. „Warum?“
Der Brite setzt zu einer Antwort an, dann hält er inne. Irgendetwas an seinem Blick wirkt, als würde er Rondo in diesem Moment zum ersten Mal wirklich sehen. Dann geht ein Ruck durch seinen Körper. „Das erzähle ich Ihnen bei dem Drink, den ich Ihnen ausgeben wollte.“ Er streckt seinen rechten Arm aus. „Danke Mister …“
„Rondo.“
Tottenham hält inne. „Den Namen habe ich schon einmal gehört …“
Das haben viele, weiß Rondo. Und es ist nicht immer von Vorteil. Er will Tottenhams Hand schütteln, doch der zieht sie wieder zurück. Da ist etwas in seinem Blick, das Rondo nicht gefällt. Sein Instinkt sendet ein Alarmsignal.
Zu spät.
Tottenhams Arm schnellt wieder nach vorn und einen halben Meter vor Rondos Gesicht springt etwas aus dem Ärmel der Tweetjacke in seine Handfläche.
Ein Derringer.
Remington 95.
Das Modell mit dem President Lincoln von John Wilkes Booth erschossen wurde.
Rondo blickt in die Mündung.
Und Tottenham drückt ab.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard – Teil 2

Veröffentlicht 25. März 2020 in Roman, Rondo, Schreiben

Weiter geht’s mit Kapitel 2 von Rondo – Sechs Kugeln für den Bastard:

Namenlose Bodega, 8 Meilen südlich von Brinkwater.

Eine Stunde vorher.

Der Fraß schmeckt so beschissen wie er aussieht.
Der Hunger treibt es rein.
Er spült den Bohneneintopf mit Selbstgebrannten herunter. Brennt wie Feuer. Vernichtet hoffentlich alles in der braunen Pampe auf seinem Teller, was da eigentlich nicht reingehört.
„Schmeckt’s?“ Der spindeldürre Mexikaner hinter dem Tresen lächelt. Sein Gebiss hat mehr Lücken als die Verteidigungslinien der Rebellen in der letzten Schlacht des Bürgerkriegs. Und so wie die restlichen Zähne aussehen, werden sie auch bald ihren Abschied nehmen.
Rondo sieht den Mexikaner an.
Sein Blick scheint dem als Antwort zu genügen. „Freut mich. Muy bien.“
Rondo vertreibt eine große grüne Scheißhhausfliege, die sich auf seinem Teller niedergelassen hat. Für den Geschmack macht es bestimmt keinen Unterschied, wenn er das Vieh mitgegessen hätte.
Er kratzt die letzten Reste mit einem Stück verbrannter Tortilla vom Teller, als draußen Hufgetrappel erklingt. Kurz darauf betritt ein Mann den dunklen, von den Adobewänden kühl gehaltenen Raum.
Anfang Sechzig, Nase wie ein Falkenschnabel, darunter ein an den Enden gezwirbelter, grauer Schnurrbart. Tweet-Anzug, Reithosen, kniehohe Stiefel, von einer dünnen Staubschicht bedeckt.
Er sieht zu Rondo. Tippt mit einem behandschuhten Finger an die schmale Krempe seines Derby-Huts. Tritt, ohne auf eine Erwiderung seines Grußes zu warten, an den grob gezimmerten Tresen.
„Señor Tottenham.“ Der Mexikaner lächelt servil und füllt unaufgefordert ein Glas mit Selbstgebranntem.
Der Mann dreht sich herum. Deutet auf Rondos leeren Teller. „Sie sind mutig.“ Ein britischer Akzent.
„Vor allem hungrig“, sagt Rondo.
Der Mann lächelt hebt das schmutzige Glas mit dem Selbstgebrannten und prostet ihm zu.
Rondo bringt sein eigenes Glas an die Lippen und beide trinken in einem Zug.
Der Mann zieht den Derby-Hut von seinem dichten grauen Haar und platziert ihn auf dem Tresen. Streift die Handschuhe von den Fingern und legt sie neben den Hut. Greift in die Tasche seines Jackets. Holt eine Pfeife heraus. Stopft sie und zündete sie mit einem Streichholz an. Pafft und bläst ein paar kleine Wölkchen in den Raum.
Der Geruch des Pfeifentabaks steigt Rondo in die Nase, während an seinem Glas nippt.
„Nicht aus der Gegend, oder?“, fragt der Mann mit der Falkennase.
„Nein.“
„Auf der Durchreise?“
Rondo antwortet nicht.
Der Mann lächelt. „Entschuldigen Sie. Zuviele Fragen. Ich wollte nicht unhöflich sein. Mein Name ist Tottenham. Milton Tottenham.“
Rondo erwidert nichts. Zeit zu gehen. Er leert sein Glas. Schiebt den Stuhl zurück und richtet sich auf. Greift nach dem flachkronigen Hut, der auf dem Tisch liegt, und setzt ihn auf.
Tottenham mustert ihn.
Rondo merkt, wie die grauen Augen auf seinem aufwendig verzierten Revolvergurt haften bleiben.
Tottenham deutet mit seiner Pfeife auf die Waffe. „Können Sie damit umgehen?“
Rondo wittert ein Jobangebot. Und sein Geld neigt sich dem Ende zu. Ein bisschen Zeit kann er sich vielleicht ja doch noch nehmen.
„Kommt drauf an“, sagt er.
Tottenham Wangen ziehen sich kurz zusammen, als er wieder an der Pfeife pafft. „Auf die Bezahlung?“
Rondo nickt. „Unter anderem.“
Tottenham lächelt. „Darf ich eine Runde spendieren?“
Rondo nickt. Tottenham lässt sich von dem Mexikaner die Flasche mit dem Selbstgebrannten geben. Er will zu Rondos Tisch gehen, als draußen wieder Hufgetrappel erklingt.
Mehrere Pferde, denkt Rondo. Mindestens drei oder vier.
„Er ist hier“, hören sie eine Stimme.
Tottenham hält auf halbem Weg zu Rondo inne.
Schritte vor der Bodega, das Rasseln von Sporen, dann fällt ein Schatten durch die Tür in der Raum.
Tottenham erstarrt.
Rondo dreht den Kopf.
Ein Mann in Tottenham Alter betritt die Bodega. Vielleicht sogar älter. Er hat den krummbeinigen Gang von jemandem, der sein Leben im Sattel verbracht hat und einen grauen Schnurrbart wie Tottenham. Nur das seiner nicht mit Wachs gezwirbelt ist, sondern sichelartig nach unten hängt.
Aber Rondo interessiert sich nicht für seinen Schnurrbart, sondern für den monströsen alten Walker Colt, den er in der rechten Hand hält. Drei weitere Männer drängen sich hinter ihm in die Bodega. Alle sind bewaffnet, einer mit einer doppelläufigen Schrotflinte.
„Tottenham“, sagt der Mann mit dem Sichelschnurrbart.
Tottenham nickt ihm mit einem freundlichen Lächeln zu, so als wäre der Colt in der Hand des anderen gar nicht da. „Mister Duval.“
Einen Moment herrscht Schweigen. Das Surren der großen grünen Scheißhausfliege, die von den Resten auf Rondos Teller abhebt, ist das einzige Geräusch im Schankraum.
Der Mann namens Duval wedelt mit dem Colt. „Gehen wir.“
„Wohin?“, fragt Tottenham. Sein Versuch gelassen zu klingen misslingt. Die Angst, die mitschwingt, ist nicht zu überhören.
„Sie lassen uns keine Wahl“, sagt Duval. „Los jetzt.“
„Ich wollte den Herrn dort gerade auf einen Drink einladen“, erwidert Tottenham.
Rondo weiß, dass Duval ihn längst bemerkt hat, auch wenn er ihn bis jetzt nicht eines Blickes gewürdigt hat. Der Alte ist kein Amateur. Dem entgeht nichts. Und er weiß garantiert mit der Kanone in seiner Hand umzugehen.
Jetzt dreht Duval langsam den Kopf. Blickt Rondo aus einem faltenzerfurchten, wettergegerbten Gesicht an. Die wässrigen Augen haben eine Menge gesehen, das spürt Rondo. Genau wie Tottenham fällt Duvals Aufmerksamkeit als erstes auf Rondos Revolvergurt. „Aus der Einladung wird leider nichts, Fremder“, sagt er, bevor er sich wieder Tottenham zuwendet. „Und jetzt raus!“
Tottenham rührt sich nicht.
„Sonst knallen wir Sie gleich hier drin ab!“, sagt der Mann mit der Schrotflinte. Er trägt einen zerschlissenen Anzug und wirkt nervös. Seine Stimme zittert. Definitiv kein Profi wie Duval. Aber nervöse Typen mit einer Schrotflinte sind nicht minder gefährlich. Die beiden anderen Männer sehen aus wie Cowboys. Sie tragen Chaps und Revolvergurte. Wirken weniger nervös als der Mann mit der Schrotflinte. Ihre Mienen sind grimmig und Rondo vermutet, dass sie durchaus in der Lage sind zu treffen, auf was sie schießen.
Okay, diese Typen wollen Tottenham töten, soviel scheint klar.
Wobei sie bis auf Duval nicht den Eindruck machen, als wären sie Killer. Rondo fragt sich, worum es hier geht. Was immer es ist, er weiß jetzt, was Tottenham bei einem Drink mit ihm besprechen wollte. Scheinbar braucht er Schutz. Schutz vor Duval und seinen Begleitern. Rondo könnte sich wieder setzen und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen. Er hat hier nur gestoppt, um seinen Hunger zu stillen und eine Verschnaufpause zu machen. Nicht, um sich in Angelegenheiten ziehen zu lassen, die ihn nichts angehen.
Tottenham sieht zu Rondo. „Mister, Sie müssen wir helfen“, sagt er und jetzt ist die Angst in seiner Stimme unüberhörbar. „Ich bezahle Sie–„
Duval spannt den Hahn des Walker Colts. „Halten Sie den Mund, Tottenham!“ Sein Kopf ruckt zu Rondo herum. “Und Sie setzen Sie sich hin! Langsam. Legen Sie die Hände auf den Tisch, so dass ich Sie sehen kann.“
Rondo rührt sich nicht. Eigentlich sagt dieser Duval ihm nur, was er sowieso vorhatte. Aber kann er einfach zulassen, dass diese Kerle einen Mann töten, der ihm einen Drink spendieren wollte? Einen unbewaffneten Mann?
Einer der beiden Cowboys, ein hochgewachsener junger Kerl, der noch nicht mal Barthaare hat, funkelt Rondo an. „Hast du was an den Ohren?“
Junge Hitzköpfe.
Mindestens genauso gefährlich wie nervöse Typen.
Rondo spürt, wie sich sein Herzschlag beschleunigt. Vier Mann. Drei mit Revolvern. Eine Schrotflinte. Nicht unbedingt das, was er als eine ausgeglichene Situation bezeichnen würde. Dann ist da noch die Frage, auf welcher Seite der Mexikaner hinter dem Tresen steht.
Es scheint, als könnte Duval seine Gedanken lesen. „Das hier geht Sie nichts an. Tun Sie nichts, was Sie hinterher bereuen.“
Zu spät, denkt Rondo.
Und sagt: „Ich werde jetzt mit Mister Tottenham den Drink nehmen, zu dem er mich eingeladen hat.“
Eine simple Aussage.
Eine klare Ansage.
Duval starrt ihn an.
Rondo weiß, was hinter der Stirn des Alten vorgeht: Er fragt sich, ob Rondo so gut ist, wie er tut, ob er lebensmüde ist oder ob er einfach nur blufft.
Rondo weiß, dass er nicht blufft.
Und das er nicht lebensmüde ist.
Ob man allerdings gut genug ist, dass weiß man in solchen Situationen immer erst hinterher. Was in gewisser Weise ihren Reiz ausmacht.
Duval scheint noch nicht bereit, die Angelegenheit eskalieren zu lassen. „Überlegen Sie sich gut, was Sie tun, Mister.“
Rondo sieht ihm in die Augen. „Das habe ich bereits.“
Duval atmet durch.
Zögert. Hinter seiner Stirn arbeitet es.
Und dann bemerkt Rondo, wie sich der Lauf des Walker Colts langsam zu senken beginnt. Vielleicht kommen sie ja heute doch alle mit dem Leben davon–
„Das hast du dir selbst zuzuschreiben!“, stößt der junge Cowboy in diesem Moment hervor und reißt seine Waffe hoch.
Das Sterben beginnt.

Fortsetzung folgt …

RONDO – Sechs Kugeln für den Bastard

Veröffentlicht 19. März 2020 in Rondo, Schreiben

Nicht, dass wir durch die Corona-Pandemie unbedingt mehr Zeit hätten (wer Kinder hat, weiß wie leicht das Wörtchen Homeoffice so dahin gesagt ist), aber ich versuche trotzdem mal die momentane Situation zu einem kleinen kreativen Abenteuer zu nutzen, das mir schon länger im Kopf herumschwirrt.

Kurze, harte Western-Geschichten in Heftroman-Länge (schätze 20-25000 Wörter) um Rondo, einen einsamen Revolverhelden. Italo-Western, ick hör dir trapsen.

Namen und Idee zur Hauptfigur hatte ich schon während meiner Schulzeit. Sehr viel mehr allerdings nicht.

In den nächsten Tagen und Wochen will ich versuchen, Sechs Kugeln für den Bastard, das erste von möglicherweise mehreren Abenteuern meines Revolverhelden runterzuschreiben und hier während der Entstehung Stückweise zu veröffentlichen. Auch wenn ich die Story nur sehr grob im Kopf habe.

Aber das ist ja auch Teil der Herausforderung.

Selbstmotivation ist alles.

Also verzeiht mir eventuelle inhaltliche Patzer und entgangene Rechtschreibfehler, die werde ich vor Veröffentlichung der finalen Version (denke, zunächst nur als E-Book) selbstverständlich so gnadenlos ausmerzen wie Rondo seine Gegner.

Also, los geht’s:

 

Palo Duro Canyon, 6 Meilen südlich von Brinkwater, Texas

Dunkelheit. Hitze. Fliegen surren.
Das Atmen fällt schwer.
So schwer.
Etwas liegt auf ihm.
Er kann die Arme nicht bewegen.
Beine auch nicht.
Eingeklemmt.
Das Knarren von Rädern. Der harte Boden unter ihm vibriert.
Eine Kutsche.
Feuchtigkeit läuft über sein Gesicht.
In seinen Mund. Der Geschmack von Eisen.
Blut. Sein Blut?
Schmerzen. Ein erbarmungsloses Trommeln, das seinen Schädel von innen zu sprengen versucht.
Was ist passiert?
Ein plötzlicher Ruck. Die Kutsche hat gestoppt. Schritte. Angestrengtes Stöhnen.
Das Gewicht auf seiner Brust nimmt ab.
Aber nicht viel.
„Shit. Guck dir das an. Genau zwischen die Augen.“
„Quatsch nicht, ich will fertig werden.“
Zwei Männer. Ihre Schritte entfernen sich.
„Auf drei. Eins, zwei–„
„Drei.“
Das dumpfe Geräusch eines Körpers, der irgendwo aufschlägt. Immer und immer wieder. Prasselndes Geröll.
Die Schritte kehren zurück.
Die Männer stöhnen.
Angestrengtes Schnaufen.
Schritte, die sich entfernen.
Körper, die dumpf aufprallen, wieder und wieder.
Weil sie … einen Abhang hinunterrollen?
Er versteht. Die Körper. Sie liegen auf ihm. Und werden einer nach dem anderen von der Kutsche gezogen.
Wie oft kommen und gehen die Männer?
Zweimal … dreimal … viermal …?
Dann endlich kein Gewicht mehr auf seiner Brust.
Atmen. Auch wenn es schwerfällt. Endlich atmen.
Aber …
Er kann nichts sehen.
Obwohl seine Augen geöffnet sind.
Blind, denkt er mit einem Anflug von Panik.
Ich bin blind. 
Hände packen seine Knöchel. Zerren seinen Körper über das Holz der Kutsche. Ein weiteres Paar Hände. Finger, die sich in seine Schultern krallen.
Wissen Sie, dass er lebt? Er versucht etwas zu sagen. Aber kein Laut kommt über seine Lippen. Stattdessen krabbelt eine Fliege in seinen Mund.
Hey! Ich lebe! 
„Shit?“
„Was?“
„Guck mal. Der atmet. Er lebt.“
Ja! Ich lebe!
„Nicht mehr lange.“
Die Hände tragen ihn. Die Männer schnaufen. Stoppen. Das war nicht weit. Sein Körper beginnt zu schwingen.
Vor.
Und zurück.
Vor und zurück.
Und dann …
Fliegt er.
Ist für einen Moment schwerelos.
Bis er aufprallt. Eine Felskante.
Ein Blitzschlag durchfährt seinen Körper. Er hört seine Rippen brechen.
Er überschlägt sich.
In einer Lawine aus Gestein und Sand.
Einmal, zweimal, dreimal.
Bevor er wieder schwerelos ist.
Und schließlich …
Nichts mehr.

 

Fortsetzung folgt …